© by BandLÜT aus dem norwegischen Tromsø, einer Kleinstadt nördlich des Polarkreises, gibt es seit 2015. Nach ihrem Debütalbum „Pandion“ (2017) war es vor allem der Nachfolger„Mersmak“ (2021), der LÜT auch in unseren Breitengraden Aufmerksamkeit bescherte. DIE ÄRZTE luden die Band kurzerhand als Support ein, was ihren Bekanntheitsgrad noch einmal steigern sollte. Das Besetzungskarussell drehte sich vor dem aktuellen Album noch einmal und ihr Gitarrist und aktueller Sänger Mads Ystmark beantwortet nun unsere Fragen.
Das dritte Album einer Band soll auch das schwierigste sein. Trifft das auf euer neues Album zu?
Unser zweites Album „Mersmak“ fühlte sich schwieriger an. Der Schreibprozess für das neue Album lief schnell und easy. Wir hatten alle genaue Vorstellungen davon, wie es werden sollte.
Es gab ja ein paar Besetzungswechsel seit dem letzten Album. Hat das den Entstehungsprozess beeinflusst?
Ja, schon. Wir sind jetzt ein Quartett und wir vier haben bereits mit 13, 14 Jahren gemeinsam Musik gemacht. Ich bin ja erst 2019 bei LÜT eingestiegen, als die Aufnahmen zu „Mersmak“ fast beendet waren. Und in der jetzigen Besetzung fühlt es sich ein wenig nostalgisch an.
Du hast aktuell den Leadgesang übernommen, richtig?
Genau. Als ich 2019 eingestiegen bin, habe ich nur Gitarre gespielt. Nun singe ich zusätzlich. Das ist natürlich eine etwas andere Herangehensweise für LÜT, aber ich bin eigentlich daran gewöhnt, da ich es schon tue, seit ich ein Teenager war.
Ist es abwegig zu sagen, dass das dritte LÜT-Album so etwas wie das erste richtige THE WOLVES-Album ist, die Band, in der die aktuelle LÜT-Besetzung vor ca. 15 Jahren gespielt hat?
Ja, das kann man durchaus so sehen. Auf Spotify gibt es ja noch Aufnahmen von THE WOLVES zu hören. Wir klangen damals aber eher roh und jugendlich, denn wir waren gerade einmal 14 Jahre alt und ich war im Stimmbruch, was man auch hört.
Alle eure Alben zeigen das Porträtfoto eines Mannes. Steckt da ein bewusstes Konzept dahinter?
Beim ersten Album ist es der Vater von Viljar, der damals Gitarre spielte. Er hatte ein mysteriöses und cooles Aussehen, das uns gefiel. Beim zweiten Album handelt es sich um eine Montage aus all unseren Gesichtern, weil es inhaltlich auch ein sehr persönliches Album war. Beim neuen Album ist es der Vater von Marius. Er ist ein legendärer DJ in unserer Heimatstadt und war auch eine riesige Unterstützung, als wir noch Teenager waren. Wir haben mit 14, 15 etwas außerhalb der Stadt gelebt und wenn wir in irgendwelchen Bars aufgetreten sind, hat er uns hingefahren und nachts wieder abgeholt, da kein Bus mehr fuhr.
2022 wurdet ihr von DIE ÄRZTE eingeladen, sie bei einigen Konzerten zu supporten. Kanntet ihr sie vorher?
Ich hatte den Namen schon gehört, ja, aber mir war nicht bewusst, wie groß sie tatsächlich sind. In Norwegen sind sie kaum bekannt und eher eine Nischenband. Als sie uns kontaktierten und wir daraufhin recherchierten, wer sie sind, sind wir fast vom Stuhl gekippt, haha.
Wie haben ihre Fans euch aufgenommen?
Es war großartig. Sie haben wirklich enthusiastische und engagierte Fans. Sie haben gejubelt, unser Merch gekauft und nach den Konzerten mit uns gequatscht. Einige kommen jetzt auch zu unseren Konzerten, wenn wir in Deutschland auftreten.
Nachdem ihr DIE ÄRZTE begleitet habt, könnt ihr also ein gestiegenes Interesse an LÜT in Deutschland feststellen?
Absolut, ja. Mehr Menschen kommen zu unseren Konzerten und wissen offenbar, wer wir sind.
Reagiert ein Publikum anders, wenn es die Sprache der Songs nicht versteht?
Wir finden es immer noch seltsam, dass wir, die wir auf Norwegisch singen, so gut ankommen. Einige meinten, dass sie die Energie, die unsere Sprache transportiert, mögen würden. Es kommt vor, dass Leute in Deutschland unsere Lieder enthusiastisch mitsingen. Ich würde liebend gerne einmal Aufnahmen davon hören.
Um zu prüfen, ob sie wirklich eure Texte oder Kauderwelsch singen?
Haha, genau. Ich finde das super, dass einige derart begeistert mitsingen.
Ihr spielt ja häufig in Deutschland. Gibt es Unterschiede zu den Konzerten in Norwegen?
