
GIRL TROUBLE sind eine Institution - und das seit zehn Jahren. Sie kommen aus Tacoma, einer Stadt irgendwo zwischen Seattle (!) und Portland. Mit ihrem hoffnungslos im Sixties-Sumpf aus Surf-Instrumentals und Garage-Trash steckengebliebenen Song sind sie alles andere als trendy, was sich natürlich auch nicht gerade positiv auf die Verkaufszahlen auswirkt. Dafür können die Vier aber auf eine um so ergebenere Fangemeinde verweisen, die sich gierig auf GIRL TROUBLEs musikalischen Output stürzt. Im Oktober traten GIRL TROUBLE im Kölner Rose Club auf, wo das Kölner Undergroundpublikum einmal mehr seine völlige Ignoranz (und Inkompetenz) unter Beweis stellte: Nur knapp 50 Leute hatten den Weg hierhin gefunden.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich erst mit "New American Shame", eurem letzten Album, auf euch aufmerksam geworden bin. Ihr spielt aber schon etwas länger zusammen, oder?
Bon: In Hundejahren sind das jetzt beinahe 70 Jahre - also rund zehn Jahre. Für eine Band ist das ganz schon lange.
K.P.: GIRL TROUBLE ist die erste Band, in der wir spielen. O.k., '85 war ich für kurze Zeit ausgestiegen und ein gewisser David aus Austin, Texas, übernahm meinen Part.
Bon: David blieb ein Jahr bei uns, bis Kurt merkte, was für ein Idiot er gewesen war und uns zurücknahm.
Bill: Wir haben David aber nicht rausgeschmissen, sondern sind immer noch gute Freunde. Er gründete dann eine Band namens CAT BUTT, die sich aber ziemlich schnell wieder aufgelöst haben.
Interessant ist bei euch ja, dass ihr zwar schon ziemlich lange dabei seid, aber trotzdem nie sonderlich bekannt geworden seid, sondern dafür einen ziemlichen Kultstatus genießt und von euren Fans enthusiastisch geliebt werdet.
Bon: Ja, stimmt. Wir sind wohl für manche Leute eine Kultband und haben sehr loyale Fans. Das ist großartig.
K.P.: Das entschädigt für vieles. Wir haben viele Bekannte, die in Bands spielen, die viel jünger sind als GIRL TROUBLE, aber trotzdem schon bekannter sind und auch viel mehr Platten verkaufen, was einen natürlich manchmal neidisch macht. Aber wenn wir dann auf Tour gehen und bei den Konzerten so Leute treffen wie diesen Freak in der Schweiz, der in einer Schachtel alle Platten dabei hatte, die wir je gemacht haben, dann entschädigt das für alles.
Bill: Wenn wir in den USA spielen, passiert es uns immer wieder, dass wir in einem Kaff spielen, wo uns kein Mensch kennt und wir nach dem spärlich besuchten Konzert ziemlich frustriert sind. Aber dann spielen wir am nächsten Abend in einer anderen Stadt und stellen fest, dass alle Leute im Publikum unsere Platten kennen und alle Lieder mitsingen.
K.P.: Bei unserem Konzert in München waren auch drei so Freaks, die wirklich jeden Song mitgesungen haben. Das ist ziemlich erstaunlich.
Glaubt ihr denn, dass ihr deshalb ein "qualitativ hochwertigeres" Publikum habt als andere, angesagte Bands, die die Leute nur gut finden, weil sie eben gerade in sind?
Bon: Würde ich schon sagen, ja. Es sind eben nicht Leute, die uns nur jetzt gut finden und nächsten Monat schon wieder andere Favoriten haben. Die Leute hängen an uns, bleiben uns treu, kennen ihre und unsere musikalischen Wurzeln und sind überzeugte Vinyl-Fans. Sie haben Ahnung von der Musik, die sie hören, und sind ein ganz besonderer Menschenschlag.
