MASSENDEFEKT

Foto© by Ivan Tirado Espinosa

25 Jahre Rock’n’Roll

Zum Jubiläum veröffentlicht die niederrheinische Band nicht nur ihr zehntes Studioalbum, sondern auch eine LP mit Neuinterpretationen ihrer Songs durch langjährige Wegbegleiter der Band. Wir sprechen mit Sebi und Nico über das neue Album, das Älterwerden im Punkrock, persönliche Themen und die Bedeutung von Live-Musik.

Ihr habt bei eurem selbstbetitelten Album nach 25 Jahren Bandgeschichte den ersten Titel „Exit-Strategie“ genannt. Da kriegt man ein bisschen Angst ... ihr wollt nicht aufhören, oder?

Sebi: Das ist nicht der Plan. Zumindest hat das noch niemand aus der Band angesprochen. Ich glaube: nein.

Wie kommt ihr darauf, das als Albumopener zu nehmen? Wenn man nur die Playlist sieht, wirkt das erst mal beunruhigend.
Sebi: Wir sind da musikalisch vorgegangen. Wir wollten etwas Schnelles an den Anfang packen, das die Richtung vorgibt. Es ist ein Back-to-the-Roots-, wieder etwas Oldschool-lastigeres Punkrock-Album, das nach vorne geht. Das wollten wir damit zeigen. Es beginnt auf jeden Fall mit viel Power.
Nico: „Exit-Strategie“ hat als erster Song natürlich auch diesen Aha-Moment. So wie du gerade fragst: Warum steht der am Anfang? Wenn man auf den Text hört – „Keinen Bock mehr, abhauen“ –, dann kann man die Platte vielleicht mitnehmen und in Ruhe anhören. Im Auto, auf der Flucht.

Also seid ihr nicht zu alt für Rock’n’Roll?
Sebi: Der eine sagt so, der andere so.

Man merkt wahrscheinlich schon auf Konzerten, dass man nicht mehr 20 ist, oder?
Nico: Die Idee war schon früh im Schreibprozess da. Natürlich ist es nicht mehr wie mit 20. Man hat ein anderes Energielevel. Ab einem gewissen Alter fragt man sich schon: Kann man noch 100 oder 120% geben wie früher oder ist nach 70% Schluss? Auf der Bühne sind es immer 120%. Ich merke das meistens erst am nächsten Morgen.

Wird danach nicht mehr die Nacht durchgefeiert?
Nico: Mittlerweile ohne Alkohol. Aber die Nächte werden schon noch durchgefeiert, nur anders als früher.

Ihr wart ja schon mit wesentlich älteren Bands auf Tour.
Nico: Das funktioniert alles noch. Das ist auch der Twist im Text. Im Refrain heißt es erst: „Ich bin zu alt für Rock’n’Roll, wie geht es denn jetzt weiter?“ Und am Ende dann: „Scheiß drauf, weiter geht’s“. Das kann die Hymne für die nächsten 30 Jahre sein.

Ist Rebellion mit Mitte 40 oder Anfang 50 anders? Rebelliert man gegen andere Themen?
Sebi: Die Erde dreht sich weiter und nichts bleibt bestehen. Es gibt immer Dinge, die einen stören, egal, wie alt man ist. Wenn wir der Meinung sind, dass etwas nicht richtig ist, kann man auch mal das Maul aufmachen.

Das tut ihr ja schon lange. Trotzdem singt ihr: „Ich habe meine Revolution im Alltag ver­loren, aber ich stehe immer wieder auf ...“
Sebi: Aber ich prangere immer wieder an. Man lernt dazu, resigniert vielleicht teilweise, weiß aber auch, wo man wirklich etwas erreichen kann.

Habt ihr Themen, die seit 25 Jahren immer aktuell waren?
Sebi: Fremdenhass ist ein ganz großes Thema. Das ist immer akut. Die Initiative „Kein Bock auf Nazis“ ist bei unseren Konzerten sehr oft mit am Start. „Viva con Agua“ auch.
Nico: Genau. Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Sexismus sind Dauerbrenner. Solange man ein Sprachrohr hat, auch wenn es nur ein leises ist, sollte man es nutzen.

Selbstbetitelte Alben sind oft Debüts oder Neuanfänge. Warum jetzt?
Sebi: Wir finden, dass dieses Album genau so klingt, wie wir gerade sind. Die Herangehensweise – wieder im Proberaum zu sitzen und gemeinsam Themen auszuarbeiten – macht dieses Album zum „meisten Massendefekt“ seit langer Zeit. Deshalb haben wir gesagt: Nennen wir das Kind beim Namen.

Spannend fand ich auch den Song „Theater“. Der kam sehr pro Selfcare rüber. Wie kam es dazu?
Sebi: In den letzten anderthalb Jahren ist bei uns viel passiert, auch im persönlichen Umfeld. Das Album ist voll von individuellen Ereignissen und Veränderungen. Bei „Theater“ war eine Trennung der Auslöser. Man musste sich eingestehen, dass man nicht fair mit einer Beziehung umgegangen ist. Wenn man mit Freunden oder Therapeuten darüber spricht, wird einem auch gesagt: Schau mal auf dich selbst. Das ist ein sehr persönliches Album.
Nico: Als wir „Lass die Hunde warten“ veröffentlicht haben, wurde uns auch schon gespiegelt, dass viele Selfcare-Themen enthalten sind. Für mich wird Selfcare heute immer wichtiger. In meiner Lebensphase achte ich mehr darauf, wie es mir eigentlich geht.

Ihr habt angekündigt, dass es eine zweite Platte geben wird, auf der Wegbegleiter eure Songs neu interpretieren. Worauf freut ihr euch besonders?
Nico: Wir haben uns gedacht: Zehntes Album, 25 Jahre Band – da gehören Weggefährten dazu. Gerade in der deutschen Punkrock-Szene kennen wir viele Bands seit Jahren. Ich bin total glücklich, dass zwölf Bands zugesagt haben. Da sind viele lustige Versionen entstanden. Mein Highlight ist direkt der erste Song, weil sich die Leute viele Gedanken gemacht haben, wie sie unseren Text verwursten und uns aufs Korn nehmen können.

Gibt es eine Botschaft, die ihr zum Jubiläum noch übermitteln wollt?
Nico: Dass die Leute auf Konzerte gehen. Da kommen im besten Fall mehrere hundert Menschen zusammen. Musik ist ein schönes Medium, ein Klebstoff, der allen eine gute Zeit verschafft. Das ist in der heutigen Gesellschaft total wichtig. Wenn das verloren geht, entsteht eine riesige Lücke. Musik ist ein Handwerk, und das funktioniert nur, wenn die Leute auch mitmachen. Das wichtigste Argument für Konzerte, Bands und Live-Musik ist, dass man damit etwas hat, das alle verbindet.

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