
Vor rund zehn Jahren waren HECKSPOILER aus dem österreichischen Hinterland irgendwie auf einmal da. Aufgefallen sind sie sofort, allein schon weil HECKSPOILER mit sämtlichen Punk-Konventionen gebrochen haben: Andi (voc, dr) und Thomas (voc, bs) sind nur zu zweit, statt Lederjacken tragen sie auf der Bühne weiße Strickpullis und singen in österreichischer Mundart. Klingt erst mal befremdlich und läuft schnell Gefahr, albern zu sein. Nicht bei HECKSPOILER: Die sind nicht nur musikalisch, sondern auch textlich ein Brett ... soweit man es eben verstehen kann. Deswegen darf auch im dritten Ox-Interview das Thema Dialekt nicht fehlen. Wir reden aber auch über Strickpullis, vegane Würschtl und natürlich über das neue Album „Bock auf Stress“.
Wie zufrieden seid ihr mit eurem neuen Album?
Andi: Doch, doch, grundsätzlich sind wir zufrieden. Die Warterei darauf, bis es endlich rauskommt, ist immer ein bisschen anspannend, zumal wir es ja schon im März aufgenommen haben. Das Album erscheint aber erst im Dezember, da kann es passieren, dass man es auf einmal nicht mehr so geil findet. Es ist so ein Up and Down, aber wir sind schon zufrieden.
Zwischen den zwei Studioalben „Tokyo Drift“ von 2022 und „Bock auf Stress“ kam die Live-Platte „Live am Heck Meck Fest 2024“. Diente die der Zeitüberbrückung oder wie kam es dazu?
Andi: Das war eher Zufall. Wir wollten schon so ein, zwei Singles live raushauen. Aber der Tontechniker hatte irgendwie seine Mikros dabei und hat diese zwei Shows, in der Arena in Wien und auf dem Bauhof Pettenbach, mitgeschnitten. Und wir haben dann mal in das Set reingehört und dachten uns, okay, eigentlich klingt das gar nicht so scheiße für eine Live-Aufnahme. Ja, und da gab es einfach die Idee, hauen wir doch mal so eine Live-Platte raus in relativ geringer Stückzahl. So ist das Ganze entstanden. Wir haben uns die Songs angehört und die besten rausgepickt. Die ganzen Konzerte sind natürlich nicht drauf, weil das ansonsten eine Doppel-LP geworden wäre und das sind leider Produktionskosten, die wir uns nicht hätten leisten können. Deswegen ist es so ein bisschen ein Mashup oder eine Compilation. Nee, das ist auch das falsche Wort. Es sind schon zwei Konzerte auf Seite A und Seite B, aber eben nicht die kompletten Shows.
Apropos Konzerte, da bleibt ihr, was Ansagen und so was angeht, recht knapp und sagt immer nur: Der nächste Song heißt soundso und er eignet sich zum Pogen. Habt ihr irgendeine Message, die euch wichtig ist, oder was macht eine typische HECKSPOILER-Show aus?
Andi: Also die Ansagen sind nicht das Wichtigste, das ist ganz klar, aber jeder Abend ist ein bisschen verschieden. Das heißt, manchmal hat man irgendwie Bock zu labern, manchmal eben eher nicht. Also es ist nichts einstudiert, es ist ein bisschen stimmungsabhängig, würde ich sagen. Dabei muss es auch irgendwie zur Band passen. Neulich habe ich WIEGEDOOD gesehen, die haben alle drei Alben durchgeballert, 90 Minuten Black Metal, ohne Ansagen. War natürlich geil. Wenn so Punkbands ab und zu mal einen coolen Spruch oder irgendwas Witziges raushauen, wenn die Situation passt, finde ich das auch sehr sympathisch. Auch bei einer HECKSPOILER-Show gehört das irgendwie dazu, weil wir einfach so sind.
Wie seid ihr zu den weißen Outfits gekommen? Von Trainingsanzug bis Jackett war ja schon vieles dabei, seit einiger Zeit ziehen sich weiße Pullover und Hosen bei euch durch, die sind auch im Video zu „Plenum“ zu sehen. Was gibt’s auf der nächsten Tour?
Andi: Mit unseren Outfits wollten wir schon immer ein bisschen Aufmerksamkeit erregen, weil’s eben nicht zu der Musik passt. Wir wollten uns ein bisschen abheben. Jetzt hat sich das Weiß durchgesetzt, weil das richtig von der Bühne runterleuchtet und so kann man uns ein bisschen in Erinnerung behalten. Wir werden dem Weiß jetzt wahrscheinlich treu bleiben.
Und wie warm ist es unter diesen Wollpullis?
Andi: Solange keine Pyrotechnik zur Bühne kommt, ist es eigentlich erträglich.
Thomas: Man fängt ja sowieso in den ersten fünf Minuten an zu schwitzen und dann ist es eigentlich egal, was man anhat. Da ist ein Rollkragen auch nicht schlimmer als ganz oben ohne.
