© by Dusserre & ArnedoPlötzlich war sie da, auf deutschen Bühnen: Die Horror-Punkband NASTY NEIGHBOURS aus Argentinien. Und jetzt ist mit „Horrorísimo“ auch ihr Album raus, die nächste Tour steht an. Knallbunte Trash-Optik trifft auf eingängig-krawallige Musik. Und Inhalt gibt es auch noch, denn Frontfrau Karina, eigentlich aus Hamburg, ist in ihrem anderen Leben Journalistin und beschäftigt sich mit der Situation in Argentinien, die deshalb in diesem Interview auch zur Sprache kommt.
Karina, um ehrlich zu sein bin ich erst letztes Jahr auf NASTY NEIGHBOURS gestoßen. Und viele Ox-Leser:innen auch. Also versorge uns bitte mal mit den Basics: Wer wie was wann wo warum?
Uns gibt es erst seit zwei Jahren, du bist gar nicht so spät dran! Die Band haben wir im März 2023 nach einer schweren Krankheit gegründet. Eine Szene wie im Film: „Wenn wir jetzt nicht operieren, sind Sie im Dezember tot.“ Keine Sorge, ist gut ausgegangen, ich bin ja da. Die ersten Tracks hatten wir schon vorher aufgenommen, zusammen mit eMon, an einem verregneten Abend, unter Einfluss ethylischer Flüssigkeiten, ohne Bandpläne. Ein guter Freund, der Booker in einer Konzertlocation in Buenos Aires ist, sagte mir nach der Krankheit: „Du musst jetzt alles machen, worauf du Lust hast. Was ist mit diesen Tracks, die du mal mit eMon aufgenommen hast?“ Er trug uns gleich ein für ein Konzert nur einen Monat später. Also haben wir einen Schlagzeuger und einen Bassisten gesucht, mehr Tracks komponiert – und los ging’s. Eigentlich sollte es nur ein Konzert werden. Aber danach wurden wir eingeladen. Immer wieder. Dann kam die Zusage vom Fusion Festival in Deutschland – also haben wir für Juni 2024 eine Tour zusammengestellt, mit 17 Terminen. Zu einem kam Jürgen Schattner von Rookie Records in Hamburg. Jetzt kam unser Album da im Mai raus – auf Vinyl, bei Rookie. Alle aus der Band stecken da mit ganzem Herzen drin, aber für mich ist NASTY NEIGHBOURS besonders speziell: Wenn wir spielen, fühle ich mich lebendig. Darum geht es. NASTY NEIGHBOURS bedeutet Leben.
Eure Texte sind, so heißt es, auf „Englisch, Spanisch, Deutsch, Portuñol und Französisch“. Warum all diese Sprachen, und was ist „Portuñol“ ...?
Wir wollten, dass die Platte klingt wie unser Alltag: Eine ständige Mischung aus Sprachen, Kulturen, Akzenten – das macht uns Spaß. NASTY NEIGHBOURS sind ein Zweiländerprojekt: eMon kommt aus Argentinien, ich aus Deutschland, also war Mehrsprachigkeit vorprogrammiert. Spanisch und Deutsch – logisch. Englisch? Damit sind wir musikalisch aufgewachsen. Französisch hat sich später eingeschlichen, ich habe mal als Cowgirl bei Eurodisney gejobbt, da ist ein bisschen was hängengeblieben. Portuñol ist diese charmante Sprach-Impro, wenn Argentinier in Brasilien stranden und denken: Ach, wird schon klappen! Eine Prise Spanisch, ein bisschen Portugiesisch – fertig ist der Sprachenmix. Wir lieben’s.
Nehmen wir mal an, eure Band wäre ein Zaubertrank ... was wären die Ingredienzen?
Die Basis: 4 cl Fernet Branca, bitter-herb, in Argentinien ein Traditionsgetränk – dort klassisch mit Cola. Dazu ein 6 cl Spaß am Dasein, ohne künstliche Zusätze. 2 Spritzer Distortion. Außerdem: Surf- und Glampunk-Elemente, eine Prise Rotz und ein paar Deziliter Wahnsinn. Ein kleiner Löffel Gesellschaftskritik, verpackt in Humor und Ironie. Gecrushtes Eis mit Comicelementen – was ist echt, was ist Fantasie? Serviert in einem Caipirinha-Glas mit leicht angeschlagenem Rand. Das neue Album „Horrorísimo!!“ kommt gerade frisch aus dem Shaker, gemixt bei einer Geisterbeschwörung, vielleicht waren THE BUZZCOCKS und die B-52’S im Raum. Warnung: Wenn der Trank im Glas wirklich „nasty“ ist, dann macht er ziemlich sicher einen guten Schädel – also bitte zwischendurch mal ein Glas Wasser trinken. Oder tanzen. Hilft beides.
