
Die neueste Entdeckung von Seattles Empty Records. Als Frauen-Trio gegründet, ist die Band aus Olympia, WA mittlerweile zum Five-Pack geworden, bei dem nur noch 2/3 der Positionen von Frauen besetzt sind. Frontfrau Tammy Watson Ist Sängerin und Boss der Band zugleich. Und weil sie weiß, dass das Ox das wichtigste Musikmagazin Deutschlands ist, rief sie mich Ende Juli direkt aus Seattle an, um mir ein Interview aufzudrängen. Wer KILL SYBIL bis jetzt tatsächlich nicht kennt, der hat was versäumt, denn sie sind die einzig wahren Nachfolger der WIPERS, wie gut oder schlecht deren neues Album auch klingen mag. Am Schlagzeug sitzt hier übrigens ein gewisser Eric Akre, der auch bei den TREEPEOPLE trommelt.
Bands mit „female vocals" passen zur Zeit hervorragend In diesen Girlism- und Riot-Grrrls-Hype. Wie stehst du dazu?
Tammy: Ich lebe schon seit Mitte der Achtziger hier in Olympia und damals waren die Frauen, die jetzt in der Riot-Grrrls-Szene mitmischen, noch auf der Junior High School. Naja, Olympia ist mittlerweile bekannt für seine Riot Grrrls, und weil wir einen Song mit dem Titel „Olympia" haben und außerdem zwei Frauen in der Band sind, wurden wir mit dieser Riot-Grrrls-Sache in Verbindung gebracht. Aber ich bin sicher die letzte, die Probleme damit hat, als Frau in einer Band zu sein. Deshalb: More power to it!“ Denn insgesamt hat diese Riot-Grrrls-Sache doch mehr gute als schlechte Seiten und die Frauen zeigen und sagen endlich, was sie wollen.
Diese Girlism-Sache wird ja aber auch ziemlich für Promotion- und Hype-Zwecke von den Plattenfirmen ausgenutzt.
Ja, und wir wären die letzten, die etwas dagegen hätten, von diesem Girlism-Hype zu profitieren. Es gibt einfach bestimmte Themen, mit denen Frauen an jedem Tag ihres Lebens konfrontiert werden. Und wenn ich mit meiner Band durch Rock'n'Roll etwas bewirken kann, dann ist das großartig. Vielleicht lernen die Leute, die unsere Musik gut finden und unsere Texte und Aussagen hören, ja irgendwas. Damit, dass die Presse zur Zeit auf dieses Girlism-Phänomen einsteigt, habe ich keine Probleme, denn dadurch wird unser Anliegen weiterverbreitet, und solange du deinen Ideen treu bleibst, ist das eine gute Sache.
Bei Frauen-Bands oder Bands, bei denen mehrere Frauen mitspielen, muss wohl jeder Mann, wenn er ehrlich ist, zugeben, dass so Gedanken aufkommen wie „Nicht schlecht für eine Frau“…
Ja, das stimmt schon. Ich fahre so einen total getunten amerikanischen Wagen und wenn ich damit irgendwo parke, kommen immer irgendwelche Kommentare wie „It's a pretty cool car for a girl to have". So ein Auto ist etwas total männliches, genauso wie in einer Rockband zu spielen. Das gilt auch für Bands, bei denen dann so Kommentare kommen wie „Nicht schlecht für eine Frauenband". Wir haben drei Typen in der Band und dadurch entgehen wir diesen Sprüchen etwas. Manche Männer können aber wohl einfach nicht die Schnauze halten. Ich weiß nicht, ob die sich von solchen Frauen bedroht fühlen und sie deshalb mit solchen Sprüchen abwerten müssen. Und das sind ja nicht nur Spießer, sondern auch Leute in der Szene, von denen man ja zu wissen glaubt, dass sie ein etwas anderes Denken und Bewusstsein haben. Dabei sind sie genauso in dem Stereotyp von der schwachen Frau gefangen. Aber dadurch, dass Frauen in Bands spielen und das dann auch noch gut machen - obwohl das „gut sein" vielleicht gar nicht wichtig ist, sondern nur die Tatsache, dass Frau etwas tut -, ist das schon ein Schritt vorwärts für viele Frauen. Aber nach wie vor gibt es eine Menge Sexismus, gerade auch in der Szene. Wir