INDIGNATION MEETING

Foto© by Alison Wonderland

Ein guter Zug

Die Band aus Leeds veröffentlichte ihr erstes Album 2023 selbst auf CD, landete nun aber auf Damaged Goods – und hat Texte, die sich (fast) ausschließlich um das Thema Eisenbahn drehen. Um die Elektrifizierung von Strecken, um Lokomotiven, um die Geschäftspolitik von Modelleisenbahnfirmen unter besonderer Berücksichtigung von deren Verhalten gegenüber der LGBTQ+-Community ... Wer jetzt ungläubig lacht, versteht nicht die Ernsthaftigkeit der Beschäftigung mancher Menschen mit dem Thema Eisenbahn. Sänger und Drummer Peter ist gerade mal 15 Jahre alt, sein Vater Michael spielt Gitarre. Grund für ein paar Fragen ...

Peter, wie ist deine Band entstanden?

INDIGNATION MEETING haben wir 2019 gegründet, als ich gerade zehn Jahre alt geworden war. Schon seit meinem vierten Lebensjahr hatte mein Vater mich immer mitgenommen zu einem Festival, das von der Band BLYTH POWER veranstaltet wurde, The Blyth Power Ashes, und dadurch war ich ein großer Fan ihrer Musik geworden. Mir gefiel vor allem, dass sie nach einer Lokomotive benannt waren! Da auf unserem Dachboden ein altes Schlagzeug stand, fing ich an, darauf zu trommeln, und habe mir das Spielen selbst beigebracht. Zuerst waren es hauptsächlich BLYTH POWER-Songs, aber dann begann ich, mir meine eigenen Stücke auszudenken. Ich brachte sie meinem Vater bei und er begleitete mich auf der Gitarre und wir fingen an, regelmäßig zusammen zu üben. Irgendwann gab es ein Projekt an meiner Schule, bei dem jedes Kind fünf Pfund bekam und versuchen sollte, damit etwas zu machen, das man verkaufen kann. Die meisten kauften Schreibwaren und bastelten Grußkarten oder Zutaten zum Kuchenbacken, aber ich kaufte CD-Rohlinge und nahm darauf mein eigenes Album auf. Es war nicht wirklich toll, aber ein paar Songs haben wir später noch mal neu eingespielt, die landeten sogar auf unserem ersten richtigen Album. Dann kam die Pandemie und alle meine Lieblingsbands machten irgendwelche Live-Streams auf Facebook – also wollte ich das auch machen. Es lief wirklich gut, und als ein lokaler Konzertveranstalter das sah, zusammen mit einem Video, das wir für unseren Song „41241“ gedreht hatten, bot er uns einen richtigen Auftritt an. Der war im Brudenell Social Club in Leeds im November 2021. Dann bekamen wir mehr Auftritte, und Hugo, das ist der Sohn von Joseph und Annie von BLYTH POWER, stieg bei uns als Bassist ein – und so ging es weiter.

BLYTH POWER sind also gute Freunde von euch, genau wie ZOUNDS. Hat dich das dazu inspiriert, eine Band zu gründen?
ZOUNDS haben wir durch unsere Musik kennengelernt. Wir hatten einen Song namens „Electrification“, den wir bei unseren Auftritten fast immer gespielt haben, und wollten, dass er auf unser Album kommt. Aber wir dachten, wir fragen vorher lieber mal Steve Lake, da der Song nämlich auf seinem ZOUNDS-Stück „Demystification“ basiert. Er war wirklich nett und wir haben uns angefreundet, als wir 2022 zweimal mit ihnen in Hitchin und in Leeds gespielt haben. Außerdem waren zwei ZOUNDS-Mitglieder auch bei ASTRONAUTS, einer anderen Band, von der ich ein großer Fan bin. Ich war am Boden zerstört, als ihr Frontmann Mark Astronaut im Juli 2022 starb. Aber wir hatten die Ehre, zu einem Festival eingeladen zu werden, das sein Leben feierte und „You’re All Weird“ hieß. Dort haben wir viele andere ASTRONAUTS-Enthusiasten getroffen. Es ist toll, wie Musik Menschen zusammenbringt!

Damaged Goods hat euer Debüt „Trouble In The Shed“ jüngst noch mal auf Vinyl herausgebracht und veröffentlicht jetzt euer zweites Album „A Model World“. Wie würdest du die beiden beschreiben?
Der Hauptunterschied zwischen den beiden bin ich! Als wir „Trouble In The Shed“ aufnahmen, war ich erst zwölf Jahre alt, da war ich noch nicht mal im Stimmbruch. Einige der Songs waren sogar schon entstanden, als ich gerade zehn war. Die gesamte Produktion ist von einer gewissen Naivität geprägt – aber genau das macht sie so großartig. Bei „A Model World“ war ich schon 14 und ich hatte eine viel klarere Vision für die Songs. Meine musikalischen Fähigkeiten hatten sich deutlich verbessert, ich spiele auch viel besser Gitarre, und auf dem Album gibt es ziemlich viele überlagerte Gitarrenparts. Außerdem habe ich die meisten Songs eher auf der Grundlage von Gitarrenriffs anstatt von Schlagzeugbeats geschrieben. „A Model World“ greift zwar ähnliche Themen auf, ist aber musikalisch viel straffer und zeigt eher, was wir wirklich draufhaben. Außerdem wurde es in einem richtigen Studio aufgenommen, während „Trouble In The Shed“ – ob du es glaubst oder nicht – in einem Schuppen [„shed“ bedeutet „Schuppen“, die Red.] entstand.

