PEACOCKS

Foto© by Monsef Winteler

Über Wendepunkte und Lebenssituationen

Besetzungswechsel gab es durchaus auch bei dem Rockabilly-Punk Trio aus dem schweizerischen Winterthur, doch seit 2002 sind PEACOCKS in ihrem aktuellen Line-up beisammen und rocken das Universum: Sänger Hasu spielt auch Gitarre, sein Bruder Simon Kontrabass und Jürg Schlagzeug. Während im Psycho- und Rockabilly die Abweichungen meist eher marginal sind, hat sich das Trio tatsächlich enorm entwickelt. Ich befrage Hasu und seinen Bruder Simon zu den Veränderungen und natürlich zur neuen LP „And Now What?“. Höchste Zeit, denn das letzte Interview im Ox liegt schon 17 Jahre zurück.

Eure 2007er LP „Touch And Go“ erschien mir als ein Wendepunkt. Alles wurde nun kompakter. Empfandet ihr das auch so?

Hasu: „Touch And Go“ war die letzte Platte, zu der wir damals noch richtig lange Tourneen gemacht haben. Inklusive USA- und Kanada-Release. Danach kamen die Kinder und damit die Zeitprobleme. So gesehen war es ein Wendepunkt. Besonders geglückt finde ich die Platte nicht, auch weil ich damals noch auf Antidepressiva war. Mittlerweile hatte ich die Platte fast ein wenig vergessen. Für uns sind „In Without Knocking“, „It’s Time For“ und „After All“ die wirklichen Meilensteine.
Simon: Mir hat einmal ein Freund und Fan gesagt, dass unsere Alben eine Art Sinuskurve ergeben. „Touch And Go“ rangierte bei ihm ganz unten. Ich hoffe natürlich, dass das nicht ganz ernst gemeint war. Sonst müsste „And Now What?“ ja wieder unten, also nicht so toll sein. Okay, Geschmäcker sind verschieden und bei der Wirkung eines Albums schwingt auch immer die momentane Lebenssituation des Hörers mit. Ich empfinde „Touch And Go“ aber nicht vom Sound her als Wendepunkt, sondern labeltechnisch. Wir hatten mit People Like You zum ersten Mal ein größeres Label im Rücken, das uns etwas überregionaler unterstützen konnte. In Kanada und den USA kam die Platte zudem auf Stomp Records raus. Es war daher überall erhältlich. Von dem Album selber bin ich nicht ganz so überzeugt. Die Idee mit den zwei Produzenten, Olifr Maurmann und Mass Giorgini, machten das Ganze etwas zu uneinheitlich. Wie zwei Alben in einem. Gewissermaßen ist doch jede Platte ein Wendepunkt beziehungsweise irgendwie Neuland. Für mich war schon „It’s Time For“ 2003 der Wendepunkt: erstes Album mit Jürg, produziert in den USA bei Mass Giorgini, endlose Touren. Es kam auf fünf verschiedenen Labels raus und die waren leider auf dem europäischen Festland nicht so präsent. Aber in Großbritannien war die Platte ein großer Erfolg.

Da muss ich gleich mal nachhaken in Sachen Produzenten. Seid ihr nach über 30 Jahren mittlerweile derart routiniert, dass ihr dem jeweiligen Produzenten sagt, was zu tun ist, oder seid ihr noch offen für neue Ideen?
Simon: Wir hatten noch nie einen Produzenten in dem Sinne, dass der entscheidet, wie das Produkt zu sein hat. Das wäre sicher mal interessant, würde aber ein großes Vertrauen voraussetzen und Verständnis in unsere Kunst. Allerdings geben wir auch nicht vor, was der jeweilige Produzent zu tun hat. Wir schreiten natürlich ein, wenn uns etwas gar nicht passt. Aber man wählt einen Produzenten beziehungsweise ein Tonstudio ja unter anderem aus anhand eines typischen Klangs und des Ablaufs, wie man aufnimmt.
Hasu: Die letzten vier Alben wurden alle von David Langhart aufgenommen und produziert. Er ist Simons und mein Bruder, daher läuft das jeweils ziemlich unkompliziert ab. Er profitiert dabei von unserer Routine und Erfahrung mit anderen Produzenten und wir von seinem Know-how.

Ich frage das deshalb, weil ihr dreimal hintereinander für eine LP Mass Giorgini als Producer hattet und dann bei der letzten Scheibe den sehr erfahrenen Dan Suter, dem Produzenten von den AERONAUTEN oder Reverend Beat-Man. Wer war es diesmal und was unterscheidet die Männer an den Reglern?
Simon: Also, Dan Suter macht das Mastering. Ich meinte jetzt zum vierten Mal. Er produziert nicht, sondern bearbeitet den fertigen Mix für die jeweiligen Formate, in denen das Album konsumiert wird. Also Vinyl, CD oder digital. Was da genau passiert, weiß ich nicht. Das ist für mich ein Mysterium. Da müssen wir ihm einfach vertrauen. Mass Giorgini hat die „It’s Time For“ und Teile von „Touch And Go“ produziert. Hasu hatte ihn vorgeschlagen, weil er diverse von ihm produzierte Platten hat, die er liebt. Es war natürlich spannend, mal in den Staaten aufzunehmen. Jeder Produzent hat seine eigene Art. Auf die muss man sich verlassen und einlassen. Sonst hört man besser gleich auf und sucht sich ein anderes Studio.

