LAMBRINI GIRLS

Foto© by Nicole Osrin

Allgegenwärtige Wut

Die Agenda von LAMBRINI GIRLS ist direkt: Die beiden Frauen aus dem britischen Seebad Brighton setzen sich vehement für die Rechte der queeren Community ein. Alte weiße Männer und toxische Männlichkeit sind Phoebe Lunny und Lilly Macieira ein Dorn im Auge. Ihren Zorn verpacken die beiden Girls in wütende Punksongs, die im Vereinigten Königreich hohe Wellen schlagen. Sie spielen im Vorprogramm von AMYL & THE SNIFFERS und IDLES und auf den großen Festivals. The hype is real. Jetzt erscheint ihr Debütalbum „Who Let The Dogs Out“ beim Berliner Indielabel City Slang. Phoebe und Lilly erzählen uns, warum es bei ihnen gerade so gut läuft.

Wie hat das alles angefangen mit LAMBRINI GIRLS? Wie habt ihr euch gefunden?

Phoebe: Bevor Lilly bei LAMBRINI GILRS gelandet ist, gab es einige Wechsel im Line-up. Wir haben uns kennen gelernt, als wir beide in Bars in Brighton gearbeitet haben. Vor LAMBRINI GIRLS waren wir zusammen in einer Band namens WIFE SWAP USA. Ich habe Keyboard und Lilly Bass gespielt. Im Januar 2022 haben wir jemanden für eine LAMBRINI GIRLS-Show in London gebraucht, also haben wir Lilly gefragt und sie hat sich das komplette Set in 24 Stunden draufgeschafft. Sie hat einen sehr guten Job gemacht und wir hatten alle viel Spaß. Wir haben uns über unsere Ambitionen als Musikerinnen unterhalten und wie frustrierend es ist, wenn andere in der Band nicht mitziehen. Also haben wir beschlossen, weiter zusammenzuarbeiten, und Lilly ist bei uns eingestiegen. Und da sind wir jetzt und sprechen mit dir, haha.

Habt ihr vorher in anderen Bands gespielt? Ist Brighton ein guter Ort, um eine Band zu gründen? Es gibt da einige tolle Acts wie BLACK HONEY, DREAM WIFE oder THE KOOKS.
Lilly: Ich hatte vorher noch andere Bands. Eine war ein Trio namens SIT DOWN und ich habe bei der Band PURE ADULT aus Brooklyn gespielt, als sie auf Tour in UK waren.
Phoebe: In Brighton gibt es eine große Community, die Bands und Künstler aktiv unterstützt. Es kommen viele Leute zu den Shows und es gibt tolle Venues in der Stadt. Zum Beispiel den Green Door Store, den eine Frau namens Megan Thompson betreibt, die sich wirklich sehr für die lokale Szene engagiert. Außerdem gibt es den Pub The Hope And Ruin, der von ein paar Leuten organisiert wird, die sehr viel Zeit und Herzblut in die Musikszene investieren, um den Menschen einen wundervollen Ort für Konzerte zu bieten. Und der Pub The Prince Albert ist auch ein toller Ort für Auftritte. Es gibt also jede Menge Bühnen für Talente in Brighton. Wir können von Glück reden, dass wir von dort kommen.

Als ich den Namen LAMBRINI GIRLS zum ersten Mal gehört habe, dachte ich spontan an einen italienischen Sportwagen.
Phoebe: Haha. Wir werden öfter „Lamborghini Girls“ genannt oder auch „Linguini Girls“. Lambrini ist ein ziemlich billiger Fusel aus England. Pappsüßes Zeug zwischen Wein und Cider. Die Sorte Alkohol, mit der du dich im Park betrinkst, wenn du 14 Jahre alt bist. Wir haben das lange geliebt und jede Menge davon getrunken. Daraus ist der Bandname entstanden.

