KAPUT KRAUTS

Foto© by Band

Quo vadis, Arschloch?

Etwas überrascht war ich schon, als ich las, dass KAPUT KRAUTS aus Berlin nach 13 Jahren ein neues Album namens „Vom Feeling her ein scheiß Gefühl“ veröffentlichen würden. Ich wollte wissen, was es damit auf sich hat und traf Fossi (voc) und Roman (bs) im About Blank in Berlin zum Interview.

KAPUT KRAUTS sind vielleicht nicht allen ein Begriff. Mögt ihr euch kurz vorstellen?

Fossi: Die Band gibt es tatsächlich schon seit 27 Jahren, seit 2003 unter unserem heutigen Namen. In unserem alten Info hatten wir mal behauptet, dass wir ein Allstar-Projekt seien, aber das war einfach nur herbeifantasiert. Irgendetwas muss man ja schreiben. Wie Allstar kann man denn im Alter von 18, 19 schon sein? KAPUT KRAUTS im Jahr 2025, das bin ich am Mikro.
Roman: KAPUT KRAUTS, das bin auch ich am Bass. Ich bin seit 2014 dabei. Ich bin immer noch der Neue in der Band.
Fossi: Tim spielt bei uns Gitarre. Andre spielt ebenfalls Gitarre und singt. CJ spielt Schlagzeug.

Viel veröffentlicht habt ihr unter eurem alten Namen aber nicht, oder?
Fossi: Bis 2003 hatten wir gar nichts veröffentlicht. Die Band hatte sich nach meiner Rückkehr aus Amerika neu formiert. Vorher hatten wir so richtig räudigen Deutschpunk gespielt. Da spielte ich auch noch Schlagzeug, was ich aber gar nicht kann. Dann stieß CJ zu uns, der spielt sehr gut Schlagzeug. Seither haben wir in nur zwei Besetzungen gespielt. Wir haben also einen Wechsel am Bass gehabt. Das erste Album haben wir 2008 veröffentlicht. Das zweite Album folgte 2012.

Nach 13 Jahren erscheint also „Vom Feeling her ein scheiß Gefühl“. Warum jetzt? Was hat euch dazu bewogen?
Fossi: Wir hatten Bock dazu und tatsächlich auch das nötige Material. Wir hatten bald nach der Veröffentlichung des zweiten Albums ein paar neue Lieder in der Pipeline und die fanden wir so geil, dass es zu schade gewesen wäre, sie nicht zu veröffentlichen. Deshalb gab es ein paar Split-Releases von uns. Das ist auch ganz schön, aber das eigentlich richtige Format ist doch eine LP. Wir haben auch immer an weiteren Songs gearbeitet, aber dann kam das wahre Leben dazwischen: Arbeit, Studium. Außerdem haben wir viele Konzerte gespielt, was auch zeitaufwändig ist. Viel Zeit, um neue Lieder zu schreiben, blieb uns nicht. Deshalb hatte sich die Veröffentlichung eines neuen Albums immer weiter nach hinten verschoben. Vor zwei Jahren haben wir dann gesagt, dass wir erst wieder Konzerte spielen, wenn die neue Platte fertig ist. Dass es zwei Jahre gedauert hat, daran kannst du auch sehen, dass der Grad an Professionalität bei uns nicht besonders hoch ist. Andere Bands haben einfach professionellere Möglichkeiten und können schneller veröffentlichen. Unser kreativer Schaffensprozess hat sich halt über zwei Jahre gezogen.

„Vom Feeling her ein scheiß Gefühl“ – ist der Titel Programm? Welche Themen greift ihr auf?
Fossi: Ja, der Name ist Programm. Es ist ja alles gerade nicht so rosig. Auch wenn aktuell die Sonne scheint, die Zeiten sind scheiße. Die Texte sind persönlich und politisch: Der upcoming Weltuntergang. Gesellschaftliche Fortschritte der letzten Jahrzehnte werde gerade einfach über den Haufen geschmissen. Allein die Tatsache, dass Friedrich Merz Bundeskanzler werden kann, ist schon ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft. Innerhalb der Linken zerfetzen sich alle. Das ist auch scheiße. Der 7. Oktober; auch scheiße. Ich war noch nie ein Optimist, aber jetzt bin ich noch pessimistischer gestimmt. Aber eigentlich zieht sich die Frage, wie wir unser Leben auf die Reihe kriegen, wie ein roter Faden durch das Album. Wir singen einerseits von emotionalen und psychischen Problemen und vom Suchtverhalten, aber natürlich behandeln wir auch politische Themen. Wir haben nach 27 Jahren zum ersten Mal einen Song über Bullen geschrieben – endlich. Das hatte bei SLIME nicht so lange gedauert. Klimawandel und das Verhalten alter weißer Männer spielen auch eine Rolle auf dem Album.