K.P.: Das merken wir besonders in unserer Gegend, also Tacoma, Portland, Seattle und so. Die Leute, die dort zu unseren Konzerten kommen, haben uns schon hunderte Male gesehen, aber sie kommen jedes mal wieder und rasten total aus. Ich denke, uns unterscheidet von anderen Bands, dass die Leute bei uns tanzen können, denn es gibt nicht mehr all zu viele Bands, bei denen man richtig tanzen kann. Die Leute, die uns kennen, wissen das, kommen deshalb zu unseren Shows, kippen sich ein paar Bier rein und haben einfach Spaß. Was du vorhin über Bands gesagt hast, die die Leute nur gut finden, weil sie gerade angesagt sind, stimmt auf jeden Fall besonders in Seattle. Da tauchen jetzt Leute mit einer Band auf, die vorhin noch nie Musik gemacht haben, aber jetzt ihre Chance sehen und kurzerhand eine Band gegründet haben, um auch noch einen kleinen Teil vom Kuchen abzubekommen.
Bon: Das sind Leute, die vor dem Seattle-Boom noch überhaupt nichts von dieser Art Musik gewusst hatten, die du nie bei Konzerten gesehen hast. Und jetzt sind die alle in Bands und behaupten, aus der Szene von Seattle zu kommen. Das ist so lächerlich.
K.P.: Vor allem nach dem Erfolg von NIRVANA ist das schlimm geworden: Da bekommst du mit, dass sich Leute, die seit sechs Monaten in einer Band spielen, beklagen, dass noch kein Label auf sie aufmerksam geworden ist und unter Vertrag genommen hat.
BUI: Die wollen nur schnellen Erfolg, schnelles Geld und so groß werden wie NIRVANA. Ein paar schaffen es tatsächlich, viele aber nicht.
K.P.: Die spielen irgendwo und beklagen sich, dass sie bei ihrem dritten Konzert überhaupt nur $100 Gage bekommen - und das als Vorband von einer Band, die vielleicht seit Jahren dabei ist. Jungs, wacht auf! Ich kann mich noch genau erinnern, dass wir unsere ersten $100 bekamen, als wir schon seit zwei oder drei Jahren zusammengespielt hatten. Das war bei einem Konzert als Vorband der WlPERS. Danach waren wir bei einer Party und die Frau, die das Konzert veranstaltet hatte, kam zu mir und drückte mir das Geld in die Hand. Ich fragte sie, wie viel das sei, und sie antwortete "100 Dollar". Ich konnte das gar nicht glauben!
Bon: Wir dachten sogar, dass sie uns aus Versehen zu viel gegeben hat, und wollten ihr die Hälfte wieder zurückgeben, hahaha.
Würdet ihr euren Status denn gegen den von NIRVANA eintauschen?
K.P.: Ja, sofort - NEIN!!! (Allgemeines Gelächter)
War das ein Freudscher Versprecher?
Bon: Ich glaube nicht, dass wir mit diesem Erfolg umgehen könnten, denn du musst für diesen Grad an Popularität doch eine ganze Menge aufgeben. Du hast eine ganze Menge Stress mit Leuten, die alle wollen, dass du das tust, was sie wollen. Wir dagegen legen sehr viel Wert darauf, immer alles selbst unter Kontrolle zu haben. Wir mögen zwar nicht so populär sein wie andere Bands, dafür haben wir aber alles unter Kontrolle.
K.P.: Ich denke aber, dass NIRVANA ein Spezialfall sind, denn für ihre Größe haben sie ungewöhnlich viel Kontrolle. Denn sie kamen damals aus dem Nichts an die Spitze der Charts, verdrängten MICHAEL JACKSON zweimal von der Nummer 1 und erschütterten damit das gesamte Musikbusiness. Von dieser Sonderstellung profitieren sie auch jetzt noch. Sie sind ein Sonderfall.
Bon: Ich denke, dass sie auch permanent aufpassen müssen, was um sie herum passiert.
Kennt ihr die Leute von NIRVANA denn persönlich?
K.P.: Ja, aber nicht besonders gut. Außerdem waren sie vor Jahren mal bei einem Konzert unsere Vorband. Ansonsten kennt man sich halt, wenn man seit Jahren in der gleichen Szene verkehrt.
O.k., unterhalten wir uns aber jetzt doch wieder über GIRL TROUBLE. Wo genau liegt denn eigentlich Tacoma?
