RANTANPLAN

Foto© by Michael Raadts

Frischen Wind in die Segel

Anfang 2022 schon sollte das RANTANPLAN-Album „Ahoi“ erscheinen. Sänger und Gitarrist Torben Möller-Meissner hielt die Songs jedoch für zu depressiv und düster, so dass kurzerhand alles wieder gelöscht wurde. Ein Jahr später ist das Album fertig und transportiert nun mehr Aufbruchsstimmung und Hoffnung, ohne jedoch die Schattenseiten des Lebens zu übergehen. In Hamburgs Haifischbar erzählt Torben mir von seiner Familie, Gentrifizierung und wie sein Leben ohne RANTANPLAN sein würde.

Hat die Haifischbar eine besondere Bedeutung für dich?

Eigentlich war ich hier nur ein paar Mal in den letzten 15 Jahren. Aber bei dem Album „Ahoi“ passt das doch irgendwie. Vor allem ist es direkt am Hafen und abgesehen vom Schellfischposten und dem Hafenklang ist hier ja mittlerweile alles gentrifiziert.

Haifischbar, Texte, die sich auf den Hafen beziehen, und ich habe gelesen, es gibt Matrosen in deinem Stammbaum. Hast du schon mal überlegt, auf einem Schiff anzuheuern?
Tatsächlich nicht, aber mein Opa war ein handfester Seemann. Der wurde von den Nazis im Zweiten Weltkrieg gezwungen, auf einem Zerstörer mitzufahren. Dieser wurde versenkt, weswegen mein Opa tagelang auf dem Atlantik schwamm. Dabei ist ihm das Herz gerissen, was zu einer schweren Behinderung führte. Aber die Liebe zur See blieb. Er hat auf einem sieben Meter langen Segelboot gelebt und mich immer mit auf die Nord- und Ostsee mitgenommen. Das war für mich die beste Zeit. Aber selbst zur See gefahren bin ich nie.

Die Corona-Zeit mit den wenigen Konzerten war für viele sehr schwer, wie ging es dir?
Ich kenne kaum jemanden, dem es gut ging. Für mich und die Kinder war das keine gute Zeit. Vor Corona hatte ich immer so eine Ein-Meter-Privacy-Bubble um mich herum und mit Corona hat sich das gedreht. Da wollte ich Gedränge, stinkende Leute und Enge. Mich hat die Corona-Zeit vor allem erwischt, da ich gar keine Einnahmen mehr hatte als selbständiger Messebauer. Außerdem waren die Kids durchgehend zu Hause und Homeschooling war auch schwer. Die Wochenaufgaben hatten sie in drei Stunden erledigt und da kam dann die Frage auf, wie man die Kids beschäftigt. Entschleunigt hat mich das nicht, bei mir kamen Existenzängste. Zudem war das alles kurz vor unserer Jubiläumstour. An dem einen Tag hieß es, wir dürfen starten, und am nächsten Tag hieß es, nichts darf mehr starten.

Ich bin damals zur Reeperbahn gefahren, stand vor der Großen Freiheit und dachte: Wahnsinn, keiner unterwegs.
Vor allem die Große Freiheit und das Docks sind ja in der Zeit zu besonderem Ruhm gekommen. Die ganzen Plakatierungen, wo man nur noch mit dem Kopf schütteln konnte.

Schade eigentlich, ich war immer gerne da. Die Große Freiheit ist echt gut aufgebaut.
Das ist echt super, ein bisschen wie ein Schiff. Aber mittlerweile hat sich der Boykott ja etwas verwässert und viele Bands haben da schon wieder gespielt. Ich habe vor 15, 20 Jahren in der Großen Freiheit als Türsteher gearbeitet. Das war immer schon ein schlimmer Laden.

Zehn Alben in 27 Jahren, das gelingt nicht vielen Bands. Gibt es etwas, woran du besonders gerne zurückdenkst? Und wie soll es nun weitergehen?
Eigentlich war alles geil, bis jetzt. Nach dem Auftritt ist vor dem Auftritt und nach dem Album ist vor dem Album. Man fährt halt so einen Rock’n’Roll-Film und ich liebe diesen Film. Der hat mein Leben gerettet. Als ich damals RANTANPLAN gegründet habe, war ich 23 Jahre alt und fast tot. Ich hatte einen Bullshitjob, in dem ich gutes Geld verdiente, aber es ging mir richtig schlecht. Und da dachte ich, bevor ich jetzt abtrete, möchte ich noch mal etwas machen, das ich wirklich will.

Viele der ursprünglichen Lieder für „Ahoi“ wurden wieder verworfen, wie kam es dazu?
Mit „Ahoi“ haben wir in der Corona-Zeit begonnen, mit Maske, einzeln aufnehmen, und haben zwei Singles rausgebracht: „Sand am Meer“ und „Nüchtern betrachtet“. Und irgendwie fanden wir die ganzen Aufnahmen dann kacke. Der Sound, die Attitüde, wir haben das Album gehasst, bevor es rauskam, und dann haben wir gesagt: Alles löschen. Wir fingen neu an, Corona zieht alle genug runter, lasst uns was Neues machen. Corona hat so deprimiert, das hat uns genervt, und mit „Ahoi“ wollten wir etwas Positives schaffen, ganz nach dem Motto: frischen Wind in die Segel.

