GITS

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Viva Mia Zapata!

Wer von Deutschland aus schon Anfang der 1990er aktiv die US-amerikanische Punk-Szene verfolgte, stieß mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf THE GITS aus Seattle. Was relativ einfach war, denn ihr Label C/Z Records, ebenfalls in der sich gerade erst zum Zentrum des Grunge-Hype entwickelnden Stadt ansässig, war hierzulande gut vertrieben und THE GITS wie ihre Freund:innen und Labelmates 7 YEAR BITCH und HAMMERBOX begeisterten viele.

Ihr Debüt „Frenching The Bully“ veröffentlichten THE GITS 1992, drei Jahre nachdem sie nach der gemeinsamen Zeit an der Kunsthochschule Antioch College in Ohio zusammen an die Westküste gezogen waren, um die 1986 gegründete Band einen Schritt weiter zu bringen. Die Reaktionen auf das Debütalbum waren euphorisch, Musik aus Seattle boomte, die Band hatte eine große Zukunft vor sich und arbeitete an ihrem zweiten Album, als Sängerin Mia Zapata am 7. Juli 1993 nachts auf dem Nachhauseweg vergewaltigt und ermordet wurde. Es war vorbei, bevor es richtig begonnen hatte, die Freund:innen und die weltweite Szene waren im Schock und in Trauer. Mit „Enter: The Conquering Chicken“ erschien 1994 ein aus Fragmenten bestehendes zweites Album. Joe Spleen (gt), Matt Dresdner (bs) und Steve Moriarty (dr) riefen die Nachfolgeband DANCING FRENCH LIBERALS OF ’48 ins Leben und tourten 1995 zusammen mit Joan Jett unter dem Namen EVIL STIG, um THE GITS-Songs zu Ehren von Mia live zu spielen. Anlässlich einer Rerelease-Kampagne von Sub Pop Records, in deren Rahmen alle Platten digital (wieder) verfügbar gemacht wurden und „Frenching The Bully“ als LP und CD neu aufgelegt wurde, waren Andy Kessler (gt, nannte sich damals Joe Spleen) und Matt Dresdner (bs), die beide bis heute in Seattle wohnen, zu einem Interview bereit.

Ihr seid 1989 gemeinsam als Band nach Seattle gekommen. Seitdem sind 35 Jahre vergangen, in denen sich die Stadt radikal verändert hat. Wie habt ihr diese Veränderung erlebt, von der Stadt, in die ihr als junger Musiker gekommen seid, hin zu der Stadt, die Seattle heute ist?
Andy: Diese Stadt ist in vielerlei Hinsicht ein schrecklicher Ort geworden. Meine Antwort ist also ganz klar negativ. Sie hat nur noch wenig gemein mit der Stadt von damals, abgesehen von den geografischen Aspekten. Ich bin nicht gerne hier. Ich hoffe, dass ich bald wegziehen kann.
Matt: Ich sehe das etwas weniger negativ als Andy. Als wir 1989 hierher zogen, kam uns Seattle wie eine sehr kleine Großstadt vor, und es war wirklich bezahlbar. Die wirtschaftliche Lage war nicht gut damals, es war schwierig, Jobs zu finden, aber man konnte einen Job im Dienstleistungssektor bekommen, etwa in einem Restaurant, und genug Geld für die Miete und den Proberaum zu verdienen. Es war für uns also ein großartiger Ort, um einen Großteil unserer Zeit der Musik oder Kunst zu widmen. Und es gab hier viele andere Leute, die das Gleiche taten. Es gab viel positive Energie in der Kreativ-Community, vor allem, denke ich, weil das Leben hier bezahlbar war. Andy und ich kommen beide ursprünglich von der Ostküste, aus dem Raum New York, und Seattle war im Vergleich dazu ein sehr überschaubarer Ort. Im Laufe der Jahre ist die Stadt sehr gewachsen und der Einfluss der Technologiebranche hat definitiv die Atmosphäre verändert. Heute fühlt es sich überfüllt an und man weiß, dass es für junge Leute nicht mehr erschwinglich ist.
Andy: Nicht nur für junge Leute. Ich kann mir das Leben hier selbst kaum noch leisten. Aber das trifft auf die meisten großen Städte in den Vereinigten Staaten zu.
Matt: Ja, vielleicht ist das nicht nur in Seattle so, aber es ist immer noch ein geografisch absolut atemberaubender Teil der Welt, es gibt viel Natur und Wasser und Berge drumherum, und diesen Aspekt liebe ich immer noch.

