POGENDROBLEM

Foto© by Marie Poulain

Arbeit ist scheiße

Sie gelten als Stimme der Gen Z in der Punk-Szene, ähnlich wie TEAM SCHEISSE oder AKNE KID JOE. Deshalb werden POGENDROBLEM immer wieder angefeindet. Unter anderem für den Song „Shirt an“, in dem sie gegen freie Oberkörper bei Konzerten wettern. Dem Nachwuchs in der Punk- und DIY-Szene sprechen sie damit aber aus der Seele. Jetzt hat das Quartett aus Köln sein drittes Album „Great Resignation“ auf die Theke geknallt und auch da nehmen Georg, Benta, Lauritz und Frieder kein Blatt vor den Mund. Unter anderem erzählen sie uns, warum sie sich in ihren Texten so intensiv mit dem Thema Lohnarbeit auseinandersetzen.

Great Resignation“ heißt euer neues Album. Klingt ja ziemlich deprimiert. Welcher Gedanke steckt dahinter?

Benta: „Great Resignation“ war um 2021 herum ein Begriff für das massenhafte Kündigen von Bullshitjobs. Vor allem in den USA wurde dieser Begriff geprägt und das Material für das Album ist auch in dieser Zeit entstanden. Wir haben also erst mal viel gesammelt, bevor wir das Album gemacht haben. Die ersten Demos gab es schon vor zwei Jahren. Den Leuten ist einfach klar geworden, dass diese Jobs sinnlos und nicht systemrelevant sind. Dass sie ihre Zeit mit besseren Sachen verbringen können. Das ist auch der Spirit, der sich durchs ganze Album zieht, als eine Art Gesellschaftskritik. Und wir sind natürlich gegen Arbeit, haha.
Georg: Mit Aufkommen der Inflation hat sich das aber nicht lange als Trend gehalten, aber dieses Moment des Aussteigens und auch die Zwänge, wieder zurückzumüssen, das ist der Punkt. Zudem ist es auch passend, dass das Album eingedeutscht vermeintlich „Große Resignation“ heißt. Das Album ist schon pessimistischer als die letzten beiden. Es geht hauptsächlich um den Umgang mit Krise und Faschisierung und verschiedene Facetten von Hoffnungslosigkeit und Hoffnungsschimmern oder Praxis hinsichtlich der Zukunft.

Das Thema Lohnarbeit und ihre Zumutungen kommt immer wieder vor auf euren Alben. Warum beschäftigt euch das so?
Benta: Einerseits weil unsere Generation die zweite ist, die wirtschaftlich richtig schlecht dasteht. Ich würde sagen, in der Gen X war es schon teilweise schwierig, sich ein Haus zu kaufen oder so. Für die meisten Leute aus meinem Umfeld ist das gar nicht mehr möglich. Jetzt werden die ganzen Errungenschaften der Arbeiterbewegung nach und nach wieder zurückgenommen und da stellt sich eben die Frage: Wie wollen wir in Zukunft für Lohn arbeiten? Wie lässt es sich gestalten, dass man davon leben kann?
Georg: Für mich ist es auch Coping, um mit dem eigenen inkorporierten Leistungsdruck und Arbeitswahn umzugehen. Der kann sich auch trotzdem immer in DIY-Punk und Bandalltag niederschlagen, aber hauptsächlich ist das der Zufluchtsort, um mal so richtig die Arbeit und gesellschaftliche Ausrichtung zu hassen.

Womit bezahlt ihr eure Miete?
Benta: Die Miete zahlt gerade das Jobcenter. Sonst arbeite ich als Designerin und mache Jobs im Kulturbetrieb.
Frieder: Ich bin Erzieher in einer Kita.
Lauritz: Ich arbeite als Fotograf und mische Bands auf Konzerten und im Studio.
Georg: Ich bin Sozialwissenschaftler:in.

