GRUESOMES

Foto© by Band

They came from Canada!

Seit vier Jahrzehnten gehören THE GRUESOMES aus Montreal zu den festen Größen des Garage-Revivals. Mitte der 1980er gegründet, entwickelten sie sich rasch zu einer prägenden Underground-Band in Kanada, veröffentlichten Platten auf europäischen Labels und wurden durch ihre energiegeladenen Live-Shows zum Kult. Zum 40-jährigen Bestehen legt die Band nun mit „The Dimension Of Fear“ ihr erstes neues Album seit 25 Jahren vor – Anlass genug für ein Gespräch mit John David (bs) über Anfänge, Einflüsse und die Gegenwart.

Montreal in den 1980ern – wie sah die Garage-Revival-Szene aus eurer Perspektive aus?

Als wir anfingen, gab es in Kanada praktisch keine Garage-Szene und niemand hatte einen Bezugspunkt für unser Repertoire oder unsere Ästhetik. Bis heute werden wir in Kanada eher als populäre „Underground-Rock’n’Roll-Band“ wahrgenommen. Der Begriff „Garage“ sagt den allermeisten hier gar nichts; ein Musikjournalist, der über uns schreiben soll, muss eher mit Referenzen wie „frühe BEATLES“ oder RAMONES arbeiten. Kanada ist nicht wie Europa, wo sich viele Musikfans über Genrebegriffe identifizieren.

Wie sehr haben Zines wie What Wave oder Bands wie DEJA VOODOO euch geprägt?
Vor dem Internet waren fotokopierte Fanzines von Rock’n’Roll-Nerds eine der wenigen Medienquellen, die uns überhaupt als Garage-Band einordneten! What Wave aus London, Ontario war dabei besonders wichtig, ein kultureller Dreh- und Angelpunkt für den gesamten retro-orientierten Rock’n’Roll in Süd-Ontario. GRUESOMES und What Wave passten perfekt zusammen, weil wir dieselben musikalischen Werte teilten – damals eine Seltenheit. Um Szenen im Ausland zu verfolgen und neue 1960s-Bands zu entdecken, nutzten wir US-Fanzines wie Ron Rimsites 99th Floor, Mike Stax’ Ugly Things und viele andere. Alles lief per Post – Garage-Fans schrieben sich einfach gegenseitig. DEJA VOODOO aus Montreal machten so minimalistischen Rock’n’Roll, dass er fast Satire war. Sie waren unsere Mentoren, ihr Credo lautete: „Moderne Musik ist Mist, Retro ist großartig; wenn man Retro nie zu hören bekommt, muss man es selbst machen; das Beste dieser Ära ist einfach zu spielen, Punk-DIY erlaubt Selbstvermarktung ohne Label oder Management. Liebe und Begeisterung zählen mehr als musikalisches Können.“ Viele Underground-Bands in Montreal waren retro-hip – ein kompletter Backlash gegen die Musik der 1980er. Die Haltung war: Alles aus den 1950ern oder 1960ern ist besser als der Müll im Radio oder Fernsehen. Direkte Einflüsse waren die Revival-Bewegungen in New York und Kalifornien. Bands wie CHESTERFIELD KINGS, CHEEPSKATES, VIPERS, TELL-TALE HEARTS und vor allem THE GRAVEDIGGER V inspirierten uns, Instrumente zu lernen und eine Band zu gründen.

Ihr seid als Teenager ohne musikalische Vorerfahrung gestartet und habt sofort diesen Mid-Sixties-Sound getroffen. Gab es bestimmte Songs, Riffs oder Produktions-Tricks, die euch entzündeten?
Wir waren ohnehin schon Sixties-Fans. Montreal hatte eine lebendige Underground-Kunstszene, also war es absolut denkbar, mit null Talent eine Band zu gründen – solange man ein Gimmick hatte. Unser Look war von Anfang an genauso wichtig wie das Repertoire. Montreal liebt Theatralik: Eine Band muss anders aussehen als ihr Publikum. Fun Fact: Unsere erste Inspiration war „Gloria“ von den KING-BEEZZ, einer vergessenen kanadischen Sixties-Garage-Band. Wir dachten: Die haben ein noch schlimmeres „Gloria“ aufgenommen als wir – also gibt es einen Präzedenzfall! Dazu kamen Compilations wie „Pebbles“ oder „Back From The Grave“. Da schien keiner wirklich spielen zu können – und doch war es stärker als alles, was wir kannten. Wir sahen uns direkt in dieser Tradition. Und nach der Dauerberieselung mit 1980er-Synthpop war Garage der perfekte Gegenentwurf: nordamerikanisch, mit Gitarren. Das konnten wir machen.