Wie war euer Leben damals in Seattle, Ende der 1980er, Anfang der 1990er? Was für Jobs hattet ihr, wie habt ihr euch als Neuzugezogene in die junge Szene dort eingefunden?
Andy: Es war damals total normal, dass junge Menschen, die in Bands spielten, in der Gastronomie gearbeitet haben.
Matt: Jobs, bei denen du auf Tour gehen und zurückkommen und einfach wieder anfangen konntest. Das waren kein karriereorientierten Jobs.
Andy: Für viele Leute waren das auch die einzigen Jobs, die sie bekommen konnten. So ein Job war normal, wenn das Spielen in einer Band Priorität hatte, und das war nicht nur in Seattle so. So landest du eben in einer Bar oder einem Restaurant oder etwas in der Art. Matt hat dann für eine Brauerei gearbeitet. Sehr wenige von uns hatten eine richtige Ausbildung oder spezielle Fähigkeiten in einem Beruf. Keiner von uns hatte einen Abschluss in Jura oder Medizin oder Ingenieurwesen oder Architektur oder verfolgte das. Also blieben Gastronomie und der Dienstleistungsbereich.
Matt: Das lief damals bei vielen Leuten, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatten, ganz ähnlich: Man hatte einen Freund, der irgendwo einen Job bekommt, dann holte der seine Freunde dazu und das wurde dann zu einem Knotenpunkt, etwa in einer Pizzeria. Es gab also eine Menge Networking unter Freunden.

Nun seid ihr als ganze Band nach Seattle gezogen, nicht individuell. Gab es also eine Art Plan, mit ein paar Freunden irgendwohin zu ziehen, um gemeinsam das zu tun, was man liebt?
Andy: Wir sind mit einer Gruppe von Freunden hierher gezogen, die auch eine Band hatten, und Matt und unser Schlagzeuger Steve Moriarty spielten parallel in dieser anderen Band namens BIG BROWN HOUSE. Und andere Freunde, die hofften, auch eine Band zu gründen, sowie noch ein paar weitere Leute, die keine Musik machten, kamen mit uns. Wir wollten durchaus an unserem Erfolg arbeiten. Wir hatten die vage Vorstellung, dass wir unser eigenes Plattenlabel gründen und unsere Platten selbst herausbringen könnten. Wir dachten, es wäre einfach, Gigs zu bekommen und Shows zu spielen. Mehr war da eigentlich nicht, nur der Wunsch, das zu tun, was man will, alles gar nicht ungewöhnliche Ideen junger Menschen.
Matt: Es gab schon eine Entscheidung und einen Plan. Als wir alle mit dem College in Ohio fertig waren, fühlten wir, dass die Band, die GITS, eine Energie und eine Chemie hatte, von der wir dachten, dass es das Potenzial gab, wirklich mehr daraus zu machen, außerhalb dieser College-Umgebung. Wir wollten sehen, ob wir eine richtige Band werden können, denn wir mochten die Musik, die wir machten. Ich selbst war ziemlich heiß darauf, ich liebte es einfach. Also überlegten wir, wohin wir zusammen gehen könnten, und Seattle war letztlich eine ziemlich willkürliche Wahl.

