© by Harry StaffordDie INCA BABIES, 1982 in Manchester gegründet, sind eine der aufregendsten Swamp-Punk-Blues-Bands der 1980er Jahre. Ihr Debüt „Rumble“ landete 1984 in den Top 30 der britischen Independent-Charts, direkt vor„Meat Is Murder“ von THE SMITHS. Ihre Alben veröffentlicht die Band bis heute auf ihrem eigenen Label Black Lagoon. Speziell die Singles verfügten über ein signifikantes Artwork. Das musikalische Rückgrat der INCA BABIES war ein rollender und dunkler Bass, der Rest hatte sich unterzuordnen. Dabei rieben sie sich am Ideal des kurzen und prägnanten Drei-Akkorde-Songs. Nun ist das Trio um das einzig verbliebene Gründungsmitglied, Sänger und Gitarrist Harry Stafford, mit einem neuen Album zurück, es ist ihr neuntes und trägt den Titel „Ghost Mechanic Nine“. Harry beantwortete uns einige Fragen.
Meiner Wahrnehmung nach ist das neue Album eine konsequente Weiterführung eures brillanten Debüts von 1984, das stark von Link Wray, THE GUN CLUB und THE CRAMPS beeinflusst war. Rockabilly mag auch eine Rolle spielen, vielleicht auch eine spezielle Art von „dreckigem Jazz“ im Sinne von James Chance. In welcher musikalischen Gemengelage bewegen sich die INCA BABIES heute?
Diese großartigen Musiker, die du erwähnt hast, zählen allesamt zu dem Musikmix, den ich höre und von dem ich mich anregen lasse. „Rumble“ war damals ein Album, das wir als funktionierende Band geschrieben haben, von vier Musikern in einem Proberaum, die ihre unterschiedlichen Leidenschaften einbrachten, um ein Ganzes zu schaffen. Pete, unser Schlagzeuger, stand auf Blueslegenden wie Howlin’ Wolf oder Muddy Waters, unser damaliger Sänger Mike auf JOY DIVISION, Bill am Bass auf Rockabilly und THE CRAMPS und ich auf THE BIRTHDAY PARTY und THE POP GROUP. Aus diesen diversen Vorlieben schufen wir eine Art „kollektiven Sound“, aus dem „Rumble“ entstanden ist. Aktuell höre ich alles Mögliche an wilden und wunderbaren Sachen. Beispielsweise enthält unser Song „I’m stayin’ put“ vom neuen Album ein Riff aus einem Song von James Blood Ulmer, aber mit Bläsern, die von der Saxophonistin Lea Bertucci und ihrer Komposition „Brass (II)“ inspiriert sind. „The exhaust of broken dreams“ wurde von mir und Marco Butcher, mit dem ich bereits einige Alben eingespielt habe, geschrieben, und von Simon „Dingo“ Archer als eine Art „Dub-Epos“ produziert, im Stil von On-U-Sounds und MASSIVE ATTACK, ist also eine echte Kollaboration. Die von dir angesprochenen Rockabilly-Elemente habe ich auch niemals vergessen, und so spukt das Eröffnungsriff von „Spacewalk“ auf gewisse Weise schon seit 40 Jahren in meinem Kopf herum und es war großartig, dafür endlich einen schönen Platz zu haben, wo es glänzen kann.
Du hast den neuen Song „Insect symphony“ beschrieben als ein „STOOGES-Lead-Riff-Tribut“ an all die Bands, die „nicht mehr unter uns sind“. An wen hast du dabei gedacht und warum?
Die meisten Bands halten sich nur etwa vier Jahre und lösen sich dann wieder auf, natürlich reformieren sie sich später und machen eine Art „Heritage-Tour“. Aber als ich an die dachte, die sich nie mehr reformieren werden, wie THE CRAMPS, THE RAMONES, THE STOOGES, MC5, THE BIRTHDAY PARTY und eben THE GUN CLUB, vor allem weil einige oder die meisten der Hauptakteure nicht mehr unter uns weilen, da wurde mir klar, dass das meine Lieblingsbands sind. Also wollte ich ihnen Tribut zollen. Und das konkret mit einem Riff von THE STOOGES und einer RAMONES-„Kettensägengitarre“ und einem Gruß an Lux Interior wie eben „Bye bye human fly“. Ich war zufrieden damit, und vielleicht hätte ich es als Single veröffentlichen sollen. Vor einiger Zeit wurden die INCA BABIES gebeten, anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des 1982er THE GUN CLUB-Albums „Miami“ einen Gig zu spielen. Da konnten wir nicht widerstehen und haben zwei Songs von dem Album gespielt, „Fire of love“ und „Mother of earth“, sowie als Zugabe noch „Sexbeat“. Und es war auch fantastisch, als wir im folgenden Jahr noch gebeten wurden, zum 40-jährigen Jubiläum von „Smell Of Female“ von THE CRAMPS zu spielen. Wir hatten eine tolle Zeit mit Songs wie „Human fly“ oder „Thee most exalted potentate of love“, „The way I walk“ oder „You got good taste“ und „I ain’t nuthin’ but a gorehound“. Aber das machen wir jetzt nicht mehr, weil wir Gefahr liefen, eine reine Tribute-Band zu werden.