Bill: Ungefähr 60 Meilen südlich von Seattle.
K.P.: Nein, 30 Meilen.
Bon: Ich dachte immer, es seien ungefähr 40 Meilen...
Wie alt wart ihr denn, als ihr damals mit GIRL TROUBLE angefangen habt?
K.P.: Bill und Dale waren 19, ich 21 und Bon 30.
Bon: Bill ist mein kleiner Bruder und er ist jetzt so alt wie ich damals. Ich erinnere mich noch genau daran, als Bill anfing, sich für Musik zu interessieren. Er hörte so Bands wie STYX oder ELO, die ich damals ziemlich blöd fand, und ich stellte dann fest, dass er sie eigentlich auch nicht so toll findet. Ich erinnerte mich dann an die Zeit zurück, als Ich anfing Musik zu hören, an all diese Garagenbands. Die machten Musik, die du mit deinen Freunden in Vaters Garage problemlos nachspielen konntest, ganz im Gegensatz zu ELO und diese ganzen anderen Hi-Tech-Bands. Bill hörte sich dann erstmal meine alten Platten an, fand das auch ganz gut und entdeckte schließlich Punkrock, besonders die RAMONES. Damit war ich dann schon viel zufriedener, denn die kann jeder in der Garage nachspielen. Wir tauschten dann immer unsere Platten untereinander und lernten so die Musik des anderen kennen. Wir gingen zusammen zu RAMONES-Konzerten und -zig anderen Punkrock-Shows, was uns schließlich auf die Idee brachte, selbst eine Band zu starten. Dale war ein Schulfreund von Bill und Kurt, halt so ein Punkrock-Kid, das immer mit den beiden rumhing. So trafen wir uns, gingen zusammen zu Shows und so.
Bist du der Boss in QIRL TROUBLE?
Bon: Ääääh...
Alle: YESSSSSSSS!!!
Bill: Jeder von uns hat so seinen Verantwortungsbereich: Bon hält die ganze Sache zusammen, sorgt fürDisziplin, jagt uns aus dem Bett und passt auf, dass wir regelmäßig proben.
Bon: Ich kümmere mich mehr um die Organisation und das Management, während die Jungs vor allem für die musikalische Seite zuständig sind.
Was hat Vinyl für eine Bedeutung für euch?
Bill: Vinyl liegt uns sehr am Herzen, deshalb waren wir auch etwas enttäuscht darüber, dass Musical Tragedies unsere Platte hier in Europa nur auf CD veröffentlicht hat. Wir hatten zwar 100 LPs aus den USA mitgebracht, aber die waren nach ein paar Konzerten schon ausverkauft.
Bon: Wir verstehen zwar, dass eine Plattenfirma heutzutage CDs machen muss, aber uns persönlich ist nur Vinyl wichtig. Immerhin hat M.T. mittlerweile ein paar LPs importiert, so dass die Leute hier in Europa auch die Vinylversion kaufen können.
Bill: Es ist uns auch deshalb so wichtig, weil viele unserer Fans absolute Vinylfans sind. Aber wir merken auch, dass wir uns nicht gegen den Trend stellen können. M.T. erzählten uns dann, dass die Leute hier in Europa kaum noch Vinyl kaufen und es sich deshalb für eine Plattenfirma nicht lohnt, LPs und CDs zu machen. Das mag im großen Rahmen durchaus zutreffen, aber in unserem kleinen Fanrahmen ist das eben nicht der Fall.
Aber warum genau ist Vinyl für euch so wichtig?
Bon: Weil es so eine riesige Vergangenheit hat: Stell dir vor, wieviele Platten bei den Leuten zu Hause im Regal stehen. Vinyl hat eine lange Geschichte, und außerdem ist es etwas ganz Anderes, ob du ein großes Cover hast, mit Fotos der Band und coolem Art-work, oder ob du dir ein briefmarkengroßes Booklet anschauen mußt. Und was gibt es cooleres als ein uraltes Plattencover mit Knicken und Bierflecken von unzähligen Parties? Vinyl hat auch einen ganz anderen Sound als CDs, ist beinahe unverwüstlich und wenn es schmutzig ist, kannst du es einfach abwaschen.