Gab es damals schon so einen gewissen Seattle-Hype, der euch angezogen hat? Ich will das G-Wort jetzt nicht verwenden ...
Andy: Nein, wir kamen vor alldem hierher. Ja, da liefen schon Sachen zu der Zeit, aber wir wussten überhaupt nichts davon. Letztlich mussten wir uns für Seattle oder Portland, Oregon entscheiden. Es hieß, dass Seattle die größere Stadt sei und wir deshalb vielleicht dorthin gehen sollten.
Matt: Wir waren vorher nie hier gewesen. Das „G-Wort“-Phänomen fing damals an, sich langsam zu entwickeln. Ich glaube nicht, dass der Begriff damals schon geprägt war. Aber es gab da keinen Buzz oder so, das war lange vor dem Aufkommen des Internets. Wir kamen in der Stadt an, als das mit dem „G“ gerade anfing, sich auszubreiten, und es war ein paar Jahre, bevor es diese globale Präsenz entwickelte. Ich denke, es war eher Zufall.
Andy: Es war Bestimmung oder Schicksal, was uns zusammengeführt hat. Wir wussten nicht, dass das passieren würde, weißt du.

Das waren auch die Anfangstage des Ox, und für uns war diese Musik aus Seattle eben ... Punk. Und als andere später andere Begriffe dafür hatten, reagierten wir darauf eher mit Schulterzucken. Aber wie habt ihr als Neuankömmlinge Kontakt zur lokalen Szene geknüpft?
Andy: Drei oder vier Monate nach unserem Umzug hierher haben wir uns zu sechst oder siebt ein Haus gemietet. Und dann haben uns die Freunde, die handwerklich begabt waren, einen Proberaum im Keller des Hauses gebaut. Wir haben uns den mit Freunden geteilt, die auch Bands gegründet hatten. Teilweise waren es vier Bands, die an verschiedenen Wochentagen bei uns probten. Es wurde also fast jeden Abend stundenlang geprobt. Das Haus war alt, ziemlich hellhörig und nicht besonders schalldicht. Wir hatten das Glück, schon sehr früh ein paar extrem coole Leute kennenzulernen, die hier aufgewachsen waren und in der Underground-Musikszene an der gesamten Westküste gut vernetzt waren. Eine war eine Gitarristin namens Stefanie Sargent [7 YEAR BITCH], mit ihr haben wir uns sehr gut verstanden. Und ein anderer war ein Typ namens Tommy Bonehead [Tommy „Bonehead“ Simpson, u.a. LOVE BATTERY, ALCOHOL FUNNYCAR], ein toller Typ. Wir haben uns mit diesen Leuten angefreundet, dann haben wir andere Bands kennengelernt, mit denen wir in den gleichen Bars abhingen. Es war damals eine ziemlich kleine Szene.
Matt: Es gab nur ein paar Bars in der Stadt, in die Leute wie wir gehen konnten, und es gab nur ein paar Musikclubs, in denen sie Bands eigene Musik spielen ließen, also nicht nur Coverbands. Es war also eine ziemlich kleine Community. Die Leute in diesen Bands landeten also an den meisten Abenden in denselben Läden und mit der Zeit ging man einfach hin, um sich anzusehen, welche Band gerade spielte, und so lernten wir ziemlich schnell neue Leute kennen.

Es geht auch bei Bands immer um ein gewisses Selbstvertrauen. Wusstet ihr, was ihr an eurer Band und eurer außergewöhnlichen Sängerin habt? Und wolltet ihr das bewusst in die Welt hinaus tragen? Oder ist es etwas, das man im Nachhinein erkennt?
Andy: Oh, absolut. Schon als wir 1986 anfingen, da waren wir 19, wussten wir das.
Matt: Ja, ich stimme Andy zu, mit einer kleinen Einschränkung. Schon als wir anfingen, war da eine gewisse „Chemie“ spürbar und machte uns süchtig. Ich fand das, was wir da machten, war etwas ganz Eigenes. Ich hatte nie die Erwartung, dass der Rest der Welt es versteht, aber ich hoffte es. Wir machten die Musik, die ich hören wollte, und es erschien mir ziemlich außergewöhnlich. Als wir anfingen, eine kleine Fangemeinde in Seattle und an der Westküste zu gewinnen, fühlte es sich wirklich gut an, dass die Leute darauf standen. Dass jetzt, 35 Jahre später und 31 Jahre nach Mias Tod, die Leute unsere Musik immer noch hören wollen und sie sich immer noch „relevant“ anfühlt, das ist für mich erstaunlich. Es ist nicht überraschend, aber erstaunlich.
Andy: Ich wusste von Anfang an, dass die Band etwas Besonderes ist.

