
Die erste GAB-EP „Nineties vs. Eighties" mit sechs Songs von '90 dürften wohl die meisten Leuten kaum wahrgenommen haben, obwohl sie musikalisch irgendwo Washington-typisch war, aber nicht das entscheidende Dischord-Etikett aufweisen konnte. Trotz aller FUGAZI-Zitate und Verweise auf die eigene Vergangenheit, war diese Platte ein seltsamer Bastard, dessen Seite A von der mittlerweile festen GAB-Besetzung stammte - Eli Janney, Alexis Fleisig , Scott Mc Cloud, Johnny Temple -, während auf der B-Seite Janney und Mc Cloud, zusammen mit Brendan Canty (FUGAZI), ein sehr rhythmisches Gemisch aus Funk- und Rap-Elementen produzierten. Ungewöhnlich für eine Band aus dem Hardcore-Umfeld war auch von Anfang an der unkonventionelle Umgang mit moderner Technik-Sampler und Keyboards. Mich erinnerte dieses unheimlich „ groovende" (bescheuertes Wort, aber trifft den Nagel nunmal genau auf den Kopf) Gemisch immer an ältere MINISTRY-Sachen, die trotz aller Industrial-Elemente gekonnt die Kurve zu total eingängigen Pop-Songs kriegten; wobei man sich Pop in diesem Zusammenhang in Anführungszeichen denken muss. Weitere Attribute wären hypnotisch, beschwörend, monoton, drohend und sexy. Einen gewohnt bescheuerten Begleittext für diese Platte steuerte Ian F. Svenonius von NATION OF ULYSSES bei. Bei „Tropic Of Scorpio", der ersten richtigen LP von '92, blieb das Grundkonzept dieser Band erhalten, mit dem Unterschied, dass man diesmal mit Jazz-Einflüssen herumexperimentierte. Hardcore/Punk spielte hier eh immer nur eine untergeordnete Rolle. Die beiden ersten, verhältnismäßig minimalistischen Platten erschienen bei Adult Swim, einem Label, das wohl allein von Jeff Nelson betrieben wird. Auf der neuen Platte „Venus Luxure No.1 Baby", die auf Touch & Go erschien, schließt sich der Kreis der Identitätsfindung. GAB haben sich irgendwo dem Härtegrad ihrer Label-Kollegen angepasst, hören sich dabei das erste Mal richtig dicht und vor allem komplett an, und sind hier ihren Wurzeln näher, als zu ihrer Anfangszeit. Bestimmt eine der Platten 1993. Im Fritz, in Essen, konnten wir uns von Live-Qualitäten dieser Band überzeugen, die auf einem Flyer mit „Dischord, Washington" angekündigt wurden, eine ähnliche Fehlinformation , wie der gesamte, schwer konfuse Waschzettel von EFA. Der Preis für die dümmste Frage des Abends ging dann an einen der ersten Konzertgänger, der da sagte: „Spielt heute Abend die Band mit dem „Vuhgaatzi“-Musiker?" Das anschließende Interview führten wir mit Johnny Temple, Alexis Fleißig und Eli Janney zwischen Tellern von Lasagne und Spinat-Nudeln , im Hintergrund ständig der Höllenlärm der Fritz-Disco. Scott Mc Cloud durfte in der Zwischenzeit ein Interview mit einem Fanzine führen, wo ich immer sehr viel lachen muss, wenn ich den Namen höre (SACKHAARE? SACK-KARRE?), sonst hätten wir 3/4 der ehemaligen SOULSIDE-Besetzung plus Produzent am Tisch sitzen gehabt. SOULSIDE nahmen zwischen '87 und '89 zwei sehr gute LPs für Dischord auf, die es mittlerweile komplett auf einer CD gibt, aber nur begrenzt mit dem heutigen GAB-Sound vergleichbar sind.
Auf dem Infoblatt zu eurer neuen C D sind so viele Ex-Bands aufgeführt. Könnt ihr das mal etwas genauer erklären?
Johnny Temple: That's a bunch of bullshit! Drei von uns waren früher in der Band SOULSIDE, und Eli ist „studio producer", der schon einige Bands produziert hat (siehe Dischord-Backcatalogue). (Kollektives Begutachten des Waschzettels). Die einzige Band in der jeder von uns mal Mitglied war, die eine Menge getourt und Platten gemacht hat, war SOULSIDE. Viele Leute sind etwas verwirrt, weil Eli eine Menge Bands produziert hat. Die Leute denken, er wäre auch Mitglied dieser Bands gewesen, aber das war er nicht - er hat mit ihnen nur im Studio zusammengearbeitet.
