FLAG OF DEMOCRACY

Veteranen des US-Hardcore

F.O.D. alias FLAG OF DEMOCRACY sind Veteranen des US-Hardcore. Seit den frühen Achtzigern sind die Jungs aus Philadelphia dabei, aber im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen waren sie nie richtig groß und hielten sich immer eher im Hintergrund. Statt auszubrennen liefen F.O.D. über lange Zeit auf Sparflamme und so ersparten uns Jim McMonagle (Gesang und Gitarre), Dave Rochon (Bass) und Bob Walker (Drums) erst ihre Auflösung und dann eine Reunion, mit der sich manch andere Uralt-Kapelle ihres guten Namens beraubte. Anfang diesen Jahres erschien endlich ein neues Album des Eastcoast-Trios, und „Hate Rock" ist für mich schon jetzt eine der Platten des Jahres ’95.

Wie lange genau gibt's euch denn schon?
Jim:
Seit dreizehn Jahren, und mit dem aktuellen Line-Up seit zehn Jahren, glaube ich. Da stieg Bill ein und
Dave ist seit dem dritten Auftritt dabei.

Das bedeutet, dass der einzige Abgang in all den Jahren euer erster Schlagzeuger war.
Jim:
Richtig. Der spielte mit uns die erste 7" und das erste Album ein. Heute spielt der in einer Dreizehn-Mann-Band namens E-TRIBE.
Bob: Das ist eine schlechte Kopie von ARRESTED DEVELOPMENT. Er spielt mit seinen Congas Tribal-Rhythms und versucht, zu sich selbst zu finden, hehe.

Was habt ihr eigentlich in den letzten fünf Jahren gemacht? 1990 kam euer letztes Studioalbum, dann die Liveplatte und seitdem war es ruhig um euch.
Dave:
Wir haben viel gearbeitet und eigentlich auch jede Menge Konzerte gespielt, vor allem hier in der Gegend. Außerdem nehmen wir uns gern viel Zeit zum Songwriting, auch wenn das bedeutet, dass es vier Jahre dauert, bis wir endlich ein neues Album aufnehmen. Wir dachten in der Zeit nie daran, die Band aufzulösen. Mit der nächsten Platte geht es hoffentlich etwas schneller.
Jim: Wir haben auch schon wieder genug Material dafür. Wenn wir live auftreten, spielen wir eigentlich immer neue Sachen. Letzten Freitag hatten wir zum Beispiel ein Konzert, und da spielten wir zur Hälfte Sachen von „Hate Rock", zur Hälfte ganz neue Songs.

Ich schätze mal, ihr gehört in den USA derzeit nicht zu den angesagtesten Bands.
Dave:
Da hast du verdammt recht. Wir sind nicht gerade sonderlich bekannt, denn wir treffen wohl nicht so ganz den Massengeschmack des amerikanischen Hardcorepublikums. Wir tun, was wir können, spielen so viel wie möglich und versuchen so, möglichst viele Leute zu überzeugen.
Jim: Wir haben es uns so ziemlich abgeschminkt, daran zu glauben, jemals mit der Band auch nur ein paar Mark zu verdienen. Wir können nicht mal auf Tour ein paar Dollar verdienen, im Gegenteil - bisher haben wir immer draufgezahlt. Aber darauf kommt's uns auch nicht an, denn es geht uns darum, möglichst viel Spaß zu haben. Der Spaß hört allerdings dann auf, wenn du nach einer Show zig Leute fragst, ob du nicht bei ihnen schlafen kannst, und als Antwort immer „Nein!" zu hören bekommst. Letztendlich schlafen wir so die meiste Zeit auf Tour auf irgendeinem Parkplatz in unserem Auto.

Dann war es für euch in Europa doch sicher paradiesisch.
Jim:
Allerdings. Das ist gar nicht zu vergleichen. Bei euch gibt's ein hervorragendes Netzwerk von Hardcore-Leuten, und das ist wirklich unschätzbar. Hier gibt's sowas nur ansatzweise, und allein schon die Veranstaltungsorte sind meist eine Zumutung. Wegen der strengen Alkoholgesetzgebung ist es uns schon zigmal passiert, dass wir eine Bar-Show spielen mussten, bei der mehr Leute vor der Tür als vor der Bühne standen - ganz einfach weil sie noch nicht 21 sind.

