© by QuintenQuist.ComSänger Lucas Woodland unterbricht gerne die Renovierungsarbeiten an seinem Haus, um mit uns über „Modern Life Is Lonely“ zu sprechen. Das vierte Album der Band aus Cardiff, Wales erscheint am 28. August und befasst sich mit Einsamkeit, Reizüberflutung und dem Verlust von Menschlichkeit in unserer digitalisierten Welt.
Ihr seid zu Sumerian Records gewechselt. Wieso passt das gut?
Persönlich, weil der aktuelle Kopf von Sumerian, Shawn Keith, uns damals bei SharpTone unter Vertrag genommen hat. Er hat meine musikalischen Bemühungen immer unterstützt – und war sogar zu Gast bei meiner Hochzeit. Und beruflich, weil er bei Sumerian quasi eine neue Bewegung startet. In wenigen Monaten haben dort einige der besten Bands der Szene unterschrieben: BOUNDARIES, STATIC DRESS, IMMINENC ... Es fühlt sich an, als seien wir Teil von etwas ganz Besonderem. Alles ist größer. Wir haben einen Creative Director, einen Projektmanager fürs Album. Egal, was ich brauche, es gibt zehn Personen, die genau dafür qualifiziert sind. Und trotzdem ist es kein Majorlabel, alle sind noch sehr leidenschaftlich. Sumerian fühlt sich an wie das größte kleine Label der Welt.
Euer Album „Modern Life Is Lonely“ befasst sich mit der Reizüberflutung in unserer schnelllebigen Welt. Wann fühlst du dich überreizt?
Ich merke, dass mir alles zu viel wird und ich mich am liebsten ganz distanzieren würde. Wenn ich hier in meiner Heimatstadt durch die Straßen laufe, mir Schulfreude von früher begegnen, denke ich mir, wie einfach das Leben eigentlich ist. Aber wir haben es verkompliziert. Du kannst heute kein Hobby haben, ohne es mit anderen teilen oder eine Karriere daraus machen zu wollen. Du kannst nicht mit jemandem befreundet sein, ohne ihm oder ihr bei Instagram zu folgen.
Man sieht immer eine Person, die es anders oder besser macht.
Genau! Wenn du vor hundert Jahren in einer kleinen Stadt lebtest, hast du nicht darüber nachgedacht, wie intelligent jemand sein mag, der die University of Cambridge besucht. Heute sieht man die Besten unserer Gesellschaft und vergleicht sich mit ihnen – das ist ermüdend. Ich komme aus der Arbeiterschicht. Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen kann, dieses Leben zu führen, die Welt zu bereisen. Es gibt Leute aus meiner Heimat, die das nur durch die Linse von Travel-YouTubern erleben. Diese Verbindung ist zwar auch schön, aber es ist einfach zu viel geworden.
Wir erleben in unserer Gesellschaft aktuell so etwas wie eine Einsamkeitspandemie. Wieso beschäftigt dich das Thema so?
Ich glaube, weil ich mich an eine Zeit vor dem Internet erinnern kann. Ich habe auf den letzten Alben sehr introspektiv an mir selbst gearbeitet, aber eines Tages bin ich aufgewacht und dachte: Wieso sind alle so gefangen in dieser irren digitalen Welt? Man hat die Möglichkeit, mit jedem zu sprechen, aber entscheidet sich dafür, mit niemandem zu sprechen. Das ist wie eine „Wahl-Paralyse“. Aber sich mit anderen über das Thema Einsamkeit auszutauschen, kann ein Gegenmittel sein. Sich einsam zu fühlen, haben wir alle gemeinsam.
Studien zeigen, dass ältere Menschen seltener einsam sind, obwohl sie weniger Sozialkontakte haben.
Das ist interessant! Ich glaube, unsere Generation wurde dazu gezwungen, sich in Technologie zu verlieben. Dass Ältere weniger digital vernetzt sind, hilft bestimmt. Unwissenheit kann ein Segen sein. Ich denke oft darüber nach, wie es uns wohl in 40 Jahren geht. Wir werden bestimmt noch eine Art von Social Media haben. Wie denken dann die Jungen über uns? „Opa ist schon wieder am Handy, der ist so ein Millennial!“
Fühlst du dich manchmal auf Tour einsam – oder eher, wenn du zu Hause bist?
Brillante Frage, weil mich das sehr beschäftigt, auch auf dem Album. Verheiratet sein und über Monate eine Fernbeziehung führen ... Unterwegs vermisse ich mein Zuhause, zu Hause vermisse ich meine Fans. Vollkommen glücklich bist du nie. Wenn du irgendwann in einem Zustand zufrieden bist, gehst du nicht mehr zurück in den anderen. Das ist traurig, aber ich glaube, als Musiker muss man dieses bittersüße Leben führen.
Ich erlebe dich als optimistische Person mit positiver Ausstrahlung, habe aber gehört, dass du „Modern Life Is Lonely“ als bisher hoffnungslosestes HOLDING ABSENCE-Album beschreibst. Wie kommt das?
Ja, das habe ich mal so dahingesagt. Es ist ein trauriges Album, weil die Situation, in der wir uns als Menschheit befinden, traurig ist. Ich sehne mich nach echter Nähe. Jeden Tag wacht man auf und ein neuer Krieg ist ausgebrochen. Man kann Hoffnung in sich selbst finden, aber nicht unbedingt in anderen.
Ihr sprecht viel über Menschlichkeit. Was ist deine Definition?
Ich glaube, es ist die Fähigkeit, seine Gefühle zu verstehen. Als Veganer bin ich überzeugt, dass Tiere genauso fühlen wie wir. Dein Hund ist traurig, wenn du das Haus verlässt, aber er weiß nicht, wieso. Wir können Emotionen einordnen. Besonders traurig ist deshalb, dass uns so viel umgibt, bei dem das Menschliche fehlt. Erst heute hat mir ein Freund eine Band gezeigt, die er gut fand. Als ich ihm sagte, dass es eine KI-Band ist, war er total enttäuscht – dabei ist er gar nicht so woke wie ich. Wieso also? Weil etwas keine Bedeutung hat, wenn es künstlich hergestellt wurde. Wenn dir ein Chatbot sagt, dass du toll bist, fühlt sich das nicht so an, wie wenn es dir ein Mensch sagt. KI-Musik ist wie Fastfood. Vielleicht mag man McDonald’s, aber man wird es nie als Lieblingsrestaurant bezeichnen, sich nicht sonderlich gut fühlen, nachdem man dort gegessen hat. Dieser „We are Charlie Kirk“-Song ist das erste Beispiel, bei dem alle wissen, dass er KI-generiert ist, und trotzdem lauthals mitsingen. So was wird es bald viel mehr geben.
Kürzlich wurde ein Label gegründet, das sich ausschließlich auf die Vermarktung von KI-Musik spezialisiert.
Die Leute sind nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Da will man sich distanzieren und am liebsten gar keine Musik mehr hören. Aber aus Protest müssen wir echte Musik heute mehr unterstützen denn je. Du kannst dich nicht nur von Fastfood ernähren, es bringt dich irgendwann um.
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