PROPAGANDHI

Foto© by Epitaph

Geborne Musiker

Wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet, kommen PROPAGANDHI mit einem neuen Album um die Ecke. „At Peace“ ist das erste Werk der kanadischen Prog-Punks seit acht Jahren. Wir sprechen mit Frontmann Chris Hannah über den Schreibprozess und die Ausrichtung des aktuellen Albums, der Notwendigkeit von Humor und seine Verbindung zu Heavy Metal.

Wann habt ihr angefangen, an dem Album zu schreiben?

Nun, Teile davon sind wahrscheinlich noch vom letzten Album übrig, um ehrlich zu sein. Dann entstanden sporadisch immer wieder kleine Stücke – ein kleines Riff hier, ein kleines Riff da. Aber wahrscheinlich war es erst 2024 im August, dass wir wirklich angefangen haben, das Songwriting ernst zu nehmen. Dann gab es eine sechsmonatige Phase, bevor wir ins Studio gingen, in der es für mich hieß, dass ich mich komplett darauf fokussiere. Es ist daher schwer abzuschätzen, wie viel Zeit wirklich draufging. Aber es fühlte sich so an, als hätten wir – für uns, für die Art Band, die wir sind, die Art Menschen, die wir sind – in kurzer Zeit viel erreicht. Auch wenn seit dem letzten Album acht Jahre vergangen sind.

Ich finde, dass euer Songwriting immer verschachtelter und progressiver wird von Album zu Album. Ich tappe jedes Mal in die Falle und erwarte ein streetpunkiges Album. Aber was wir beim letzten und beim neuen Album bekommen haben, ist wesentlich progressiver. Jetzt sagst du mir, ihr seid keine geborenen Songwriter. Wie passt das zusammen?
Nun, ich denke, was wir schlussendlich aufnehmen können, ist einfach das Ergebnis von purem Durchhaltevermögen. Aber es ist auch der Spaß an der Sache im Proberaum. Für mich ist das Einzige, was ich am Banddasein mag, der Proberaum. Alles andere mag ich nicht. Ich mag keine Touren, ich mag nichts außer Proben. Ich spiele nicht mal gern Shows. Ich liebe es, im Proberaum zu sein, herumzuexperimentieren und diese Momente, in denen man sich anschaut und sagt: „Wow, hast du das gehört?“ Und du denkst dir, das ist wirklich gut. Ich glaube, im Herzen sind wir Musikfans, und wir suchen wahrscheinlich ständig nach dem Gefühl, das wir als Kids hatten, als wir zum ersten Mal die Thrash-Metal-Bands hörten. Dieses Gefühl von „Wow, was ist das? Das ist verrückt.“ Und wir versuchen, dieses Gefühl durch unsere eigene Erkundung von Instrumenten und Klängen wieder zu erzeugen. Wie gesagt, es ist schwer für uns, weil wir keine geborenen Musiker sind. Aber wir versuchen wirklich, das zu überwinden. Und es passiert einfach, dass die Arrangements oder die Musik, die wir finden, dieses Gefühl hervorrufen – kein nostalgisches Gefühl, sondern das Gefühl: „Wow, wir sind auf einem Abenteuertrip!“ Aber für andere Leute klingt es vielleicht proggig oder metallisch oder was auch immer.

Ja, ehrlich gesagt finde ich euren Sound nicht wirklich metallisch. Mein Hintergrund ist Heavy Metal, auch die extremeren Formen. Vielleicht sind eure Strukturen progressiver oder vom Punk entfernt, aber auf der Heaviness-Skala seid ihr nicht an der Spitze.
Nein, das sind wir nicht. Wir sind keine Metalband. Und wir sind auch keine Punkband. Offensichtlich.

Das Album heißt „At Peace“. Wenn du dir eine Welt bauen könntest, in der du, deine Familie und alle Menschen in Frieden leben könnten – wie würde sie aussehen?
Nun, da gibt es zwei Antworten. Da ist die utopische Antwort, nämlich so eine Art Rückbesinnung darauf, wie Menschen vor der Zivilisation gelebt haben. Ich vermute, dass die Menschheit damals vielleicht tatsächlich die höchste Form ihrer Existenz erreicht hat. Ich meine, das ist wahrscheinlich das, was ich als fortgeschrittene Gesellschaft bezeichnen würde: eine Gesellschaft ohne Zivilisation. Andererseits gibt es eine Antwort, die eher im aktuellen Kontext verwurzelt ist. Und die Wahrheit ist: Ich verlange eigentlich nicht viel. Wenn wir einfach die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Mächtigen und Machtlosen ein wenig verringern könnten – oben etwas abschneiden, unten etwas anheben – dann hätten wir eine humanere Variante von dem, was wir jetzt haben. Aber das ist nicht der Kurs, den die Zivilisation gewöhnlich zulässt. Es ist eher das Gegenteil: die Spaltung wird immer größer. Und im Moment ist es schwer zu erkennen, wie wir da wieder rauskommen sollen, ohne dass es vorher noch viel schlimmer wird. Aber auf der anderen Seite ... Ich habe neulich ein Interview mit einem eigentlich sehr zynischen, altgedienten Aktivisten gesehen. Und der hat mich überrascht, indem er sagte: Vielleicht können wir das als eine Art Hoffnung betrachten. Also wie viel dunkler es noch werden kann, bevor alles zusammenbricht, und wir hoffentlich etwas Neues an seiner Stelle aufbauen können?

Ja, okay. Ich sehe das nicht. Ich sehe im Moment kein Licht am Ende des Tunnels.
Ich auch nicht. Aber das ist ja gerade der Kampf, der sich durch diese Platte zieht. Das ist das ganze Ding, „At Peace“. Wie kommen wir dahin? Aber, das andere, was diese Person gesagt hat, war: Man kämpft nicht deshalb, weil man sicher gewinnt. Man kämpft und müht sich im Angesicht der sicheren Niederlage – für den Versuch an sich. Das ändert nichts an unseren Aussichten, aber in dem Moment, in dem der das sagte, ist meine Verzweiflung deutlich kleiner geworden. Ich habe also einen kleinen Auftrieb gespürt – so nach dem Motto: Ja, er hat recht. Wenn wir einfach aufgeben, bleibt nicht alles gleich. Es wird schlimmer. Also müssen wir immer weitermachen, uns wehren, wo wir können. Was sollen wir sonst tun? Weißt du, wir müssen herausfinden, wie wir mit uns selbst leben können. Und in meinem Fall, ich habe Kinder, ich will nicht, dass sie am Ende meines Lebens sagen: „Du nichts gemacht. Du warst währenddessen einfach nur in einer beschissenen Band.“ Man muss rausfinden, was man mit dem Rest seines Lebens macht, das bedeutungsvoll ist.

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LONGFORM
Da das Gespräch mit Sänger Chris Hannah deutlich länger ausgefallen ist, als wir es hier abdrucken können, findet ihr die lange Version auf unserer Steady-Seite. Und wenn ihr regelmäßig Interviews in euer Postfach bekommen möchtet, dann tragt euch einfach dort in den FUZE-Letter ein.

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