
Tourdiaries von deutschen Bands, die im Ausland touren, haben wir öfter mal im Ox. Hier kommt nun aber ein Tourbericht einer argentinischen Band, geschrieben vom aus Deutschland stammenden Bandmitglied Karina, die hier quasi doppelt reflektieren konnte: Wie sehen Argentinier die Eigenheiten dieses Landes, über Bande gespielt von ihrer quasi einheimischen Sängerin?
Seien wir ehrlich: humorlos, überpünktlich und ziemlich verklemmt. So hatten sich die Argentinier der Band NASTY NEIGHBOURS das deutsche Publikum vorgestellt. Was „Los Nasty“ auf ihrer Tour stattdessen erleben, ist ein Klischeekiller nach dem anderen: Großherzigkeit, Gastfreundschaft und ausgelassene Tanzwut bei allen Dates – vom Fusion Festival im Norden bis nach Freiburg im Süden. Gut, es gab auch Strafzettel, Starkregen und zeitweilige Fleischentzugserscheinungen. Am Ende des Roadtrips stehen Freundschaften mit deutschen Bands, ein Plattenvertrag und konkrete Pläne für eine Europatour 2025.
Es ist Mitte Juni und Argentinien kann aufatmen: Die NASTY NEIGHBOURS, die nervigen Nachbarn aus Buenos Aires, landen in Frankfurt. Fünf Wochen Roadtrip warten auf die Band, 4.700 Kilometer Fahrstrecke, 17 Konzerte, zwei davon auf dem Fusion Festival in Lärz. „Was ein Flash!“, sagt Drummer Hernán, zum ersten Mal in Europa. Er küsst die Motorhaube des Nasty-Mobils: ein Ford Transit, darauf geplottet das Band-Logo. Der Kleintransporter ist randvoll gefüllt mit Instrumenten, Gepäck und Campingkram. „Autobaaaahn!“, rufen die Argentinier unisono, als der Bus auf die A3 in Richtung Düsseldorf auffährt. KRAFTWERK sind auch in Argentinien legendär.
NASTY NEIGHBOURS sind: Punkrock mit Alternative-Rock-, Surf-, Glam- und Schockpunk-Einflüssen. Gegründet wurde die Band vor anderthalb Jahren von Gitarrist eMon und Karina Kaos (voc, key) in Buenos Aires. Ich komme ursprünglich aus Deutschland, texte und singe auf Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch und Portuñol (Mischung aus Spanisch und Portugiesisch). Gitarrist Emilio Rolón aka eMon ist auch der Komponist und Produzent der Band. Die Tracks bringen es auf den Punkt, warum noch leugnen? Vampire regieren die Welt. Möchte-Gerne VIPs sind eine Pest. Das blaue Licht der Monitore macht uns zu Zombies. Dennoch, es muss gefeiert werden – zum Track „Caipirinha, Caipiroshka“. Als Live-Band unterwegs sind die Nastys im Viererpack, mit Bassist Lea und seinem Melonenhut, sowie Hernán Zombie, der sogar den Drumhocker in den Koffer gepresst hat.
Schon das erste Konzert im legendären AK47 auf der Kiefernstraße in Düsseldorf killt Vorurteile: Von wegen steife Deutsche! Gleich beim ersten Track reißt sich eine Lady in der ersten Reihe das Shirt vom Leib und lässt es über dem Kopf kreisen, yeeeah! In dem Club zu spielen, in dem DIE TOTEN HOSEN 1983 debütierten und in dem auch schon Bands wie GREEN DAY zu Gast waren ... Ein besserer Tourauftakt? Unvorstellbar. Die Einladung kam von DIE SCHWARZEN SCHAFE, die bereits drei Mal in Argentinien auf Tour waren. Dort haben Nastys und Schafe schon im Februar 2024 zusammen gespielt. Nun folgt der gemeinsame Abend in Düsseldorf, unterstützt von zwei weiteren Bands, CLORIX und ALTERNATIVE FAKTEN. Das Essen in einem Bauwagen vor dem Club sorgt für den ersten Bandkonflikt der Reise: Gitarrist eMon will nicht glauben, dass die veganen Würstchen kein Fleisch enthalten (wahrscheinlich glaubt er es bis heute nicht). Es gibt feste Umarmungen zum Abschied – in der Gewissheit, Armin, Sigi, Volker und Micha von den Schafen bald wiederzusehen, sei es auf der Nord- oder Südhalbkugel.