Bill: Außerdem verliert man LPs nicht so schnell wie CDs, denn die verschwinden immer zwischen den Sofa-kissen. Und die Plastikhüllen zerbrechen so schnell.
Bon: Und was machst du mit einer CD, wenn sie zu skippen beginnt?
K.P.: Die CD hat sich auch auf das Coverartwork ausgewirkt, denn du hast nicht mehr diese Riesenfläche zur Verfügung und musst das beim Layout berücksichtigen. Und selbst wenn du ein Faltbooklet machst, ist der Effekt nicht der gleiche wie bei nem LP-Cover.
Bill: An die Möglichkeit, mit der Nadel direkt in den Groove reinzugehen, die Vibrationen direkt zu erfassen, diese rohe Gewalt, mit der die Nadel in die Rillen eindringt, kommt einfach nichts anderes ran. Die andere Sache ist die, dass ich das Gitarrespielen beim Plattenhören gelernt habe. Du kannst dir einen bestimmten Songpart immer wieder anhören, indem du die Nadel anhebst und wieder absenkst. Bei einer CD ist das viel schwieriger und umständlicher.
Die CD entfremdet die Leute von der Musik, macht die Musik weniger direkt erfahrbar.
Bill: Ja, genau. Ich habe schon so oft mit anderen, oft auch sehr bekannten Gitarristen gesprochen, die mir sagten, sie hätten bestimmte Gitarrenriffs hundert- oder zweihundertmal angehört, um herauszubekommen, wie genau es gespielt wird.
Bon: Vinyl kannst du viel besser kontrollieren. Außerdem hält Vinyl ewig. Nimm zum Beispiel die alten 78er-Platten oder Grammophonplatten - die kannst du heute noch anhören. Aber wie lange halten CDs?
Bill: Ich habe Aussagen von Fachleuten gelesen, die Vinyl als eines der dauerhaftesten Speichermedien für Informationen überhaupt bezeichnet haben. Natürlich, die sagen dir jetzt auch, dass CDs so und so lange halten, aber wer weiß das schon?
K.P.: Ich habe diese Platten von Dave Brubeck und Patsy Kline, die uralt sind und herrlich kratzig und schrummlig klingen. Diese Platten haben Seele, sie sind lebendig.
Bill: Ein weiteres Argument gegen die CD ist auch, dass die Plattenfirmen die alten Aufnahmen vor dem Überspielen nochmal digital remastern. Und das ruiniert manche Platten total. Ich bin ein großer BEATLliS-Fan, und wenn ich heute diese remasterten Songs im Radio höre, dann ertrage ich das kaum.
Ich finde auch die Tatsache erschreckend, dass heute eine Generation aufwächst, die Vinylplatten überhaupt nicht mehr kennt. Denn wenn jetzt ein Zwölfjähriger beginnt, Musik zu hören, dann wird er zwangsläufig CDs kaufen, weil er wahrscheinlich gar keinen Plattenspieler besitzt.
K.P.: Tom Price von GAS HUFFER, der in einem Plattenladen arbeitet, erzählte mir neulich, dass ein paar Kids Singles gekauft hätten und tatsächlich glaubten, es seien CDs. Ein paar Tage später kamen sie in den Laden und waren völlig verwirrt, weil die Dinger nicht in ihre CD-Player passten. Wir dachten zuerst, Tom wolle uns mit dieser Geschichte verarschen, aber er meinte, sie stimme leider.
Wenn wir schon bei der Vergangenheit sind, dann könnt ihr mir doch sicher auch was zu euren musikalischen Einflüssen erzählen, die ja wohl in den Sixties zu suchen sind. Ich höre zum einen Surf-Musik heraus, zum anderen Garagentrash a la CRAMPS. K.P.: Wir stehen auf die CRAMPS, aber auch auf die RAMONES und 'ne Menge anderer 77-Punkbands. Bei mir kommen dann noch die Bands dazu, die ich als Kind immer hörte, wie die KINKS, die ROLLING STONES, BEATLES und JIMMIE HENDRIX. Wir hören eigentlich alles, so dass es uns wirklich erschreckt, wie einseitig der Musikgeschmack von vielen unserer Fans ist.