Lasst uns über ein paar Songs sprechen. „Es kann nicht immer so weitergehn“ heißt eine Single. Worum geht’s in dem Stück? Ist Frustration der rote Faden auf dem Album?
Benta: Das ist auf jeden Fall so, das sieht man ja am Titel. Bei diesem Song ist es aber weniger Frustration, eher Melancholie. Ich hatte letztes Jahr eine Phase, in der ich viel über den hedonistischen Lifestyle meiner Zwanziger reflektiert habe und zu dem Schluss kam, dass man manches eben gehen lassen muss. Diese Entwicklung hatte auch was von einer Art Trauerprozess. Der Text ist bewusst kryptisch gehalten, damit jede:r die eigenen Erfahrungen da reinprojizieren kann. Und es funktioniert ganz gut, live hat der Song eine sehr gute Resonanz. Dass man Sachen nicht mehr haben kann oder etwas, womit man aufgewachsen ist, vorbei ist, das kann man auf ganz viele Aspekte des Lebens beziehen. Unter anderem auch auf Wohlstand. The world you were raised to survive in no longer exists.

Im Song „Chillig chillig“ gibt’s ein Feature von Luise von THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM. Hattet ihr noch mehr Gäste im Studio?
Benta: Wir hatten noch Leute dabei von SCHEITERN DREITAUSEND, FRUSTWUT und TEAM SCHEISSE. Wir haben das Album bei Gregor Hennig in Bremen aufgenommen und für ein oder zwei Songs brauchten wir Background-Chöre. Dann sind die kurz vorbeigekommen. Die Leute von TEAM SCHEISSE kennen wir ziemlich gut, die treffen wir immer wieder.
Lauritz: Auch durch vorherige Bandprojekte, bei denen wir zusammen Konzerte gespielt haben.
Frieder: Die kennen wir schon seit der Vorgängerband MERCEDES JENS.

Ihr kommt ursprünglich aus Bergisch-Gladbach und operiert inzwischen von Köln aus.
Lauritz: Das war früher so. Mit Benta war es dann Köln und Dortmund. Jetzt hat sich das aber auch noch mal geändert in Köln und Leipzig.

Wie hat das alles angefangen mit der Band? Woher kennt ihr euch?
Lauritz: Entstanden ist die Band ganz klassisch aus Bekanntschaften durch die Schule oder das Jugendzentrum. Da gab es irgendwann den Moment, in dem wir dachten: Ach komm, lass uns das doch mal ausprobieren.
Georg: Lau und ich waren vorher auch in einer Schüler:innenband, wo wir beide beim Konzert gemerkt haben, dass wir komplett nutzlos sind und Duffys „Warwick Avenue“ doch mal besser hätten proben sollen. Wir dachten dann, vielleicht machen wir in unserem wertlosen Leben noch mal eine wertlose Band, hatten aber erst alle, auch Frieder, noch andere Bands und kamen schließlich in den Sommerferien 2014 zusammen – und das hat sich dann irgendwie durchzogen. POGENDROBLEM war in den kommenden Jahren ein Vehikel, um sich Punk, Politik, Musikmachen und Produzieren, Konzerte machen, Saufen, Aufhören zu saufen, Social Media und Musikindustrie zu erschließen und natürlich für Friendship.

Eure Songs sind kurz und bündig. Keiner länger als zweieinhalb Minuten. Ist damit alles gesagt?
Benta: Ich finde, dass ein guter Song unter zwei Minuten oder über sieben Minuten lang sein sollte. Dazwischen gibt es nichts, haha. Alles Wichtige ist in zwei Minuten gesagt. Man muss sich nicht wiederholen oder den Track unnötig in die Länge ziehen.
Frieder: Ich finde, auch in zwei Minuten kann man musikalisch und textlich alles zeigen, was man zeigen möchte.