Was fasziniert euch an dieser ganzen Horror-, Zombie- und Frankenstein-Thematik?
Wir lieben die alten Streifen aus den 1950ern und 1960ern, wo der Nebel noch aus der Maschine kam und das Monster nicht aus CGI bestand. Bela Lugosi mit wehendem Umhang, dramatischen Blicken und diese Mischung aus Grusel und Glamour. Uns reizt auch das Spiel mit dem Absurden, dem Überzogenen. Diese alten Filme nehmen sich ernst und gleichzeitig nicht – genau wie wir. Horror ist bei uns ein tanzbarer Grusel-Soundtrack, kein Splatter-Blutbad. Laut, schräg, ein bisschen schwarzer Humor und ein Herz, das auch für Monster schlägt. Und mal ehrlich: In einer Zeit, in der die echte Welt gefühlt täglich ein Stück mehr den Bach runtergeht, tut es da nicht gut, ab und zu ein bisschen abzutauchen? Wobei, irgendwo, zwischen Riffs und Gruselwahnsinn verstecken sich kleine Wahrheiten über die Welt.
Prägnantes Merkmal ist eure „Spuk-Orgel“. Deine Liebeserklärung an diese Sounds?
Die Orgel ist für uns mehr als ein Instrument, sie ist ein Charakter. Auf dem Album „Horrorísimo!!“ haben wir ihr sogar einen Track gewidmet: „Creepy organ“. Auf der Rückseite des Vinylcovers sieht man eine Zeichnung des argentinischen Künstler David Venegas. Er hat auch schon für DC Comics gezeichnet und für uns alle Charaktere der Albumtracks: Die lebende Mumie, den Terror-Tunnel, den Geisterzug, Smartphone-Zombies, die von Frankenstein operierte Katze. Das Tolle an der „Spuk-Orgel“ ist: Sie schafft Atmosphäre. Wir lieben spacige Orgel-Vibes und Theremin, das gibt einen Hauch von „Addams Family“. Das Keyboard ist fester Bestandteil des Bandsounds, auch auf dem ersten Album war es schon dabei – da aber mit anderem Klang.
Und was hat es mit der „-ísimo-Trilogie“ auf sich? Nach dem Debüt „Nastysímo!“ kam nun „Horrorísimo!!“ und darauf folgt ... was?
„Nastysímo!“ war unser Urknall. Das, was passiert, wenn man loslegt und plötzlich alles passt – was natürlich auch an Produzent und Gitarrist eMon lag. Die maximalen Nasty-Vibes: Laut, mehrsprachig, der Nachbarschreck, noch mit Glitzer von der Party von vorgestern in der Augenbraue, Punkrock mit New-Wave-Elementen. Jetzt kommt mit „Horrorísimo!!“ ein Ausflug in andere Welten und zugleich ein B-Movie-Soundtrack zum Tanzen mit Vampir-Umhang. Das dritte Album ist in Planung, einen ersten Track gibt es schon. Aber der Titel ist noch streng geheim ... auch weil wir ihn selbst noch nicht ganz wissen. Er ergibt sich irgendwann von selbst, man sitzt im Studio, spielt was ein, und dann sagt jemand: „Das klingt total ... -ísimo!“
Seid ihr generell eine Band der Superlative? Der Superlativ wird im Spanischen ja mit „-ísimo“ gebildet. Welche weiteren Superlative haltet ihr in Bezug auf euch für angemessen?
Wer einmal in Argentinien war weiß: Es ist das Land der Superlative, im Positiven wie im Negativen. Die längste Straße der Welt. Die breiteste Avenida. Die größte Auslandsschuld. Messi, Maradona, Papst Franziskus: Die Besten, sowieso und für immer und ewig, egal, ob sie noch unter uns weilen oder nicht. Lauwarm ist das Schlimmste, was du einem Argentinier antun kannst. Du liebst Buenos Aires, die tollste Stadt der Welt? Geht klar, wir sind Buddies. Du hasst Buenos Aires, dieses Moloch, das dich in den Wahnsinn treibt? Auch das wird respektiert. Die Albumtitel enthalten den Superlativ nicht, weil wir glauben, die Größten zu sein – es ist ein Augenzwinkern in einer Welt, in der alles laut und gigantisch sein muss, um Gehör zu finden. Was soll das schon heißen: „Nastysímo“? Wir glauben aber auch, dass Musik größer sein darf als der Alltag und dass sie mit der Fantasie spielen darf. Wie im Comic, wo eine kleine Maus von einer Hexe in einen Giganten verwandelt werden kann. Alles ist möglich.