In „Eins zwei drei“ sprichst du deutlich das Thema Tod an, beschäftigt dich das sehr?
Auf „Samba“ damals habe ich noch öfter den Tod thematisiert. Das Thema ist immer präsent, aber gar nicht mehr so wie früher. Auch auf „Licht und Schatten“ 2017 war das mehr vertreten. Meine Mutter und der Vater unseres Trompeters waren kurz vorher gestorben. Natürlich ist der Tod ein Thema, aber jetzt kein übermäßiges. Die Idee zu dem Lied wurde von der Anime-Serie „One Piece“ inspiriert. Da gibt es ein Lied über einen Captain, davon habe ich Zeilen für den Refrain adaptiert. Der Refrain passt für mich als Existenzialist einfach, jeder Tag kann der letzte sein, und so lebe ich auch.

Habe ich richtig gesehen, dass ihr von Drakkar zu Hamburg Records gewechselt habt? Wie kam es dazu?
Nein, das stimmt nicht, Hamburg Records macht schon immer das Management. Drakkar Records hat zwei Alben veröffentlicht, aber ein drittes wollten die nicht. Damit bin ich auch nicht zufrieden, wie das endete. Bei „Licht und Schatten“ haben wir entschieden, welche Songs auf das Album kommen und welche Singles veröffentlicht werden sollen. Da hat sich aber der finanzielle Erfolg nicht eingestellt und das kam nicht gut an. Der Vorwurf war, dass es daran lag, dass Drakkar es ganz anders gemacht hätte. Da wir aber gerne bei dem Label bleiben wollten, haben wir denen beim nächsten Album die Kontrolle überlassen. Da aber auch hier der finanzielle Erfolg ausblieb, wollte Drakkar keine weitere Zusammenarbeit mehr. Das hat mich schon geärgert. Wir hätten das Album anders veröffentlicht. Das neue Album kommt nun auf Sbäm Records raus. Die kamen auf uns zu und sagten, sie wollen gerne mal mit uns arbeiten. Das hat zeitlich gut gepasst und auch die Zusammenarbeit ist super. Die überlassen uns sämtliche Entscheidungen und mischen sich nicht so viel ein. Wir sind auf jeden Fall super froh, dass wir immer noch Musik machen dürfen. Vor zwanzig Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich das heute noch machen kann. Da gab es damals niemanden, der das mit vierzig Jahren noch macht. Da war Jens Rachut das große Vorbild, der war ungefähr vierzig damals. Und jetzt zieht er es immer noch durch. Das finde ich absolut klasse, dass die ganze Szene mit gealtert ist. Schau dir DIE TOTEN HOSEN oder DIE ÄRZTE an, das sind alles Rentner. Da kann ich mich mit meinen 51 noch wohl fühlen.

Mir fällt in Interviews und deinen Texten auf, du sprichst auch oft über emotionale Themen. Was ist dir besonders wichtig, wenn es um Mental Health geht?
Ich versuche, mich immer zu reflektieren. Meine Lebensgefährtin hat mir auch geholfen, indem sie mich zum Veganer machte. Sie hat mir ein paar Filme gezeigt, sich mit mir unterhalten und damit hat sie mich überzeugt. Vorher ging es mir echt schlecht. Da hatte ich zwei oder drei Jahre lang eine entzündete Mandel, groß wie ein Tennisball. Ich habe trotzdem jedes Konzert gespielt und musste dreimal jährlich diverse Medikamente nehmen. Im Krankenhaus wollten die mir immer wieder die Mandel herausnehmen und da habe ich gesagt: „Wenn Sie mir schriftlich bestätigen können, dass ich danach noch singen kann, dann los.“ Aber das konnten sie nicht, also blieb die Mandel drin. Am Ende waren es die tierischen Proteine, die sich entzündet hatten. Aber ich blieb stark und stand das durch und seit ich mit meiner Sarah zusammen bin, geht es mir super. Keine Entzündungen mehr und großartige sportliche Leistung. Zudem rede ich viel mit unserem Trompeter Ulf, der ist schon lange einer meiner besten Freunde und seit einigen Jahren Pastor. Wenn der eine in einem Loch ist, holt der andere ihn wieder raus, wie Freunde das so machen. Erich Fromm hat dem deutschen Volk in den Fünfzigern in seinem Buch „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ Massenschizophrenie und Massendepression bescheinigt und er hat recht damit. Und heute ist es noch mal schlimmer, jeder ist depressiv, ich auch, und da muss man gegen angehen und sich an die schönen Dinge im Leben halten. Es gibt so viel, das einen runterzieht. Es werden Millionen Tiere geschlachtet, die ganze Umweltverschmutzung und der ganze Irrsinn, den Menschen anderen Menschen antun. So was zieht alles runter und man muss gucken, dass man ein bisschen gerade bleibt dabei und so durchkommt. Wir leben in einer kapitalistischen Welt, die diese Erde zugrunde richtet, wenn nicht irgendwas passiert. Greta Thunberg hat gerade ein wunderbares Buch dazu rausgebracht.

