© by BandMit „Leuchten“ erscheint auf My Ruin die erste LP der Band aus Berlin. Den mit einer besonderen Emo-Note angereicherten deutschen Punk perfektionieren OK NEIN auf der Platte mit all ihren Erfahrungen, die sie bereits in Bands wie GRIZOU, EIN GUTES PFERD, LOVEBURGERS und FRANCESCO gesammelt haben. Ich unterhielt mich mit Sänger Oscar, Bassistin Reena und Gitarrist Dirk, der auch für die meisten Texte verantwortlich ist.
In unserem Vorgespräch ging es um die „Non white dude“-Perspektive, die bei euch Reena vertritt. Mein Eindruck ist, dass es insbesondere für junge Frauen viel einfacher geworden ist, in Bands zu spielen, vor allem im Hard- und Metalcore-Bereich. Ist es heute schon „normal“? Und wie erlebt ihr es als Ältere?
Oscar: Für mich war es schon immer da, ist aber mehr geworden. In den 1990ern war es nicht gang und gäbe, Frauen auf den Bühnen zu sehen.
Reena: Für mich ist es natürlich nichts Neues, da ich mit Dirk damals bereits bei GRIZOU gespielt habe. Ich war oft die einzige Frau, sowohl auf der Bühne als auch in Konzertgruppen. Bei RAKETENHUND gab es noch Anne. Das ist heute bei jüngeren Bands auf jeden Fall mehr geworden. Bei Bands in unserem Alter weiß ich es gar nicht. Was definitiv noch fehlt und sehr selten ist, sind queere Menschen.
Auch hier ist es, glaube ich, eine Generationen-Geschichte. Die angesprochenen jungen Bands haben selbst oftmals queere Mitglieder und ich habe den Eindruck, dass es in ihrer Community für alle ganz normal ist.
Reena: Das stimmt. Es ist aber noch Luft nach oben. Ich würde mir die ganze Szene noch viel diverser wünschen. Frauen und FLINTA* mögen es einfacher haben, das gilt aber nicht für People of Color oder allgemein Menschen mit Migrationsgeschichte – ebenso betrifft es Menschen mit Beeinträchtigungen. Hier wünsche ich mir viel mehr Vielfalt, Diversität und Reflexion bei den Menschen, die die Szene hier gestalten.
Dirk: Ja, es ist aber schon eine ganz andere Kiste als vor 20 Jahren. Es war ein langer Kampf bis hierher.
Oscar: Für mich waren schon immer Frauen dabei, egal, ob das in einer Konzert- oder auch eine Antifa-Gruppe war – habt ihr wirklich das Gefühl, dass es so ein langer Kampf war?
Dirk: Ja, vor allem auf Bühnen.
Oscar: Auf jeden Fall. Und das hat sich zum Glück geändert.
Von der Musik her erinnert ihr mich sehr an EL MARIACHI. Die TISCHLEREI LISCHITZKI tauchte in meinen Gedanken beim Hören auch auf. Ihr habt zuvor in Bands wie GRIZOU und EIN GUTES PFERD gespielt, die da auch ganz gut reinpassen.
Oscar: Tobi Meyer, den Sänger von EL MARIACHI, kenne ich schon seit gefühlt tausend Jahren. Ich glaube, er kam aus Göttingen. Ich aus Wolfsburg, Braunschweig und man kannte sich einfach. Man hat sich manchmal halt nicht so gemocht und dann doch, wenn wir uns nach vielen Jahren mal wiedergetroffen haben und zusammen Spaß gehabt haben.
Reena: Mit TISCHLEREI LISCHITZKI haben Dirk und ich zu GRIZOU-Zeiten sehr oft zusammen gespielt und gemeinsam eine 7“ rausgebracht. Die eigene Band mit anderen zu vergleichen, ist aber schwer.
Dirk: Musikalisch empfinde ich es jetzt nicht als 100%iges Match, menschlich auf jeden Fall.
Kürzlich wurde die Veröffentlichung der Video-Single „Atmen unter Wasser“ vom Ox präsentiert. Was hat es mit dem Text auf sich?
Dirk: Er handelt von Depression. Wenn du versuchst, Luft zu kriegen, und merkst, dass es einfach nicht geht. Und du versuchst, wieder hochzukommen. Man könnte ihn natürlich auch in einem größeren gesellschaftlichen Kontext interpretieren – bei dem ganzen Scheiß, der gerade geschieht.
Im Titeltrack gibt es den Refrain „3 letters, 1 love – DIY“. Was bedeutet DIY für euch?
Dirk: Das ist der Scheiß, den wir schon immer machen. Das war bei mir schon immer da, und ich bin mir sicher, dass ich in 20 Jahren immer noch so bin. Es bedeutet Urlaub vom Alltag, Freiräume nutzen und viele nette Menschen kennenlernen. Und auch zu sehen, dass es in ostdeutschen Gegenden, in denen Faschos unterwegs sind noch Menschen gibt, die sich organisieren, Konzerte auf die Beine stellen, für Bands kochen, sie dort schlafen lassen, Freiräume schaffen. Das ist auch DIY für mich.