Ihr selbst dürftet aber mittlerweile schon weit jenseits dieses Alters sein, oder?
Dave:
Oh ja, wir sind bald schon doppelt so alt. Aber unser Publikum eben nicht, und da es hier in den USA sowas wie eure Jugendzentren nicht gibt, sieht's mit geeigneten All Ages-Auftrittsorten ziemlich Scheiße aus.
Bob: Die einzige Möglichkeit sind meistens Warehouse-Parties. Das hat den Charakter der Squats in Europa, allerdings zahlen die Leute für die Räume Miete. Solche Shows sind meistens ziemlich klasse, weil dort niemand nervt und es auch keine Probleme mit Altersbeschränkungen gibt, und da es eine private Party ist, kann auch niemand wegen dem Biertrinken Probleme machen. Wenn du dagegen in einem Club eine All-Ages-Show machst, kannst du nur alkoholfreie Getränke ausschenken, und wer einmal drin ist, darf nicht mehr raus, und all solche Scheiße. Eigentlich hasst jeder solche Konzerte, aber in irgendwelchen Suburbs ist das meistens die einzige Chance, überhaupt ein Konzert zu veranstalten. Punkrock ist das alles nicht.
Dave: Außerdem gibt's in vielen Städten eine Disco oder so was, deren Besitzer sich an den aktuellen Trend ranhängen will, ein paar miese Konzerte veranstaltet und es dann wieder bleiben lässt. Solche Shows sind fast immer Scheiße, weil der Laden meist dämliche Bouncer angeheuert hat und jeder auf die Schnauze kriegt, der richtig slamdancen will. Wenn du als Band nicht gerade richtig angesagt bist, hast du es in den USA verdammt schwer.

Euer neues Album könnte daran ja was ändern. Ich finde, es ist euer bisher bestes, und hat mit seiner Mischung aus rohen, thrashy Parts auf der einen Seite und melodiösen Passagen auf der anderen meiner Meinung wirklich das Zeug zum Hit.
Jim:
Wir haben am Sound von „Hate Rock" auch sehr lange herumgefeilt und sind ausgesprochen zufrieden damit. Ich denke, das Album ist eine Zusammenfassung unserer dreizehnjährigen Entwicklung. Die brutale, rohe Energie unserer Frühphase haben wir mit unserer heute viel besseren Spielfertigkeit verbunden. Wir sind einfach immer besser geworden, und das hört man der Platte an.

Darin unterscheidet ihr euch allerdings von vielen anderen Bands, die irgendwann gut angefangen haben und heute nur noch nerven.
Dave:
Dafür sind aber aber auch bis heute legendär erfolglos, haha. Wir sind richtige Versager.
Bob: Wir haben ja auch nur deshalb Zeit für die Band, weil wir sonst irgendwelche beschissenen Jobs haben. Die Band ist unser einziges Hobby, damit schlagen wir an den Abenden und Wochenende die Zeit tot. Ich denke, das ist typisch für viele der alten US-Bands, sofern es sie noch gibt: Du jobbst und die Band läuft so nebenher.

Eure letzten Platten erschienen hier in Europa auf Bitzcore. Habt ihr in den USA ein anderes Label?
Bob:
Nein. Wenn wir bei einem Label anrufen, bekommen wir zu hören, dass wir schon zu lange zusammen sind.
Dave: Die meinen, wir sollten uns auflösen und unter einem neuen Namen weitermachen.
Jim: Es spielt keine Rolle, ob du wirklich eine neue Band bist: Die Leute lieben die Illusion einer neuen Band. Scheiß drauf, wir wissen, dass wir eine gute Band sind, und außerdem sind wir seit Jahren gute Freunde. Wir machen das alles, weil wir Spaß daran haben, und darauf kommt es ja wohl an. Und wir werden in dieser Band wohl auch noch spielen, wenn wir fett und alt sind. Ich kann sowieso nicht verstehen, wie Bands allein auf Basis der Band zusammen sein können. Man muss sich doch auch über was anderes unterhalten können als über die Musik. Wenn wir zusammen proben, dann ist das erstmal ein großer Spaß. Wir lästern über die ganze Welt, aber untereinander können wir uns verdammt gut leiden, und das ist sehr wichtig für eine Band.
Dave: Das ist vielleicht auch unser Problem, denn anstatt brav zu proben, machen wir meistens stundenlang nur Blödsinn.