„POGENDROBLEM spielten Deutschpunk, ohne Deutschpunk zu sein“, habe ich in einem Interview gelesen. Stimmt ihr dem zu? Wo seht ihr euch selbst? Als Teil der Punk-Szene?
Benta: Wir fühlen uns vor allem der DIY-Szene verbunden, würde ich sagen. Aus der Punk-Szene sind wir inzwischen herausgewachsen, denke ich. Wir hören das auch nicht mehr wirklich, außer Frieder vielleicht. Wir machen diese Musik, weil es uns Spaß macht, und fühlen uns dieser Szene auch zugehörig, aber wir müssen uns auch weiterentwickeln. Es sind auch immer die gleichen Diskussionen, die man führt, und immer die gleichen Themen, um die es geht. Die Punk-Szene tritt auch auf eine Art auf der Stelle, finde ich, deshalb haben wir uns in dieser Hinsicht ein bisschen emanzipiert.
Georg: Wir organisieren alle noch DIY-Shows von Deutschpunk bis Techno. Es gibt auch immer wieder Momente, in denen ich denke, Deutschpunk ist einfach das Geilste. Oft aber auch, Deutschpunk ist okay bis mittel. Ich denke aber, worauf diese Rezi hinauswollte, ist, dass aktueller deutscher Punk oder Deutschpunk, wo man uns schon zumindest teilweise oder in den Anfängen natürlich verorten kann, heute einfach anders klingt als in den 1990ern. Durch Bands wie KOTZREIZ, MÜLHEIM ASOZIAL, PISSE, die Bremer Schule und weitere hat sich das einfach klanglich und inhaltlich, wie ich finde, zum Guten weiterentwickelt.

Für mich seid ihr Teil einer neuen Generation von Punkbands wie AKNE KID JOE oder TEAM SCHEISSE, die vieles anders sehen, etwa was Männer betrifft, die auf Konzerten ihre Shirts ausziehen. Sucht ihr bewusst die Konfrontation?
Georg: Ja genau, das meinte ich, das würde ich jetzt aber viel weniger an der Shirt-Debatte festmachen als generell an Ästhetik und postironischer Politisierung.
Benta: Bei diesem Song haben wir nicht unbedingt die Konfrontation gesucht. Das ist von allein passiert, weil viele sich davon angegriffen gefühlt haben.
Georg: Ist halt eigentlich voll goofy der Song. Da haben wir ein bisschen aus Versehen Ragebait gemacht.
Frieder: Eine gute Prise Provokation gehört auch zu Punksongs und die ist auch präsent bei uns.
Benta: Die Frage ist immer, wen man damit provoziert. Früher hat man die Alt-68er damit geärgert, jetzt gab es eine Verschiebung zur Mehrheitsgesellschaft, die man provozieren möchte. Gewisse patriarchale Denkmuster, die sich bis in die Punk-Szene reinziehen.
Frieder: In gewisser Weise provozieren wir uns gegenseitig. In dem Song wird die Szene selbst offen kritisiert.

Damit kommen viele, vor allem ältere Punks nicht klar. Es gibt gerade eine Art Generationenkonflikt in der Szene. In der Jungle World war im März von „Punkerkrieg auf Facebook“ die Rede. Bekommt ihr viel Gegenwind? Wie geht ihr damit um?
Benta: In erster Linie sind das Leute, mit denen wir sowieso nichts zu tun haben wollen. Deshalb ist es ein bisschen egal. Die können ihre Szene machen und ihre Strukturen aufrechterhalten, wenn sie das gerne möchten. Und wir machen das, worauf wir Bock haben. Wenn andere Leute das gut finden, ist das auch cool. Diese alteingesessenen Bands kommen teilweise aus offen misogynen Strukturen, da sieht man nirgendwo eine Frau im Freundeskreis oder auf einem Foto. Das ist nicht zeitgemäß und war es auch noch nie. Deshalb ist es für mich auch obsolet, wenn solche Leute sich über irgendwas aufregen. Ich will einfach nichts damit zu tun haben, was die machen.
Lauritz: Die Auseinandersetzungen gibt es vor allem auf Facebook. Wenn auf unseren Konzerten Menschen aus der Generation 50+ sind und Bock haben, dann ist da sehr viel Konsens. Wenn sich auf Facebook ein paar Leute darüber aufregen, dass sich jüngere Menschen anders verhalten, dann ist mir das egal. Die meisten grenzüberschreitenden Kommentare haben wir dort gelesen.
Georg: Maybe Punk is the friends we made along the way im Punkerkrieg 2022. Nein, aber ich finde es Quatsch, das immer ausschließlich als Generationenkonflikt darzustellen. In den feministischen Auseinandersetzungen im Punk der Corona-Zeit, aus denen auch der Sammelband „Punk as Fuck“ hervorgegangen ist, und in unseren Umfeldern gibt es super viele mega coole Leute Ü50, Altpunks, Ex-Punks, Booker:innen, 60-jährige Hipster, Omas gegen rechts, Neu-Politisierte im besten Alter, Gewerkschafter:innen, Genoss:innen. Nur weil sich ein kleiner Teil der Punk-Szene in gekränkte Männlichkeit zurückzieht, Feminismus irgendwie doof findet und/oder lieber geil eine Runde verschwitzte Männerbrust im Pogo ausgeben will, ist das noch kein Generationskonflikt.

