L.S. DUNES

Foto© by Shervin Laine

Das Telefon muss klingeln

Frank Iero und Tucker Rule sind zutiefst sympathische Profis. Obwohl sie mitten in einem Interviewmarathon stecken, sind sie bestens gelaunt und spielen sich bei den Antworten die Bälle zu. Das Image, das L.S. DUNES forcieren, nämlich eine Band mit fünf gleichberechtigt kreativen Köpfen zu sein, die mit großem Gemeinschaftssinn agieren, scheint nicht bloß Fassade zu sein. Dass Tucker auch noch bei THURSDAY aktiv ist und Frank bei den übergroßen MY CHEMICAL ROMANCE, stellt maximal ihre Terminkalender vor Herausforderungen, beflügelt das zweite L.S. DUNES-Werk „Violet“ aber im Zweifelsfall umso mehr.

Im Januar ist euer neues Album erschienen, aber wie blickt ihr auf das vergangene Jahr zurück?

Tucker: Unsere Familien waren dieses Jahr gesund und wir haben es unbeschadet bis zum Jahresende geschafft. Wir gehen noch aufrecht und haben Bock, 2025 weiterzumachen. Also denke ich, dass es uns gut geht.
Frank: Wenn ich auf 2024 zurückblicke, bin ich erschöpft. Meine Batterie ist leer und ich bin total reisemüde. Ehrlich gesagt, kann ich mich gerade nur an meinen letzten Schluck Kaffee erinnern. Ihr Journalisten seid gut darin aufzuzählen, was im Jahr passiert ist, welche Platten erschienen sind oder welche Bücher und welche Filme. So ist es bei mir nicht. Dinge, von denen ich denke, dass sie letztes Jahr passiert sind, sind tatsächlich vor zwei Jahren passiert. Und Dinge, die letztes Jahr passiert sind, kommen mir so vor, als wären sie vor viel längerer Zeit passiert. Keine Ahnung, ob es dafür einen Begriff gibt, aber ich bin schrecklich darin, was Zeit und Raum betrifft.
Tucker: Du bist wie ein Hund.
Frank: Oder wie ein Goldfisch. Ich weiß nicht, wie lange etwas dauert, und ich weiß nicht, wie ich irgendwo hinkomme, denn ich habe einen schlechten Orientierungssinn. Das sind Dinge, in denen ich nicht gut bin. Ich weiß nicht einmal mehr, wo ich 2024 überall war, nur, dass ich viel auf Tour war. Aber was da passiert ist? Keine Ahnung.

Der Hobbypsychologe in mir würde sagen, dass du eventuell überarbeitet bist, Frank.
Frank: Das bin ich, aber das ist keine schlechte Sache. Mein Vater sagte immer, ein Problem wird es, wenn das Telefon nicht mehr klingelt und die Leute nicht mehr wollen, dass du mitmachst. Mit zunehmendem Alter wünschte ich manchmal, mein Telefon würde einfach mal kurz still bleiben. Aber ich weiß es zu schätzen, wie gesegnet wir sind, dass wir diesen verrückten Künstlertraum leben dürfen. Es ist eine erstaunliche Sache, mit 43 seit über 20 Jahren seine Familie mit Kunst ernähren zu können, diese Tatsache ist mir nicht entgangen. Also nehme ich die Arbeit an, ich habe keine Angst vor ihr.
Tucker: Am Ende des Tages ist die eine Stunde, in der wir unseren Job machen, die beste Zeit des Lebens. Es ist das Reisen und alles, was damit zusammenhängt, was hart und anstrengend ist. Und die Zeit weg von der Familie. Aber es ist ein gutes Gefühl, Musiker zu sein und unabhängig zu sein, obwohl die Leute immer gesagt haben, du sollst dir einen „richtigen“ Job suchen. Ich war letztens bei einem Autohaus und habe mir ein Auto gekauft. Ich brauchte keinen Bürgen und konnte das deshalb machen, weil mein Telefon nicht stillsteht.
Frank: Es war ein ferngesteuertes Auto.
Tucker: Ja, es war sehr klein.

Als euer erstes Album erschien, habt ihr betont, dass L.S. DUNES eine Band mit fünf gleichermaßen kreativen Mitgliedern ist. Trifft das auch noch auf „Violet“ zu?
Frank: Ja, jetzt sogar noch mehr. Jeder Song auf dieser Platte hat anders angefangen. Ob es ein Riff von Travis war oder eine Akkordfolge, die von mir kam, oder Tim, der mit „Machines“ fast einen kompletten Song mitbrachte, oder ein Drumbeat von Tucker, oder sogar ein Demo, an dem Anthony auf Tour gearbeitet hatte. Es ist mit absoluter Sicherheit die kollaborativste Band, in der ich je war, in jeder Hinsicht. Jeder hat etwas beizutragen und jeder ist für sich eine kreative Kraft.
Tucker: Jedes Mitglied trägt coole Sachen zu den Songs bei und trotzdem nimmt keiner dem anderen Raum weg. Dafür haben wir in der Band alle einen guten Radar, ohne überhaupt darüber sprechen zu müssen.

Es lässt sich nicht auf Anhieb greifen, ob es auf „Violet“ im Vergleich zum Debüt musikalische Veränderungen gibt. Vielleicht, weil ihr mit „Past Lives“ bereits so etwas wie euren Markensound gefunden habt?
Frank: „Past Lives“ wurde einfach aus dem Bauch heraus geschrieben, bei „Violet“ war das Hirn etwas mehr involviert. Was den Klang betrifft, ist dieses Album hoffnungsvoller und aufmunternder als „Past Lives“. Definitiv in den Texten, aber auch in manchen Melodien. Du hast einen Markensound erwähnt, was mir gefällt. Aber ich hoffe, dass das, was du meinst, die Zusammenarbeit zwischen uns fünf ist und nicht nur das Gemenge aus fünf Individuen.
Tucker: Vielleicht haben wir mit „Past Lives“ einen Sound gefunden, aber er beschränkt uns in keiner Weise. Wir können einen Song wie „Permanent rebellion“ machen, dann „Sleep cult“ spielen, gefolgt von „Violet“ oder „Magic“. Das deckt ein weites Spektrum ab und eröffnet Raum für den nächsten Song oder das nächste Album.

Ihr habt in den letzten Jahren keine neuen Alben mit THURSDAY oder MY CHEMICAL ROMANCE veröffentlicht, trotzdem pausieren beide Bands nicht. Spürt ihr doppelten kreativen Druck oder sind das grundsätzlich verschiedene Dinge für euch?
Tucker: Auch wenn sich manche Prozesse ähneln, sind das völlig verschiedene Dinge. Was ich mit THURSDAY mache, inspiriert mich bei L.S. DUNES und umgekehrt. Musik zu schreiben, egal für welche Band oder welches Projekt, ist ein Lernprozess. Man nimmt kleine Tricks und Ideen mit, die einen als Musiker besser machen.
Frank: Wenn du an einem Projekt arbeitest, öffnet das auch Türen in anderen Bereichen deines kreativen Lebens. Deshalb habe ich gerne verschiedene Instrumente und Projekte zur Hand. Manchmal rennt man gegen eine Wand und ein anderes Instrument oder Projekt hilft, diese Barriere zu durchbrechen.
Tucker: Wenn Frank das Glockenspiel rausholt, durchbricht das für mich definitiv Barrieren.

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