Wie kommt ihr dann zu einem Albumtitel wie „Hate Rock"?
Jim:
Wir sind Freunde, die der Hass auf viele Sachen verbindet, hahaha. Nein, der Hintergrund ist folgender: Hier in den USA lief auf MTV ein Dokumentarfilm namens „Hate Rock".

...und da ging es um all die Hatecore-Bands?
Jim:
Nein, sondern um die Skinheadszene in den USA, um die Gewalt bei Rock-Konzerten, prinzipiell über all die Arschlöcher, die dir den Spaß an der Musik nehmen können. Die Art, wie sie das alles gebracht haben, war allerdings so sensationslüstern aufgemacht, dass es auf mich eher wie eine Werbesendung für die Skinheads wirkte. Das lief nach dem gleichen Schema ab, wie etwa eine reißerische Dokumentation über „young gangster rappers in Oklahoma", die sich dann als Bauernburschen herausstellen, die mit Knarren durchs Dorf laufen und sich wie Ghettoboys fühlen. Ich habe einfach das Gefühl, dass diese Art der Darstellung die Sache eher populär macht als davor abschreckt: „Hey, look at these cool nazis, look at these cool Skinheads". Das ästhetisiert mehr als es abstößt. Die Idee hinter unserem Albumtitel war also die, zu provozieren, das Album als etwas darzustellen, das man kaufen kann, als eine Emotion, die du kaufen kannst: Hey, wir verkaufen dir „Hate Rock" zum Sonderpreis! Ich finde, das passt auch zur gegenwärtigen Situation, wo Punkbands oder sogenannte Punkbands plötzlich wieder ganz groß sind. Jetzt sind Iros wieder in und lange Haare sind out. Das ist alles nur ein Image, das zur Vermarktung eines Produktes eingesetzt wird.
Bob: „Hate Rock" macht da einfach Sinn, wie du siehst, denn wir hassen alles und jeden gleichermaßen. Wir sind furchtbare Zyniker, aber eigentlich nette, friedliche Menschen.

Was hat's mit diesem bitterbösen Song „Bleaurgh" auf sich?
Jim:
Der ist allen Leuten gewidmet, die wir um uns herum sehen, und die sich in den letzten 13 Jahren stark verändert haben. All die Leute, die jetzt 30 und innerlich schon abgestorben sind. Ich will nie so werden wie die!

Und was ist die Story hinter einem so patriotisch klingenden Bandnamen wie FLAG OF DEMOCRACY?
Dave:
Er ist einem Song von THE JAM entnommen, und zwar „Little boy soldier" vom „Setting suns"-Album. Die singen davon, dass Krieg war und all die Menschen sterben mussten, es aber grundsätzlich o.k. war, weil es unter der Fahne der Demokratie geschah. Außerdem, so erzählte mir Jim, waren F.O.D. ganz am Anfang auch eher eine Mod-Band, mit einem kleinen GANG-GREEN-Einfluss.
Jim: Als wir anfingen, standen wir auf Bands wie BUZZCOCKS, RAMONES, THE JAM, DICKIES oder SEX PISTOLS, und ich mochte auch Westcoast-Punk wie ADOLESCENTS, T.S.O.L., AVENGERS oder GERMS. Mich haben die eigentlich mehr beeinflußt als all die britischen Punkbands. Außerdem liebte ich die ersten beiden WHO-Alben, und als Zwölfjähriger stand ich auf die „Riot on Sunset Strip"-Movies über die Post-Mod-, Prä-Hippy-US-Kids, die voll Krawall machten. Cheesy rebels without a cause eben, aber lustig anzusehen.
Dave: Ich und Bob haben ältere Brüder, und als wir klein waren, mussten wir uns immer deren BLACK SABBATH-und GRAND FUNK RAILROAD- und DEEP PURPLE-Plat-ten anhören. Das hat uns natürlich geprägt.
Bob: Ja, und als wir dann fünf-zehn, sechzehn waren, gingen wir zu BLACK FLAG-Konzerten. Wir haben wirklich all die genialen Bands gesehen: MEATMEN, NEGATIVE AP-PROACH, NECROS und was du dir sonst noch alles an genialen Bands vorstellen kannst.
Jim: Ich habe HÜSKER DÜ fünf oder sechs Mal gesehen!
Dave: Ich finde es auch sehr schön, dass wir diese Bands nicht nur als Fans erlebt haben, sondern auch als Band. Damals, Anfang der Achtzi-ger, war Hardcore noch ungeheuer vielfältig - all die heute als Klassiker angesehenen Platten kamen raus, und es war wirklich aufregend.
Bob: Heute ist die ganze Szene so geteilt: Da ist die Skatecore-Crowd, die Deathmetal-Crowd, die Straight-Edge-Crowd und was weiß ich noch alles.