Der Spaß mit der Band ist nicht vorbei, in Bezug auf die Politik in Argentinien aber schon. Präsident Milei ist, wer hat es nicht mitbekommen, nicht ein Spaßvogel mit „Stihl“ – siehe seine Motorsäge –, sondern ein brutaler neoliberaler Horrorclown. Du bist im realen Leben – Details lassen wir mal außen vor zum Schutz deiner Arbeit – als Journalistin tätig. Typen wie Trump und Milei mögen Journalist:innen und die freie Presse nicht so gerne. Wie haben sich deine Arbeitsbedingungen seit der Wahl von Milei verändert?
Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023 ist Argentinien auf dem Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen um 16 Plätze abgerutscht und liegt nun auf Platz 66, in etwa gleichauf mit Ungarn und der Republik Kongo. Längst ist es „normal“, für die Berichterstattung mit Helm und Gasmaske auf eine Demonstration zu gehen: Man weiß nie, was passiert. In diesem Moment liegen zwei Kollegen im Krankenhaus. Ein Fotoreporter wurde bei einem Rentnerprotest von der Polizei mit einer Tränengaskartusche angeschossen, er hat Hirnmasse verloren, aber überlebt. Handyvideos zeigen klar: Der Schuss war direkt, entgegen aller Vorschriften, nach denen Tränengas zur Zerstreuung von Menschenmassen in einem Bogen in die Luft geschossen werden muss. Ein zweiter Kollege wurde von einem Unbekannten angegriffen, der ihn zunächst beschimpfte und sich dabei der Wortwahl von Milei bediente. Für den Präsidenten gehören Journalisten zu den Lieblingsfeinden, er bezeichnet sie immer wieder als korrupt, bestochen, professionelle Folterer, Erpresser. Erst diese Woche hat er bei X, ehemals Twitter, geschrieben: „Ich glaube, die Leute hassen diese Auftragskiller mit Presseausweis, diese angeblichen Journalisten, noch nicht genug. Wenn sie sie besser kennen würden, würden sie Journalisten noch viel mehr hassen als Politiker.“
Wie muss man sich den Alltag der Menschen heute konkret vorstellen? Es hieß erst kürzlich in einem Bericht, dass Milei die Inflation erfolgreich eingedämmt habe und die Armutsquote zurückgegangen sei. Letzteres hat mich verwundert, denn an anderer Stelle wurde das Gegenteil behauptet, eben weil großflächig Sozialprogramme und öffentliche Jobs gestrichen wurden.
Mit deiner Vermutung liegst du richtig: Der Alltag ist für die meisten hart. Das Land ist das teuerste in Südamerika geworden. Der berühmte Big Mac-Index zeigt es: Nur in der Schweiz ist dieser teurer als in Argentinien. Gleichzeitig liegt der Mindestlohn bei umgerechnet 222 Euro und die Nahrungsmittelpreise sind längst mit denen in Deutschland vergleichbar. Konkret kenne ich Leute, die ihrem Nachbarn das Katzenstreu bezahlen, damit sein Kater nicht das Treppenhaus nutzt. Die nicht zum Zahnarzt gehen können, obwohl es wehtut, oder eine notwendige OP aufschieben. Die Selbstmordgedanken haben, weil sie nicht mehr weiter wissen. Manche Experten kritisieren, dass die gemeldete Minderung der Armut eher eine statistische Illusion als eine reale Verbesserung darstelle, etwa weil die offizielle Statistik Mieten nicht berücksichtigt. Milei ist angetreten, um den Staat abzuschaffen, die Kürzungen sind überall zu spüren: Im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich. Und alle öffentlichen Bauaufträge sind ausgesetzt. Was das zum Beispiel für Brücken bedeuten kann, damit kennt sich Deutschland ja aus.
Als Konservativer widmete sich Milei auch dem Abbau und „Zurückdrehen“ – so las ich es – von Frauen- und Minderheitenrechten. Wie ist die Lage?