Ah, hast du das bereits gelesen?
Ich bin gerade erst auf Seite 70. „Das Klima-Buch“ ist ein dicker Schinken. Zeitgleich habe ich mir von Quentin Tarantino „Cinema Speculation“ geholt, weil ich wusste, das von Thunberg wird mich deprimieren, und ich brauche etwas, das mich aufmuntert. Bei Tarantino bin ich auch schon bei 300 Seiten und das Buch ist super.

In einem älteren Interview erzählst du über die Bedeutung von Gedichten. Hat sich die Leidenschaft nach 21 Jahren noch gehalten? Und ist dein Favorit immer noch Rilkes „Der Panther“?
Ja, die Leidenschaft hat sich gehalten. Aber irgendwann haben wir aufgehört, ständig Gedichte zu vertonen, weil die Leute immer schon erwartet haben, dass RANTANPLAN immer ein Gedicht pro Album haben, und das hat mich so genervt, dass wir sofort damit aufgehört haben. Eins haben wir noch vorproduziert, „Mondnacht“ von Eichendorff. Das Gedicht markiert den Schlusspunkt der deutschen Romantik. Hesse zum Beispiel hat auch viel Großartiges gemacht. Oder Kästner, von dem ist mein Lieblingsspruch für einen Grabstein: „Hier ruhen meine Gebeine, ich wünschte es wären deine.“ Deswegen möchte ich auf meinem später stehen haben: „Hier liegen meine Knochen, dass es deine wären, kann ich nun nicht mehr hoffen.“ Aber klar, Rilkes „Der Panther“ ist nach wie vor ein geniales Gedicht.

Du sagtest mal, du hast für RANTANPLAN deine bürgerliche Karriere aufgegeben. Wie hätte die ausgesehen?
Wahrscheinlich wäre ich tot, am Asthma verreckt. Ich hatte einen Lebensstil nach dem Motto: Arbeit ist das Wichtigste. Ich glaube, das hätte mein Körper nicht mitgemacht und falls doch, dann wäre ich wahrscheinlich der Prokurist von einem großen europaweiten Filialunternehmen für Büromöbel. Als ich aufhörte, sollte ich gerade Leiter der größten Filiale Deutschlands werden und der Besitzer der Firma hat mich wie seinen Sohn, den er nie hatte, gefördert. In dieser Firma hätte ich wahrscheinlich den Weg nach ganz oben gemacht. Aber dieses Leben wäre nichts gewesen.

Du machst auch nicht den Eindruck, dass du dieses Leben vermissen würdest.
Auf gar keinen Fall. In meiner Familie ist die mütterliche Seite von Seeleuten und Kriminellen geprägt. Meine Oma ist leider an Alkoholismus gestorben, das war am Anfang von RANTANPLAN. Aber ich habe diese Frau sehr geliebt und gepflegt. Wenn ich mir jetzt meinen siebenjährigen Jungen ansehe, muss ich sagen, mit vier war ich selbständiger. Da bin ich allein durch die Stadt und habe meiner Oma Korn und Zigaretten gekauft. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich da tat, aber das war in den Siebzigern so. Meine Eltern wollten das auch nicht, aber meine Oma hat gesagt, sie braucht das. Meine Tante und Onkel saßen beide mal im Gefängnis, aber das fand ich nie schlimm, die waren immer sehr herzlich. Bei denen habe ich meine Zeit gerne verbracht. Auf der Seite meines Vaters ging es eher um Karriere. Der war sogar Senatsvertreter in Hamburg. Aber ich habe mich immer zu der mütterlichen Seite hingezogen gefühlt, weil da so eine Ehrlichkeit und Herzlichkeit herrschte. Freunde meines Vaters haben ihre Geschäftsideen durchgesetzt und sind nun Multimillionäre mit Villen und so. Aber die hatten nie Zeit und reden immer den gleichen Kram, das hat mich nie interessiert. Da fand ich es spannender, welcher Kumpel von meinem Onkel noch auf freiem Fuß ist.

Noch ein paar Worte zum Abschluss?
Hört „Ahoi“, kommt zu den Konzerten. Hört Musik und lebt Musik. Wir sind alle dafür verantwortlich, dass Kultur wieder an Wert gewinnt. Ich habe zwar auch Spotify, aber wenn ich ein Album liebe, dann will ich das auch physisch haben, will das lesen, auflegen und hören. Ich habe zwar kaum Platz mehr, aber ich möchte mich nicht vom Internet abhängig machen. Plattenspieler und CD-Player sind mir wichtig und das Tapedeck kommt auch bald wieder. Ein Letztes muss ich noch einmal betonen: Veganismus ist wichtig und ich schätze Kochen ohne Knochen, die haben viele großartige Rezepte.