Andi: Aber wir haben ja jetzt die Ärmel abgeschnitten. Das ist schon mal ein Improvement dahingehend, dass zumindest die Arme frei sind.
Kommen wir zu diesen klassischen nervigen Fragen an ein Punkrock-Duo: Ihr seid nur zu zweit, bleibt es dabei? Beim letzten Interview in Ox #151 klang es so, dass eventuell noch jemand dazukommt.
Andi: Wir bleiben definitiv zu zweit. Aber ich kann mich noch daran erinnern, dass wir eventuell schon von Synthesizern und Co. gesprochen haben, dass das eine Möglichkeit wäre. Das passiert ja auch auf dem neuen Album. Die kommen allerdings von mir hinten, vom Sampler am Schlagzeug, aber eine dritte Person wird es nicht geben, nein.
Warum nicht?
Thomas: Die würde vielleicht einen Keil zwischen uns treiben, was wir nicht riskieren wollen.
Andi: Es hat sich auch schon so eingedingst bei uns. Dann wäre da auch die Frage, was nehmen wir denn dazu? Eine Gitarre? Dann wären wir eine klassische Rockband oder Punkband, je nachdem, wie man es sieht. Nein, es hat sich eingegroovet zu zweit. Gleichzeitig ist es so, wenn einer ausfällt, fällt der andere auch aus. Wir müssen also schon beide irgendwie Gas geben.
Habt ihr Erfahrungen mit anderen Bands und wenn ja, welche Unterschiede merkt ihr zu der aktuellen Zweierbesetzung? Ist es dadurch intensiver?
Andi: Ich hatte in der Jugend ein paar schrottige Bands, also die jetzt nicht wirklich auf Tour waren oder so. Nach meinem Eindruck ist es für uns als Duo schon irgendwie leichter, weil nur wir zwei uns verstehen müssen und wir tun das eigentlich immer.
Bei „Speed“ höre ich aber eine Gitarre, oder? Von wem kommt die?
Andi: Von mir. Alles, was auf dem Album gelandet ist, ist selbstgemacht, bis auf diesen sehr tragenden Part beim Song „Party“. Der kam von RMZ, das ist ein Kumpel von uns, der auch schon auf „Tokyo Drift“ ein paar Beats gemacht hat. Der ist jetzt wieder mit an Bord und hat eben diese Technosounds beigesteuert. Ansonsten sind Gitarren dabei, da wir die Riffs auch vorher auf der Gitarre schreiben. Und weil es ja ein Studioalbum ist, darf man da schon ein bisschen was adden, genauso wie Shakers und Tambourins.
Okay, damit wäre die erste Standardfrage abgehakt. Die zweite ist natürlich die nach der Redensart. Ihr haltet konsequent daran fest.
Andi: Das kommt einfach so aus uns raus. Und das wollen wir auch nicht filtern oder so.
Könnt ihr mir erklären, was sind „die Goschen“? Das Wort kommt häufiger bei euch vor.
Andi: Die Goschen ist die Fresse, das Gesicht. Okay, das kennt man nicht? Das wundert mich jetzt aber ein bisschen. Wir hätten sonst vielleicht ein anderes Wort verwendet.
Wenn ihr singt „Halt die Goschen“, den Sinn verstehe ich, klar, aber vielleicht hätte ja noch mehr dahinterstecken können.
Andi: Nee. Wir haben ja auch Songs auf Hochdeutsch geschrieben. So ist es ja nicht. Ich glaube, bei „Tokyo Drift“ sind ein, zwei oder drei dabei. Beim vorigen Album „Synthetik Athletik“ auch. Da haben wir uns aber auch jeweils bewusst entschieden, dass es Hochdeutsch sein soll. Bei den neuen Songs gab es keine Debatte darüber, dass wir jetzt sagen müssen: Okay, der vierte Track, der muss auf Hochdeutsch sein. Ja, und irgendwann war es uns auch gar nicht mehr so wichtig, Hauptsache, es klingt irgendwie cool. Also man hört ja auch andere Mucke, wo man vielleicht nicht alles versteht, ohne dass man mitliest, oder beispielsweise finnische oder norwegische Bands. Dahingehend haben wir uns wieder ein bisschen für „back to the roots“ entschieden. Wir wollten mehr oder weniger bei dem bleiben, weil die Texte einfach so aus uns rauskommen, daher für uns auch leichter zu schreiben sind und wir damit dem Ganzen besser unseren Stempel aufdrücken können.
Thomas: Wir vermeiden schon solche alten, bäuerlichen Ausdrücke und wollen nicht schauen, dass auch im bayerischen Raum oder in Wien unsere Texte immer hundertprozentig verstanden werden. Je höher das in den Norden geht und nach Deutschland, desto schwieriger wird es eben. Aber die Wortwahl ist schon auch wichtig.
Aber es ist jetzt nicht so, dass ihr Musik exklusiv für Österreich macht.