Norweger sind reservierter. Selbst wenn sie deine Musik wirklich mögen, möchten sie eher nicht auffallen und in die Menge oder gar den Moshpit gehen oder Stagediven. In Deutschland flippen die Leute gleich beim ersten Song aus und lassen sich gehen. Das mag ich sehr.
Vielleicht liegt es an den viel günstigeren Bierpreisen in Deutschland?!
Das kann sein, haha.
Bela B von DIE ÄRZTE singt mit bei eurem neuen Song „Glücksschmied“. Wie kam es dazu?
Als wir mit ihnen spielten und die drei das erste Mal trafen, haben wir viel über Musik und dies und das gesprochen. Es stellte sich heraus, dass Bela und ich viele gemeinsame Interessen haben und wir beide ziemliche Nerds sind, was Musik, Filme oder etwa St. Pauli betrifft. Am Ende der Tour tauschten wir unsere Telefonnummern aus. Als wir das neue Album aufnahmen, gab es da dieses eine Lied, bei dem ich nicht wusste, was und wie ich dazu singen soll. Da kam uns die Idee, es mit einem Gastsänger zu versuchen. Ich habe Bela dann ganz dreist eine Nachricht geschickt und gefragt, ob er sich das vorstellen könne. Konnte er und so haben wir das halt gemacht.
Wer hat denn den Text geschrieben?
Wir haben unsere Idee auf Norwegisch festgehalten, er hat es übersetzt und dann sein eigenes Ding daraus gemacht.
Und seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?
Was soll ich sagen? Natürlich sind wir das. Es ist die verrückteste Zusammenarbeit, die wir je hatten. Es ist großartig geworden.
Eine Kooperation mit dem ehemaligen TURBONEGRO-Sänger Hank von Hell war auch geplant, aber er ist ja leider plötzlich verstorben. Um was ging es da genau?
Wir sollten ihn auf seiner Europatour begleiten. Sein Tod hat uns, wie so viele andere Norweger auch, ziemlich getroffen.
GLUECIFER haben vor ein paar Jahren mit ONDT BLOD eine junge norwegische Band mit auf Tour genommen. Machen das viele bekanntere norwegische Bands so?
Es kommt vor, dass junge, aufstrebende Bands auf diese Weise unterstützt werden, ja. Unser Ziel ist es dabei, dass später, wenn wir alleine auf Tour gehen, auch Zuschauer kommen, haha.
Vor einiger Zeit habe ich THE GOOD THE BAD AND THE ZUGLY interviewt und musste sie natürlich zu eurem Song „We will save scandirock“ befragen, eurer Antwort auf deren „Who will save scandirock?“. Kannst du dir vorstellen, was sie geantwortet haben?
Haha, wir sind befreundet, also lieber nicht.
Sie meinten, dass jemand ihnen von eurem Song erzählt hat, sie sich eine Show von euch angesehen haben und eure Musik ganz okay sei, ihr aber zu wenige Flammentattoos und keine Geldbörsenketten hättet, und am wichtigsten, dass ihr zu wenig Bier trinken würdet und zu brav seid.
Das klingt absolut nach ihnen, haha. Unser Lied war eigentlich als eine Persiflage auf deren Song gedacht und wir wollte sie damit ein wenig ärgern. Es gibt keinen Stress mit ihnen. Wir sind befreundet.
Die Turnhalle im Video zu „Smil & vink“, ist das nur irgendeine Turnhalle oder tatsächlich die von eurer alten Schule?
Wir waren auf den Lofoten auf Tour und traten in dieser alten Turnhalle auf. Sie sah tatsächlich ein wenig so aus wie die, in der wir alle als Kinder Unterricht hatten. Eine typische norwegische Schulturnhalle, die ein wenig wie eine amerikanische Highschool-Halle aussieht. Weißt du, ich mag amerikanische Bands wie GREEN DAY und dachte, dass der Look gut passen würde.
Ihr kommt ja aus Tromsø nördlich des Polarkreises. Was gibt es dort zu tun, wenn ihr nicht mit LÜT beschäftigt seid?
Ich bin Soundtechniker und bin daher immer mit Musik beschäftigt. In meiner Freizeit fahre ich Rad, gehe Snowboarden oder hänge mit Freunden ab. Normaler Kram halt.
Tromsø ist ja ein beliebtes Ziel für Kreuzfahrtschiffe. Wie siehst du das als Bewohner dieser Stadt?
Tromsø ist mit 70.000 Einwohnern recht klein. Im Sommer legt hier ein Kreuzfahrtriese nach dem anderen an, aber das ist nicht so das Problem. Im Winter, wenn all die asiatischen Touristen kommen, ist es hier voller als am Flughafen. Es ist derart schlimm, wenn du rausgehen oder auf Tour gehen möchtest. Weißt du, die Stadt ist klein, hat nicht so viel Platz und die Zahl der Touristen ist echt astronomisch hoch.
Gibt es bereits Proteste gegen den Tourismus wie etwa in Spanien?
Noch nicht, aber die Menschen hier sind wirklich genervt. Einige wohlhabende Leute kaufen die ganzen Wohnungen auf und vermieten sie teuer über Airbnb, während die Einheimischen keine bezahlbare Bleibe mehr finden.
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