Eure Songs landeten auf den „It Came From Canada“-Compilations. Wie hat das eure Reichweite verändert?
Erst mal mussten wir den Schock verdauen, überhaupt auf einer Platte vertreten zu sein. Plötzlich waren wir Superstars im Vergleich zu Gleichaltrigen. „It Came From Canada“ war extrem einflussreich – das direkte Tor zu den College Radios und damit zur gesamten kanadischen Underground-Szene. Natürlich ignorierten Mainstream-Medien alles. Unsere Szene war zu 100% regional und underground – zu einer Zeit, als das Konzept „Underground-Musik“ noch neu war. Für die meisten gab es nur Stadionbands.

Euer Sound war immer fuzzy, rauh und retro. Habt ihr Vintage-Equipment ganz bewusst eingesetzt oder ergab sich das zufällig?
Ganz ehrlich, wir wollten immer gut klingen, nicht trashig. Es kam aber einfach immer trashig rüber. Wir gaben unser Bestes, nahmen mit allem auf, was da war, und kämpften für einen Garage-Sound, den kein Toningenieur verstand. Wir waren Kinder – keine Ahnung von Recording. Nur wir und unsere Fans verstanden es. Heute ist es zum Glück viel leichter, guten Garage-Sound zu produzieren.

Auf Tour heute – was fällt euch an Europa, Spanien, Mexiko auf im Vergleich zu Kanada früher?
Wir sind immer noch baff, dass es eine weltweite Garage-Szene gibt. Früher hielten wir uns für ein kanadisches Phänomen. Dank Internet sind wir jetzt Teil einer globalen Szene. Verrückt – und sehr schön.

Wie beeinflussten Trash-TV und Sixties-Popkultur eure Bühnenpersona?
Wegwerf-Popkultur war absolut Teil der Show und des Zeitgeists unserer Generation. Schlechtes Fernsehen war besonders subversiv, weil die Woodstock-Hippies es so radikal abgelehnt hatten! Was konnte rebellischer sein, als genau diese angeblich „wegwerfbare“ und „oberflächliche“ Kultur wieder aufzugreifen, nachdem eine Generation beschlossen hatte, dass alles – vor allem Rockmusik – tiefgründig zu sein hat?

Euer neues Album markiert 40 Jahre als Band. Wie zeigt sich diese Geschichte im Sound, in den Texten oder im Design?
Niemals in den Texten. Unser Ziel ist es weiterhin, die aufgestaute jugendliche Energie jener Ära zu kanalisieren – und das bedeutet nur eins: Meckern! Genauer gesagt: über die eigene Freundin meckern. Und darüber, dass man nicht in die Gesellschaft passt. Jugendliches Genörgel – immer relevant oder zumindest wiedererkennbar. Was unsere Musik angeht, wir schlagen keine neuen Richtungen ein. Alle Songs sind für Leute geschrieben, die Garage lieben, und wir benutzen ausschließlich die musikalische Sprache von Garage, um das auszudrücken. Das heißt, die relativ wenigen musikalischen Elemente unserer Lieblingsplatten aus den 1960ern zu nehmen und sie auf neue Weise zu kombinieren. Da wir nicht vorhaben, uns weiterzuentwickeln, indem wir Einflüsse von außen übernehmen, können wir nur dadurch „weiterkommen“, dass wir gute neue Garage-Songs schreiben. Zum Glück sprechen wir alle dieselbe Garage-Sprache und haben immer noch gute Ideen – also passiert das ganz von selbst.

Eure frühen Alben waren reduzierter, düsterer, „moody“. Mit „Cave In“ von 2000 habt ihr einen größeren, rockigeren Schritt gemacht. Was hat diese Veränderung ausgelöst?
Lässt sich nicht vermeiden, Leute. Wenn man lange genug spielt, klingt man automatisch besser, egal, was man macht. Wir haben aber genug Geschmack, keine unnötige Virtuosität zu entwickeln.

Von den 13 Songs auf „The Dimension Of Fear“ sind drei Coverversionen. Warum gerade diese – und was bedeuten sie euch?
„What in the world“ von den VECTORS war ein Stück, das wir schon in den 1980ern gespielt und immer geliebt haben. Das Original ist großartig, aber wir dachten, wir könnten einen fieseren Gesang und ein paar verdrehte Gitarrenleads hinzufügen. „Laissez-nous vivre“ von LES LUTINS war eine einfache Wahl: Wir hatten schon „Je cherche“ von derselben Band auf unserem 1987er Album „Gruesomania“ gecovert – und konnten kaum glauben, dass von „Laissez-nous vivre“ nicht längst etliche Versionen existierten. Also haben wir es uns geschnappt. Außerdem kommen wir aus Québec – das passt also perfekt. „Fluctuation“ von THE SHADES OF NIGHT ist ein Song aus Texas – unserer liebsten Garage-Region der 1960er. Vielleicht ist es der bekannteste der drei Coversongs, und wir hatten Bedenken, dass er in Europa schon etwas „abgespielt“ wirkt. Schließlich haben wir aus Spaß eine Version aufgenommen, und die klang cool und anders genug, um es aufs Album zu schaffen.

Habt ihr unveröffentlichte Songs im Archiv?
Nein, wirklich nichts. Alles wurde veröffentlicht. Gebt uns noch mal 25 Jahre!

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