Station 2 der Reise: Hamburg. Eigentlich gedacht als Halt auf der Durchreise nach Rostock für ein Radiointerview, dann überraschend mit Konzerteinlage. Die geniale Folkpunk-Kombo ANGRY ZETA aus Argentinien spielt auf dem Wagenplatz Rondenbarg, gemeinsam mit den grandios-kuriosen HERPES GÖTTERSCHORF aus Berlin (Tuba, Schlagzeug, Gitarre und Cello). Geladener Gast sind die NASTY NEIGHBOURS. Wieder ist das Essen veggie bis vegan, ich bin glücklich. Die drei argentinischen Grillmeisterprofis tuscheln und verabreden sich für den nächsten Tag auf einen Döner.
In Hamburg gibt es auch den ersten Strafzettel der Reise. Zwar hatten die NASTY NEIGHBOURS online einen Besucherparkausweis für den Tourvan bezahlt – aber nicht ausgedruckt, wo auch unterwegs? In den wenigen Minuten, in denen die Bandmitglieder das Gepäck ausladen und einen Copyshop suchen, zack, der Strafzettel unterm Scheibenwischer. Ab diesem Moment haben die Argentinier höchsten Respekt vor der Effizienz der deutschen Behörden.
In Rostock im Bagehl erwartet die Nastys ein internationaler Abend: Die NAUSEATERS aus den USA eröffnen. Dann spielen SCHMUTZ aus Rostock, zuletzt NASTY NEIGHBOURS. Der Kellerraum ist brechend voll, es gibt Pogo. Unser Equipment muss über Nacht im Bus bleiben – eine harte Probe für die Musiker, die in Südamerika ihre Instrumente keine zehn Minuten lang ohne Aufsicht lassen würden, geschweige denn über Nacht. Tiefer Schlaf geht anders. Aber alles geht gut. „Qué bueno estar en Alemania“, „Wie gut, in Deutschland zu sein“, sagt Bassist Leandro am nächsten Tag.
Der Besuch in Berlin beginnt mit einer Überraschung in einem Imbiss im Friedrichshain: „Seid ihr die Band, die heute im Supamolly spielt?“, fragt die Frau an der Theke. Die Leute vom Supamolly haben zig Plakate im Viertel aufgehängt, darauf zu sehen ein Foto der NASTY NEIGHBOURS. Die Musiker von CARDBOARD heizen ein, dann kommen die Nastys – ein Quasi-Heimspiel, mit vielen Freunden im Publikum. Die Gastfreundschaft im nicht-kommerziellen Hausprojekt beeindruckt die Musiker schwer, gemeinsam wird Fußball geschaut und – natürlich! – gibt es veganes Essen. Jetzt beschweren sich die Argentinier nicht mehr. Überhaupt sind sie inzwischen absolute Alemania-Fans. Sie freuen sich über den richtig guten Sound in allen Venues. Loben den guten Wasserdruck in den Duschen. Begutachten die Verbundglasfenster in den Häusern, unüblich in Südamerika. Nur eins stößt auf Kopfschütteln: „Diese überdimensionierten Poff-Federkissen“, sagt Gitarrist eMon. „Sie rufen: Leg dein Haupt nieder, ich fang dich auf! Und dann fallen sie in sich zusammen.“
Nächster Halt, wieder Hamburg, diesmal kein Strafzettel. Das Konzert findet auf der Barkasse Hedi statt: Eine schwimmende Bühne, die durch den Hamburger Hafen schippert, vorbei an Containerschiffen und gigantischen Lastkränen. Eingeladen wurden die Nastys von Christoph Twickel, Bassist und Produzent (gemeinsam mit Ted Gaier von DIE GOLDENEN ZITRONEN) der Band JEANO ELONG & NOT OK JAZZ. Elong ist Sänger und Bassist aus Kamerun. Via Lampedusa kam er als Flüchtling nach Hamburg, nachdem er in Libyen gezwungen worden war, Abschussrampen für Raketen auf Jeeps zu schweißen, und um sein Leben fürchtete. Nun lebt er in Hamburg, das Debütalbum kommt im November. Die NASTY NEIGHBOURS spielen auf der zweiten Hälfte der Bootstour. Schlagzeuger Hernán leidet unter dem Seegang beim Konzert, aber ohne größere Folgen.
Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Erinnerungen an die zwei Konzerte auf dem Fusion-Festival die argentinischen Musiker fürs Leben begleiten werden. Über 65.000 Menschen, die für fünf Tage an einem Ort zusammenkommen, dazu ein enormes Angebot an Musik verschiedenster Genres, dazu Theater, Performances, Installationen. Das alles auf einem ehemaligen russischen Militärflughafen. „Increíble, unglaublich“, sagt Drummer Hernán immer wieder. Beeindruckt sind die Argentinier auch von den vielen Recyclingbehältern sowie den Sägespäne-Komposttoiletten. Dass es auch auf der Fusion kein Fleisch gibt, nehmen sie gelassen hin. Geht doch.
In Argentinien schon hatten die NASTY NEIGHBOURS die Band THE HAWAIIANS aus Westerkappeln kennengelernt: Pop-Punk’n’Roll erster Güte, perfekt in Szene gesetzt. Nach dem gigantischen Festival kommt ein Treffen mit Freunden gerade recht – erstmals spielen die beiden Bands in privatem Rahmen gemeinsam. Erst jetzt, mit ein bisschen Ruhe, wird mir klar, was diese Tour für mich bedeutet: NASTY NEIGHBOURS habe ich mit eMon nach einer schweren Krankheit gegründet, die innerhalb von wenigen Monaten das Ende hätte bedeuten können. Nun geht das Leben nicht nur weiter, sondern ich toure mit Band durch Deutschland. Und besuche an den Off-Tagen wichtige Stationen meines Lebens.
Es dämmert. Der Nasty-Bus hält im Nieselregen in einer engen Gasse, gesäumt von alten Stadthäusern mit Fensterläden. „Jetzt sind wir in Deep Germany“, sagt eMon. Hier, in Bad Kissingen, bin ich aufgewachsen. Die Band übernachtet bei Uschi und Gerd, die den Pub Destille betreiben. Die Wohnung ist direkt über der Bar, wo die Gäste am zweiten Abend Nasty-Songs mitsingen. Auch meine Eltern freuen sich über den Besuch der Band: „Sehen wild aus, sind aber richtig nett“, urteilt mein Vater.
Mit neuer Energie fahren „Los Nasty“ nach Karlsruhe. Dort kommen meine beiden Facetten erstmals zusammen: die Musik und die Arbeit als Auslandskorrespondentin. Am ersten Abend halte ich einen Vortrag: „Schocktherapie mit Motorsäge: Einblicke in die argentinische Kulturszene unter dem neuen libertären Präsidenten.“ Moderiert wird der Abend von SWR-Redakteur Kai Laufen, der zu rechten Netzwerken recherchiert und immer wieder als Reporter in Südamerika unterwegs ist. Das Publikum stellt Fragen, insbesondere zur Wirtschaftskrise. Tatsächlich ist es derzeit für argentinische Musiker schwierig bis unmöglich, eine Tour auf die Beine zu stellen. Ihr Lohn reicht den Argentiniern kaum zum Leben. Anlass für die Nastys, sich zu bedanken: Das Goethe-Institut hat ein Programm für Musiker aus Schwellenländern, das Kulturaustausch anteilig finanziert und die NASTY NEIGHBOURS bei den Reisekosten unterstützte. Das Konzert in Karlsruhe gehört zu den Höhepunkten der Tour. Die KAWENZMÄNNER sind Lokalhelden und ihre Fans singen auch bei den NASTY NEIGHBOURS mit.