Zwischen SOULSIDE und GIRLS AGAINST BOYS besteht doch musikalisch ein großer Unterschied. Wie kam es zu diesem Wechsel?
J.T.: Der musikalische Wechsel war das Ergebnis unseres persönlichen Wachstums. Mehr Jahre unseres Lebens gelebt haben, den verschiedensten musikalischen Einflüssen ausgesetzt sein, bestimmte Musik satt haben und dafür andere Musik entdecken.
Ich habe den Eindruck, dass SOULSIDE irgendwie melodischer waren. Nicht. dass GAB unmelodisch wären, aber sie sind insgesamt eher „noisy" und intensiver.
Eli Janney: Ich glaube, nachdem wir: „Tropic Of Scorpio" aufgenommen hatten, anschließend dann auf Tour gingen und diese Songs während der Tour spielten, gingen wir dazu über, mehr„noisy music" zu machen. Wir sind auch stark von New Yorker Bands beeinflusst, weil wir jetzt selber dort leben. Wir fingen an mit „different noises" zu experimentieren und solchem Zeug. So kam es zu diesem Wandel. Es war das, was wir zu einer bestimmten Zeit musikalisch tun wollten.
Warum waren GAB nie auf Dischord?
E.J.: Weil sie nicht in D.C. leben. Dischord bringt nur Platten von Bands heraus, die auch in D.C. leben.
Trotz aller Härte habe ich eher den Eindruck, dass ihr unterschwellig eher eine Pop als eine Hardcore-Band seid.
E.J.: SOULSIDE haben viel mit anderen Hardcore-Bands zusammengearbeitet. Ich denke, dass wir einfach das Gefühl hatten, von dieser Art Musik genug zu haben. Ich glaube nicht, dass wir wirklich eine Pop-Band sein wollen, wir wollen einfach verschiedene Arten von Musik machen. Wir fingen an, das zu machen, worauf wir gerade Lust haben. Wir wollen nicht grundsätzlich sagen, dass es nur eine bestimmte Art Musik gibt, die wir spielen können, sondern wir wollen sagen, dass wir alles spielen können, was wir wollen. Wir sitzen alle zusammen in einem Zimmer , schreiben und machen diese Musik. Was dabei herauskommt, und was wir mögen, das behalten wir. Wir versuchen nicht zu sagen, dass wir Pop-Musik oder Hardcore spielen müssen. Wir können einfach alles mischen und machen was wir wollen.
GAB machen also etwas Anderes als das, was man als typischen Hardcore bezeichnen würde. Ihr benutzt aber trotzdem den Begriff Hardcore dafür. Wie seht ihr dazu?
E.J.: Ich denke, dass das ein Einfluss ist. Wir haben Hardcore gemacht und wir sind fertig damit. Wir haben Hardcore gemacht und jetzt machen wir Rock. Aber es sind immer noch Elemente (Hardcore) davon enthalten. Wir haben lärmige, schnelle Teile. Es ist alles mit eingearbeitet und zusammengemischt. Wir versuchen einfach, eine andere Art von Musik zu machen.
J.T.: Der Hardcore, den wir spielen, ist eher begrenzt, weil er an sich Art von sehr direkter Musik ist. Hardcore benutzt meist einen schnellen Rhythmus. Der letzte Song, den wir heute Abend gespielt haben war ein schneller Song, aber wir mögen es genauso, sehr langsame Songs zu spielen.Ich glaube nicht, dass wir uns, wie sonst üblich, in ein Genre einfügen könnten. Wir bedienen uns verschiedener Genres, weil wir uns nicht selbst begrenzen wollen.
Welcher verschiedener Genres bedient ihr euch denn? Es gibt Leute, die euch als "MELVINS light" bezeichnen... (Allgemeines Herumdiskutieren)
E.J.: Wir würden uns selber als Psycho-Noise-Jazz bezeichnen. Ich weiß auch nicht. Es ist grundsätzlich ein blödes Spiel, sich selber einordnen zu müssen.
J.T.: In England hat man uns als Post-SUEDE bezeichnet.