Bisher ist jedes eurer Alben bei einem anderen Label erschienen: In A Car, Audiolith, jetzt Kidnap. Seid ihr mit euren Labels bislang nicht zufrieden?
Benta: Wir haben immer verbrannte Erde hinterlassen, haha.
Frieder: Vielleicht war es eher umgekehrt. Dass die Labels mit uns nicht zufrieden waren, haha.
Lauritz: Es sind immer Situationen gewesen, in denen sich eine neue Möglichkeit ergeben haben oder sich bei den Labels was verändert hat. In A Car zum Beispiel hat als Label aufgehört und Audiolith hat sich irgendwann verkleinert. Dann haben wir über Freunde wie AKNE KID JOE oder LYGO Kontakt zu Alex von PASCOW bekommen. Die hatten uns nur Gutes über Kidnap Music erzählt. Dann haben wir uns zusammengesetzt und gemerkt, dass wir beide voll Bock darauf haben. Das passt genauso gut wie unsere bisherigen Labels auch. Wir sind nie im Streit auseinandergegangen.
Georg: Es ist unsere Mission, für jede Platte mit einem Koffer Fördergeld irgendwo anzuklopfen.

Letztes Jahr wurdet ihr mit dem „Holger Czukay Zukunftspreis“ ausgezeichnet, benannt nach dem Bassisten der Kölner Krautrock-Band CAN. Was ist das für ein Preis?
Benta: Das ist ein Musikpreis der Stadt Köln und wir wurden da als Newcomer ausgezeichnet. Die suchen jedes Jahr Newcomer, die aus Köln kommen und gesellschaftspolitisch eine gewisse Relevanz haben. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder unsere Meinung zu allen möglichen Themen gesagt. Deshalb haben wir vermutlich auch diesen Preis gewonnen.

Wie ist das, als Punkband einen Preis zu bekommen?
Benta: Das war übelst komisch. Wir überlegen bei jedem Preis erst mal zwei Monate lang, ob wir ihn überhaupt haben wollen. Die Stimmung bei der Verleihung war auch ein bisschen zwiespältig. Das war wie ein Abi-Ball und wir haben uns teilweise fehl am Platz gefühlt. Aber es war eine lustige Erfahrung. Außerdem war die Kölner Oberbürgermeisterin da und hat eine Rede gehalten. Das war auch wild. Das sind dann also die Orte, an die Punk einen bringt.
Georg: Ich fand’s geil. Trotz Punk-Imageschaden. Die Verleihung war einmal ein Anlass, dass unsere Eltern und viele unserer besten Friends zusammenkommen, es gab Freisuff, Sarah von AKNE KID JOE hat eine schöne Laudatio gehalten und wir konnten Selfies mit Eko Fresh machen. Also am Anfang war ich auch unsicher, aber dann hat am Tag davor der Stadtrat den Weiterbestand des AZ beschlossen und so war alles ganz peacig. Grundsätzlich finde ich es gut, in den Kommunen, wo es noch geht, mit den progressiven Akteur:innen in Stadtgesellschaft, Kultur- und Liegenschaftsämtern sowie an Theatern zusammenzuarbeiten, ihnen Impulse zu liefern oder eigene Agenden durchzubekommen.

Das Album kommt am 10. Oktober raus. Was ist dann geplant? Releaseparty? Tour? Support-Slots? Specials?
Lauritz: Wir spielen am 7. November unsere Release-Show im Gebäude 9 in Köln. Danach gehen wir bis März immer an den Wochenenden auf Tour. In Deutschland und Österreich. Darunter sind auch zwei Co-Headline-Shows mit AKNE KID JOE in Hamburg und Rostock. Support-Slots und Festivals sind auch noch geplant. Wir freuen uns schon sehr, viele Konzerte spielen zu können, nachdem wir so lange Pause hatten. Wir waren lange im Studio und haben lange am Release gearbeitet.
Georg: Kauft die Platte!

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