Angesichts der digitalen und physischen Neuauflage eurer Musik werden viele Leute über eure Band berichten und auch wieder über Mia. Und es wurde über die Jahre schon viel über eure Band geschrieben. Wie geht es euch mit dieser Perspektive von Leuten, die Mia wahrscheinlich nie getroffen und die Band nie live gesehen haben? Ich denke, ihr wisst besser, wie es, wie sie wirklich war und habt eine andere Sichtweise darauf.
Andy: Das ist ein guter Punkt. Vieles wurde geschrieben, was nicht korrekt oder sogar falsch war. Aber so ist es nun mal, wenn Leute sich äußern, die nicht dabei waren.
Matt: Es ist gut, dass wir dieses Interview machen. Andy und ich haben in den letzten 25 Jahren nicht wirklich öffentlich über Mia oder die Band gesprochen. Wir fangen gerade erst damit an und finden heraus, wie es uns damit geht. Das hier ist das dritte oder vierte Interview, das wir dazu geben, und über all das zu sprechen ist schwer. Es ist frustrierend, wenn Leute über die Band schreiben und etwas falsch verstehen. Aber wir haben jetzt die Chance, unsere Sicht in die Welt hinauszutragen. Wir wollen zeigen, dass es dabei um die Musik geht und nicht um Mias Tod. Das ist eine Chance, über die ich mich wirklich freue. Und hoffentlich können wir das Narrativ damit verändern, also dass es um die Band, die Musik und darum geht, wie Mia als Sängerin, Songwriterin und Performerin war.

Bitte erzählt uns von eurer Sängerin. Was für ein Mensch war sie?
Matt: Mia war ein sehr freundlicher, aufgeschlossener, liebenswerter Mensch, unglaublich talentiert in bildender Kunst, Musik und Schreiben. Sie hatte einen wundervollen Humor und war eine treue Freundin. Sie hatte, wie viele von uns, ihre Probleme und Sorgen, aber immer wenn einer von uns eine schwere Zeit durchmachte, war Mia die erste Person, an die wir uns wandten.

[Beiden versagt an dieser Stelle die Stimme.]
Es tut mir leid, dass ich das angesprochen habe. Ich ahne, dass es schwer sein muss, über sie zu reden.
Matt: Nein, es ist okay. Das gehört dazu. Wir hatten uns darauf vorbereitet.