Woran zerstreitet sich die radikale Linke eurer Einschätzung nach aktuell? Wie erlebt ihr allgemein die Fähigkeit und Bereitschaft zur Debatte in der Szene?
Roman: Ich kann nicht für den Rest der Band sprechen. Für mich ist vor allem der 7. Oktober ein sehr einschneidendes Ereignis. Die Reaktionen der Linken hier in der Stadt gefallen mir nicht immer. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich mit Mitte 40 zum ersten Mal in einer Antifa-Gang aktiv bin, weil ich aus meiner Erschütterung was Konstruktives machen will. Ich muss meine Stimme erheben und politisch aktiv werden. Was viele Themen angeht, bin ich einigermaßen pessimistisch. Ich will jetzt nicht zu negativ klingen, aber ich habe das Gefühl, dass seit dem 7. Oktober bei vielen in der Linken der alte, eigentlich konsensual beigelegte Antisemitismus-Streit der 1990er Jahre wieder aufgebrochen ist. Der Konsens, so oberflächlich wie er vielleicht auch war, wurde von manchen in der linken Szene aufgekündigt, so bitter wie das ist. Je nachdem, wo du hinkommst, merkst du das. Die Nachwehen des 7. Oktober sind deutlich zu spüren.
Fossi: Berlin war immer einer der Kristallisationspunkte im innerlinken Streit um den Konflikt in Israel und Palästina. Es war immer problematisch, wie damit umgegangen wird: Dieser lunatic fringe, dass manche so antideutsch waren, dass sie mit ihren Positionen im Prinzip bei der AfD standen, und auf der anderen Seite Antiimps, die eigentlich schon bei der Hamas sind. Der Krieg und das Leiden der Menschen in Gaza ist für viele Menschen durch die digitalen Medien viel unmittelbarer erfahrbar geworden. Die Betroffenheit ist groß. Dabei werden aber offenbar von manchen menschenrechtliche Grundsätze über Bord geworfen, wo ich nicht mehr mitgehen kann. Wenn zum Beispiel Menschen, die aus guten Gründen gegen sexualisierte Gewalt eintreten, den Eindruck vermitteln, dass ihnen diese egal ist, wenn es um Jüdinnen geht. Da ist der Konsens aufgekündigt. Das ist menschenverachtend. Warum kann man nicht die Leidensgeschichten beider Seiten in ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit anerkennen? Ich verstehe in diesem Zusammenhang auch Linke nicht, die behaupten, dass in Deutschland zu viel über die Shoah gesprochen wird und zu wenig über das Unrecht gegen Palästineser:innen. Es muss doch beides möglich sein.
Fossi: In der elektronischen Musikszene, die ich hier besonders mitbekomme, erlebe ich krassere Debatten als in der Punk- und Hardcore-Szene. Israel-Palästina polarisiert extrem. In Bezug auf Feminismus und Antisexismus, da erlebe ich intensive Debatten in unserer Szene. Da sehe ich, dass viel passiert. Viele Leute machen gerade eine Sensibilisierung für diese Anliegen durch, die seit 25 Jahren diskutiert werden. Ich kann anerkennen, dass Männer Mitte 40 dazulernen.

Dieser alte stumpfe Antiimp-Politpunk spielt bei Bands aber keine Rolle mehr, oder?
Fossi: Ich glaube, die dafür bekannten alten Bands gibt es einfach nicht mehr. Es gibt einen neuen Habitus, der nicht nur im Punk und Hardcore gilt, sondern für viele Akteure im Sub/Popkultur-Betrieb – ein virtue signalling dafür, dass man sich auf der richtigen Seite positioniert.

Womit ich zu eurem „Schlachtrufe“-Song überleiten möchte. Eure Stefanie Schrank-Coverversion hat mich sofort gecatcht. Ich teile die Kritik an der Maskulinität, Unsichtbarkeit alles Weiblichen und politischer Plattitüde total. Erleben wir ein Rollback in die Ära des Proll-Punk?
Roman: Ich bin gar nicht so „Schlachtrufe“-sozialisiert, als dass ich mich dazu äußern könnte.
Fossi: Zur Plattitüde kamen ja noch die Randale-Fotos in den Booklets. Punk spricht hier mit seinem plakativen und aggressiven Gestus eben eher die jungen unreflektierteren Männer an. Und neue junge Bands fangen vielleicht auf dieser Stufe an mit Punk und entwickeln sich dann weiter. Also Proll-Punk gibt es heute immer noch, aber ich nehme auch wahr, dass eine Sensibilisierung für Feminismus und Sexismus heute viel eher einsetzt als früher. Immerhin haben sich die LOKALMATADORE aufgelöst. Der Prototyp des Proll-Punk existiert nicht mehr. Aber einen Markt für diese Musik wird es wohl auch weiterhin geben.

Letzte Frage: Die eurer Meinung nach gegenwärtig spannendsten Punk-Acts sind ...
Fossi: Ich bin ein riesengroßer Fan der CLOWNS. Absolut hammergeil sind auch THE ERADICATOR. Es ist ein Ein-Mann-Projekt mit Gastmusikern, das über mehrere Alben immer nur davon handelt, wie geil Squash und wie scheiße Tennis ist.
Roman: Die ANTILOPEN GANG finde ich sehr geil. Die vertreten straight ihren Standpunkt.

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