© by Nico PfüllerLATHE OF HEAVEN aus Brooklyn, New York veröffentlichten im August 2025 ihr neues Album „Aurora“, wieder bei Sacred Bones Records. PAWNS, die direkte Vorgängerband der „Geißeln des Himmels“, erkundeten Punk und wichtige Themengebiete noch tiefer aus dem Underground heraus, doch aus dem Zwergstern entstand nun eine der aktuell innovativsten und interessantesten Formationen der Post-Punk-Galaxie, die sich bei der Namensfindung von einem Roman der Schriftstellerin Ursula K. Le Guin anregen ließ. Anlässlich ihres Konzerts in der Neuen Zukunft, Berlin gingen einige Fragen an die Band, die von Sänger Gage Allison beantwortet wurden.
Das Artwork eures ersten Albums „Bound By Naked Skies“ ist nicht nur eines der schönsten und aufwändigsten der letzten Jahre, sondern verbindet auch alle „Trojaner“ des Albums zu einem zusammenhängenden Asteroidengürtel. Auf dem Cover sehen wir eine Art Fotocollagen-Verzerrung. War es eine bewusste Entscheidung, diesmal keine ähnliche Technik zu verwenden?
Lustigerweise waren sich die Techniken, die ich bei der Erstellung beider Albumcover verwendet habe, sogar ziemlich ähnlich. Das Artwork für „Bound By Naked Skies“ ist aus drei verschiedenen Fotos zusammengesetzt, die ich selbst entwickelt, gescannt und auf Transparentpapier gedruckt habe, das dann mit einem Vergrößerungsgerät erneut gedruckt wurde, um das Endprodukt zu erhalten. Das Cover von „Aurora“ entstand etwas schneller, aber es wurden 35-mm-Film, eine selbstgebaute Virtual-Reality-Maske – danke an ESTR – und viel Nachbearbeitung benötigt. Ich wollte mit beiden Motiven die Widersprüche und Komplexität unseres Alltagslebens aufzeigen. Deshalb habe ich mich stark auf die Gegenüberstellung von Technologie und Natur, Schönheit und Schrecken, Klassik und Moderne verlassen.
Zwei Alben innerhalb von weniger als 24 Monaten zu veröffentlichen, ist nicht gerade die Norm, und ihr wart zugleich auch viel auf Tour. Ist es in unserem Sonnensystem noch möglich, ein vernünftiges Privatleben zu führen, wenn die Kosten ständig steigen?
Es ist definitiv schwierig, unser Privatleben mit den Bandaktivitäten in Einklang zu bringen. Wir alle haben Tages- und Nachtjobs, die uns helfen, über die Runden zu kommen, wenn wir nicht auf Tour sind. Ich bin Barkeeper, freischaffender Künstler und studiere Soziologie in Vollzeit. Daniel, unser Bassist, tätowiert, Stephen, unser Schlagzeuger, arbeitet als Datenanalyst und Noel ist ebenfalls Barkeeper.
Die Besetzung von LATHE OF HEAVEN und PAWNS, der Vorgängerband, ist fast identisch und am Anfang habt ihr euch stärker im Bereich des Anarcho-Punk bewegt. War das Kapitel PAWNS abgeschlossen oder wolltet ihr einfach neue Wege gehen, ohne die Ethik, den Geist und das politische Engagement im neuen Kosmos zu verlieren?
Es gab viele Faktoren, die uns dazu motiviert haben, unseren Namen, unsere Themen und unseren Sound zu ändern. Einiges hat sich ganz natürlich entwickelt, aber das meiste war eine bewusste Entscheidung. Unsere Punk- und DIY-Ethik ist in der Band nach wie vor vorherrschend. Keiner von uns hat Interesse daran, diese Community oder diese Denkweise aufzugeben, es ging eher darum, neue und neuartige Wege zu finden, um sich mit derselben Musik und denselben Ideen auseinanderzusetzen.
Bei eurem ersten Album habt ihr keinen Hehl daraus gemacht, dass die Art-Pop/New-Romantics-Band A FLOCK OF SEAGULLS einen bedeutenden Einfluss auf eure Musik ausübte und auch die Atmosphäre des politischen Punk im Stil von CRASS ist allgegenwärtig. Sind das zwei Bands, die bei euch allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben und sich daher in eurem Songwriting wiederfinden? Auf „Aurora“ ist meiner Meinung nach der Einfluss finnischer Post-Punk-Bands noch ausgeprägter, was sich besonders im Drumsound und im Gesang zeigt.
Beide Bands wurden bei der Gestaltung des Sounds und der Ästhetik von LATHE OF HEAVEN berücksichtigt. Die finnischen Einflüsse, vor allem von MUSTA PARAATI, waren schon immer vorhanden, aber auf unserem neuen Album haben wir versucht, uns vom üblichen Post-Punk-Sound abzuheben, indem wir mehr Synthesizer, Tonartwechsel und eingängige Gesangsmelodien integriert haben.
„Aurora“, der Titelsong des aktuellen Albums, ist von einer Kurzgeschichte des britischen Autors Arthur C. Clarke inspiriert und handelt von der Zeit nach einem Atomkrieg, wobei das Ganze sogar eine romantische Komponente hat. Heute so aktuell wie während des Kalten Kriegs, trifft es einen der dunkelsten Akkorde unserer Zeit. Wie können wir dieser Bedrohung begegnen?
Wenn ich eine eindeutige Antwort auf diese Frage hätte, würde ich keine Zeit damit verschwenden, Songs darüber zu schreiben, haha. Es stimmt, dass die menschliche Zivilisation unaufhaltsam auf die dystopische Zukunft zusteuert, die viele Autoren vorhergesagt haben. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden können. Wir werden niemals einen Zustand vollendeter Utopie erreichen, aber das bedeutet nicht, dass wir es nicht versuchen sollten. Ich bin derzeit an der Universität und forsche zum Thema Inhaftierung und beschäftige mich mit Vorstößen zur Abschaffung der Gefängnisse in New York City. Diese Abschaffung ist noch ein weit entfernter Traum, aber sie wird nicht näherrücken, wenn ich mich nur darüber beschwere.
Wer ist der größte Fan futuristischer Utopien in der Band? Gibt es einen Schriftsteller, der für dich besonders wichtig ist, und es wäre auch interessant zu wissen, welche drei Kurzgeschichten oder Bücher du empfehlen würdest, um tiefer in das Thema einzutauchen und über die bekannten Werke hinaus etwas Neues zu entdecken.
Der Fan, das bin ich! Ich bin ein großer Science-Fiction-Fan, falls ihr das noch nicht bemerkt habt, und beantworte solche Fragen sehr oft. Daher werde ich diese Gelegenheit nutzen, um euch mal einige weniger bekannte Kurzgeschichten von zeitgenössischen Autoren zu empfehlen: „Staying Behind“ von Ken Liu, „The Caress“ von Greg Egan und „How Long Shadows Cast“ von Kenji Yanagawa.
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