Ihr wart in den USA und Kanada mit AMYL & THE SNIFFERS auf Tour. Das hört sich nach einem perfekten Match an.
Lilly: Das war absolut großartig, wir haben Freunde fürs Leben gefunden. Das sind voll süße Leute, die ehrlich und auf dem Boden geblieben sind. Keine typische Punkband. Sie geben nicht vor zu sein, was sie nicht sind, oder haben Bullshit im Kopf. Wir haben auf der Tour sehr schnell einen Draht zueinander gefunden und viele sehr tiefgehende Gespräche geführt. Diese Tour war ein absoluter Traum, wir sind große Fans von AMYL & THE SNIFFERS.
Phoebe: Wir hatten viel Spaß, haben getrunken und die Zeit abseits der Bühne zusammen verbracht. Da war nichts Verrücktes dabei, das ist auch schwer, wenn man 24 Shows in einem Monat spielt. Aber Amy kam regelmäßig in unsere Garderobe mit einer Flasche Jägermeister in der Hand und sagte: „What’s up, sluts? You want some Jäger?“ Und wir so: „Fuck it, lets go!“ Die Shows waren alle großartig, wir sind wirklich dankbar, dass sie uns mitgenommen haben. Auch musikalisch hat es perfekt gepasst.

Ende November habt ihr drei Shows mit den IDLES gespielt, in riesigen Hallen wie dem Ally Pally in London. Wie war das?
Lilly: Völlig verrückt. Ins Ally Pally passen 14.000 Leute rein. Das war sehr aufregend für uns. Auf so einer großen Bühne, vor so einem großen Publikum, das war surreal. Wir sind nicht mal auf den Boden gefallen, als wir von der Bühne gesprungen sind. Haha.
Phoebe: Wir sind wie die IDLES eine aktivistische Punkband. Wir haben ähnliche Inhalte in unseren Texten. Auch einige Songs ähneln sich sehr, andere überhaupt nicht. Wir nutzen beide unsere Popularität, um Botschaften zu vermitteln, die uns wichtig sind. Dass es zum Beispiel völlig egal ist, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist oder wie auch immer du dich identifizierst. Deshalb ist es wunderbar, mit den IDLES eine Bühne zu teilen.

In den letzten drei Jahren habt ihr viel erreicht. Ihr spielt auf großen Festivals wie in Glastonbury, Leeds oder Reading. Ihr werdet unterstützt von BBC Radio 6 Music oder dem NME. Überrascht es euch, wie gut es läuft?
Lilly: Wir schuften ziemlich hart dafür und stehen permanent auf der Bühne. Unsere Fanbase haben wir uns Stück für Stück aufgebaut. Aber natürlich ist das alles in einer unglaublichen Geschwindigkeit geschehen. Manchmal ist es schwer nachzuvollziehen, was in den letzten drei Jahren passiert ist. Ich kann mich noch gut an unsere erste gemeinsame Show erinnern und an die Entscheidung, Musik als Vollzeitjob zu machen. Also haben wir vom ersten Tag an Vollgas gegeben.
Phoebe: Ich habe keinen blassen Schimmer, wie das alles passiert ist. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, den Ofen weiter anzuheizen. Ich denke, es ist viel leichter, von außen darauf zu schauen, als alles zu beurteilen, wenn man mittendrin ist. Ich bin also nicht wirklich überrascht, wie gut es läuft, weil es sich so organisch anfühlt. Wir spielen einfach weiter Show für Show und natürlich ist das alles sehr aufregend. Wir sind sehr happy mit LAMBRINI GIRLS und dankbar für alles, was wir bis jetzt erreicht haben.

Betrachtet ihr euch immer noch als DIY-Punkband?
Phoebe: Nein, überhaupt nicht. Wir haben ein Label, wir haben ein Management und sogar jemanden, der sich um unsere Pressearbeit kümmert. Inzwischen sind wir das Gegenteil von DIY. Wir schreiben Songs und liefern Inhalte, den Rest erledigen andere Leute für uns.
Lilly: Natürlich hat es ganz anders angefangen. Vor zwei Jahren hat Phoebe noch unsere erste Headliner-Tour selbst gebucht. Ich habe mich bis zur Tour mit AMYL & THE SNIFFERS ums Tourmanagement gekümmert. Jetzt haben wir ein großes Team und bekommen jede Menge Hilfe. Es ist absolut klar, dass wir längst die Schwelle zur Musikindustrie überschritten haben. Wir haben als DIY-Band angefangen und sehr hart daran gearbeitet, keine DIY-Band mehr sein zu müssen. Das ist auf Dauer sehr anstrengend. Ab einer gewissen Größe ist es nicht mehr möglich, alles selbst zu machen.

