OV SULFUR

Foto© by Anable DFlux

Auf eigene Faust

Mit „Endless“ veröffentlicht die Band aus Las Vegas dieser Tage ihr zweites Studioalbum. Gitarrist Chase Wilson beantwortet uns Fragen zur stilistischen Vielfalt, zu Gatekeeping und Einflüssen.

Als ihr über ein zweites Album nachgedacht habt – ganz am Anfang, ohne Songs, ohne konkrete musikalische Ideen, ohne Konzept oder Artwork – und man das mit dem vergleicht, wie das Album jetzt am Ende geworden ist: Wie groß ist da der Unterschied?

Als wir 2023 „The Burden Of Faith“ veröffentlicht hatten, waren wir ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. Aber es existierten definitiv Dinge, die wir verändern wollten. Und es gab auch Sachen, die ich persönlich schon im Kopf hatte – musikalisch, textlich und so weiter. Wir arbeiten sehr kollaborativ, jeder bringt eigene Ideen ein. Es wurde viel diskutiert und am Ende haben wir uns auf dieses Album eingeschossen: „Endless“. Wir haben uns bei den letzten Releases sehr klar als anti-religiöse Band positioniert. Das ist auf diesem Album teilweise noch da, aber wir sprechen diesmal über viel mehr Themen – emotionalere Dinge, mentale Probleme, innere Prozesse.

Du sprachst gerade schon von emotionaler, introspektiverer Musik. „Wither“ ist ein Beispiel dafür, dann gibt es am Ende noch „Loveless“, das man fast als Ballade bezeichnen könnte. Sind solche stilistischen Ausflüge ein Risiko?
Eigentlich schon. Bei jeder Metalband ist es ein Risiko, Songs wie „Loveless“ oder „Wither“ zu veröffentlichen, weil man nie weiß, ob die Leute das komplett annehmen oder nicht. Aber wir hatten diese Gesangselemente schon auf früheren Releases, wenn auch weniger ausgeprägt. Für uns fühlt sich das an wie ein Schritt in die richtige Richtung. Wir haben diese Elemente akzeptiert und finden, die sollten erhalten bleiben. Trotzdem hatte ich kurz Zweifel, ob ich das vielleicht nur für meine Familie, für Rickys oder Joshs Familie mache. „Loveless“ ist im Studio entstanden. Ich hatte damals eine Freundin, wir hatten Probleme wegen des Tourens und meiner langen Abwesenheit. Ich habe den Song für sie geschrieben. Ursprünglich sollte es ein Instrumental werden, bis ich doch Lyrics geschrieben habe. Ich war mir erst unsicher, aber Josh Schroeder und Ricky haben den Refrain geliebt. Also haben wir den Song drumherum aufgebaut. Solche Sachen zu veröffentlichen ist ein Risiko – aber man muss die Musik rausbringen, die einem selbst etwas bedeutet. Wir schreiben die Stücke ja zuerst für uns selbst. Also ja, es ist ein Risiko, aber weil wir so stark mit diesen Songs verbunden sind, bin ich überzeugt, sie müssen einfach funktionieren. Nicht arrogant gemeint, aber so fühlt es sich an.

Wenn wir über Mut und Risiko sprechen: Im Deathcore und extremen Metal gibt es oft dieses „nach unten treten“. Death Metal meckert über Deathcore, Deathcore über Bands mit Clean Vocals und so weiter. Dabei sitzen doch eigentlich alle im selben Boot. Kannst du diesen Gedanken nachvollziehen?
Absolut. Ich habe einen sehr vielfältigen Musikgeschmack. Ich bin mit Bands wie KILLSWITCH ENGAGE, TRIVIUM oder BULLET FOR MY VALENTINE aufgewachsen, habe deren Songs gelernt. Gleichzeitig bin ich auch in Hardcore, Deathcore, Death Metal und Black Metal reingerutscht. Für mich ist es einfach Musik. Wenn es gut ist, ist es gut. Aber Metal frisst sich selbst auf. Es gibt unendlich viele Subgenres, und jeder versucht zu definieren, was „härter“ ist. Das ist total oberflächlich. Wenn Clean Vocals gut sind, sind sie gut. Punkt. Aber Gatekeeping und Elitismus gibt es leider überall. Wir versuchen, Elemente aus vielen Subgenres zu vereinen – vielleicht manchmal zu viele auf einmal, aber für uns funktioniert es.

Ein weiteres Element in eurer Musik sind die Orchestrierungen. Auf dem ersten Album waren sie sehr präsent und dominant, jetzt sind sie viel besser eingebettet. Wer ist dafür verantwortlich und warum habt ihr das geändert?
Wir wollten schon immer große Orchestrierungen, aber sie sollen nicht im Vordergrund stehen. Wir sind keine Orchesterband. Beim letzten Album hat Morgoth Beatz viel davon gemacht. Dieses Mal hat unser Drummer Levi die Orchestrierungen übernommen. Sie sollen groß und atmosphärisch sein, aber im Hintergrund bleiben. Der Fokus liegt auf Gitarren, Drums und Vocals. So passt es besser zu unserer Musik.

Am Anfang orientiert man sich oft stark an seinen Vorbildern, die hast du ja bereits benannt. Woher kommen deine Inspirationen heute, von früheren Einflüssen, aktuellen Bands oder aus einer bewussten Abgrenzung davon?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es ist ehrlich gesagt beides. Es gibt auf jeden Fall Einflüsse von früher und von heute. Der ganze Gesang, also Clean Vocals und Melodien, das kommt ganz klar aus dieser alten Metalcore-Ecke, das hat mich extrem geprägt. Was die neueren Einflüsse angeht: Der Grund, warum wir diese Band überhaupt gegründet haben, war ja, dass Rickys Lieblingsbands zu der Zeit SHADOW OF INTENT und LORNA SHORE waren. Er wollte unbedingt in einer Band spielen, die in diese Richtung geht. Und wir sagten: Okay, wir können so was machen – aber wir machen nicht genau das Gleiche. Ich glaube schon, dass wir es geschafft haben, einen eigenen Sound zu entwickeln. Aber es ist natürlich schwer, neue Einflüsse komplett auszublenden. Selbst auf diesem Album merkt man das. Wir haben zum Beispiel super viele Breakdowns, die total von HUMANITY’S LAST BREATH inspiriert sind, einfach weil Levi diese Band so mag. Er steht total auf diesen ultra tiefen, schweren Sound, und das ist automatisch in unsere Musik eingeflossen. Also ja, es ist eine Mischung aus beidem. Wir kapseln uns nicht komplett ab, aber wir versuchen immer, die Einflüsse zu nehmen und daraus unser eigenes Ding zu machen.

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