Andy: Mia war eine komplexe Person, sie hatte verschiedene Seiten. Sie war sehr lustig, hatte einen großartigen Sinn für Humor. Sie hatte ihre ganz private Seite, konnte aber auch sehr extrovertiert wirken ... Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll ...
Matt: Sie verbrachte viel Zeit damit, in ihr Tagebuch zu schreiben und zu zeichnen. Viele ihrer Texte entstanden aus dem, was sie in solchen Momenten festhielt. Und wie Andy schon sagte, sie konnte extrovertiert wirken. Wir gingen aus, wir tranken, wir sagten: „Let’s go rage!“ Lass uns loslegen! Wir ließen unserer Frustration, unserem Ärger oder unserer Ausgelassenheit freien Lauf. Und wenn Mia dann auf der Bühne stand, explodierte sie geradezu. Es war nicht so, dass sie eine Bühnenpersönlichkeit hatte, die aufgesetzt gewirkt hätte. Sie hat einfach diese Gelegenheit genutzt, um diese andere Seite von sich zum Vorschein zu bringen. Wenn wir gut eingespielt waren, machte es bei uns auf der Bühne einfach klick und wir agierten wie eine Einheit. Es war erstaunlich, wie dieser Teil ihrer Persönlichkeit all das, was wir musikalisch machten, irgendwie umfasste. Es war cool.
Andy: Eine Sache möchte ich hier loswerden: Sie war überhaupt nicht an politischen Themen interessiert, an der Geschichte der lateinamerikanischen Revolution oder irgend so etwas. Andere Leute waren vielleicht an diesen Themen interessiert, aber sie nicht. Und auch nicht daran, eine feministische Ikone zu sein.
Matt: Ja, vieles davon wurde ihr nach ihrem Tod angehängt.
Andy: Das waren die Interessen anderer Leute, aber sie interessierte sich nicht dafür oder nur marginal. Sie interessierte sich offensichtlich sehr für Menschen und ihre Probleme. Sie interessierte sich sehr für viele Arten von Kunst und verschiedene Musikstile, sie war sehr aufgeschlossen. Wenn man ihr klassische Musik vorspielte, etwa Musik der Zweiten Wiener Schule, dann hörte sie wirklich aufmerksam zu. Oder bei Jazz – sie war sehr offen für vieles. Ein Beispiel dafür, wie sie war: Als wir mal zusammen rumhingen, sagte sie, sie freue sich darauf, eine alte Frau zu sein: „Wenn ich alt bin, will ich nur ein Häuschen auf dem Land mit einem Ehemann und einem großen Schäferhund und einfach nur abhängen.“
Matt: Ja, sie wollte einfach nur in einem Schaukelstuhl auf der Veranda ihrer Waldhütte abhängen: „I can’t wait to be an old lady!“
Andy: Sie war in dieser Hinsicht sehr bodenständig. Sie lief nicht herum mit einer Attitüde wie „Ich bin die Punkrock-Poetin!“ oder so etwas in der Art. Sie erzählte Leuten nicht einmal gerne, dass sie in einer Band war. Sie hat mit anderen sowieso nicht über sich selbst geredet. Sie war oft sehr für sich, aber sie hatte natürlich auch eine ziemlich extreme Seite, wie Matt schon sagte.

War sie so eine Art Bandleaderin? Oder wart ihr eher so was wie ein Kollektiv?
Andy: Nein, wir waren auf jeden Fall eher ein Kollektiv, wir haben über alles abgestimmt. Jeder hatte sein Spezialgebiet, was für die Band sehr gut funktionierte, aber da gab es keine Regeln oder so. Aber sie war die Frontfrau und hat alle Texte und Gesangsmelodien geschrieben und auch ein paar großartige Songs.
Matt: Ja, es war sehr gemeinschaftlich. Andy war für das Musikalische zuständig, Mia für die Texte, ich für das Organisatorische, und später hat Steve viel vom Booking übernommen.
Andy: Wir haben über alles abgestimmt, was wir mit der Band machen wollen, welche Gigs wir spielen wollen. Ich war derjenige, der den Großteil der Musik geschrieben hat, nicht alles, und Mia hat so ziemlich alle Texte und die Gesangsmelodien geschrieben, aber Matt hat auch ein paar großartige Sachen geschrieben, ein paar unserer besten Songs stammen von ihm. Vieles ist in Zusammenarbeit entstanden.
Matt: Ich hatte eine Idee, habe sie eingebracht und Andy hat dann einen Song daraus gemacht.
Andy: Wir waren immer arbeitsteilig organisiert. Es gab also keinen Anführer, aber jeder hat sich auf seinen Bereich spezialisiert. Aber natürlich war Mia die Person vorne auf der Bühne und damit immer am sichtbarsten.