Bon: Du schaust dir ihre Plattensammlung an bist wirklich erschrocken, dass die ausschließlich Garage hören. Bill zum Beispiel steht auf Science Fiction-Soundtracks, Dale mag PINK FLOYD und ich höre auch mal Frank Sinatra und George Jones, einen alten Country & Western-Musiker. Außerdem stehe ich auf diese ganzen
Northwest-Bands, vor allem was das Schlagzeugspiel betrifft: THE WAILERS, THE SONICS, THE KINGSMEN, THE FRANTICS, und so weiter.
Was war die erste Platte, die du dir jemals gekauft hast?
Bon: Das erste Album der ROLLING STONES. Ich liebe diese Platte.
Wann war das denn?
Bon: Als die Platte damals rauskam, also '64 oder '65. Ich war damals in der
5. Klasse oder so. Das ist 'ne ganze Weile her, hahaha.
Bill: Meine erste Platte war "Help" von den BEATLES, die du mir damals geschenkt hast. Die erste Platte, die ich mir gekauft habe, war das erste RAMONES-Album.
Dale: Meine erste Platte war der Soundtrack zu "Dumbo, der fliegende
Elefant". Ich hatte nicht genug Geld dabei und das Mädchen an der Kasse
zahlte die fehlenden acht Cent aus ihrem Geldbeutel. Ich warda neun Jahre alt.
K.P.: Ich fing mit "Introducing The Beatles" an.
Ihr habt dadurch ja ein riesiges Repertoire an Einflüssen - ganz im
Gegenteil zu vielen der Bands, die heute groß sind - zum Beispiel aus Seattle: Unser größter Einfluss ist LED ZEPPELIN. Aber als diese Leute LED ZEPPELIN entdeckten, existierte die Band schon längst nicht mehr.
K.P.: Ja, du hast Recht. Neulich, als wir irgendwo spielten, lief vor dem Konzert Musik - ich weiß nicht, welche Band - und ich dachte mir, wenn das "Alternative Music" sein soll, dann "Gute Nacht". Damals, als wir zur High School gingen, hörten wir natürlich auch LED ZEPPELIN und all diese Bands, aber eher aus Faulheit, weil es eben alle taten. Und dann entdeckten wir BLONDIE, DEVO, THE CLASH, B 52's und all diese Bands und merkten, dass das wirklich Musik ist, die wir mögen. Du musst bedenken, dass wir aus Tacoma kommen, das nicht gerade die Punkrock-Hauptstadt war. Ich kannte alle fünf Punks in der Stadt...
Ist Tacoma denn so ein kleines Kaff?
K.P.: So 200.000, aber was ich über diese heutige "Alternative Music" sagen wollte, war, dass wir heute an dem Punkt angelangt sind, wo es cool ist, zuzugeben, dass man damals LED ZEPPELIN gemocht hat - aber ich konnte LED ZEPPELIN nie leiden.
Das ist die Rache der Rednecks: Heute ist jeder stolz, damals diese Bands gehört zu haben, wobei man selbst die Leute, die diese Musik hörten, nie leiden konnte. (Allgemeine Zustimmung)
K.P.: Ja, exakt! Plötzlich wurde das, was man eigentlich nur zum Spaß gutgefunden hatte, wogegen man früher rebelliert hatte, zum angesagten Ding. Und es war nicht mehr witzig, sondern voller Ernst. Du konntest dich dem nicht mehr entziehen.
Ich erinnere mich noch genau, dass ich in der Schule diese Metalkids mit ihren Jeansjacken und lächerlichen AC/DC-Aufnähern immer gehasst habe. Aber heute bist du nicht mehr cool, wenn du AC/DC nicht magst. (Wieder allgemeine Zustimmung)
Bon: Ja, es ist seltsam, wie sich das verändert hat.