Andi: Nee. Deutschland ist uns mittlerweile wohlgesinnt. Österreich ist auch einfach um das Zehnfache kleiner. In Österreich kann man bei weitem nicht so viel tun. Österreich ist natürlich cool für uns, gerade in Wien oder in Linz, eigentlich egal, überall cool. Aber es ist schon so, dass auch der norddeutsche Markt für uns interessant ist. Witzigerweise funktioniert Berlin ganz gut für uns, auch weil dort sehr viele Österreicher:innen leben, muss man dazusagen. Aber wir spielen auch in Hamburg, also alles gut. Die haben uns in den letzten Jahren immer als ziemlich exotisch empfunden. Die fanden das irgendwie funny.
So nach dem Motto: „Es ist egal, wo man uns nicht versteht.“
Andi: Genau so ist es.
Bleibt es also bei Mundart, weil das HECKSPOILER ausmacht?
Andi: Ja. Vielleicht kommt mal wieder was Hochdeutsches oder so, wenn der Song passt und wenn wir Lust dazu haben, ja. Aber jetzt bewusst nur Hochdeutsch zu singen, um damit noch mehr Hörer:innen zu generieren, ist keine Option.
Irgendwie singen alle Punkbands gerne Sauflieder, in „Probleme“ singt ihr eher eins dagegen. Straight edge seid ihr jetzt aber nicht, oder?
Andi: Auf „Tokyo Drift“ haben wir einen Song, der heißt „Saufen“. Das Thema haben wir also vor drei Jahren schon abgehandelt, dieses Spiel mit den Saufliedern. Wenn man einen Song für etwas schreibt, dann muss auch einer dagegen sein. Da wären wir wieder beim Partythema: Manchmal geht’s nicht mit, manchmal nicht ohne. Der Mittelweg wäre eben ganz gut.
Wenn man das mal reflektiert, ist es auch ein bisschen krank und bescheuert, wie stark Alkohol in der Gesellschaft verankert ist. Aber andersherum ist’s halt auch zu schön, oder?
Andi: Ja, es ist auch bei uns immer wieder Thema, wie lang man das schon macht oder wie früh man eigentlich damit beginnt. In Österreich ist ja Bier und Wein ab 16 erlaubt. Das heißt, die ersten Vollräusche hat man schon mit 14 oder so 15 Jahren. Mit 16 ist man dann schon gut dabei. Und wenn man dann so richtig raus darf bis nach 24 Uhr, da wird natürlich gesoffen, ganz klar. Und jetzt, fast 20 Jahre später, wird noch immer gesoffen. Ja, schon eine lange Zeit eigentlich.
Thomas: Und ob man das Alkoholproblem mit Alkohol oder ohne Alkohol hat, das bleibt ja auch offen.
In „Plenum“ höre ich auch raus, dass viele von uns sich Probleme selbst machen, wo ihr sinngemäß sagt: Es ist doch scheißegal, ob die Wurst vegan ist oder nicht – wir haben wichtigere Probleme, an denen wir zusammen arbeiten sollten. Habt ihr manchmal den Eindruck, dass man sich, und gerade auch in der linken Szene, oft selbst im Weg steht?
Andi: Da muss man jetzt natürlich aufpassen, was man sagt. Vieles sind ja unsere eigenen Erfahrungen und auch Beobachtungen von anderen. Das ist ganz klar. Es ist nirgendwo Zeigefinger-Rhetorik bei uns dabei. Ich hoffe zumindest nicht, dass man das so versteht. Ja klar, sicher steht man sich oft im Weg. Und darum geht es ja auch. Was ist jetzt wirklich wichtig und was ist scheißegal? Und dass man sich über bestimmte Themen vielleicht zu viel unterhalten und Gedanken machen kann, ohne am Ende des Tages eine Lösung zu finden, das ist schon ein Problem. Ja, das denke ich schon. Das ist privat so, das ist im Job so, das ist in der linken Bubble so. Und manchmal ist es eben wirklich einfach scheißegal. Ich glaube, wenn man sich die Texte ein zweites Mal durchliest, kann man sich schon was zusammenreimen oder interpretieren.
Der Titelsong „Bock auf Stress“ klingt so konfrontativ, als wolltet ihr sagen: Ich will nicht mehr weggucken, ich gehe dem Konflikt nicht aus dem Weg, sondern ja, ich habe Bock auf Stress. Habt ihr Bock auf Stress und ist es gerade nicht die Zeit für weiße Fahnen? Oder wie ist das zu verstehen?
Andi: Ja, so wie du meinst, kann man das natürlich interpretieren. Bock auf Stress steht auch für die Mucke im Allgemeinen. Also unsere Musik ist ja auch irgendwie stressig, straight forward in die Fresse, in die Goschen. Und man kann schon gerne mal Stress machen. Es kommt natürlich immer darauf an, in welche Richtung dieser Stress geht. Und wenn man zum HECKSPOILER-Konzert geht und es nicht in Arschlochverhalten ausufert, kann man da gerne mal Bock auf Stress haben, am Ende des Tages Stress ablassen und dann ist wieder alles gut.
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