Auf den Bandfotos seid immer nur ihr zwei zu sehen, auf der Bühne seid ihr aber zu dritt. Wer ist noch Teil der Band?
Lilly: Wir sind definitiv ein Duo. Oft werde ich gefragt, warum wir keine feste Drummerin haben. Ich sage dann immer: Wir brauchen keine. Wie viele andere Künstler heuern wir kurzfristig Sessionmusiker:innen an, die uns unterstützen. Wir brauchen jemanden, der auf der Bühne oder im Studio Schlagzeug spielt. Aber alles, was Songs schreiben oder den kreativen Prozess betrifft, machen wir zu zweit. Wir haben eine ganze Reihe von Drummer:innen, die uns auf Tour begleiten und dafür gutes Geld bekommen. Ich denke, bei LAMBRINI GIRLS kommt es vor allem auf die Dynamik zwischen Phoebe und mir an. Das funktioniert perfekt. Wir haben keinen Bedarf, eine dritte Person in die Band zu holen. Zumindest ist das momentan so.

Lasst uns über ein paar Songs von eurem Debütalbum reden. Der erste, den ich gehört habe, war „Big dick energy“. Worum geht’s da?
Phoebe: Das ist ein Stück, das wir schon seit Jahren live spielen, deshalb wollten wir es unbedingt auf dem Album haben, vor allem angesichts des aktuellen Diskurses über Geschlechtergewalt und Safe Places für Frauen und Queer People. Das ist ein sehr wichtiges Thema für uns. In dem Song geht es um toxische Männlichkeit und Frauen, die um ihre Unversehrtheit bangen. Es geht einfach darum, ungestört in der Öffentlichkeit zu existieren, was aus unserer Sicht immer schwerer wird. Es ist eine Kritik an toxischem männlichen Verhalten und wie es von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der Text lässt nicht viel Raum für Interpretation. Der geht ziemlich in die Fresse.

Das ist typisch für euch. Ihr seid keine Band, die um den heißen Brei herumredet. Ähnlich deutlich ist der Song „Company culture“.
Phoebe: Da geht es um Frauen und queere Menschen in der Arbeitswelt. Es spielt keine Rolle, ob du in einem Büro oder in einer Bar arbeitest. Dieser Song greift Themen auf, mit denen Frauen in allen Branchen konfrontiert werden. Im Vereinigten Königreich bekommen Frauen für die gleiche Arbeit 14% weniger Geld als Männer. Dazu gibt es einige sehr aussagekräftige Statistiken. In dem Song geht es um Diskriminierung am Arbeitsplatz und all die unangenehmen Erfahrungen, die damit einhergehen. Ich kenne keine Frau oder queere Person, die davon nicht betroffen ist. Es geht also darum, dass es keine Jobs für Frauen gibt, mit denen sie sicher und ungestört ihr Geld verdienen können.
Lilly: Es geht darum, permanent als Sexobjekt betrachtet zu werden, sogar in einem professionellen Arbeitsumfeld. Diesem Umstand kann niemand entkommen. Als Frau muss man doppelt so hart kämpfen, um den Status eines Mannes zu erreichen. Eine Frau in einer Spitzenposition muss wirklich sehr tough sein und viel mehr Widerstände überwinden, um dahin zu gelangen. Das kommt nicht daher, dass ihr Arbeitsumfeld besonders inklusiv ist, sondern weil sie sich mit Zähnen und Klauen gewehrt hat. Und das nervt einfach.

In euren Songs kann man viel Wut hören. Stecken dahinter auch persönliche Erfahrungen?
Phoebe: Ich denke, sehr viele Frauen sind sauer darüber, wie sie jeden Tag behandelt und begrapscht werden. Unsere Texte sind das Ergebnis von tagtäglichen Beobachtungen, die wir machen. Um uns herum gibt es jede Menge Inspiration für unsere Texte. Es ist in unseren Augen eine völlig natürliche Reaktion, stinksauer zu sein. Das ist das Ergebnis der Dinge, die wir sehen und hören. Schau dir nur mal an, wie scheiße die Welt für so viele Menschen ist. Es würde uns viel mehr Energie kosten, nicht darüber wütend zu sein. Diese Wut ist einfach allgegenwärtig.