K.P.: Mir geht das mit HELMET so, die ja auch ziemlich angesagt und besonders "alternative" sind. Ich finde, dass das nur ein Aufkochen der alten BLACK SABBATH-Riffs ist. Und als ich das zu anderen Leuten sagte, bekam Ich zur Antwort "Ja, aber ich steh’ auf BLACK SABBATH.". Ich meine, es gibt Bands, die ich damals nicht mochte und erst später entdeckte, aber BLACK SABBATH gehören nicht dazu. Der springende Punkt ist für mich der, dass damals Bands wie HELMET einer der Gründe waren, dass Punkrock entstand. Und mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, wo sich die ganze Sache in den eigenen Schwanz beißt und Punkrock zu diesem lahmen Metal mutiert ist. Irgendwo ist da wohl was schiefgegangen. Gerade vorhin ist mir sowas wieder passiert, als sie vor dem Soundcheck irgendwas spielten, was für mich wie furchtbarer Heavy Metal klang. Und als ich fragte, was das denn sei, bekam ich zur Antwort "Henry Rollins". Scheiße, ich konnte den noch nie ausstehen. Ich kapier’ das irgendwie nicht, dass dieser stinklangweilige, durchschnittliche Heavy Metal von dem Typ gespielt wird, der früher mal in BLACK FLAG war.
Bill: Wir haben schon -zigmal in Interviews gesagt, dass der Hauptgrund, weshalb wir damals zu Punkrock kamen, die Tatsache war, dass es - bitte entschuldige das abgelutschte Wort "alternative" war. Eine Alternative zu all diesen langweiligen Rockstars, die seit zwanzig Jahren dasselbe machen, zu diesen gelackten Schönlingen. Punkrock war eine Möglichkeit cool zu sein, ohne ein gutaussehender Frauenheld oder Gitarrenvirtuose zu sein. Jeder Idiot und Dorfdepp konnte eine Band gründen und das war cool. Es gab dieses Zusammengehörigkeitsgefühl und du hörtest NEW YORK DOLLS, RAMONES und BLONDIE, ohne in musikalischen Schubladen zu denken. Aber irgendwann verwandelte sich dann alles in einen Macho-Wettbewerb, wo es nur noch darum ging, wer am härtesten und brutalsten tanzen kann.
K.P.: Der Punkt, wo sich für mich alles änderte, war ein Konzert im ShowboxClub in Seattle, wo damals Bands wie 999, THE PLASMATICS und DEAD KENNEDYS spielten. Und bei einem der DEAD KENNEDYS-Konzerte war es auch, wo ich sah, wie eine dieser muskelbepackten, kurzhaarigen Rockertypen sich einen Spaß daraus machte, die Leute beim Slamdancen durch brutales Pöbeln platt zu machen. Und plötzlich war da eine ganze Menge von diesen Typen, die dachten, das wäre die Art, wie Punkrocker tanzen. Ich dachte mir, dass es eigentlich an der Zeit sei, diese Typen vor die Tür zu setzen, obwohl mir andererseits auch klar war, dass die das gleiche Recht hatten wie jeder andere auch, das Konzert zu besuchen. Aber es war so ein seltsames Gefühl, wie: "Das ist mein Club, mein Konzert, meine Musik - was wollt ihr hier?". Und dann stieg auch noch Henry Rollins bei BLACK FLAG ein, der genau so ein fleischiger, muskelbepackter Poser ist wie diese Redneck-Typen. Da merkte ich, dass diese Typen nicht mehr länger nur zu Konzerten kamen, sondern Konzerte veranstalteten und sogar in Bands spielten! Und dann begann Punk sich in Richtung Hardcore zu verwandeln, mit Heavy Metal zu verschmelzen und ich fühlte mich in der Szene nicht mehr so richtig zu Hause.
Du bist also ein ziemlich altmodischer Mensch, was Musik betrifft?
K.P.: Würde ich sagen, ja, haha. Und ich bin stolz drauf. Aber es gibt trotzdem neue Bands, die ich mag, wie zum Beispiel SHADOWY MEN ON A SHADOWY PLANET, POPULÄR FACT und CRACKERBASH. Dabei kannte ich CRACKERBASH vor unserer Europatour gar nicht, finde sie aber jetzt total gut. Dabei hätte ich mir von denen garantiert niemals ein Platte gekauft, denn es gibt so unendlich viele schlechte Bands und ich kaufe nicht mehr viele Platten. Aber wenn du auf Tour bist, triffst du oft auf Bands, die du sonst nie getroffen hättest.
