FRONTALANGRIFF

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Maul auf und dagegen!

Schon das selbstbetitelte Debüt der Berliner Punkband war ein Kracher erster Güte. Hardcore-Punk, wütend, politisch und angepisst nach vorn geknüppelt. Das neue Album „Blutige Hände“ ist meine Platte des Jahres 2024. Grund genug, um mit Sascha (voc), Ralle (gt) und Pepe (bs) zu sprechen – über klare Haltung, Correctness und die Frage, ob sie sich selbst in der Tradition alter Berliner Hardcore-Punk-Bands sehen. Dima (dr) komplettiert das Line-up.

Eure erste LP erschien auf Break The Silence. Wie kam es zum Wechsel zu Smith & Miller?

Sascha: Mirco ist ein alter Kumpel von Ralle und Sucker. Sein Label Smith & Miller arbeitet mit dem Cargo-Vertrieb zusammen und damit ergibt sich die Möglichkeit für uns, mehr Leute zu erreichen. Und er wohnt in Berlin, ist also jederzeit vor Ort erreichbar. Perfekt.

Worin seht ihr selbst den Unterschied zur ersten LP? Ruhiger seid ihr ja nicht geworden.
Sascha: Für mich knüpft die zweite Platte unmittelbar an die erste an. Wir haben uns in der Corona-Zeit gegründet, und die zwei Platten sind Statements zu der Scheiße, die seitdem um uns herum und in der Welt passiert. Uns kann keiner vorwerfen, wir hätten nichts gesagt.

Ihr kommt aus Berlin, seht ihr euch in der Tradition alter Berliner Bands?
Pete: Berlin war schon immer eine Hochburg des Hardcore-Punk. Vor dem Mauerfall hat sich die West-Berliner Szene platzmäßig geradezu geballt. Kreuzberg ist klein, man traf sich immer irgendwo. VORKRIEGSJUGEND, THE REST, NO ALLEGIANCE, SICK PLEASURE, JINGO DE LUNCH, VELLOCET, SQUANDERED MESSAGE ... gefühlt spielte fast jeder in einer Band. Unser Görli-Proberaum beheimatete DEUTSCHE TRINKERJUGEND, ABRATZK und GALLOPING ELEPHANTS, und momentan teilen wir ihn mit ES WAR MORD und den D(E)AD PUNX. Tradition hin oder her, man spielt, was aus einem raus muss.
Sascha: Ich bin wirklich dankbar, die Ausläufer dieser Zeit noch mitgekriegt zuhaben. Es gab für Subkultur noch kein Antragsformular und du brauchtest auch keinen Nine-to-five-Job, um dir den Eintritt für ein Konzert leisten zu können. Aber das Wort Tradition klingt so rückwärtsgewandt. Eher ist es Respekt für das, was war, mit dem Blick auf das Hier und Jetzt.

Warum habt ihr den LP-Titel „Blutige Hände“ gewählt? In dem gleichnamigen Song geht es um Tierquälerei.
Pete: Der Song handelt von armseligen Gestalten, die den Frust in ihrem kleinen, beschissenen Lebens an Tieren auslassen. Da der Mensch die natürliche Gabe besitzt, alles um sich herum kaputtzumachen, dafür alles gibt, sich selbst verrät, ist „Blutige Hände“ auch der perfekte Titel für unsere neue Platte.
Sascha: Es ist ein starkes Bild. Alle haben Blut an ihren Händen. Direkt oder indirekt, durch aktive Unterstützung oder Wegschauen und Ignoranz.

„Fick deine scheiß Korrektness, wir bleiben Punk“, singt ihr in „Scheiß Korrektness“ und sprecht von einer „weichgespülten Szene“. „Correctness“ und Punk – geht das nicht zusammen?
Sascha: Punk ist Provokation, was aktuell anscheinend für viele verloren gegangen ist. Kritik darf nur noch den gerade aktuellen Narrativen entsprechen. In „Scheiß Korrektness“ geht es um Leute, die nach Feierabend Subkultur spielen und sich als Alleswisser definieren. Ich sage niemandem, was er zu tun hat.

Szenekritik verteilt ihr auch in „Brave Kinder“ und „Narrativ“. Wo sind eure Kritikpunkte?
Sascha: „Brave Kinder“ war eigentlich ein Gruß an die fröhlichen Hipster in den In-Bezirken in Berlin. Dann war ich nach langer Zeit mal wieder in den größeren Punk-Locations und habe gesehen, dass die die auch schon fast übernommen haben. Dann wurde es ein Rundumschlag. Mir ist bis heute unklar, wieso man auf wütende Schrei-Mucke steht, dirty und fucked up sein will, wenn man keine Dämonen, Traumata oder zumindest irgendwas hat, für das man kämpft. „Narrativ“ ist für mich einer der wichtigsten Texte auf dem neuen Album. Es geht darum, dass Begriffe umdefiniert werden, um Leute zu diffamieren. Damit geht die Bedeutung der Worte verloren und auch die Orientierung der Menschen. Laut gängiger Medien leben wir in einem Land, das zur Hälfte aus Nazis und Antisemiten besteht. Es gibt ein Problem mit diesen Gruppen und da muss man sich auch klar positionieren, aber nicht jeder mit einer vom Mainstream abweichenden Meinung ist gleich ein Nazi oder Antisemit. So wird lediglich Kommunikation zerstört und die Möglichkeit, durch kritische Auseinandersetzung neue Perspektiven zu schaffen. Es ist wichtig, Dinge zu hinterfragen. Die Methoden der Manipulation sind heutzutage so komplex, dass wir sie die meiste Zeit nicht mal merken. Deswegen niemals vergessen: „Liebe, Freiheit, Toleranz / Ist der Weg, den wir hier gehen“. Das ist das FRONTALANGRIFF-Narrativ.