Oscar: Genau das ist das Ding! Für mich ist DIY eine Blase, aus der ich am liebsten gar nicht mehr rauskommen würde. Ich muss sagen, dass das wie eine Droge für mich ist. Das erinnert mich an meine 20er, wo ich ständig unterwegs war, Konzerte organisiert habe und mit anderen Bands auf Tour war. Mein Eindruck ist aber, dass es leider fast keinen Nachwuchs gibt. AJZs werden auf jeden Fall weniger.
Reena: DIY ist ein Teil im Leben, der immer sehr wichtig war. Ich hatte zehn Jahre die Band, war zwischendrin raus und habe gemerkt, wie sehr mir das eigentlich fehlt. Umso schöner ist es, jetzt erneut eintauchen zu können und wieder drin zu sein.
In „Leuchten“ heißt es auch: „Arsch hoch, Glitzer rein / Punk kann noch immer alles sein“. Was?!
Dirk: Im ersten Entwurf des Texts war es nicht der Glitzer. Wir haben uns dann noch mal länger hingesetzt und überlegt, welches Substantiv DIY-Punk für uns alle am besten zusammenfasst – und das ist Glitzer. Glitzer ist bunt, Glitzer ist queer, Glitzer zeigt die Vielfältigkeit, die wir uns in unserer Subkultur wünschen. Glitzer rein – in die Friese, in die Szene und ins Leben!
„Inglourious Nazioma“ handelt von Sahra Wagenknecht und Björn Höcke. Wo seht ihr die Gemeinsamkeiten?
Dirk: Beide Personen sind höchstgefährliche Demagog:innen. Während es bei Höcke nicht schwerfällt, den „Nazi mit Krawatte“ zu erkennen, ist das Spiel von Wagenknecht subtiler. Wirtschaftlich hat sie das links-soziale Profil, aber gesellschaftspolitisch die Kritik an Migration, die Betonung von nationalen Interessen und die Kritik an Identitätspolitik – das ist halt einfach alles Scheiße, die rechte Narrative bedient.
Der nächste Politiker dürfte Friedrich Merz sein, den ihr in „Weinbrandstifter“ meint. Was blüht uns mit dem?
Oscar: Sozialabbau.
Dirk: Eine rückwärtsgewandte Politik. In der Merkel-Ära hat man sich ja so ein bisschen an die CDU gewöhnen können, weil sie für ihre Verhältnisse ja liberale Positionen hatte. Mit Merz wird das Oldschool-CDU-Kram werden. Das einzige Positive, das eventuell passieren könnte, ist, dass er sehr straight für die Unterstützung der Ukraine ist, klarer als Scholz.
Oscar: Wer weiß, wie echt das ist. Wenn es zu teuer wird, rudert er vielleicht zurück.
Interessiert das alles in Berlin eigentlich? Ich erlebe es oft als ganz andere Welt.
Dirk: Wir haben hier auch eine schwarze Regierung mit einer Berlin-internen Schuldenbremse, die gerade alles wegfetzt. Was Rückwärtsgewandtheit angeht, ist Berlin ganz weit vorne.
Reena: Es wird extrem viel weggekürzt im Sozialen und in der Kultur. Es gibt sehr viele Demos und viele aktive Menschen, die sich einsetzen. Das ist vielleicht der Unterschied. Dann wird öfter weniger hier und mehr dort gespart. Ein großes Thema ist es hier zur Zeit auf jeden Fall.
Dirk: Berlin hat aber tatsächlich noch eine linke Subkultur, was einen Unterschied macht.
Beim Song „Wedding-Youth“ musste ich an „Problemviertel“ denken. Ist der Wedding eines?
Reena: Ich arbeite seit 15 Jahren im Wedding mit Kids zwischen acht und 13 Jahren. Ich habe bei dem Text einfach das runtergeschrieben, was ich da oft erlebe. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt und trifft nicht auf alle Kinder dort zu. Dort, wo ich meine Zeit verbringe, habe ich oft das Gefühl, dass die Kinder keine Kinder sein dürfen, da so viel von außen auf sie einwirkt. Wie sie zu sein haben, um dazugehören zu können oder einfach nicht aufs Maul zu kriegen.
In „Wüste Mensch“ geht es darum, dass sich zwei Menschen treffen und einer davon meint, „mehr Punk“ zu sein als der andere. Hat das jemand von euch so erlebt?
Dirk: Der Text stimmt von vorne bis hinten mit dem überein, was ich erlebt habe. Ich war damals auf einem Zivi-Lehrgang in Karlsruhe. Im Teil Selbsterfahrung fuhren wir zum Beispiel im Rollstuhl durch die Stadt. Einer hat dabei mitleidheischend Frauen angebaggert, wo mir die Galle hochgekommen ist. Ich bin dann mit einem Freund in eine linke Kneipe geflüchtet. Ich hatte ein Army-Shirt mit einem roten Stern darauf an. Und das Erste, was passiert, ist, dass ein besoffener Typ zu mir kommt und mir sagt, dass der rote Stern auf seinem Shirt ja viel größer wäre. Die letzte Strophe passte nicht mehr in den Song. Sie hätte davon gehandelt, dass etwa Dreiviertel der Zivildienstleistenden dann noch zusammen in den Puff gegangen sind, um sich eine schöne Zeit zu machen – was für ein Trottelverein. Es war eine absurde Woche, die ich 20 Jahre später in einen Text gepackt habe.
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