NEW FOUND GLORY

Foto© by Elena De Soto

30 Jahre und kein bisschen leise

30 JAHRE UND KEIN BISSCHEN LEISE. Die meisten von uns haben somit mehr Lebens­zeit mit der Musik des jung gebliebenen Pop-Punk-Quartetts verbracht als ohne. Dabei vergisst man manchmal fast wie unfassbar einflussreich NEW FOUND GLORY auf hunderte von Punk- und Emo-Bands waren. Nicht umsonst sind einige davon, die ihren Weg in unsere Herzen gefunden haben, nach NEW FOUND GLORY-Songs benannt, zum Beispiel THE STORY SO FAR oder ALL TIME LOW. Wie viele weitere Herzen und Leben die Band in der langen Zeit ihres Bestehens berührt hat, bleibt unmessbar. Was allerdings messbar ist, ist der beständige Erfolg. Nun steht mit „Listen Up!“ ein neues Album in den Startlöchern. Ein verdammt guter Grund, sich mit Sänger Jordan Pundik zusammenzusetzen, um die seltsamen Zeiten, in denen wir leben, und die unfassbar lange Geschichte der Band aus Florida zu besprechen.

Gerade ist „Listen Up!“ erschienen. Hier erinnern viele kleine und große Dinge an eure Anfänge. Wie schreibt man nach fast 30 Jahren noch so zeitgemäße und frischen Musik?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Bei uns passiert noch immer so vieles spontan und ohne wirklichen Plan. Es fühlt sich auch so surreal an, wenn du erwähnst, dass es die Band schon 30 Jahre gibt. Schon weil wir uns alle noch viel zu jung fühlen, um bereits 30 Jahre in der gleichen Band zu spielen. Am Ende des Tages geht es uns darum, dass wir wollen, dass unsere Fans Spaß damit haben, immer wenn wir neue Musik schreiben. Und auch dass wir damit Spaß haben. Die Themen der Songs sind immer aus dem Leben gegriffen und bleiben nachvollziehbar und man kann sich damit identifizieren. Natürlich kann nicht jeder unserer Songs nur lustig sein. Wir müssen es uns auch von der Seele schreiben, wenn etwas nicht gut ist, wenn etwas wehtut oder etwas gänzlich schiefläuft in unseren Leben oder eben allgemein in der Welt. Wie immer versuchen wir aber, uns eine positive Attitüde zu bewahren und dies auch über unsere Musik auszudrücken.

Ihr habt das Zaubermittel gefunden, wie man sich neue junge Fans erspielt und trotzdem die älteren bei der Stange hält. Wollt ihr uns euer Rezept verraten?
Ich glaube es ist eine Kombination aus unserer Einstellung, den Themen, über die wir schreiben, und der Tatsache, dass wir live auch noch immer so aktiv sind. Wir spielen noch immer sehr viele Shows und versuchen immer, alle Energie auf unser Live-Publikum zu übertragen. Wir haben selbst irgendwann gemerkt, dass mehrere Generationen zu unseren Shows kommen. Das ist so fantastisch. Natürlich hilft es auch zu schauen, welche jungen Bands gerade für Furore sorgen, dann versuchen wir immer, diese auf Tour mitzunehmen. Wir lieben es, neue Musik zu entdecken und diese Neuentdeckungen dann auch mit jedem zu teilen. So habe ich auch mein ganzes Leben gelebt. Es gab schließlich eine Zeit, in der die Hürden, neue Bands zu entdecken, noch deutlich höher waren. Damals lief vieles über Mundpropaganda oder den Austausch von Tapes. Heute ist das alles einfacher und wieso sollten wir nicht unsere Reichweite nutzen, um Bands, die wir super finden, auch auf einer größeren Bühne zu präsentieren.

