KIM DEAL

Foto© by Steve Gullick

Endlich solo

Für ein erstes Solo-Album ist es nie zu spät, auch nicht im Alter von 63 Jahren. Die sind Kim Deal nun wirklich nicht anzusehen. Sie wirkt jung, energetisch und gut gelaunt, als sie den Raum im Dachgeschoss des Friedrichshainer Boheme-Hotels betritt. Als Erstes stellt sie ihren Sessel vom Fenster weg an eine schattigere Stelle, weil sie Sonne nicht besonders mag. Die scheint an diesem Herbsttag mit ziemlicher Wucht in den Raum. Kim Deal war lange Zeit Bassistin bei den PIXIES, rief das eher kurzlebige, aber feine Projekt THE AMPS ins Leben und ist vor allem Gitarristin und Sängerin bei THE BREEDERS, die seit 1988 in sehr unregelmäßigen Abständen bisher fünf prachtvolle Alben auf die Menschheit losgelassen haben. Nun erschien im November das Solo-Debüt „Nobody Loves You More“.

Kim, wie geht’s dir?

Gut. Ich bin letzte Nacht in Berlin angekommen, es war leider schon dunkel und so habe ich nicht sehr viel von der Stadt gesehen.

Wo kamst du her?
Von Heathrow. Der Flughafen ist fucking crazy. Die Fahrt dorthin dauerte über zwei Stunden, obwohl es eine Strecke von nur acht Meilen ist.

Du hast in den kommenden Tagen noch einen Termin in London, habe ich gehört.
Ja, das ist in einem Kino. Ich werde so eine Art Talkshow mit Adam Buxton haben. Als wir letzten Sommer mit THE BREEDERS dort ein paar Konzerte spielten, haben wir uns für seinen Podcast verabredet. Ein sehr netter Typ. Die Veranstaltung wird von Rough Trade organisiert.

Wie lange läuft deine Promo-Tour?
In Berlin bleibe ich bis morgen, ein Tag Paris, noch mal London und dann ab nach Hause ... nach Ohio.

Du lebst nicht mehr in Dayton?! Du sagtest vor einigen Jahren, dort aufzuwachsen war, wie in Russland zu leben.
Oh ja. Damals, als es noch kein Internet gab, musste ich immer nach Boston fahren, weil es in Dayton keine Fanzines gab. Auch keine Plattenläden. Die Radiosender spielten nur kommerzielles Zeug für die Masse. „Surfer Rosa“ und „Come On Pilgrim“ von den PIXIES, die auf einem UK-Label waren, konntest du auch nur als Import kaufen, weil es keinen Vertrieb in den Staaten dafür gab.

Wie hast du dann gute Musik entdeckt?
Mit Kassetten. Leute hatten immer Kassetten. Ich mochte 13TH FLOOR ELEVATORS, George Michael, BLACK UHURU und die UNDERTONES.

Du hast offensichtlich einen vielfältigen Musikgeschmack. Frank Black suchte einst so jemanden für die PIXIES – zwischen PETER, PAUL & MARY und HÜSKER DÜ.
Ja, das stimmt. Ich habe nicht viel über HÜSKER DÜ gewusst. Ich kannte nicht viele Songs, wusste aber, wofür sie stehen. PETER, PAUL & MARY kannte ich besser.

Heute scheint es akzeptierter zu sein, breitgefächerte musikalische Interessen zu haben, oder?
Das sehe ich auch so. Interessant ist, dass es heute oft keinerlei Bezugspunkte mehr gibt, wie Linernotes oder gut gestaltete Albumcover. Du weißt oft nicht mal, ob ein Song alt oder neu ist. Nicht nur Genres überschneiden sich, die Dekaden, in denen Musik entstand und entstehen, tun das auch. Es gibt absolut keine Referenz mehr zu irgendwas, wenn du Lieder bei Spotify hörst.

Ich mag es, ein Album in der Hand zu halten. Wir sprechen heute über dein erstes Solo-Album. Du hast die Lieder über einen langen Zeitraum von zwölf Jahren geschrieben, heißt es.
Ja. Einige Songs sind schon älter, andere entstanden 2022, so wie das letzte Lied „A good time pushed“, in Zusammenarbeit mit Steve Albini. Ein paar hatte ich als Serie von 7“s rausgebracht. Die habe ich aber noch mal neu aufgenommen, auch weil ich sie anders produzieren wollte. Die waren vorher mit einem Achtspur-Gerät entstanden. Die Versionen hätten nicht so gut auf das Album gepasst, deshalb habe ich sie noch mal neu bearbeitet.

Steve Albini ist leider vor kurzem verstorben. Er war nicht nur ein Produzent, mit dem du gearbeitet hast, sondern auch ein Freund, nicht wahr?
Ja, das war im Mai 2024. Es war echt traurig ... Er ist einfach so gestorben, völlig unerwartet. Das ist niederschmetternd, vor allem für die vielen Leute in Chicago, die mit ihm in einem großen Haus zusammenarbeiteten, wo er sein Studio hatte. Er war auch oft in Italien, Deutschland oder Frankreich wegen der Musik unterwegs, er war auch Lehrer und gab Workshops. Mit seiner Band SHELLAC spielte er noch 2023 auf dem Primavera Festival in Barcelona. Ich denke wirklich oft an ihn. Wenn ich über ihn rede, kommt es mir so vor, als wäre er noch am Leben. Ich frage mich oft: Was würde Steve davon halten? Würde Steve das mögen? Es ist hart für mich. Wir kannten uns seit den 1980er Jahren. „Surfer Rosa“ war das erste Album, das wir gemeinsam aufnahmen, ich glaube 1987. Seitdem habe ich oft mit ihm zusammengearbeitet.

