FLAME

Foto© by Dmitry Gres

Odesa City Hardcore

Durch Joe D. Foster (UNITY, IGNITE) wurde ich auf die ukrainische Band FLAME aufmerksam. Ihr Odesa City Hardcore ist eine Verneigung vor dem Orange County Hardcore – beide tragen die bekannte Abkürzung OCHC. Mit „Means For Change“ haben sie ein wunderbares kraftvolles und melodisches Hardcore-Album veröffentlicht und arbeiten momentan an einem Nachfolger. Das Interview gestaltete sich allerdings recht schwierig. Drohnen- und Bombenangriffe gehören in Odesa zur Tagesordnung. Nachdem in den deutschen Medien von einer Angriffswelle auf die Stadt berichtet wurde, hörte ich plötzlich zwei Wochen nichts mehr von Sänger Tim Hindmost, der zum Glück aber wohlauf war. Der russische Angriffskrieg war natürlich für uns auch ein Thema.

Tim, wie geht es dir?

Die letzten Monate waren schwierig, weil es ständig Angriffe auf Odesa und viele andere Städte gab. Aber im Moment leben wir noch und es geht uns gut. Die beschissenste Tatsache ist, dass diese Worte in absehbarer Zeit eine neue Bedeutung haben können, denn diese Angriffe sind für uns sozusagen tägliche Routine.

Wie ist die Situation in Odesa jetzt, Mitte Juni 2025? Wegen der Präsidenten Russlands und der USA kann morgen ja schon wieder alles anders sein.
Zunächst einmal möchte ich klarstellen: Odessa mit doppeltem „s“ ist ein russischer Begriff. Das einzig richtige Odesa schreibt sich mit einem „s“, weil es ukrainisch ist. Das nur zur Klarstellung, weil viele Leute draußen diesen Krieg als „Konflikt“ bezeichnen oder unsere Stadt auf russische Art und Weise nennen. Wir versuchen immer, die korrekten Begriffe zu verbreiten. Nun, in Odesa ist es fast immer ziemlich beschissen. Jede Nacht gibt es hier einen Drohnenangriff. Es wäre naiv zu denken, dass die Beziehungen und Gespräche zwischen diesen Leuten, die du erwähnt hast, für uns wirklich etwas ändern würden.

Vor einem Jahrzehnt wäre ich zu einer Demonstration gegangen gegen die NATO und für eine friedliche Welt. Heute würde ich das nicht mehr tun. Die Welt verändert sich rapide. Anfang 2023 hatten wir ein Interview mit DEATH PILL aus der Ukraine. Sie spenden Geld für die Armee. Wenn du mir das vor zehn Jahren gesagt hättest, hätte ich es niemals geglaubt. Was denkst du darüber?
Dasselbe. Manchmal hat das wahre Leben nichts mit all den Hymnen, Songs und Visionen gemein, die wir unser ganzes Leben lang verbreitet haben. Wir lesen jetzt nicht irgendein Buch oder hören nicht irgendein Lied – wir stehen der Realität gegenüber, und die ist beschissen. Diejenigen, die schreien sollten, schweigen, diejenigen, die Feinde waren, sind jetzt auf derselben Seite, denn die Realität ist härter als unsere Träume.

Ich habe eine Freundin in Polen, die selbst Sängerin ist. Sie hat Angst, dass das Land auch von Russland angegriffen wird.
Sie träumen einfach von einem riesigen Imperium, das in den Geschichtsbüchern stehen wird, und werden sich nicht aufhalten lassen. Russland will so viel Land, wie es bekommen kann, auch wenn das Millionen von Menschen das Leben kostet. Und wir glauben tatsächlich, und das ist nicht nur so daher gesagt, dass sie versuchen werden, Polen, Lettland, Litauen, Estland und auch Finnland zu bekommen.

Ist es für euch möglich, live zu spielen. Wie ist da die Stimmung?
Wir spielen ziemlich oft Live-Shows in der Ukraine und versuchen, in so viele Städte zu kommen, wie es nur möglich ist. In letzter Zeit gibt es weniger Shows, was aber nicht immer nur von uns abhängt. Wir freuen uns, so oft wie möglich zu spielen, denn es ist eine seltene Gelegenheit, unsere Freunde aus den verschiedenen Städten zu sehen. Alle Shows haben einen Grund. Es geht nicht nur um die Musik – jede Show ist so, als wäre es die letzte. Alle unterstützen sich, jeder singt mit und spielt mit. Die Shows sind ziemlich intensiv und erfüllt von diesem „Last Chance“-Geist.