Bill: Was Kurt so meinte, wegen altmodisch sein und so, sehe ich genauso. Gleichzeitig ist es aber so, dass es wohl tatsächlich mal eine Zeit gab, wo die Szene viel liberaler war und jeder "Mitglied" werden konnte und man nicht irgendwelche Grundanforderungen erfüllen musste.
Ich verstehe schon, was du meinst, aber gleichzeitig besteht bei solchen Äußerungen die Gefahr, dass es so klingt wie: "Damals, in der guten, alten Zeit, war alles viel besser". Man neigt doch dazu, die Vergangenheit zu glorifizieren. (Allgemeine Zustimmung)
K.P.: Da gebe ich dir vollkommen recht, denn auch heute gibt es so viele geniale Bands. Wir wollen also wirklich nicht so erscheinen, als ob wir nur in der Vergangenheit leben.
Bon: Das ist auch der Grund, weshalb ich mit diesen Garage-Fans Probleme habe. Natürlich, ich stehe auch auf diese Bands, aber diese Typen sind wirklich in den Sixties steckengeblieben: Die hören nur solche Musik, tragen nur solche Klamotten und versuchen, wie in den Sixties zu leben. Aber Scheiße, ich bin in den Sixties aufgewachsen und ich kann wirklich darauf verzichten. Diese Typen sind vielleicht 1970 geboren, was wissen die denn von den Sixties? Hey, wir leben jetzt! Es gab natürlich ein paar gute Sachen an den Sixties, aber wenn ich mir denke, dass es damals für eine Frau so gut wie unmöglich war, in einer Rock’n´Roll-Band zu spielen, dann bin ich heilfroh, dass diese Zeit vorüber ist.
K.P.: Es ist auch total lächerlich, wie diese Garage-Fans sich an einzelnen Jahren festsaugen. Von '64 bis 70 hat sich die Szene komplett verändert, aber diese Typen hören ausschließlich Musik im, sagen wir mal, '67er-Stil. Das ist total lächerlich. Und wenn wir auf Tour sind, dann quatschen uns diese Typen ständig voll, und sobald die den Mund aufmachen, kann ich dir genau sagen, welche Bands sie gut finden... Natürlich sage ich ihnen sowas nicht ins Gesicht, denn sie mögen uns und ich mag ihre Musik ja eigentlich auch, aber es ist halt doch irgendwie lächerlich.
Bon: Und so einfach es ist, alle ätzenden Bands auf zu zählen, die es heute gibt, so muss ich auch zugeben, dass wir auf Tour immer wieder so geniale, neue Bands treffen, wie z.B. in Providence, Rhode Island BOSS FUEL, die einfach großartig waren.
Was sind denn eure Pläne für die Zukunft? Bis zur Rente in GIRL TROUBLE spielen?
K.P.: Vielleicht sollten wir uns noch mal über die NIRVANA-Option unterhalten…
Bon: Wir werden uns in nächster Zeit ein bisschen mit Video beschäftigen. Wir haben uns da mit so einem Typ in Seattle unterhalten, der demnächst mit uns ein Video drehen wird.
GIRL TROUBLE auf MTV??
K.P.: Klar, in "Heavy Rotation“.
O.k., dann vergesst mich bitte nicht, wenn ihr reich und berühmt seid.
K.P.: Äh, nun... Wie war doch gleich dein Name? Wir überlegen uns ehrlich gesagt schon, ob wir nicht mit HELMET auf Tour gehen sollen.
Bon: Und ich behaupte dann, dass ich AC/DC schon immer großartig fand.
Was habt ihr denn für Jobs, die ihr dann aufgeben könntet?
Bill: Ich bin ein Goldschmied.
Bon: Dale und ich arbeiten bei einem Gitarren-Fachmagazin. Das ist ein ziemlich cooler Job.
K.P.: Ich bin ein Repo-Man. Ich muss Kühlschränke, Mikrowellenherde und Waschmaschinen wieder zurückholen, wenn die Leute die Raten nicht mehr bezahlen können.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #16 I 1994 und Joachim Hiller