E.J.: Meinst du, dass hier viele Leute Touch & Go-Records und Bands wie JESUS LIZARD kennen?
JESUS LIZARD sind hier ziemlich beliebt.
E.J.: Wirklich? Wir haben mit ihnen in England gespielt, ein großes, ziemlich verrücktes Konzert vor 1.600 Leuten. Das hat ziemlich Spaß gemacht. Die Leute glauben immer, wir wären auf Dischord.
Dischord, Washington!?
E.J.: Oh, ja! Wir sind aus Dischord in Washington (Gelächter). Aber wir sind auf Touch & G o und leben in New York.
Warum seid ihr nach New York gezogen?
J.T.: Wir wollten nicht unser ganzes Leben am selben Ort verbringen. Wir wollten uns, wie bei der Musik, auch hier nicht einschränken.
Was haltet ihr davon, dass die Musik, die eine Band spielt, immer mit der Stadt in Verbindung gebracht wird, in der sie lebt?
J.T.: Es ist wahr, weil New York und Washington eine total unterschiedliche Atmosphäre haben. Washington ist eine sehr kleine Stadt.
Jeder kennt jeden?
J.T.: Ja, in New York bist du total entfremdet. Jeder ist völlig mit sich selber beschäftigt. Das musst du auch, weil da so viele Menschen leben. Du kannst dir nicht um diese Menschen Sorgen machen, du musst dich um dich selber kümmern. Du läufst irgendwie herum und versuchst die Welt auszuschließen, aber ständig dringt dieses beschissene Chaos in dich ein. Wenn du dein Instrument nimmst, musst du deshalb heftig das Distortion-Pedal treten, damit es auch schön lärmig wird.
Eure Keyboards klingen reichlich unkonventionell, weil man kaum erkennt, dass es sich um Keyboards handelt. Sie klingen fast wie Gitarren. Wie kommt das? Die meisten Leute haben wohl eher Vorurteile, was Keyboards betrifft.
E.J.: Wir mögen einfach Keyboards. Right, guys?
Alexis Fleisig: Bei vielen Shows, bei denen die Leute nicht wussten, wer wir sind. Die kamen rein, sahen Elis Keyboards und fingen an zu meckern. Diese Leute sind ziemlich blöde.
J.T.: Ja, sie gingen wieder raus und wollten ihr Geld zurück.
E.J.: Es ist irgendwie hart. Die meisten Leute im Rock und besonders im Punk/Hardcore hassen Keyboards. Und da komme ich mit meinen Keyboards und es macht auf gewisse Weise Spaß, weil ich es mag und ich mag die Art von Musik, die wir machen. Es ist cool Leute zu sehen, die zuerst Uber die Keyboards lästern, und dann nachdem wir zu spielen angefangen haben, sagen sie: „Oh, that sounds great. He's smashing it. he's smashing it! That's cool!“
NEUROSIS setzen Keyboards ähnlich unkonventionell ein, was mir auch sehr gut gefällt. Ich musste nach ihrem "Souls At Zero"-Album meine Meinung über Keyboards revidieren.
J.T.: Wir haben schon mit NEUROSIS zusammengespielt. Es ist sehr interessant, was sie mit Keyboards machen, sehr atmosphärisch.
Seht ihr irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen euch und NEUROSIS?
J.T.: Wir beide machen schon eine ziemlich lange Zeit Musik. Wir haben schon vor langer Zeit als SOULSIDE mit ihnen zusammen gespielt. Wir sind beide irgendwie „heavy" und monoton, aber ihre Songs sind zehn mal so lang wie unsere (Es folgt eine sehr authentisch klingende Gesangsprobe a la NEUROSIS).
Was macht ihr sonst so in New York? Habt ihr irgendwelche Jobs?
J.T: Wir haben alle normale Jobs. Ich bin Sozialarbeiter.
A.F.: But that's not a regular job! Ich arbeite bei einer „graphics-company“. E.J.: Engineering and producing, that's my job.
J.T.: Scott fährt mit einem Truck Filmausrüstung durch die Gegend.
A.F.: Er ist ein Mädchen für alles.
Sind NATION OF ULYSSES Freunde von euch?
A.F.: Wir haben ihnen alles beigebracht, was sie wissen.
J.T.: Eli hat ihre erste Platte produziert und war der Hauptverantwortliche für ihren Sound. Ich würde nicht grundsätzlich sagen, dass sie uns kopiert haben, aber da sind doch einige unsere Einflüsse vorhanden.