Sie werden Stück für Stück abgebaut oder einfach unterfinanziert, das gilt für Programme für Opfer familiärer Gewalt oder zur Vermeidung von Teenagerschwangerschaften. Der erschwerende Tatbestand Femizid soll abgeschafft werden. Arme Rentner erhalten nicht mehr alle ihre Medikamente über das staatliche System, Krebspatienten geht es ähnlich. In einer Ansprache in Davos setzte Milei Homosexualität mit Pädophilie gleich. Große Sorge bereiten autoritäre Tendenzen: Milei hat versucht, zwei Oberste Richter per Dekret zu ernennen. Das Informationsfreiheitsgesetz wurde eingeschränkt. Das Protestrecht ebenfalls. Es wurden nach Demos auch schon Menschen ohne Angabe von Gründen verhaftet. Dazu kommt Hassrede, von ganz oben. Die Faktenchecker von chequeado.com haben mitgezählt: Seit seinem Amtsantritt hat der Präsident über 1.000 Beleidigungen ausgesprochen oder bei Social Media gepostet, im Schnitt 2,4 pro Tag. Die meisten richten sich gegen Oppositionspolitiker, kritische Ökonomen und Journalisten.
Und was ist mit Protest? Haben sich die Leute damit abgefunden? Was macht die Punk-Szene in dieser Hinsicht?
Große Proteste gab es zum Beispiel nach der Ansprache von Milei in Davos, am Gedenktag zum Beginn der Militärdiktatur 1976, zur Verteidigung der öffentlichen Universitäten oder als das Parlament Milei mit Sonderbefugnissen ausstattete. Aber das sind gelegentliche Großproteste: Die Rentner gehen jeden Mittwoch auf die Straße. Jeden Mittwoch werden sie niedergeprügelt, die Polizei setzt Tränengas und Wasserwerfer ein. Sie können von ihrer Rente nicht leben, manche essen nur noch einmal am Tag. Ich habe bei den Demos auch schon Musiker von anderen Bands getroffen, die die Rentner begleiten. Viele Bands positionieren sich klar bei ihren Konzerten. Der Sänger der Rockband DIVIDIDOS, Ricardo Mollo, hat dem von der Polizei angeschossenen Fotografen bei einem Konzert einen Song gewidmet. Wobei man aber auch immer wieder Musiker trifft, die Milei verteidigen. Die legendäre Punkband FLEMA hat kürzlich ihren Gitarrist rausgeworfen, weil er in einem Video Milei unterstützte.
Apropos Punk-Szene: Auch wegen DIE TOTEN HOSEN gibt es einen ganz guten deutsch-argentinischen Punk-Kulturaustausch. Wie erlebst du das vor Ort?
DIE TOTEN HOSEN sind hier Superhelden. Den Durchbruch in Argentinien hatten sie 1996, als Vorband der RAMONES in Buenos Aires. Unvergessen ist, dass sie nach der Staatspleite 2001 trotz allem nach Argentinien gekommen sind und in der Krise Gratiskonzerte gegeben haben. Andere internationale Bands haben ihre Touren abgesagt. Wenn DIE TOTEN HOSEN hier spielen, sind die Konzerte ausverkauft und selbst Fans, die sonst kein Wort Deutsch sprechen, singen mit. Man spürt: Ein DIE TOTEN HOSEN-Konzert ist Balsam für Seele, Körper, Geist, ein Energiespender, gerade auch in schwierigen Zeiten. Für mich ist es auch ein großes Glück, wie eine Teletransportation auf einen Planeten, auf dem meine beiden Welten, Deutschland und Argentinien, zusammenkommen. Falls du, der oder die das hier liest, DIE TOTEN HOSEN kennst, sag ihnen doch: Liebe Hosen, kommt bitte bald wieder nach Argentinien! Eure Fans brauchen euch!
Ihr seid aktuell im Juni und Juli wieder in Deutschland unterwegs. Was schätzt du an Shows hier, was dort? Was sind die Unterschiede?
Wir fahren im Juni wieder mit dem NASTY NEIGHBOURS-Mobil, dem Van einer alten Bekannten aus Schulzeiten – danke Sigrun! – durch die Republik, darauf freuen wir uns schon. Diesmal auch schon vor der Reise. Letztes Jahr hatten wir noch die Sorge: Wie wird das deutsche Publikum auf unsere Musik reagieren? Zum Glück richtig gut, deshalb kommen wir wieder! In Argentinien kennen uns mehr Leute, aber die Shows machen in beiden Ländern Spaß. In Deutschland ist uns aufgefallen, dass manche vor dem Konzert ihre Hausaufgaben machen: Sie hören rein und singen zum Teil gleich mit. In Argentinien lässt man sich eher überraschen. Für uns ist es ein Geschenk, in zwei Welten zu spielen.
© by - Ausgabe # und 5. Mai 2026
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Karina Kaos
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