Hardcore wird oft von positiven Aussagen getragen. Bei euch ist zum Beispiel im auf den ersten Blick depressiven Song „Tenacity“ eine gewisse Ambivalenz zu erkennen.
Bei „Tenacity“ geht es um den Willen, sein Leben zu ändern und die Hindernisse zu überwinden, also ist er ziemlich positiv. Es passiert so viel Schlechtes um uns herum – und wir können nicht in diesen Abgründen der Traurigkeit und Dunkelheit bleiben. Hardcore ist der Weg, die Welt zum Besseren zu verändern, manchmal der einzige Weg, nicht den Verstand zu verlieren. Das war schon früher so, als die Situation noch ganz anders war. Der Weg ist jetzt derselbe, aber leider ist die jetzige Realität ein wirklich dunkler Ort. Gerade im Moment findet ein riesiger kombinierter Angriff statt, die gesamte Ukraine wird mit Raketen und Drohnen massiv attackiert.

Mein Lieblingssong auf „Means For Change“ ist „Here and now“ mit der Zeile: „We are the Hardcore / You are the hardcore“. Was bedeutet Hardcore für dich?
Wow, das ist ein harter Brocken, haha. Hardcore ist eine Art, anders zu denken, etwas, das uns vorwärts treibt, ein echtes Mittel für Veränderung. Eine Art von Hoffnung, Heimat, wahrer Freundschaft. Und für uns sind all diese banalen Dinge real, wir glauben zu 100% daran. Natürlich haben wir all die Negativität von der Gesellschaft abbekommen. Hardcore ist allerdings wie eine Tür zu etwas Tieferem, ist eine Chance, sich selbst zu finden, anders zu sein, anders zu handeln und das Leben zu leben und zu versuchen, es besser zu machen. Die Lyrics in diesem Song handeln von der Tatsache, dass du und deine innere Welt Hardcore sind, deine Überzeugungen, deine Art zu leben ... nicht diese Gesichter um dich herum, die versuchen, dich runterzuziehen oder dich ihren Regeln zu unterwerfen – scheiß drauf. So viele Leute sind gegangen, weil sie mit negativen Menschen und dunklen Seelen konfrontiert waren und sich damit für Hardcore hielten. Hardcore ist in Wirklichkeit ein Bündel von Überzeugungen, Ideen und dem Wunsch, anders zu leben.

Musikalisch klingt ihr wirklich wie eine Orange-County-Hardcore-Band Ende der 1980er, Anfang der 1990er. Ihr bezeichnet euch sogar selbst als OCHC-Band.
Nun, wir lieben alle diese Bands und ihr Erbe. Wir versuchen nicht, die neuen SPEAK 714 oder IGNITE zu werden, wir lieben einfach diesen spezifischen Stil des Hardcore mit seiner Kraft, dem tiefen, melodischen Aspekt, der positiven Einstellung und den Riffs, mit ihrer grenzenlosen, unerbittlichen Energie. Wir lieben es, wir fühlen es, wir leben es, also wollen wir es natürlich auch spielen. Viel Liebe und Respekt an diese Leute, die Originale und die Schöpfer und alle, die die Fackel hoch halten. Und ja, wir nennen uns OCHC, OC wie Odesa City, um diesem speziellen Hardcore-Genre unseren Respekt zu erweisen.

Warum habt ihr bei den Songs von der ukrainischen Sprache, wie ihr sie bei HOMESICK verwendet habt, nun bei FLAME zu Englisch gewechselt?
Die Wahrheit ist, dass wir bei HOMESICK russische Texte hatten. Das ist der Hauptgrund. Nachdem Russland diesen Krieg in vollem Umfang begonnen hatte, wollten wir damit nicht mehr weitermachen. Wir lieben alles, was wir in den letzten mehr zehn Jahren gemacht haben, aber es gab für uns einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab, und ehrlich gesagt haben wir diese Entscheidung erst spät getroffen. Wir hatten das Gefühl, dass es falsch wäre, wenn wir einfach die Sprache wechseln würden, also beschlossen wir, unsere Flamme neu zu entfachen, aber mit anderen Mitteln. Wir wollten, dass HOMESICK und ihr Vermächtnis in die Geschichte eingehen – und das war der Moment, in dem wir beschlossen, als eine andere Band weiterzumachen, irgendwie anders und irgendwie gleich. Neben FLAME haben wir in einigen anderen Bands gespielt und die sind ukrainischsprachig – das war der Grund für uns, bei FLAME Englisch zu benutzen.

Ihr habt wie bereits angesprochen eine Verbindung von „Odesa City Hardcore“ zu „Orange County Hardcore“ mit Joe Foster von UNITY. In „Tenacity“ verwendet ihr auch ein Sample. Worin besteht die Verbindung?
Nun, Joe ist eine echte Legende, eine große Inspiration und eine Art Urgestein, und bei all unserem Respekt für ihn schätzen wir uns glücklich, ihn einen Freund nennen zu können. Er hat uns vom ersten Tag an sehr unterstützt und das tut er immer noch. Alle Musik, die er berührt, hat diesen magischen Vibe, einen Charakter, wie auch immer man es nennen könnte, den wir lieben. Es gab schon lange einige Pläne, mal zusammen etwas zu machen, die leider nicht verwirklicht wurden. Wir sind aber froh, dass wir diese Verbindungen und Freundschaften mit Leuten wie Joe D. Foster haben.

Anzeige