Der Song „Ghost mechanic 9“ handelt davon, nachts auf dem Highway unterwegs zu sein, auch um dem Alltag zu entfliehen. Es erinnert mich an „Ghost on the highway“ von THE GUN CLUB. Fährst du oft allein durch die Nacht, um Dinge aus deinem Leben zu verarbeiten? Für mich funktioniert das gut mit nächtlichen Autobahnfahrten.
Vor ein paar Jahren habe ich meine Freundin oft von Manchester zum Flughafen Liverpool gefahren, um sie um fünf Uhr morgens zu ihrem Flug nach Rom zu bringen. Im Winter ist das eine Hin- und Rückfahrt von etwa zwei Stunden im Dunklen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mich auf alles einließ, was im CD-Player lief. Ich begann sogar, mir spezielle CDs für diese Fahrten durch die Dunkelheit zusammenzustellen. „Ghost on the highway“ war sicherlich auch auf der Playlist. Außerdem „A forest“ von THE CURE, „Trampled under foot“ von LED ZEPPELIN, „Autobahn“ von KRAFTWERK, „Repo man“ von Iggy Pop, „Neat neat neat“ von THE DAMNED und „The light pours out of me“ von MAGAZINE sowie „Highway star“ von DEEP PURPLE. All diese Songs haben mich durch die Nacht begleitet.
Wie du erwähnt hast, wurde das Album von Simon „Dingo“ Archer in Manchester produziert, der unter anderem in Bands wie RED LORRY YELLOW LORRY und der Goth-Formation 1919 aktiv ist. Wie seid ihr mit ihm in Kontakt gekommen? Ist er für einen gewissen Deathrock-Einfluss verantwortlich?
Simon ist in und mit Bands tätig, solange ich mich erinnern kann. Er war in den 1990er Jahren zudem in einer Electro-Industrial-Band namens AS ABLE AS KANE und er hat Bass für THE FALL und PJ Harvey gespielt. Er hat sein eigenes Studio in Salford, dem Stadtteil von Manchester, in dem sich JOY DIVISION ursprünglich formierten, wo die ganze Magie passierte. Wir arbeiten mit ihm zusammen, seit unser Schlagzeuger Rob Haynes, der auch bei THE MEMBRANES ist, uns die Zusammenarbeit mit ihm vorgeschlagen hat, und seither funktioniert das bestens. Er hat ein gutes Gespür dafür, was wir wollen, und ich denke, seine Zeit mit THE FALL und PJ Harvey hat uns beiden geholfen, einige Sounds und „Punk-Sensibilitäten“ zu definieren, die in unserem Sinne sind.
In Manchester gibt es den Salford Lads and Girls Club, der kürzlich vor der Schließung gerettet wurde, nachdem lokale Musiker und Bewohner 250.000 Pfund für seinen Erhalt gesammelt hatten. Menschen, die nicht aus Manchester kommen, kennen den Club vielleicht, weil er THE SMITHS 1986 als Hintergrund für ihre ikonischen und vermutlich prominentesten Bandfotos diente. Die Location wurde von Morrissey vorgeschlagen. Wie wichtig ist der Ort für die Jugend von Manchester heute?
Er ist in einer Wohnsiedlung in Salford, und durch THE SMITHS ist es zu einem ikonischen Ort geworden, der dafür steht, dass man aus Manchester kommt und in einer Band spielt. Wir haben uns allerdings nie vor dem Gebäude fotografieren lassen, weil das eine sehr „mancunianische Sache“ ist und ich komme ja nicht aus Manchester. Ich bin froh, dass er gerettet wurde. Obwohl viele der besten Veranstaltungsorte in Manchester verschwunden sind, wie beispielsweise die Factory, die Haçienda oder The Gallery und der Rafters Nightclub, sind an deren Stelle viele neue Clubs getreten.
Ungeachtet der Tatsache, dass aus Morrissey inzwischen eine ziemlich umstrittene Person mit merkwürdigen Positionen geworden ist, hast du ihn oder THE SMITHS jemals live gesehen und wie ist deine Meinung über ihn?