Gibt es auf auf „Listen Up!“ einen roten Faden oder ein durchgängiges Thema?
Mann, ist das weird, wenn ich überlege, dass unser letztes Album „Forever + Ever x Infinity“ bereist sechs Jahre alt ist. Es fühlt sich null so an, als sei das schon so lange her. Damals war das große Thema Corona und wir alle haben gedacht, dass die Welt vor dem Abgrund steht. „Listen Up!“ ist eine kleine Retrospektive auf unser Leben als Band. Wir haben jede Menge Geschichten auf dem Album verarbeitet, die uns in den letzten Jahrzehnten passiert sind. Wie wir uns als Gruppe entwickelt haben, wie wir uns kennen gelernt haben und wie wir zu der Band geworden sind, die wir heute sind. Da sind viele Anekdoten dabei, die uns heute noch zum lachen bringen. Aber wie bereits erwähnt, kann nicht alles immer nur gut sein. Auf „Listen Up!“ finden sich auch viele echt schwermütige Themen. Zum Beispiel Chads Kampf gegen den Krebs und der Weg, den er momentan leider gehen muss. So bedauerlich das ist, aber diese Themen gehören leider genauso zum Leben dazu wie die positiven Dinge, die uns widerfahren sind. In musikalischer Hinsicht sollte das neue Album auch irgendwie noch mal härter klingen. Nicht mal unbedingt härter im klassischen Sinne. Eher dahingehend, dass alles noch mal mehr nach vorne gehen soll, mehr Energie und mehr Kraft ausstrahlen. Bei alledem wollten wir natürlich nicht darauf verzichten, dass im besten Fall auch die neuen Songs schnell zu verstehen sind, so dass die Fans sie schnell zusammen mit uns singen können. Das ist unser größtes Lob und macht uns auf Live-Shows regelmäßig verdammt sprachlos.

Ihr seid der Hardcore-Szene immer sehr verbunden gewesen. Wie kam dies zustande?
Wir haben ja immer schon harte Musik gehört, von Anfang an war das ein sehr großer Einfluss für uns und ist es heute wohl noch. Chad hat damals noch bei SHAI HULUD gesungen und aufgrund dieser Verbindung sind wir damals sehr oft für Touren gebucht worden, auf denen wir ausschließlich mit Hardcore-Bands gespielt haben. Für uns war das aber ganz normal. Man hat uns nicht anders behandelt, nur weil wir andere Musik gemacht haben. Wir waren einfach die neue coole Punkrock-Band, aber eben mit Breakdowns. Das hat dann irgendwie eine eigene Dynamik entwickelt. Wir standen der Hardcore-Szene also immer sehr nah. Als wir damals unseren Durchbruch im Mainstream hatten, haben wir immer Hardcore-Bands repräsentiert. Wenn du Live-Videos von damals siehst, von irgendwelchen Fernsehshows, dann hat immer mindestens einer von uns ein Shirt einer Hardcore-Band an. Weil wir diese Bands natürlich lieben, weil sie uns sozialisiert haben und wir mit dieser Musik aufgewachsen sind, aber eben auch weil wir durch den Mainstream diese riesige Reichweite hatten und somit Bands, die wir gut fanden, auch leicht namedroppen konnten, die da so nicht stattgefunden haben. Das war unser Tribut und unser Dankeschön an eine Szene, die uns aufgenommen hat, obwohl wir musikalisch auf den ersten Blick etwas anders waren. Da bist du dann bei TRL zur besten Sendezeit herumgesprungen und hattest ein MADBALL-Shirt an. Das war auch für das Publikum neu. Aber so war das damals. Man hatte nicht das Gefühl, dass es unbedingt Schubladen geben muss. Wir haben alle zusammen Konzerte gespielt und keine Band war zu dies oder zu das. Wir hatten gemeinsam eine gute Zeit.

Du hast eben Chad erwähnt. Viele von uns verfolgen seinen Heilungsverlauf und drücken die Daumen, dass er sich vollständig von seiner Erkrankung erholt. Kannst du uns sagen, wie es ihm momentan geht?
Ich würde sagen, es gibt gute und schlechte Tage. Chad lebt zur Zeit in Nashville, wo es momentan sehr kalt ist. Das hilft leider nicht besonders, wenn du durch die Behandlung eh schon taube Hände hast und die Kälte dies noch verstärkt. Spiel damit mal Gitarre. Aber er tut es trotzdem. Er hat so ein unfassbares Kämpferherz und lebt uns allen vor, was es heißt, trotz einer extrem schwierigen Situation stark und mutig zu sein. An den guten Tagen scheint er alles zu schaffen. Er kommt zu Shows und spielt mit uns, als wäre nichts. An anderen Tagen muss er eben aussetzen. Aber so ist das leider mit Krebs. Du weißt oft nicht, was der nächste Tag bringt und wie es dir geht. Wir versuchen alle, positiv zu bleiben. Während wir andauernd unterwegs sind und Konzerte spielen, ist er zu Hause und arbeitet an neuen Songs. Er ist ein unglaublicher Typ. Er versucht seine Erkrankung auch im Bandkosmos kleiner zu halten als sie ist. Er will uns damit wohl auch ein Stück weit schützen. Er erzählt uns schon, wenn ein größerer Scan ansteht oder es andere neue Entwicklungen gibt, aber ansonsten versucht er, es nicht zu einem großen Thema zu machen. Lasst uns einfach das Beste hoffen.