spielten zum Beispiel in Kalifornien und waren gerade dabei, die Instrumente vom Auto in den Club zu tragen. Da kommt dieser Typ, der uns unser Freibier bringen will, und fragt mich, MIT welcher Band ich hier sei. Ich sage „KILL SYBIL" und er fragt „Oh, wo sind sie denn?". Ich antworte „Ich bin die Sängerin der Band", worauf er meint „Ach so, es ist eine dieser Frauenbands". So ein Arschloch. Ich meine, ich hätte ihm eine feministische Standpauke halten können, aber irgendwie war mir das zu blöd und ich dachte mir nur „Du Ignorant, gib mir einfach mein Bier und verschwinde". Es ist einfach eine Frage, wie viel Energie ich habe, permanent gegen so was zu kämpfen. Das gute an diesem gesteigerten Medieninteresse an Frauenbands ist vielleicht, dass ein Gewöhnungseffekt eintritt und die Leute irgendwann kapieren, dass es nichts Außergewöhnliches ist, wenn Frauen in einer Rockband spielen. Du machst Musik, um deine Aggressionen rauszulassen und die Leute deine Meinung wissen zu lassen, denke ich.
Wenn Frauenbands spielen, dann kann man auch immer wieder feststellen, dass der Großteil der Männer vor allem damit beschäftigt ist, völlig fasziniert auf die Brüste der Frauen zu starren.
Hahahahaha, ja, das ist total lächerlich. Und nach dem Konzert kommen die Typen dann zu dir her und sagen „Wow, you were totally great!". Und dabei sprechen sie nicht mal von der Musik... Ich bin dann meistens zu perplex, um die Leute zu fragen, was sie denn damit meinen, die Band oder mich. Oder Typen, die zu dir sagen „I really like you, and Kat from BABES IN TOYLAND". Ich antworte dann: „Du stehst also auf große, blonde, starke Frauen, die singen. Stehst du auf ihre Musik oder auf ihre Titten?". Oder wenn wir auf der Bühne stehen, kommt immer wiedermal aus dem Publikum der Ruf „Nice ass!" Ich schreie die Leute dann an „What the fuck! Do you want to see an ass or are you here to see rock'n'roll?". Andererseits: Wenn mein Arsch für diese Typen ein Grund ist, unsere CD zu kaufen, dann sehe ich in erster Linie die 10 oder 15 Dollar, haha. Außerdem bin ich heute auch ausgesprochen gut gelaunt und friedfertig, sonst würde ich vielleicht andere Kommentare loslassen...
Wie lange gibt es KILL SYBIL denn schon?
Seit zwei Jahren. Die Band wurde gegründet von mir, Dale und Patty, die jetzt bei HOLE spielt. Dale und Patty wollten damals eine Band gründen und ich war die einzige Person, die in Frage kam. Also riefen sie mich an und das war's. Aber wir waren alle schon seit Jahren in der Rock'n'Roll- und Musikszene in Olympia dabei.
Habt Ihr denn schon in anderen bekannteren Bands gespielt?
Nein, außer Patty, die in den Achtziger bei einer Punk- und Metalband namens SUNSHINE DARK CLOUD(?) gespielt hat. Naja, wir legten dann einfach los und Patty brachte irgendwann Larry an, der als Gitarrist einstieg. Patty brachte dann eine 7" von uns raus, die sich auch sehr gut verkaufte. Aus Liebesgründen verließ Patty dann aber die Band und zog nach San Francisco, wo die ganze Sache dann zwar in die Brüche ging, aber HOLE gerade eine Schlagzeugerin suchten. Wir hatten sie mittlerweile ersetzt, als sie mit HOLE wieder nach Seattle zurückkehrte. In der folgenden Zeit steigen ein paar Leute ein und wieder aus und irgendwann hatten wir als Bassistin eine gewisse Lesley, die vorher bei HOLE ausgestiegen war und dann bei uns einstieg. Im Augenblick läuft bei uns alles sehr gut: Wir werden im Oktober in den USA auf Tour gehen. Außerdem haben wir beim Lollapa-looza-Festival gespielt und kürzlich unser Debut-Album rausgebracht, das sich sehr gut verkauft.