E.J.: Ihr müsst nicht alles glauben, was er sagt.
J.T.: Tatsächlich waren sie, als wir anfingen, über ein Jahr stilistisch ein wirklich großer Einfluss für uns. Ich denke, „Tropic Of Scorpio" hat deutliche NOU-Einflüsse.
“Tropic Of Scorpio" war ein eher minimalistisches Album.
E.J.: Das neue Album ist sehr dicht, sozusagen „maximalistisch"!
Was ist mit den seltsamen Texten im „Tropic Of Scorpio"-Booklet?
E.J.: Wir entschieden uns, nicht die Texte abzudrucken, sondern stattdessen etwas über die Gefühle zu schreiben, die wir haben und über die Ideen des Albums, aber auf eine andere Art. Manche Dinge waren dabei eher humorvoll. Wir sind die lustigste Band auf Touch &Go.
Eure Platten sind sehr rhythmisch, „groovy". Woran liegt das?
J.T.: Eine mögliche Erklärung ist, dass wir einen sehr guten Drummer haben, denn dann hast du auch einen Groove.
E.J.: Wir mögen Reggae ziemlich.
J.T.: Wenn du Hardcore nimmst, der nur einen harten Beat hat, aber keinen Groove, dann hast du zwei mögliche Richtungen dort herauszuwachsen. Du hast einmal den Groove, der eher von afrikanischen Einflüssen abstammt, und den aus der klassischen Rockrichtung. Viele D.C.-Bands haben eher Sinn für Soul-Music.
E.J.: Der Rock'n'Roll stammt ja vom Blues ab, und auch vom Soul. Das ist sehr populär in Amerika und deshalb ist es auch ein Einfluss für viele amerikanische Bands, besonders in Washington. Viele unsere Freunde hören Soul-,Funk- und Rap-Musik, die einen Beat, einen Groove hat.
J.T.: Die USA, besonders die Großstädte sind kulturell sehr unterschiedlich, im Gegensatz zu europäischen Städten. Wir sind in Washington aufgewachsen, wo 70% der Bevölkerung Schwarze sind. Wenn du das Radio anmachst, hörst du mehr „schwarze" als „weiße" Musik. Es umgibt dich dort stärker.
Wie kamt ihr von Adult Swim nach Touch &Go?
J.T: Adult Swim besteht nur aus einer Person: Jeff Nelson, der auch neben Ian Mac Kaye Dischord-Records betreibt. Es ist mehr ein Projekt als ein Vollzeitjob für ihn. Wir brauchten ein stärkeres Label mit besserem Vertrieb und Touch & Go war an uns interessiert, weil der Typ der Touch & Go betreibt, ein alter SOULSIDE-Fan ist. Wir wollten wirklich gerne auf Touch & Go sein, und so fragten wir Jeff, was er davon hält, und er meinte, es sei o.k.
Wie bekannt seid ihr in den USA?
J.T.: Wir wissen nicht, wie bekannt wir sind. Wir haben ein Menge Platten verkauft, aber wenn wir auf Tour gehen, begleiten wir immer „größere" Bands. Bevor wir auf Touch & Go waren, haben wir nie eine Tour alleine gemacht, so ist es sehr schwer zu sagen. Unsere Popularität in den USA steigt auf jeden Fall.
Ihr habt überhaupt keine Roadies dabei?
E.J.: Kein Roadie, kein Fahrer, kein Tour-Manager. Wir machen alles alleine. Das ist sehr wichtig für uns.
J.T.: Wir mögen es, uns selbst zu managen. Es ist schwierig, weil es schön ist, jemand zu haben, der all die Arbeit macht. Wen wir gerne dabei hätten, wäre jemand für den Sound. Das wäre sehr wichtig für uns, und jemand, der die T-Shirts verkauft und dabei hilft, die Ausrüstung abzuladen. Aber wir haben kein Geld - insofern können wir es uns nicht leisten, jemand anzuheuern. Wir waren schon mal als SOULSIDE hier und einmal mit GAB - so ist es etwas einfacher, wenn wir durch die Gegend fahren. Wir wissen, wie bestimmte Orte aussehen, da wir schon mal da waren. Das hilft uns ein bisschen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #16 I 1994 und Thomas Kerpen