Jedenfalls war das letzte Album „Flamingo“ der nächste überragende Schritt. Jetzt kamen vermehrt Elemente der 1960er hinzu.
Simon: Nun, wir haben schon immer verschiedenste Elemente aus verschiedenen Richtungen einfließen lassen. Aber ich denke, dass es uns mittlerweile besser gelingt, diese Elemente zu integrieren, ohne dass sie wie Fremdkörper wirken. Weniger hier ein Ska-, da ein Punksong, sondern einfach ein Song. Wir sind schon erwachsener geworden, wie man so schön sagt.

Das neue Album haut mich echt um. Wenn ich an euer altes, cooles aber für mich nicht mehr hörbares Lied „It’s your fault“ denke, kann ich kaum glauben, dass ihr das seid. Habt ihr schon Abstand zu den neuen Aufnahmen gewonnen und wisst, wie gut das jetzt geworden ist?
Simon: Wir sind zu dritt und da gibt es drei zum Teil ganz unterschiedliche musikalische Vorlieben. Gut, Text und Grundgerüst kommen eigentlich immer von Hasu. Aber Jürg und ich steuern das bei, wo wir finden, dass es dem jeweiligen Song am dienlichsten ist. „It’s your fault“ ist ein einfacher Punksong. Da gibt es nicht viel Spielraum, und mit „Brand new“ haben wir jetzt eigentlich wieder ein ähnliches Lied dabei. Es gibt andere Stücke, die zum Teil extrem davon leben, was Jürg oder ich beigesteuert haben, auch wenn man es nicht auf Anhieb hört. Aber das ist gerade das Geheimnis. Wir sind jedenfalls sehr zufrieden und ein Stillstand ist es, glaube ich, auch nicht. Es reiht sich gut in die andern Alben ein und es ist sicher nicht die Sinuskurve unten, für mich also ein stetiger Fortschritt.

Allein beim Song „Same“ höre ich binnen dreißig Sekunden drei musikalische Elemente: 1970er-Disco, RAMONES-Anleihen und passend dazu 1960er-Flowerpower. Wolltet ihr gerade den alten Fans noch mal zeigen, wie wandlungsfähig ihr seid?
Simon: Dazu wird oder kann Hasu natürlich mehr und anderes sagen, weil von ihm der melodische Ablauf, also die Akkordfolge stammt. Aber wie gesagt, Jürg und ich machen das, wovon wir finden, dass es passt. Vielleicht entspricht das nicht unbedingt der ursprünglichen Idee von Hasu, aber so entstehen Songs. Ich liebe es, wenn jeder unbewusst etwas anderes spielt und das dann perfekt zusammengesetzt wird. Was ich sagen will, wir setzen uns nicht hin und planen „hier etwas RAMONES, da etwas Disco“ etc. Das kommunizieren wir nicht. Das entsteht automatisch. Da wir die unterschiedlichsten Musikstile mögen, schlummert das halt in einem und fließt ein, wo es passt. Wir wollen den Fans nicht zeigen, wie wandlungsfähig wir sind, sondern dass wir interessant bleiben. Auch wenn der Fan meint, er wolle mehr vom Gleichen, was er schon gut findet und kennt, will er eigentlich etwas Neues, das ihn begeistert. Das wollen wir auch, natürlich ohne alles über den Haufen zu werfen.
Hasu: Für „And Now What?“ sind wir relativ unvorbereitet ins Studio und haben noch zig Sachen erst dort entwickelt, zum Beispiel Arrangements. Da wurde ziemlich herumgedoktert. Vielleicht ist das Album deswegen so gelungen? Außerdem haben es wieder einige Songs gar nicht aufs Album geschafft. Somit wurden potenzielle Füller schon mal vermieden. Was unsere Wandlungsfähigkeit angeht: Da steht keine besondere Absicht dahinter.

Und Simon und Jürg dürfen mit ihren Instrumenten sogar Songs einleiten.
Simon: Ja, das sind dann die wenigen Momente, in denen uns Hasu zu etwas auffordert. Wenn er sich vorgestellt hat, dass ein Song mit dem Bass oder dem Schlagzeug beginnt, dann sagt er: „Mach mal da was“, und die anderen setzen dann ein.