Vor einigen Jahren gab es noch nicht so viele queere Bands. Inzwischen hat man fast das Gefühl, dass es angesagt ist, queer zu sein. Das hat auch die Musikindustrie für sich entdeckt. Wie denkt ihr darüber?
Phoebe: Leider ist es so. Queer verkauft sich gut. Queerness ist längst zur Ware geworden. Als queere Künstlerin kann man leider nicht viel dagegen tun, um diesen Trend zu stoppen. Es gab schon immer queere Künstler wie David Bowie oder Freddie Mercury, die wurden allerdings nie so aggressiv vermarktet wie jetzige Künstler:innen. Ihre Homosexualität wurde lange unter den Teppich gekehrt. Heute wird das ganz anders gemacht. Sie behaupten, dass sie inklusiv sind und offen queere Bands unterstützen möchten, aber in Wirklichkeit nutzen sie nur die Gunst der Stunde aus. Meiner Meinung nach wurden queere Künstler:innen schon immer ausgebeutet, weil sie gegen den Strom geschwommen sind und anders waren. Dadurch waren sie innovativer als viele andere Bands.
Lilly: In meinen Augen ist es ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es frustrierend, dass Queerness missbraucht wird, um Geld zu verdienen. Auf der anderen Seite verschafft es auch immer mehr queeren Leuten die Öffentlichkeit, die sie verdienen. Das ist auch wichtig. Es ist also auch positiv, dass queere Künstler:innen immer mehr im Mainstream ankommen. Wenn es dich also als Künstler:in weiterbringt, ist es eine gute Möglichkeit voranzukommen. Selbst wenn du dich ausgenutzt fühlst. Viele queere Personen sehen das vielleicht anders, aber meiner Meinung nach kann das auch sehr positiv für die Szene sein.

Habt ihr eine Verbindung zu den Riot Grrrls aus den 1990ern, zu Bands wie BIKINI KILL oder SLEATER-KINNEY?
Phoebe: Ich bin mit diesen Songs aufgewachsen. Ich fand es immer großartig, dass sie ihre Musik als Plattform für Protest genutzt haben. Das haben wir mit ihnen gemeinsam. Ich denke aber, unsere Musik hat nichts mit dem Riot Grrrl-Sound aus den 1990ern zu tun. Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist der Umstand, dass wir Frauen mit Gitarren sind. Ich finde, wir klingen eher nach Post-Punk.
Lilly: BIKINI KILL oder L7 waren keine Einflüsse für mich, als ich angefangen habe, mich mit Musik zu beschäftigen. Mir war immer bewusst, dass es die gibt, und ich mochte Hits wie „Rebel girl“, aber sie waren nicht besonders wichtig für meine Entwicklung. Obwohl unsere Absichten identisch sind.

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Schwieriges Thema
Ähnlich wie IDLES gehören LAMBRINI GIRLS der „Free Palestine“-Fraktion an. Die beiden Girls aus Brighton vertreten ihre Meinung sehr vehement. Bei ihrem Konzert im Urban Spree in Berlin haben sie dieses Jahr die Ansage gemacht, alle, die sich mit der Band nicht auf „Free Palestine!“ einigen könnten, sollten sich schnellstens verpissen. Und wegen des Sponsorings der US-Armee und aus Solidarität mit den Palästinensern hat das britische Duo seine Teilnahme am SXSW-Festival in Austin, Texas im vergangenen Jahr abgesagt. Die Position der Band in der hitzigen Debatte um den Krieg im Nahen Osten ist der Ox-Redaktion durchaus bewusst und bekannt. Weil sich die Argumente in dieser Auseinandersetzung aber absolut gleichen, wird diese Debatte nicht in allen Interviews thematisiert. Was den Streit um den Israel-Gaza-Konflikt betrifft, teilt die Redaktion nicht die Ansichten von LAMBRINI GIRLS.

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