Dan von FOUR YEAR STRONG war an der Entstehung von „Listen Up!“ beteiligt. Wie kam das zustande?
Dan ist der Hammer! Der Typ ist so lustig und ein unglaublicher Musiker. Er hat uns jetzt bereits mehrfach den Arsch gerettet. Er hat jede Menge Gitarren für „Listen Up!“ eingespielt, gerade an Tagen, an denen Chad nicht konnte, war Dan immer da. Er ist seit Jahren ein sehr enger Freund der Band und wir haben schon so viele Shows zusammen mit FOUR YEAR STRONG gespielt. Da lag es nahe, dass er uns auch im Studio unterstützt. Er ist übrigens auch der Live-Ersatz für Chad und hilft, wo er kann. Es macht Spaß, mit ihm auf der Bühne zu stehen, und wir sind ihm wirklich sehr, sehr dankbar.

Euer Verhältnis zu Deutschland scheint seit jeher ein besonderes zu sein. Dennoch verschlägt es euch nicht so unfassbar oft hierher. Letztes Jahr wart ihr für ein paar Termine mit den wunderbaren SHORELINE hier unterwegs. Wie habt ihr die Zeit erlebt?
In Deutschland wurden wir schon immer ein wenig mehr gemocht. Ich kann gar nicht erklären, wieso das ausgerechnet bei euch so ist. Aber vielleicht ist es die gegenseitige Zuneigung. Wir lieben es, hier aufzutreten und Menschen zu treffen. Ich selbst habe mittlerweile Verwandtschaft in Österreich, da ist Deutschland verdammt nahe, daher ist mein Bezug noch mal etwas stärker. Ich war sogar schon mal auf dem Oktoberfest, allerdings am Familientag. Also nicht der wildeste Tag. Wäre es logistisch gesehen einfacher, würden wir auch viel öfter nach Deutschland kommen. Die Shows letztes Jahr waren unfassbar gut und es hat riesigen Spaß gemacht, sich mit SHORELINE die Bühne zu teilen, super liebe Jungs und eine verdammt gute Band. Auch allgemein gesehen war es überragend, wieder nach Deutschland zu kommen. Wir haben wir hier schon so viele tolle Menschen kennen gelernt und großartige Shows gespielt. Wir sind super dankbar, dass wir das Privileg haben, immer wieder hierher zu kommen und auftreten zu können. Wir haben immer riesigen Spaß und wir hoffen, dass wir noch jede Menge Shows, Touren und Festivals in Deutschland spielen werden.

Die USA sind momentan ein seltsames Land. Wie erlebt ihr die Entwicklungen und inwiefern haben sie einen Einfluss auf euch als Menschen, und auf euch als Band?
Es ist schwer zu ertragen, was da momentan alles passiert. Es ist traurig und ich dachte niemals, dass wir uns mit derartigen Themen herumschlagen müssen. Kalifornien ist zwar noch mal etwas anders, wir leben hier ein wenig in unserer Bubble und die Themen kochen nicht so hoch wie in anderen Teilen des Landes, natürlich ist ICE und was dieser Haufen so tut, auch hier ein Thema. Aber man darf auch nicht müde werden, seinen kleinen Teil zum Protest beizutragen. Rausgehen, protestieren und laut sein, um Ungerechtigkeiten zu verhindern. Wir als NEW FOUND GLORY sind froh, dass wir trotz der schlimmen Situation etwas Positivität spenden können und unsere Shows Safe Spaces für jeden sind. Es ist eine seltsame Zeit, jeden Morgen wachst du auf und es gibt immer eine neue, noch schlimmere Story. Es ist völlig absurd und ich hoffe, es wendet sich alles zum Guten und dass es bald vorbei ist.

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