Ich habe THE SMITHS 1983 als Support von RICHARD HELL AND THE VOIDOIDS im Rafters gesehen, einem recht kleinen Club. THE SMITHS waren großartig und hatten eine tolle Auswahl von Songs bei diesem Konzert. Es war klar, dass aus ihnen eine große Band werden würden. Morrissey war damals eher schüchtern und sagte nicht viel, aber er warf gerne mit Blumen um sich. Heute ist Morrissey wohl selbst sein ärgster Feind. Da er im Sunset Marquis Hotel in Los Angeles lebt, hat er irgendwie aus den Augen verloren, was die Menschen in UK oder gar in Europa unter Gesellschaft und Vielfalt verstehen. Er hat diese isolationistischen Ideen, die er durch den Umgang mit diesen idiotischen Amerikanern übernommen hat, die generell keine Ahnung von nichts haben. Sie haben sich mit Trump einen Rassisten zum Präsidenten gewählt. Morrissey zu bestimmten Themen zu befragen ist so, als würde man einen Amerikaner bitten, eine Weltkarte zu zeichnen. Er ist leider in ziemlich schlechte Gesellschaft geraten.
Die INCA BABIES spielten 1984 im weltweit bekannten Club Haçienda in Manchester, der von Mitgliedern von NEW ORDER gegründet wurde, was diese finanziell fast komplett ruiniert hätte. Welche Erinnerungen hast du an die Haçienda-Blütezeit? Hast du viele Konzerte dort gesehen? Ihr habt damals dort gespielt, aber auch THE CRAMPS, THE GUN CLUB oder THE BIRTHDAY PARTY.
THE CRAMPS haben wir verpasst, weil wir zu dieser Zeit in Deutschland auf Tour waren, aber ich habe oft THE GUN CLUB und THE BIRTHDAY PARTY dort gesehen. Die Band, in der ich zu dieser Zeit aktiv war, hieß CAT WAX AXE CO. und wir sollten ursprünglich im Vorprogramm von THE BIRTHDAY PARTY spielen. Aber unser damaliger Schlagzeuger Craig schmollte, wie es seine Gewohnheit war, und wollte nicht mitmachen, also wurde eine der spannendsten Gelegenheiten für die Band vertan. Weitere großartige Bands, die ich in der Haçienda gesehen habe, sind EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, SWANS, BLURT oder Nick Cave. Wir haben mit INCA BABIES dreimal dort gespielt und es war immer großartig.
Nach eurem ersten Haçienda-Konzert veröffentlichte das örtliche Magazin City Life einen kurzen Artikel, in dem ihr wie folgt zitiert wurdet: „Link Wray, Johnny Cash and Gene Vincent provide the roots of the Inca sound.“ Im Grunde ist das doch das, wofür der Sound der INCA BABIES heute auch noch steht, oder?
Bill, unser damaliger Bassist, hat das tatsächlich gesagt, wobei ich nicht widersprochen habe, weil es sich ziemlich cool anhörte. Aber alle anderen dachten, wir wären eigentlich eher eine Punkband. Ich glaube, ich wollte immer so cool aussehen wie Link, Gene und Johnny in ihrer Glanzzeit, also definierte das vielleicht eher den „Look“ der Band. Wir fanden sie cool, als sie jung waren und gerockt haben, aber es gab auch gewisse groteske Elemente, die uns gefallen haben. Unser Bild von den USA hat nicht nur der dünne, sexy King geprägt, sondern auch der fette Elvis, der mit dem Gesicht in seinem eigenen Erbrochenen liegt und das letzte Stück Würde hinunterwürgt.
Die INCA BABIES haben im November 1986 in der Schweiz als Vorband für THE GUN CLUB gespielt. Du hast das Konzert in Fribourg jüngst so beschrieben: „It was a dream come true at the time. Jeffery Lee Pierce was utterly cool and imposing, but not overwhelming. He was clearly showing off in front of us young ones.“ Hattest du die Gelegenheit zu einem längeren Gespräch mit ihm?
Ja, ich habe mich mit Jeffrey unterhalten. Er erzählte mir, dass er gerade aus Frankreich gekommen war, wo sie in Nancy gespielt hatten, er sprach es „Nann-cy“ aus, nicht „Non-cy“. Er erzählte uns wahre Heldengeschichten über das Leben auf der Straße, das ihm wahrscheinlich am Ende seines Lebens, in etwa zehn Jahre später, zum Verhängnis wurde. Aber wir liebten ihn, er war eine Art „Rockstar“ in dem Sinne, dass er eine coole Ausstrahlung hatte und so aussah, wie es sich für einen Star gehörte.
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