HEALTH

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Soundtrack unserer Zeit

Einst spielten sie im Berghain und auf dem Melt Festival, heute stehen HEALTH mit den angesagtesten Metalbands und beim Hellfest auf der Bühne. Doch es ist nicht nur die Metal-Szene, mit der die Kalifornier zunehmend verschmelzen, sie treffen auch den Nerv eines dystopischen Zeitgeists. Beim Anblick unserer Welt finden mehr und mehr Menschen eine Verbindung zum düsteren Industrial und zu den nihilistischen Zeilen von Sänger Jake Duzsik. Genau dort knüpft „Conflict DLC“ an. Wir sprechen mit dem Frontmann über die Einflüsse des Metal auf dieses neue Album, Einsamkeit und wie Vater zu sein den Blick auf die Welt verändert.

Eure Musik wurde schon als Soundtrack zur Apokalypse bezeichnet. Mit den weltweiten Negativentwicklungen fühlt sich das zunehmend realer an. Gefällt dir das Narrativ überhaupt?

Das nicht unbedingt, schließlich gefällt es mir nicht, dass die Welt vor die Hunde geht. Aber ich weiß die Assoziation sehr zu schätzen. Es gibt mir das Gefühl, den Leuten etwas mit Bedeutung zu geben. Ich habe unsere Musik immer visuell wahrgenommen, mit Filmbildern aus „Terminator“ oder „Alien“ verknüpft. Eine Zukunft, in der nichts funktioniert, alles ist düster, mit Schutt bedeckt. Auf einmal ist das irgendwie Realität. Fast so, als hätten wir es geahnt oder darauf gewettet. Ich wünschte, das wäre nicht der Fall. Aber ich denke, es gibt mir das Gefühl, relevant zu sein.

Du schreibst seit jeher sehr persönliche Texte. Zu wissen, dass du damit bereits einigen Menschen durch schwierige Zeiten geholfen hast, hilft dir das im Gegenzug auch?
Das ist eine wirklich gute Frage. Es gibt diese große Diskussion, ob und wie Kunst dazu beitragen kann, Menschen zu retten, und am Ende sagen die Musiker: Mir ist egal, was die Fans denken, ich schreibe nur für mich. Das ist doch Schwachsinn. Wenn es wirklich so wäre, dann müssten sie ja keine Musik mehr veröffentlichen. Weißt du, was ich meine? Es verändert mich definitiv, wenn Leute zu uns sagen, dass unsere Musik ihnen in einer mentalen Krise oder gegen Suizidgedanken geholfen hat. Mein erster Impuls darauf ist eine Art Imposter-Syndrom: Ich nehme es erst mal nicht richtig ernst, weil ich Schwierigkeiten habe, das zu verarbeiten. Früher habe ich meine Texte verfasst, ohne zu wissen, ob überhaupt jemand hinhört. Aber seitdem ich verstanden habe, dass diese spezielle Wirkung auf andere Leute eine Komponente unserer Musik ist, schreibe ich manche Zeilen bewusster –  selbst wenn es um eine Sache geht, die mich ganz persönlich betrifft. Es ist einfach anders, wenn man weiß, dass Menschen mit ihnen interagieren werden. Es verändert deine Beziehung zu den Hörer:innen, wenn du weißt, dass sie deinen Aussagen ein signifikantes emotionales Gewicht geben. Und ich würde schon sagen, dass es mir hilft, insbesondere im Umgang mit Einsamkeit und Isolation. Weißt du, wenn du durch eine schwierige Zeit gehst und ganz alleine bist, ist es sehr wertvoll zu wissen, dass du deine Gedanken dazu indirekt an jemanden richten kannst  –  auch wenn es kein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist. Also ja, ich denke, das hat etwas Therapeutisches. Wenn unsere Hörer:innen einen therapeutischen Mehrwert durch meine Texte erhalten, tue ich das auch.

Einsamkeit ist ein wachsendes Problem in unserer Gesellschaft. Ihr wirkt dem in eurem Kreis ein bisschen entgegen, indem ihr eine aktive Community aufgebaut habt, etwa durch euren Discord. Euer Bassist John unterhält seit Jahren eine Hotline, auf der man ihn direkt anrufen kann. Seht ihr Veränderungen in der Interaktion?
Unser Discord ist wirklich verrückt. Viele Bands haben Discord nur, damit sie Marge machen können, aber das ist nicht nachhaltig. Bei uns finden die Leute In­teressengruppen und Gleichgesinnte  –  egal, ob sie über
Anime oder BDSM sprechen wollen. Es sind eher lockere Themen statt Trauma-Dump. Es gibt sogar Liebes­beziehungen, die über unseren Discord entstanden sind. Außen geht die Welt zugrunde, aber im Internet unterhalten sich die Leute über die gleichen Themen wie früher. Ironisch, oder? Und ich schreibe immer die gleichen Texte und versuche so, mit meinen Neurosen zurechtzukommen. Seit ein paar Jahren gibt es nun diese Entwicklung, dass auf einmal alle die gleichen verdammten Probleme haben wie ich. Die Technologie isoliert uns und zerstört unsere Gehirne. Algorithmus-Wut, Dopamin-Sucht  –  das versetzt uns in einen verängstigten, depressiven Zustand. Eigentlich ist es gar nicht gut, dass unsere Musik als Symptom unserer Gesellschaft mehr Leute erreicht  –  aber es bringt trotzdem natürlich einen kleinen Profit für uns.

Du bist vor ein paar Jahren Vater geworden. Inwiefern hat das deine Sicht auf die Welt verändert?
Wenn man ehrlich ist, sind die direkten Auswirkungen der Welt auf meinen Sohn nicht so groß. Aber durch diese neue Perspektive neige ich dazu, die Realität und wie beschissen alles ist, viel deutlicher zu sehen  –  auch wenn ich manches vielleicht schon vorher wusste. So wie man weiß, dass man selbst und alle Menschen, die man liebt, sterben werden. Hat man ein Kind, ist man sich der Existenz dieser Dinge plötzlich eindrücklich bewusst. Mein Sohn wird schließlich noch da sein, wenn wir alle weg sind. Es ist wirklich schwierig, darauf nicht emotional zu reagieren. Das ist ganz interessant, denn dieser Instinkt ist ja offensichtlich evolutionär bedingt, aber er ist es auch, der Menschen zu solchen fürchterlichen Entscheidungen bringt, die die Welt ruinieren. Sie schauen nur auf sich und diejenigen, die so sind wie sie. Andere sind ihnen egal. Das ist eine angeborene Reaktion darauf, Eltern zu sein  –  und ich möchte versuchen, das auszugleichen.

Ein Kind zu haben gibt dir also nicht mehr Hoffnung für die Zukunft?
Nein, im Gegenteil, es raubt sie mir. Es macht mir Angst. Es ist einfacher, über Totalitarismus oder die unumkehrbare Klimakatastrophe nachzudenken, wenn man weiß, dass man wenigstens tot sein wird, wenn alles zu Ende geht. Aber mein Sohn? Der wird das noch erleben.

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