Ihr erwähntet eben den Aspekt, dass Mia später die Rolle einer feministische Ikone zugeschrieben wurde. Und THE GITS waren damals, Anfang der 1990er, auch eine Band die man – auch hier im Ox – ohne böse Hintergedanken mit „female-fronted“ beschrieben hat, was heute als nicht mehr akzeptabel gilt, Stichwort: „female-fronted is not a genre“. Wie war die Wahrnehmung von Mia und THE GITS damals, wie ist sie heute?
Matt: Auf mich wirkt das alles sehr albern. Einige der Genres, in die unsere Musik eingeordnet wurde, sind in Ordnung, aber im Grunde ist es egal. Weißt du, niemand von uns ging ja damals an die Bandgründung heran mit der Absicht, eine Band mit einer Sängerin ins Leben rufen zu wollen. Ich habe es getan, weil ich eine Band mit Mia gründen wollte, eben weil sie eine großartige Sängerin ist. Sobald wir dann angefangen haben, Konzerte zu spielen, wurden wir für Shows gebucht mit anderen Bands, die Sängerinnen hatten. Und ich dachte mir, was soll das? Warum ist das eine Kategorie? Es schien mir einfach nichts mit dem zu tun zu haben, was wir da machten, oder überhaupt von Bedeutung zu sein. Weil wir eine Sängerin hatten, galten wir als Riot Grrrl-Band oder so etwas. Na ja, wenn ihr meint ... aber eigentlich war es völlig bedeutungslos.

Sobald man als Künstler etwas in die Welt entlässt, nehmen die Leute es und machen etwas Eigenes daraus.
Matt: Ja, sicher. Und das ist ja auch das Schöne an jeder Art von Kunst. Die Leute können es interpretieren und daran anknüpfen, wie und was auch immer sie wollen. Aber es ist auch schön für uns, die Chance zu haben, zumindest erklären zu können, woher wir kommen.

Andy: Die Leute brauchen schnelle Beschreibungen und die Möglichkeit, etwas zu begreifen. Stichworte wie „girl singer“ und „punk rock“ sind da schnell im Spiel. Wir leben in einer Welt, in der die meisten Menschen nicht viel Zeit oder die Fähigkeit haben, sich tiefer in etwas hineinzuversetzen. Ich habe das selbst schon unzählige Male erlebt. Mein Freund arbeitet in einem großen Club hier in Seattle. Ich frage ihn: „Wer spielt denn heute, was für Musik machen sie?“ – „So eine Art Alternative Country, zwei Sängerinnen.“ Auch wenn es sehr oberflächlich ist, wenn du die Band nicht schon seit langem kennst, hilft das in dem Moment weiter. Wir haben als THE GITS manche Aspekte damals sehr ernst genommen und anderen Dingen nicht wirklich Aufmerksamkeit geschenkt. Vielleicht hätten wir das rückblickend gesehen tun sollen, aber es war uns egal. Zum Beispiel haben Matt und ich uns vor ein paar Tagen darüber unterhalten, wie sich eine Band kleidet, denn uns war es damals einfach egal.
Matt: Wir haben nicht einmal darüber nachgedacht.
Andy: Wenn wir einen Auftritt hatten, trugen wir das, was wir zuvor zur Arbeit getragen hatten. Wir haben nicht daran gedacht, die Gruppe visuell in irgendeiner Weise zu präsentieren. Und wenn uns jemand gesagt hätte, „Leute, ihr solltet mehr darüber nachdenken, wie ihr euch anzieht!“, hätte ich damals wohl „Fuck you!“ geantwortet. Ich hätte gedacht, dass über so was nachzudenken aufgesetzt und nicht authentisch ist. Warum sollte es mich interessieren? Wir wollten nur unser Ding machen und spielen. So war unsere Sichtweise. Wenn ich dann aber an einige meiner Lieblingsbands denke, an Bands, die mich beeinflusst haben, dann haben sie sich tatsächlich über ihr Aussehen Gedanken gemacht. Denk nur an RAMONES, SEX PISTOLS, CLASH, CRAMPS oder an THE BIRTHDAY PARTY. Ihr Look hatte eine enorme Bedeutung, er hat eine starke Wirkung, du kannst dein Aussehen nutzen, um dem Publikum ein starkes Erlebnis zu bieten. Matt und ich mussten darüber lachen, vielleicht hätten wir damals mehr darüber nachdenken sollen. Wir waren eben immer eher schluffig angezogen.