Die meisten Leute würden die Begeisterung für die Eisenbahn nicht unbedingt mit Punkrock assoziieren, aber ihr habt es geschafft, beides miteinander zu verbinden. Gibt es da am Ende mehr Gemeinsamkeiten, als wir ahnen?
Du würdest überrascht sein, wie viele Connections es gibt! Wir sind mindestens die dritte Railway-Punkband, auch BLYTH POWER und EASTFIELD haben ihre Wurzeln fest in der Eisenbahnszene. Tatsächlich wurden wir kürzlich in einem Fanzine namens Suspect Device vorgestellt, dessen Autor in dem Artikel erzählt, dass die Eisenbahn schon immer eines seiner Hauptinteressen gewesen sei. Nach unseren Auftritten sprechen mich oft Leute an und erzählen mir, wie sehr sie Züge lieben oder wie toll es ist, dass wir Züge und Punkrock miteinander verbinden. Wir haben sogar einige Fans aus der Eisenbahnszene. Viele Leute, die ich daher kenne, feiern jetzt auch INDIGNATION MEETING – und normalerweise hört keiner von ihnen Punk. Unser Album ist sogar im Andenkenshop der Talyllyn Railway erhältlich.

Ihr habt auf der Introducing Stage beim 2024er Rebellion Festival gespielt. Wie war diese Erfahrung für euch?
Es war großartig! Wir sind wohl noch nie vor so vielen Leuten aufgetreten – und alle schienen uns zu mögen. Ich hatte ein wenig Sorge, dass das Publikum mich hinter dem Schlagzeug nicht sehen könnte, aber es gab keinerlei Probleme. Ich habe es sogar geschafft, keinen Drumstick fallen zu lassen. Wir haben zudem viele andere großartige Bands gesehen. Ich hoffe wirklich, dass wir noch mal eingeladen werden, denn wir würden das liebend gerne wiederholen.

Schlagzeug und Trompete gleichzeitig spielen – wie geht das?
Ich habe zum ersten Mal versucht, beide Instrumente auf einmal zu spielen, als ich zehn Jahre alt war. Da hatten wir die Idee, einen BLYTH POWER-Song namens „Goodbye to all that“ zu spielen. Mein Vater konnte die Akkorde und das Gitarrenriff nicht gleichzeitig spielen, also dachte ich mir: Warum spiele ich das Riff nicht auf der Trompete? Es hat eine Weile gedauert, bis ich es draufhatte, aber am Ende habe ich es geschafft. Mir war gar nicht klar, wie ungewöhnlich das sein muss, bis mir auffiel, wie beeindruckt die Leute bei den Auftritten jedes Mal davon waren. Jetzt achte ich darauf, das immer einzubauen! Der Trick besteht darin, die Gliedmaßen in scheinbar unterschiedliche Seiten zu unterteilen. Ich bin Rechtshänder, also halte ich die Trompete und drücke die Ventile mit der rechten Hand, während ich mit der linken Hand die entsprechende Trommel schlage, wobei mir auch meine Füße helfen! Wenn ich singe, habe ich die Trompete auf dem Schoß liegen, für die Soli nehme ich sie schnell zur Hand.

Gibt es auf „A Model World“ Songs, auf die du besonders stolz bist?
Ich bin auf das gesamte Album wirklich stolz, aber meine beiden Lieblingstitel sind „Case study“ und „The Talyllyn Railway“, und ich bin sehr zufrieden mit ihrem Sound. „Case study“ ist recht einfach, hat aber gleichzeitig eine wirklich starke Gesangslinie, und ich bin sehr stolz auf den Text, der verschiedene Themen rund um die Darstellung von Katastrophen in den Medien anspricht. Überraschenderweise hat es absolut nichts mit Eisenbahnen zu tun! „The Talyllyn Railway“ hingegen finde ich musikalisch ziemlich gelungen. Im Musikunterricht in der Schule haben wir letztes Jahr einige musikalische Stilmittel durchgenommen, die offenbar recht komplex sind, und im Laufe der Stunde wurde mir klar, dass ich sie alle in diesem Lied verwendet hatte.

Was es mit „That Leeds feeling“ auf sich?
„That Leeds feeling“ bezieht sich auf die elektrisierende Atmosphäre, die unsere Heimatstadt Leeds umgibt. Das Lied greift einen Slogan der Uni von Leeds auf, mit dem sie den Alumni suggerieren wollen, dass sie „das Leeds-Gefühl für immer behalten“. Ich fand, dass dieser Satz einfach zu gut ist, um ihn nicht zu verwenden! Wir haben den Song nicht nur auf unserem ersten Album, sondern auch als 7“-Single veröffentlicht. Es ist eine neu aufgenommene Version, die viel näher an dem dran ist, wie wir das Stück inzwischen live spielen. Auf dem Cover ist ein Foto, das ich von einem Zug der Middleton Railway gemacht habe, der in Richtung Park dampft, mit der Skyline von Leeds im Hintergrund, es sieht toll aus!

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