Wäre ich Musiker, wäre er mein Wunschproduzent gewesen. Ich hörte, er habe den Leuten nicht viel reingeredet, sondern versucht herauszufinden, wie sie am besten nach sich selbst klingen.
Steve betrachtete sich nicht als Produzent. Wenn du zum Beispiel Natalie Cole, die Tochter von Nat King Cole produzierst, dann heuerst du eine Band an, buchst ein Studio, steuerst die Arrangements bei und arbeitest sowohl mit der Künstlerin wie auch mit dem Label zusammen. Steve würde, wenn du ihn als Produzenten willst, zu ihm gehst und er noch nie Musik von dir gehört hat, dich ans Klavier setzen und sagen: Spiel! Du spielst und fragst: Wie war das? Er sagt: Es ist, was es ist. Hör es dir selbst an. Ich habe nie erwartet, dass er etwas gut findet von mir. Ich weiß es auch gar nicht, denn ich habe ihn nie gefragt.

Er hat nie was dazu gesagt?
Haha. Er mochte es, Dinge zu vergleichen, und sagte zum Beispiel einmal bei den Aufnahmen: Das klingt wie ein BAD BRAINS Song. Ich habe keine Ahnung, ob er den Song mag, aber er sagt manchmal bei einzelnen Parts, dass sie ihm gefallen. Als wir das Album aufnahmen, lief alles sehr professionell ab. Er stellte alle Mikrofone bereit und war sehr gut vorbereitet, die Technik war perfekt, auch für die Streicher. Steve wollte immer den ersten Take nehmen und sagte: Das brauchen wir nicht noch mal aufnehmen, oder? Wie oft willst du es denn? Noch fünfmal?

„Crysal breath“ ist bisher mein Lieblingslied. Wie kamst du auf die Idee mit den seltsam klingenden Synthies?
Ich wurde gefragt, ob ich Musik für eine TV-Serie schreiben kann. Zuerst sagte ich: Das ist nicht mein Ding, danke schön. Dann hörte ich, dass Rose Byrne in der Serie mitspielt. Kennst du die? Ich mag sie sehr, also sagte ich ja. Dann schrieb ich etwas für sie, und sie haben das Ergebnis abgelehnt, haha. Da die Serie im Jahr 1980 spielt, habe ich mit einem puren Disco-Beat auf einem Yamaha-Keyboard angefangen: Tick, tick, tick, tick ... das durch eine Vierspur-Maschine gejagt und mit Verstärker und Verzerrer wurde der Sound noch mal verfremdet. Der Synthie klingt jetzt mehr nach einem Heavy-Metal- oder Hardrock-Takt. Das mit einem ganz anderen Genre wie Disco zu kombinieren, fand ich lustig.

Magst du Metal?
Ja, als Teenie mochte ich SCORPIONS, UFO und all so Zeug.

Was war deine erste Lieblingsband?
BLACK SABBATH, in der Highschool. Typischer Midwest-Hardrock. Wir waren oft auf Konzerten und ich sah THE OUTLAWS, RUSH, Ted Nugent, Sammy Hagar solo. Wir sind immer hingegangen, wenn überhaupt mal was los war.

Der Opener und Titeltrack deines Albums klingt hingegen ein bisschen wie eine Big-Band-Nummer.
Das war gar nicht geplant. Als ich die Bridge schrieb, hörte ich im Kopf diese Klänge, das ist häufiger so. Ich kann es gar nicht stoppen, wenn es in meinem Kopf losgeht. In der Realität höre ich meine Gitarre und vielleicht den Gesang, aber in meinen Gedanken entwickelt es sich gleich weiter. Ich höre eine passende Melodie oder Wörter, hier hatte ich plötzlich ein kleines Orchester im Kopf mit Geigen und Glockenspiel. Ich möchte so etwas immer verfolgen ... Und dann sagt Josephine von den BREEDERS, ich soll das nicht tun, haha.

Wie entscheidest du, was solo wird und was für THE BREEDERS passt?
Ich erzähle dir mal von der Ukulele, die ich in einem Song verwende und die ich von Steve und seiner Frau geschenkt bekam. Sie haben sich auf diese Weise bedankt, dass ich auf ihrer Hochzeit gespielt hatte. Die Ukulele hatte ich viele Jahre zu Hause, vor einer Weile nahm ich sie mit in den Proberaum und sagte: Josephine, hör doch mal. Und sie: Absolutely not! Das wird kein BREEDERS-Song. Sie ist sehr oldschool, was das angeht ... sehr London-Goth. Und weißt du was? Ich respektiere sie für ihre Entscheidung.

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