Wie kamt ihr auf das Thema?
Matt: Anlässlich der Rereleases sind zwei Videos erschienen, zu „Second skin“ und „Wingo Lamo“. Sie stammen aus dem Material des Films „Hype!“ von Regisseur Doug Pray. Wir sehen uns da also selbst auf der Bühne stehen und stellen fest, dass wir alle schwarze T-Shirts trugen. Meine Frau meinte, ihr seht wirklich gut zusammen aus. Dabei war es einfach ein totaler Zufall, dass wir bei dem Konzert das gleiche Farbschema hatten. Und da dachten Andrew und ich, wir hätten wahrscheinlich über solche Dinge nachdenken sollen.
Andy: Aber das haben wir nicht.

Nach dem Tod von Mia habt ihr als DANCING FRENCH LIBERALS OF ’48 weitergemacht. Wie kam es dazu?
Andy: Vieles im Kontext von THE GITS dreht sich darum, was hätte sein können, wenn nicht ... Es gab viel Potenzial. Wie du weißt, haben wir nur ein Album aufgenommen. Das zweite Album mussten wir aus verschiedenen Teilen zusammenfügen, weil wir gerade mitten in den Aufnahmen waren, als Mia starb. Einige der besten Songs kamen nicht auf das Album, denn Mia hatte den Gesang noch nicht final aufgenommen, da hatten wir die Vocals neu aufnehmen wollen, damit es noch besser wird. Wir haben das Glück, das zu haben, was wir haben, aber wenn alles glücklicher verlaufen wäre, hätten wir meiner Meinung nach viel mehr Platten von höherer Qualität gemacht und nicht nur die Sachen, die zusammengestückelt wurden wie zum Beispiel die „Kings & Queens“-Platte. Das war ein Tape, das wir 1988 live in einem kleinen Studio in Ohio aufgenommen hatten. Ich wollte die Aufnahme nicht veröffentlichen, ich fand sie nicht gut genug, es waren nur ein paar gute Sachen dabei. Wenn wir das hätten machen können, wozu wir meiner Meinung nach fähig gewesen wären, wäre alles ganz anders gelaufen. Und noch etwas, das ich für wichtig halte: Wir haben uns permanent verbessert, wir wurden alle ein, zwei Monate deutlich besser, hatten immer bessere Songs, wurden kreativer.
Matt: Die letzten paar Songs, die wir als Band geschrieben haben, waren ein Vorgeschmack darauf, dass wir dabei waren, etwas Neues und Aufregendes zu schaffen.
Andy: Es wurde immer besser und besser und es wäre so weitergegangen. Ich weiß das ganz sicher, nicht nur, weil ich selbst Musik schreibe. Mia hatte in den Jahren davor nicht viel Musik geschrieben, aber sie hatte gerade wieder damit angefangen. Sie zeigte mir einige Dinge, an denen sie bei ihrer Schicht in einer Pizzeria gearbeitet hatte, wo sie ein Klavier hatten. Ich habe sie dort in ihrer Pause getroffen und sie meinte, hör dir das an, ich arbeite wieder an ein paar Sachen, und es war wirklich gut, sie hatte wirklich schöne Ideen. Da war so viel Kreativität in ihr, und es ist aus so vielen Gründen eine schreckliche Sache, was dann passierte. Es ist wirklich schade ... zu wissen, was wir hätten tun können, wenn wir nur die Möglichkeit gehabt hätten, bessere Songs schreiben, bessere Aufnahmen machen.