„Die Deutschen sind ein Megapublikum, tanzen vom ersten Track an“, urteilt Bassist Leandro: „Aber diese Sprache lerne ich nie!“ Weshalb ich den Argentiniern erkläre: Halb so wild, Deutsch hat sogar ziemlich primitive Wörter. Flugzeug: ein Dingsbums, das fliegt. Schlagzeug: eine Sache, auf die man draufhaut. Fahrzeug, Feuerzeug, Werkzeug: Alles Kram, der irgendwas kann. Jetzt will Leandro doch Deutsch lernen.
Richtig gut ist der Sound auch beim Konzert im Slowclub in Freiburg. Es wird mit die längste Nacht der Reise. Zuerst spielen die hoch energetischen RUMBLE DELUXE aus Frankfurt, Sängerin Jule steigt später auch bei den Nastys für einen Track mit auf die Bühne. Ein richtiges gutes Matching von Bookerin Sévérine, die nach dem Konzert auflegt. Am Off-Tag dann: Mummelsee im Regen und eine 400 Meter lange Hängebrücke in der Sonne – ein bisschen Tourismus muss sein.
Der südlichste Punkt der Tour ist Basel in der Schweiz: Dort spielen die NASTY NEIGHBOURS in der Tja-Bar, in der es nur montags Konzerte gibt, zusammen mit LUDENS BANE und AIN’T UR ENN. Das Szenario erinnert an den Film „Blues Brothers“, wo die Band in einem Country&Western-Club hinter einem Metallgitter spielt und mit Flaschen beworfen wird. Auch vor der Bühne der Tja-Bar ist ein Metallzaun gespannt – was für ein Publikum erwartet die Band hier wohl? Am Ende wird es ein toller Gig, direkt am Rhein, im Sonnenuntergang. Drummer Hernán hat jedoch die härteste Nacht der Reise vor sich, buchstäblich: Er kommt als Letzter ins Zimmer und findet im Dunklen nicht heraus, wie sich die für ihn bereit gelegte Isomatte aufblasen lässt.
Die Tour geht weiter, mit mehr „Deep Germany“ in Heidenheim, wo Gastgeber Erich die Nastys pures Quellwasser im Wald trinken lässt. Im Sonic Ballroom in Köln spielen die Nastys mit THE EXTRAS, die eine exzellente Show hinlegen. Volker und Armin von DIE SCHWARZEN SCHAFE kommen nach Köln, Volker mit Gitarre unterm Arm. Er steigt zu den NASTY NEIGHBOURS auf die Bühne: Zwei Gitarren, viva el Punk! Auch in Hannover in der Nordstadtbraut, dort mit den großartigen Jungs von 2AUFKANTE und in Osnabrück im Dirty+Dancing, gemeinsam mit den neuen Freunden DEAD KARDASHIANS, sind die Argentinier wieder vom Publikum begeistert. Und freuen sich über Rückmeldungen wie „Ihr seid wie THE B-52’S on speed“ oder „Ihr habt mich den Scheißalltag völlig vergessen lassen!“. Beim nächsten Konzert in Eisenberg, mit C4SERVICE und den KELLERASSELN, kocht der Saal buchstäblich: Hochsommer pur plus tanzwütiges Publikum, eine krasse Mischung! Beim letzten Gig im Immerhin in Würzburg wird es zünftig: Organisator Mamü bereitet für MOTHERWELL PARK aus Schweinfurt und uns ein fränkisches Abendbrot, mit Obazda, Gewürzgurken und Handkäs. Der Sound ist wieder richtig gut, ein toller Abschluss der Reise.
Die Post-Tour-Depression wird dadurch gemildert, dass die neue Single der Nastys im August auf der Ox-CD zu hören ist. Und dass das nächste Album derzeit in Düsseldorf im Tumult Soundstudio gemastert und Anfang 2025 auf Rookie Records aus Hamburg erscheinen wird. Die Tour fürs nächste Jahr ist in Vorbereitung – eine erste Festivalzusage gibt es bereits für Juni. Die Krachmachernachbarn kommen also wieder. Und Argentinien kann in dieser Zeit aufatmen.
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