GUTRECTOMY

Foto© by Ecco Rasso

Stumpf bleibt Trumpf!

Nach zwei Alben, mit denen sich GUTRECTOMY vor allem in der Slam-Szene einen Namen gemacht haben, folgt nun mit „Angst“ eine kleine Kurskorrektur. Auch getrieben von Besetzungswechseln haben die Süddeutschen wesentlich mehr Deathcore-Elemente eingestreut – ohne dadurch ihren Slam-Ethos zu verraten. Wir sprechen mit Bassist und Songwriter Louis, Gitarrist Phil und dem neuen Schlagzeuger Julien über das kommende Album.

Wer soll denn das „Atomic ass torpedo“ abbekommen, das ihr am Ende des Albums verschießt?

Louis: Ich glaube, das bekommt nicht eine Person ab, das ist was, wo jeder mal durch muss. Aber wenn man sich das aussuchen dürfte, würde es wahrscheinlich übers Meer fliegen im Moment

Wie kommt es zu solchen Titeln? Mir scheint, als würden bei euch oft Insider Jokes oder Arbeitstitel stehenbleiben.
Phil: Wir haben tatsächlich auch immer Arbeitstitel, aber in dem Fall nicht. Bei uns gibt es diesen Running Gag, dass wir auf jedem Release einen besonders außergewöhnlichen Titel haben. Das hat die Slamszene ja auch irgendwie an sich, dass es diese vulgären oder spaßigen Titel gibt. Wir haben uns jetzt ein bisschen davon wegbewegt Richtung Deathcore. Aber trotzdem wollten wir immer noch diese Spaßtitel beibehalten. Wir wollten zeigen, dass wir noch dieselben sind.

Ihr bewegt euch vom Party.San-Opener, der nur vor Leuten mit großen Bananen, Schwimmbällen und Kostümen spielt, weg in Richtung einer ernstzunehmenden Band, oder?
Louis: Ja, aber halt mit Bällen und Bananenkostüm. Haha. Wir haben in der Tat live noch Schwimmnudeln dabei, für das eine oder andere Event. Wenn es erlaubt ist, auch Konfettikanonen. Aber ja, wir sind schon über die Jahre einfach ernster geworden. Zumindest 95% unserer Outputs. Und ja, es war uns, glaube ich, auch irgendwann einfach wichtig, etwas erwachsener zu werden, auch durch die Besetzungswechsel.

Phil, du bist der Einzige hier im Interview, der seit Anfang dabei ist.
Phil: Ich bin seit, ich weiß nicht, vielleicht sechs Jahren dabei. Julien kam vor einem halben Jahr dazu. Und immer wenn man neue Mitglieder bekommt, ändert sich insgesamt auch ein bisschen was im Stil.

Hat sich dadurch auch das Songwriting verändert? Louis, dafür warst auf den letzten Veröffentlichungen hauptsächlich du verantwortlich, oder?
Louis: Ich hatte in meiner früheren Hardcore-Band schon relativ viel Songwriting gemacht, deswegen habe ich das auch so ein bisschen in die Hand genommen, seit ich bei GUTRECTOMY bin. Was man ganz stark merkt, ist, dass wir, seit ich dabei bin, insgesamt drei Drummer hatten. Dadurch haben sich die Lieder auch immer ein bisschen verändert. Julien kommt jetzt eher aus der Ecke BODY SNATCHER und Deathcore. Davor hatten wir Simon, einen sehr guten Freund, der auch bei SOULPRISON ist. Vorher mit Yannick war hauptsächlich „Stumpf ist Trumpf“ angesagt. Das Songwriting und der Sound haben sich meiner Meinung mit den Drummern schon stark geändert.

Wenn wir gerade schon bei Schlagzeugern sind, ich habe gelesen, dass ihr beim letzten Album „Manifestation Of Human Suffering“, noch mit Simon, das Schlagzeug programmiert hattet. War das dieses Mal wieder der Fall?
Julien: Es ist auch bei dieses mal programmiert. Für mich gibt es das Einspielen des Schlagzeugs nur her, wenn die Musikrichtung auch künstlerisch wertvoll ist. Dann ist es gut, ein Schlagzeug wirklich einzuspielen. Wenn es eine Musikrichtung ist, bei der es um rein die Energie und Härte geht, ist das Geld in Marketing oder Merch besser angelegt, sag ich jetzt mal.

Wie gehst du da vor? Ich denke mal, du programmierst das Schlagzeug selbst, damit du das am Ende auch live spielen kannst? Gitarristen wird gern vorgeworfen, dass sie sich oft was ganz Unspielbares vorstellen.
Julien: Also von Louis kommt auf jeden Fall eine Idee, wenn er das Songwriting macht. Und es gibt immer wieder diese Momente, in denen ich denke, ich habe ja auch nur zwei Hände und zwei Beine. Aber das weiß er natürlich und ich passe es dann so an, dass ich es spielen kann. Also ich checke das auch beim Schlagzeug natürlich, ob das live irgendwie machbar ist für mich. Es passiert mir aber oft, dass ich die Sachen gerne ein bisschen zu schnell mache. Dann muss ich eben besser werden, gezwungenermaßen, weil es so auf dem Release zu hören ist. Das ist jetzt bei dem Album genauso. Aber es ist schon so, dass es noch menschlich ist.

Spielst du das dann tatsächlich auch so live?
Julien: Also, sagen wir, 98% setze ich um. Live ist es immer eine Energiesache, das sagen auch andere Drummer. Man spielt einen Teil dann mal ganz kurz langsamer und dafür einen anderen Teil wieder ein bisschen schneller. Oder ein Drumfill zwischendrin ist anders. Ich mache da gerne auch spontan irgendwelche Sachen. Ich höre plötzlich zu spielen auf, der Rest macht weiter, oder so. Wenn du uns also dreimal live siehst, ist es nicht dreimal dasselbe. Wir bewahren so auch ein bisschen die Spannung.

