Gedanken zu Stutthof

Foto© by Tomasz Pawluczuk

Essay

Die Leser dieser Zeitung kennen mich vielleicht im Zusammenhang mit TRUPA TRUPA, einer post-punk-psychedelischen Band aus Danzig, Polen. In dieser Band bin ich Gitarrist, Co-Sänger und Co-Texter. Außerdem bin ich Schriftsteller, und die meisten meiner Bücher widmen sich dem Thema Aggression, Gewalt und Hass. Mein künstlerischer Beitrag zu TRUPA TRUPA hat ebenfalls überwiegend diesen düsteren Aspekt. Ich arbeite auch an vielen internationalen Universitäten, am engsten bin ich mit der Universität Oxford verbunden, wo ich Workshops unter dem Titel „Virus of Hate“ mitverantworte. Verzeiht mir diesen Einstieg, aber es ist mir wichtig, wer was sagt. Früher war mir das nicht so wichtig. Besonders im Fall von Künstlern und Kunst. Ich glaubte, dass die Kunst vom Schöpfer getrennt ist und so bleiben sollte. Heute sehe ich das völlig anders.

Ich wurde gebeten, diesen Essay zu schreiben, weil im August 2024 in Deutschland ein Gerichtsurteil gegen eine Sekretärin bestätigt wurde, die im zweiten Weltkrieg im Konzentrationslager Stutthof gearbeitet hat. Es trifft sich, dass ich diesen Essay in Deutschland schreibe, während der Konzerttournee von TRUPA TRUPA und der Promotion-Tour für mein neuestes in Deutschland veröffentlichtes Buch „Ohne Orchester“, herausgegeben von dem wunderbaren Verlag Parasitenpresse. Daher bin ich jetzt in Deutschland. Ich spaziere über den Friedhof Karl-Kellner-Straße in Hannover, auf dem einige alte Grabsteine rekonstruiert wurden. Hannover wurde größtenteils durch alliierte Bombenangriffe zerstört, was auch die Friedhöfe betraf.
Und hier komme ich zum Kern der Sache. Mein Großvater war ein Häftling im Konzentrationslager Stutthof, und in meinem neuesten deutschen Buch gibt es ein Gedicht, das die Arbeit meines Großvaters im Lazarett des Konzentrationslagers beschreibt, die darin bestand, die Leichen der Verstorbenen aus dem Krankenhaus zu tragen. Derselbe junge Józef Kwiatkowski, nach seiner Entlassung aus dem Lager, wurde gezwungen, eine ähnliche Arbeit zu verrichten, aber in einem anderen Kontext – in Hannover, Köln und anderen deutschen Städten sammelte er die Leichen der Opfer alliierter Bombenangriffe – und wer weiß, vielleicht wurde diese höllische Totengräberarbeit auch an dem Ort verrichtet, an dem ich jetzt spazieren gehe.
Im Folgenden veröffentliche ich das gesamte Gedicht in der Übersetzung von Peter Constantine:

ich war der Robusteste
obwohl ich am Ende meiner Kräfte war
ich habe geholfen die Toten wegzutragen

es ist unmöglich in wenigen Worten einen Eindruck von diesem Arbeitstrupp zu vermitteln
aber ich werde es versuchen:

die Kranken starben qualvoll
auf dem Weg zu den Latrinen
in den Latrinen
oder auf dem Weg zurück
(Józef Kwiatkowski)

Dieses Gedicht basiert auf den Notizen meines Großvaters aus dem Lager. Er war ein schweigsamer Mann, und diese Lagererfahrung hat sein Leben zerstört. Als ich ein kleiner Junge war, kam mein Großvater auf die seltsame Idee, seinen Enkel ins Museum des Lagers Stutthof mitzunehmen. Er wollte zeigen, was sein Großvater erlebt hatte. Der Haken daran war, dass dies sein erster Besuch nach dem Krieg an diesem Ort war. In Stutthof begann mein Großvater, gleich nach dem Durchschreiten des Lagertores, zu schreien, zu weinen und geriet in einen traumatischen Zustand. Die Erinnerungen an die Vergangenheit kehrten zurück.
Für mich als Kind war es keine schreckliche, sondern eine rätselhafte Erfahrung. Ich wusste nicht wirklich, was geschah. Aber es war eine so starke Erfahrung, dass sie mich maßgeblich dazu veranlasste, mir Fragen zu stellen: Warum töten sich Menschen? Warum bauen sie Konzentrationslager? Warum bauen sie Gaskammern? Woher kommt diese Lust auf Erniedrigung, Rache und Aggression? Diese Fragen, die ich mir als Kind gestellt habe, sind bis heute meine Fragen als fast vierzigjähriger Mann, der einen Großteil seines Lebens damit verbracht hat, Kunst zu machen, die sich mit den dunklen Aspekten der menschlichen Natur auseinandersetzt.

Hat mich die Verurteilung der Sekretärin von Stutthof gefreut? Das ist nicht das richtige Gefühl. Aber ich weiß sicher, dass alle Verbrechen gegen die Menschlichkeit öffentlich verurteilt werden und als Warnung für zukünftige Generationen dienen sollten. Daher ist es gut, dass ein solches Verbrechen verurteilt wurde. Aber es gibt noch etwas: Ich habe ein enormes Misstrauen gegenüber der menschlichen Natur und ich bin überzeugt, dass sie nicht nur durch Gesetze und Vorschriften gezügelt werden kann, sondern vor allem durch eine kluge Erziehung, die nicht gewalttätig ist, nicht erniedrigend, sondern voller Liebe und Vergebung. Ich möchte nur hinzufügen, dass die meisten deutschen Nazi-Kriegsverbrecher nicht verurteilt und bestraft wurden, und wenn es zu Prozessen kam, waren sie rein symbolisch und die Urteile skandalös niedrig.
Was sagt uns das? Sicherlich nicht, dass es ein Fehler oder ein Irrtum war. Es zeugt von einem systematischen Versuch, die Verbrecher durch den Nachkriegsstaat Deutschland zu schützen. Wenn wir in das Herz dieses obszönen Skandals blicken wollen, bei dem die größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts der Verantwortung entgangen sind, sollten wir uns die Biografie des heldenhaften Staatsanwalts Fritz Bauer ansehen, der Gerechtigkeit wollte und wahrscheinlich in den Nachkriegsjahren in Deutschland ermordet wurde. Gerade wegen seines Verlangens nach Gerechtigkeit.

Am Ende möchte ich sagen, dass ich Moralpredigten und Moralisierung nicht ausstehen kann, und es ist meistens so, dass diejenigen, die am lautesten nach moralischen Tugenden und Werten rufen und am härtesten gegen Verderbtheit und Dunkelheit kämpfen, die meisten Leichen im Keller haben. Meiner Meinung nach beginnt ein moralisches Leben damit, die Fehler und Sünden bei sich selbst zu erkennen. Seien wir aufmerksamer und kritischer gegenüber uns selbst und unseren eigenen Sünden und Fehlern, bevor wir versuchen, die Welt zu verbessern und anderen Moral zu predigen. Ich schließe das hier ab, wie ich meine Vorlesungen an der Universität beende. Naiv, banal, aber ich glaube fest daran, und es gibt wirklich keinen anderen Ausweg:
„All you need is love“, nicht Todeslager, Gaskammern und Terror.

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