PUNK-TRADITIONEN - TEIL 35

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Rumlungern

„Boredom is the reason“, sangen einst M.I.A. aus Kalifornien und brachten damals sozialpädagogisch analysierend auf den Punkt, warum junge Menschen Dinge tun, die von Erwachsenen mit Kopfschütteln kommentiert werden.

Dazu passt auch der Titel des legendären deutschen Punkfilms „Brennende Langeweile“ von Wolfgang Büld aus dem Jahr 1978. Wir langweilten uns fast zu Tode in unserer süddeutschen Kleinstadt-Provinzidylle, und dass das heute nicht anders ist (wenn auch ohne Punk), beweist mir immer wieder Blick auf den Spielplatz gegenüber. Was tun, wenn es zu Hause unerträglich wird, man bei niemandem aus dem Freundeskreis abhängen kann und man nicht zu denen gehört, die schon in jungen Jahren ein total erfüllendes Hobby haben, Sport zum Beispiel? Man(n) rottet sich zusammen, hängt auf Spielplätzen ab, noch lieber aber in der Fußgängerzone, die damals, in den 1980ern, noch als große städteplanerische Errungenschaft und #Neuland galt. Wir Punks wussten diese Chance zu nutzen. Zum einen gab es in Heidenheim den Brunnen am Eugen-Jaekle-Platz (siehe Foto), zum anderen 100 Meter weiter das Bankquadrat vor Tchibo um einen der neuen Bäume. Dort trafen wir uns am späten Nachmittag. Die einen hatten sowieso nichts zu tun, die anderen kamen von der Arbeit (oder der Ausbildung), und wir Gymnasiasten hatten dann brav die Hausaufgaben erledigt und ... Langeweile. Also auf in die drei Plattenläden (33 1/3, Günthers Plattenladen, Drogeriemarkt Müller), Neuerscheinungen gecheckt, bei passendem Budget was gekauft und dann mit der Neuerwerbung zu Brunnen oder Bank. Da wurde dann über die Platten gefachsimpelt, generell gecheckt, was so geht: Abendprogramm? Wochenende? Konzerte? Wir hatten ja keine sozialen Medien, der Austausch auf dem „Dorfplatz“ war überlebensnotwendig, um nicht auch noch die Wochenenden in „brennender Langeweile“ irgendwo saufend im Keller bei Kumpels verbringen zu müssen. Und Bier war ein Thema. Im Untergeschoss von Kaufhaus Steingass gab es einen Supermarkt, da wurde flaschenweise Bier geholt (seitdem ist „Königsbräu“ mein Favorit) und gekippt und die Stimmung stieg. Allerdings beließen wir es meist bei ein, zwei Flaschen, bis um kurz nach 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt wurden. In der Zeit liefen die empörten Bürger an uns vorbei (darunter meine mich ignorierenden Großeltern), wir durften uns anhören „Beim Hitler hätt’s das nicht gegeben!“ und wir widmeten unsere gesamte kreativ-zerstörerische Kraft dem gelegentlichen Zerschmettern leerer Bierflaschen und kamen uns dabei ganz schön mutig vor. Nervten wir, die zehn, zwanzig, dreißig Leute? Sehr. Polizei war trotzdem kaum mal ein Thema. Aufsuchende Sozialarbeit auch nicht. Und irgendwann waren wir da rausgewachsen. Erwachsen.

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