Ihr habt Album auch den Produzenten gewechselt und mit Simone Pietroforte zusammengearbeitet.
Julien: Das -forte ist ganz wichtig, haha.

Wie seid ihr zu dem gekommen? Warum seid ihr nicht bei Überlärm geblieben, wo ihr das letzte Mal aufgenommen habt?
Phil: Also wir waren mit Manuel von Überlärm auch im Gespräch, aber wir hatten, bereits ein bisschen nach alternativen Sound Engineers geguckt und sind, ich glaube, über die Downtempo-Band DISTANT aus Holland auf Simone aufmerksam geworden, oder?
Louis: Ich glaube, es waren SIGNS OF THE SWARM.
Phil: Warum wir uns dann für Simone entschieden haben, war im Prinzip, dass er diese ganzen modernen Deathcore-Band macht und das der Sound ist, den wir uns vorgestellt hatten. Also nix gegen Manuel, alles easy. Aber irgendwie hat uns dieser moderne Deathcore-Sound überzeugt und wir sind jetzt auch sehr zufrieden. Und Simone arbeitet wirklich sehr schnell. Der Typ ist so wild.
Louis: Ja, der ist krass. Das war teilweise absurd, also egal um wie viel Uhr man ihm schreibt, man kriegt innerhalb von eben zwei Minuten irgendwas gesamplet raus. Das ist absurd. Eigentlich hätten wir auch mit Manuel weitergemacht, aber er ist auch der Gitarrist von THE BUTCHER SISTERS und selbst super busy. Dann hätten wir erst irgendwann, ich glaube im September letzten Jahres einen Termin gekriegt. Zu Simone konnten wir schon vier Monate früher. Das schien uns an der Stelle mehr Sinn zu ergeben. Wir wollen eben auch fertig werden. Und DISTANT und SIGNS OF THE SWARM haben uns übertrieben gut gefallen, auch mit den fetten Bassdrops. Da dachten wir dann, probieren wir es mal. Und dann war schon der erste Mix echt geil.

An eurem Album gefällt mir, dass es so kurzweilig ist. Es ist nicht besonders lang, aber trotzdem spielt ihr mit verschiedenen Stilen, probiert neue Ideen aus. Ist es schwer, sich nicht ständig zu wiederholen und die Spannung hoch zu halten?
Louis: Gerade jetzt bei dem Release muss ich ganz ehrlich sagen, ja. Es passiert beim Songwriting schon oft, dass ich mich wiederhole. Ich bringe die Ideen mit und einer der Jungs sagt: „Hä, den Song kenne ich doch!“ Wir verwerfen schon wirklich viele Ideen. Ich habe mal irgendwo gelesen, METALLICA sammeln immer 250 Ideen für ein Album zusammen. So viele sind es auf jeden Fall bei uns nicht, aber es sind auf jeden Fall 30, 40 Songideen, aus denen dann die elf am Ende werden. Aber das wichtigste Credo bei uns ist immer noch: Stumpf ist Trumpf. Wenn ich was mitbringe, das zu melodisch ist, dann wird es auch verworfen, knallhart. Was aber gar nicht schlimm ist, weil wir wollen schon eine sehr sehr harte Band sein. Aber es ist sehr schwer sicherzugehen, dass sich die Sachen nicht wiederholen. Ich glaube, man kann es ein bisschen aufbrechen, indem man sich einfach nicht nur in den eigenen Genregrenzen bewegt, sondern auch mal Richtung Hardcore guckt. Oder Oldschool Death Metal. DYING FETUS zum Beispiel sind eine riesige Inspiration für uns. Auch Black-Metal-Parts haben wir ab und an. Und jetzt, vor allem durch Juliens Einfluss, auch richtige Breakdowns. Das ist ein ganz neues Element, das wollten wir jetzt mal probieren. Wird ziemlich geil.

„Where life once drived“ hat etliche Bassdrops. Ab wann ist es genug? Wie viele Bassdrops verträgt ein Lied?
Louis: Ich glaube, zu Bassdrops haben wir irgendwie eine spezielle Beziehung. Simone hat von uns eine Auflistung bekommen, wann wo welcher Bassdrop hinkommt.

Julien: Ich weiß nicht mehr, wie er hieß, aber es gab eine Bezeichnung für diesen heftigen Bassdrop am Ende des Songs ... Die bestand irgendwie aus 20 Wörtern, Bazooka-Boom-Irgendwas. Wir hatten fünf verschiedene Bassdrops in verschiedenen Abstufungen. Ich glaube den ganz leichten, der ist noch viel öfter drauf als man denkt, der ist wahrscheinlich fünf oder zehn Mal pro Lied verbaut.
Louis: Und dann haben wir ein paar mal diesen ultraheftigen Bassdrop und dessen Name war, wie Julien schon sagt, lang. Und ja, natürlich könnte man uns vorwerfen, dass das nicht sehr musikalisch ist, aber wir wollen halt vor allen Dingen hart sein. Musikalisch. Wir wollen unterhalten.
Julien: Wir sind echte Musiker, aber wir sind schon auch Entertainer. Das Wichtigste ist eben, dass die Leute vor der Bühne eine gute Zeit haben. Die bezahlen ja auch dafür. Und wenn man dann nur grimmig oben steht und versucht, der Härteste zu sein, dann hat man es irgendwie auch nicht geschafft.

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