Werdet Ihr in absehbarer Zeit nach Deutschland kommen?
Ja, definitiv! Dale nervt uns damit schon die ganze Zeit, denn sie steht auf Europa. Ich dagegen bin durch und durch amerikanisch und kann mir nicht vorstellen, irgendwo hin zu gehen, wo man nicht Englisch spricht.
Hier spricht doch jeder Eng-lisch…
Das versichern mir meine Freunde auch ständig. Eine meiner besten Freundinnen von der High School lebt in Mannheim und sie hat mich getröstet: „Tammy, the food is weird, but at least they speak English." Aber ich denke mir, dass allein schon das Bier die Deutschland-Tour wert ist. Euer Käse soll euch sehr seltsam sein, habe ich gehört.
Naja, Immerhin haben wir hier Käse. Das synthetische Zeug in den USA kann man Ja kaum Käse nennen. Apropos Käse: Lass uns noch etwas über eure Musik reden: Ihr erinnert mich total an die WIPERS.
Oh, vielen Dank! Das ist das der größte Kompliment, das du uns machen kannst. Die WIPERS waren wirklich eine unglaublich gute Band. Ich erinnere mich, dass ich sie mal live gesehen habe, als ich noch zur High School ging. Unsere musikalischen Wurzeln liegen sicher im Punkrock und im Garage-Rock. Die WIPERS kombinierten verschiedene Musikstile und wir tun das auch. Dale steht zum Beispiel neben Punkrock auch sehr auf Goth-Rock. Ich komme aus dem Süden der USA und wuchs deshalb mit Country & Western auf, aber hörte bei meinen Eltern auch Sachen wie die STOOGES, BOWIE und solche Sachen. Später kam ich dann zu Punkrock und brachte da die ganz anderen Einflüsse ein. Außerdem stehen wir alle auf MY BLOODY VALEN-TINE.
Ich war überrascht, dass an eurer Musik überhaupt nichts "grungy" ist.
Stimmt, obwohl wir aus der Gegend von Seattle kommen. Ich denke, das liegt daran, dass wir seit Jahren von dieser Musik umgeben sind, ständig die Bands sehen, jeder um uns herum Grunge spielt. Klar, man wird davon beeinflusst, aber die Neigung, es nachzumachen, ist doch sehr gering.
Da war doch noch diese Geschichte mit eurem Bandnamen, dem Wechsel von SYBIL zu KILL SYBIL.
Als wir uns gründeten, nannten wir uns SYBIL, weil Dale, Patty und ich einfach verrückt sind und jeder meinte, wir sollten uns so nennen. Wir nahmen dann unsere Single auf, gingen auf Tour, kamen zurück und mussten feststellen, dass es in New York eine total lahmarschige, völlig unbekannte R'n'B-Sängerin gibt, die zwar keiner kennt, die aber die Rechte an dem Namen hat. Unsere Single kam zur gleichen Zeit raus wie NIRVANAs „Nevermind" und die dachte wohl, dass jeder in Seattle jetzt ohne Ende Geld macht. Wir riefen sie an und sie wollte uns tatsächlich verklagen, falls wir den Namen nicht ändern. Im letzten Augenblick änderten wir unseren Namen, obwohl uns vorher absolut keiner eingefallen ist. Wir waren bei so blöden Namen wie SYBIL MINDS oder THIN WHITE SYBIL. Am letzten Tag der uns gesetzten Frist rief uns unser Manager an und meinte genervt: „Oh, I could kill SYBIL...". Und wir hatten unseren Namen, den wir dann auch gleich freudig dem Rechtsanwalt von SYBIL mitteilten: „We changed our name to KILL SYBIL... How do you like it?"
Und Jetzt seid Ihr reich und lebt von eurer Musik?
Hahaha, no way! Ich arbeite bei Empty Records, Dale kocht Kaffee, Robin bäckt Pizzas, CJ verkauft Bücher und Lesley macht gar nichts. Wir würden natürlich gerne von unserer Musik leben, aber irgendwie klappt es noch nicht.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Joachim Hiller