Es gibt verschiedene „Unterstützer“ wie Henne und Justin von RAWSIDE, Wally von TOXOPLASMA oder Sucker von OXYMORON. Wie ist das zustande gekommen?
Ralle: Mit TOXOPLASMA haben wir im Cassiopeia gespielt und einfach Wally gefragt, ob er uns was einsingt. Er sagte: „Normalerweise nicht, aber einen Satz mach ich.“
Sascha: Das hat mir echt was bedeutet. TOXOPLASMA waren meine erste Berührung mit Deutschpunk. Als wir ein paar Monate später im Reset Club wieder mit ihnen gespielt haben, hatte ich meinen Laptop dabei, habe Wally im Backstage ein Mikro in die Hand gegeben und auf Record gedrückt.
Ralle: Justin und Henne gehören praktisch zur Familie. Henne und ich sind zusammen in Coburg aufgewachsen und haben damals RAWSIDE gegründet.
Sascha: Im letzten Winter sind die Jungs nach einem Gig in Eberswalde bei mir zu Hause in der Wagenburg vorbeigekommen und wir haben einen Nachmittag lang aufgenommen. Für kleine Projekte habe ich immer alles im Wohnzimmer aufgebaut. Für größere Sachen wie Drums geht es dann ins Studio, das aber auch auf dem Platz ist. Es gibt auch ein Video mit Henne und uns, zu „Rattentanz“, das wir in den Katakomben des wunderschönen Supamolly vor unserer Record-Release-Party gedreht haben. Es wird wahrscheinlich kurz vor der Show mit RAWSIDE am 1. März im Archiv in Potsdam auf dem YouTube-Kanal HCWW erscheinen.
Sascha: Sucker ist ein Punkrock-Urgestein. Er und Ralle kennen sich auch schon ewig. Apropos, unbedingt unsere Homies SHELL-SHOCKED ausschecken, mit denen hat Sucker auch einen geilen Song gemacht: „Force of madness“. Für uns war auf jeden Fall klar, genau wie für Sucker, es musste „Scheiß Korrecktness“ sein, da der Song von der Attitüde her stark in die Kerbe von „Anti anti everything“ von OXYMORON haut.

Mit „Apokalypse“ gibt es mit dem letzten Song einen Track in bester DISCHARGE-Manier in Bezug auf die „musikalische“ Untermalung eines „Wochenschau“-Berichtes.
Sascha: Wir hatten „Apokalypse“ als reines Instrumental geschrieben, aber dann kam mir die Idee mit diesem Collagen-Sound, weil ich es liebe an Synthies und Samplern rumzuschrauben. Aber da ich voll ausgelastet mit dem Aufnehmen und Mixen des Albums war, habe ich mich mega gefreut, als Pete meinte, sein Freund Dave von DISCHARGE und THE INSANE würde die Kriegssound-Collage gerne übernehmen. Wer, wenn nicht DISCHARGE passt bei so etwas Düsterem? Dann habe ich noch die „Wochenschau“-Ausschnitte und ein paar Sprachsamples drüber gelegt und fertig war „Apokalypse“.

Ihr habt euch eher zufällig bei einem Videoprojekt gefunden, worum ging es damals und wie ging es dann weiter?
Pete: Es sollte ein Thriller in der Punk-Szene sein. Berliner, Hamburger, Nürnberger Punks gaben ihr Bestes, man traf sich zu Dreharbeiten in verschiedenen Städten und Locations und konnte mit leichten Vorgaben textlich sich selbst einbringen. Also wahnsinnig lustig, man traf alte Bekannte und neue Leute. Leider warten wir bis heute immer noch auf den Schnitt, gut Ding braucht Weile. Wir, Patti, Ralle, Dima und ich übernahmen die schwierige Rolle einer Punkband. So gingen wir in den Proberaum und zu dem Videoprojekt-Song kamen zwei weitere Ideen, später „Endstation U8“ und „Denunziant“ dazu. Wir beschlossen projektunabhängig eine Hardcore-Band zu gründen. Sascha kam dazu, die ausgearbeiteten Songs bekamen einen Text und währenddessen sprach uns Ballo, der vier der Übungsraumsongs hörte, zwecks Aufnahme der ersten Platte an.

Wie geht es jetzt weiter?
Pete: Jetzt ist wieder Luft im Proberaum für neue Songs. Es ist ein einzigartiges Gefühl, wenn man neue Ideen im Kopf hat und in der ersten Probe alle Instrumente das Ding rund machen. Natürlich freuen wir uns auch auf die nächsten Konzert- und Festivalanfragen.
Sascha: Die Scheiße da draußen läuft ja weiter und so lange machen wir unser Maul auf und halten dagegen.

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