Für alles, was mit Psychobbilly zu tun hat, gerade als Trio, sind da nicht die etwas kleineren Clubs das ideale Betätigungsfeld? Oder ist eine große Festivalbühne für euch reizvoller, weil ihr noch mehr powern müsst, um die Leute zu erreichen?
Simon: Klar, in kleineren oder mittleren Clubs fühlen wir uns am wohlsten. Da geht es nur um das Konzert, um die Band, wie man spielt, man spürt das Publikum. Je größer es wird, desto wichtiger werden andere Dinge, wie das Animieren der Leute, die Lichtshow, Bühnenbild ... Darauf sind wir nicht so vorbereitet. Es sind ja nur wir. Ohne eigene Lichttechniker und so. Ich habe das Gefühl, dass das dann nicht so wirkt auf der großen Bühne. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich auch unter den ganz großen Acts wenige gesehen, die auf der großen Bühne Wirkung zeigen können.
Hasu: Ja, auf großen Bühnen kommen unsere Stärken weniger zur Geltung. Außerdem hat man auf Festivals immer so einen Stress, weil man weniger Zeit hat, nur für den Linecheck und beschränkte Stagetime. Kann trotzdem Spaß machen, aber für eine optimale Leistung reicht es selten. Da bräuchte man wohl auch eine eigene Lichtshow und ein großes Backdrop oder wie das heißt. Taylor Swift hat das bestimmt, aber für uns lohnt das nicht, bei den zwei, drei großen Shows im Jahr.

Taylor Swift ist zweifelsfrei eine imposante Frau, aber sie hat ein Vermögen von angeblich 1,6 Milliarden US-Dollar. Ist also auch die Musikwelt voller Ungerechtigkeit? Und was würdet ihr mit dieser Summe anstellen?
Simon: Eigentlich wäre es mal schön, wenigstens für sich selber genug Geld zu haben. Dann könnte man sich mehr um die Musik kümmern. Man hätte keine Schulden nach dem Aufnehmen eines Albums. Man könnte öfter Platten machen und wieder mal an Orten spielen, wo es von den Spesen her halt einfach defizitär ist. Oder Videos drehen, einfach solche Sachen. Aber so ein Vermögen wie das von Taylor Swift, das würde ich hauptsächlich für andere Menschen verwenden.

Wie sieht es bei euch in der Schweiz vom Sozialgefüge her aus? Hohe Lebenshaltungskosten, ja, aber auf der anderen Seite Vollbeschäftigung, hohe Löhne und weiterhin eine gewisse soziale Balance, oder bin ich da naiv?
Simon: Hm, willst du einen Vergleich mit Deutschland? Den kann ich dir nicht geben, das wäre etwas zu komplex. Ich verdiene etwa die Hälfte eines Durchschnittslohns hier in der Schweiz. Also weniger als der deutsche Durchschnitt. Aber ich arbeite zum Grundlohn. Bei uns kosten Lebensmittel und Ähnliches das Dreifache wie in Deutschland und vom Lohn gehen noch Steuern und Krankenkasse ab. Gefühlsmäßig geht es uns aber gut. Jedoch die Schere geht immer weiter auf. Eine Konzertkarte für uns kostet in Deutschland ähnlich viel wie hier, deshalb habe ich das Gefühl, dass die Deutschen eher bereit sind, für Untergrundkultur Geld auszugeben.

Und wie sieht es mit dem Live-Spielen aus? Zwei von euch haben Kinder. Bekommt ihr viele Anfragen und wie läuft es generell in der Schweiz mit Live-Musik?
Simon: Jürg und ich haben Kinder. Da können und wollen wir nicht mehr permanent auf Tour. Zudem werden wir auch älter, da wünscht man sich mehr Komfort und will nicht mehr bei irgendwelchen Teenagern auf der Couch schlafen. Tourneen sind zwar spannend, aber irgendwie kommt dabei einfach finanziell zu wenig rum. Früher reichte es, wenn man keinen Verlust gemacht hat. Heute müsste wegen der Familie etwas reinkommen, aber eine Tour ist heute verlustreicher als früher. Deshalb spielen wir hauptsächlich an den Wochenenden. Mit Ausnahmen, wie zum Beispiel jetzt in Südfrankreich, das wäre zu weit für nur zwei Shows. Und wir versuchen, das mit den Weekend-Shows wieder etwas zu forcieren. Das haben wir wegen der Lockdowns und des verzögerten Erscheinens des Albums etwas einschlafen lassen. Publikumstechnisch läuft es aber prima. Will heißen, es kommen eigentlich überall immer Leute, die begeistert sind. Eher sogar etwas mehr als früher.

Last words?
Simon: Vielen Dank für das Interview. Wir hoffen natürlich, dass den Leuten das neue Album gefällt und dass sie es auch kaufen. Dann könnten wir noch mal eins machen. Live spielen werden wir sowieso. Jedenfalls solange wir gesund sind. Also kommt zu unseren Shows. Wenn kein Konzert in der Nähe ist, nur Geduld, irgendwann kommen wir vorbei. Oder sonst einfach selber was organisieren. Wir haben jetzt sogar eine Website. Oldschool.

Anzeige