Philadelphia, eure Heimatstadt, ist ja nicht gerade die Haupstadt der Hardcoreszene. Welche anderen Bands gibt's denn heute dort?
Jim:
Zur Zeit gibt es hier eine ganze Menge junger Hardcorebands, die eben erst ihre erste Single oder das erste Album rausbringen. Die Szene in Philadelphia ist allerdings ziemlich abgeschottet, es gibt hier nicht viele Auftrittsmöglichkeiten.

Welche Bands kommen aus Philli? Nennt mal ein paar Namen!
Dave:
Die DEAD MILKMEN, die HOOTERS, BOYS 2 MAN

Klasse, wir sind beeindruckt. Wenn man hierzulande an Philadelphia denkt, kommen einem Bilder von Schwarzen in feinen Anzügen in den Sinn, die Soul spielen.
Dave:
Oh Mann, ihr seid krank, hahaha. Nein, CINDERELLA kommen auch aus der Stadt, und TODD RUND-GREN, und JOAN JETT, und... naja, ihr habt wohl doch recht, all zu viele gute Bands kommen wirklich nicht aus unserer Stadt.
Bob: Bei vielen Leuten habe ich aber auch erst später durch Zufall herausgefunden, dass sie von hier sind. David Lynch lebte früher hier, und Patti Smith...
Dave: Hey, ich hatte an der Highschool den gleichen Soziologie-Lehrer wie Patti Smith! Jim: Da fällt mir ein, dass Michael Semballa, der „Maniac" für den Film „Flashdance" geschrieben hat, aus meiner Heimatstadt Ardmore kommt. Und ich habe neulich herausgefunden, dass gleich bei mir die Straße runter der Gitarrist von FLIPPER aufgewachsen ist.
Bob: Trotzdem geben nicht viele Bands zu, dass sie aus Philadelphia kommen, und um auf deine Frage zurückzukommen, derzeit gibt es wirklich nicht viele „große" Bands aus Philli. Die meisten Punkbands machen die eine oder andere 7", die im MRR und Flipside besprochen wird, aber kaum jemand in Europa mal zu Gesicht bekommen wird.
Dave: Meine Lieblingsbands aus der Stadt sind zur Zeit 2.5 CHILDREN INC., VIOLENT SOCIETY und OBJECTS OF HATE.

Habt ihr Pläne, mal wieder nach Europa zu kommen?
Jim:
Ja, prinzipiell schon, aber irgendwie scheinen wir nie Zeit zu haben.
Dave: Ich muss vorher mein Haus verkaufen.
Bob: Hey, wisst ihr jemanden, der nach Amerika kommen will und ein Haus braucht? Meldet euch bei Dave!

Ich dachte, ihr lebt wie arme Punks in heruntergekommenen Apartements.
Dave:
Tja, so läuft das eben, wenn du regelmäßig arbeitest. Du hast plötzlich Geld in der Tasche und ruckzuck besitzt du irgendwas.
Jim: Bob und ich sind aber ganz normal und wohnen zur Miete, haha. Mit meinem Job in einer Snackbar kann ich mir eigentlich garnichts leisten.
Bob: Ja, wir haben eigentlich alle Scheißjobs, und daher kommt auch unser ganzer Hass, hehe.

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