Gibt es heute noch Musik in eurem Leben?
Andy: Ich höre viel Musik, aber ich habe das Gitarrespielen aufgegeben. Es ist etwa 30 Jahre her, dass ich ein bisschen gespielt habe, seitdem nur noch zu besonderen Anlässen oder so, aber ...
Matt: Bei mir ist es genauso.

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Mia Zapata
Die Frontfrau von THE GITS wurde am 25.08.1965 in Chicago geboren und am 07.07.1993 in Seattle ermordet. Selten hat ein Verbrechen nicht nur die lokale Szene, sondern auch ein weltweites Publikum so erschüttert wie dieses. THE GITS hatten damals gerade erst mit ihrem 1992er Album, das im Kontext der boomenden Grunge-Szene, aber auch von Bands mit prägnanten Frontfrauen wahrgenommen wurde, USA- und weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Und dann sickerte da in einer langsamen Welt vor dem Internet die Meldung durch, dass Mia ermordet worden war, nachts auf dem Nachhauseweg von der Kneipe. Es war der sie untersuchende Gerichtsmediziner, der sie identifizierte, weil er sie kannte. Sie war misshandelt, vergewaltigt und erwürgt worden, es gab keinen Tatverdächtigen und keine heiße Spur. Mit $70.000 Spenden aus der Musikcommunity von Seattle, unter anderem von NIRVANA, PEARL JAM und SOUNDGARDEN, wurde ein Privatermittler finanziert, der aber auch nichts zur Aufklärung beitragen konnte.
Der Femizid-Charakter der Tat trieb Freund:innen von Mia an, die Selbstverteidigungsgruppe Home Alive zu gründen, viele Bands und Musiker:innen halfen in der Folgezeit beim Fundraising, darunter Joan Jett, die mit den drei verbliebenen GITS-Mitgliedern als EVIL STIG Konzerte spielte. Mia Zapata wurde im Laufe der Jahre in vielerlei Weise medial verewigt. Sie und THE GITS sind in der Seattle-Grunge-Doku „Hype!“ (1996) zu sehen, 2005 erschien die Doku „The Gits“, 2013 wurde in Seattle das Theaterstück „These Streets“ aufgeführt. Es wurden wissenschaftliche Arbeiten über sie und ihren Tod geschrieben, der Mord in True Crime-TV-Sendungen und -Podcasts abgehandelt, und man kann sich kaum vorstellen, was all das mit den Menschen gemacht hat, die ihr nahe waren.
Auch diverse Bands trugen dazu bei, die Erinnerung an Mia lebendig zu halten. „¡Viva Zapata!“ ist der Titel des 1994 erschienenen Albums ihrer Freund:innen 7 YEAR BITCH, Joan Jett schrieb den Song „Go home“, EVERCLEAR widmeten ihr das 1996er Album „World Of Noise“, RETCHING RED coverten THE GITS. Und immerhin konnte 2003 der Mörder ermittelt werden, Jesus Mezquia. Der hatte eine brutale Vergangenheit als Gewalt- und Missbrauchstäter. Eine DNA-Spur überführte ihn eher zufällig, er wurde nur auf Indizienbasis verurteilt, er hat die Tat nie gestanden. Er starb 2021.

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Diskografie
THE GITS: „Frenching The Bully (LP/CD, C/Z, 1992; Rerelase Broken Rekids 2003) • „Enter: The Conquering Chicken“ (LP/CD, C/Z, 1994; Rerelase Broken Rekids 2003) • „Kings & Queens“ (LP/CD, Broken Rekids, 1996) • „Seafish Louisville“ (LP/CD, Broken Rekids, 2000) • „Best Of The Gits“ (CD, Liberation, 2008) • DANCING FRENCH LIBERALS OF ’48: „Powerline“ (LP/CD, Broken Rekids, 1995)

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