RED MESS

Foto© by Oyemi Hessou

Berlin calling

Sie kommen aus Brasilien, sie leben in Berlin und sie klingen wie aus der kalifornischen Wüste. Die Rede ist von RED MESS. Die drei Herren mit Caipirinha in der Blutbahn haben mit „Hi-Tech Starvation“ ihr drittes Album veröffentlicht. Das erste für den Berliner Rennstall Noisolution. Mit ihrem Sound treffen sie ziemlich genau die Besucherritze zwischen Stoner, Noise und dem Sub Pop-Sound der 1990er. Ein uneheliches Kind von KYUSS und SOUNDGARDEN. Damit versuchen sie jetzt auch in Europa Fuß zu fassen. Schlagzeuger Douglas Labigalini verrät uns, warum sie mit ihrer Band den Kontinent gewechselt haben.

Ihr habt die Band vor zwölf Jahren in Londrina, Brasilien gegründet. Wie hat das alles angefangen?

Unseren Gitarristen Thiago kenne ich schon seit dem Kindergarten. Wir sind im gleichen Viertel aufgewachsen. Wir hatten damals schon eine Band und haben irgendwann Lucas Bass spielen sehen. Dann haben wir ihn gleich angerufen und gefragt, ob er nicht Bock auf ein Trio hätte. Und er hat sich auf das Risiko eingelassen, mit zwei Kids eine Band zu starten. Wir waren damals gerade mal 14 Jahre alt und Lucas ist drei oder vier Jahre älter als wir. Das war der Beginn von RED MESS. Thiago und ich waren damals Metal-Kids und haben Musik von Bands wie METALLICA oder SLAYER gehört. Lucas hat uns dann die Ohren für Stoner-Rock geöffnet. Bis dahin kannten wir den Begriff noch nicht mal. Er brachte uns Bands wie QUEENS OF THE STONE AGE oder FU MANCHU näher. Und wir waren begeistert vom Groove und den Melodien. So hat sich unser Sound langsam weiterentwickelt.

Dann waren vermutlich SEPULTURA eure großen Helden?
Das stimmt. Das sind für uns absolute Legenden. Es ist aber verrückt, weil sie in Europa noch viel bekannter sind als in Brasilien. Als ich nach Deutschland gekommen bin und erzählt habe, dass ich Brasilianer bin, hat mich erst mal jeder auf SEPULTURA angesprochen. Es hat mich gewundert, dass die alle kennen. Ich wünschte, ich hätte die in den 1990ern mal live gesehen.

Was ist Londrina für eine Stadt? Wie ist die Musikszene dort?
Das ist keine riesengroße Stadt, aber mit vielleicht 500.000 Einwohnern ist es die zweitgrößte in unserer Region Paraná. Es gibt ein paar Bands dort, aber nicht viele Clubs, in denen man Shows spielen kann. In der Szene gibt es aber einen großen Zusammenhalt, weil die meisten kaum in andere Städte reisen können. Deshalb sind dort alle auf sich selbst angewiesen und lernen voneinander. Man hilft sich also immer aus beim Equipment und bei Konzerten. Die meisten jungen Menschen kommen zum Studieren nach Londrina. Deshalb spielen Politik und Protest dort auch eine große Rolle. Außerdem wird Londrina die Kaffee-Stadt genannt. Die ersten Siedler waren Briten, deshalb wurde die Stadt nach London benannt, und die haben mit dem Anbau von Kaffee begonnen.

Wovon habt ihr gelebt in Londrina? Die Band hat euch vermutlich nicht ernähren können.
Ich habe nach der Schule Jura studiert, weil ich nicht gedacht habe, dass ich dauerhaft von der Musik leben kann. Mein Vater hat immer gesagt, ich muss auch was Vernünftiges machen. Ich müsse in der Zukunft auch mithelfen, die Familie zu ernähren, ich könne nicht für immer nur in Kneipen Musik machen. Also habe ich mein Studium abgeschlossen und angefangen, in einer Kanzlei zu arbeiten. Aber nach drei Jahren habe ich gemerkt, dass ich eigentlich nur Musik machen will. Es hat mir zwar großen Spaß gemacht, Menschen vor Gericht zu verteidigen, aber wir haben als Band dann kollektiv beschlossen, Brasilien zu verlassen. Thiago hat Musik studiert und danach als Tontechniker gearbeitet und Lucas ist ein Grafikdesigner und war Freelancer.

Keine schlechten Zusatzqualifikationen für eine Band! Warum habt ihr euch für Berlin entschieden?
Ende 2022 sind wir hier aufgeschlagen. Berlin ist in meinen Augen eine Stadt, die für Freiheit steht. Außerdem gibt es eine großartige Punk-Szene und jede Menge tolle Rockbands. Zu Hause in Londrina hatten wir viele tolle Dinge über Berlin gehört und gelesen. Also haben wir uns mit der Geschichte der Stadt beschäftigt und nach einem Platz gesucht, an dem wir unterkommen können. In Londrina waren wir immer die Weirdos, in Berlin haben wir uns sofort zu Hause gefühlt. Es war also eher eine emotionale Entscheidung und keine Sache der Vernunft oder des Marketings. Wir wollten in einem Umfeld leben, in dem wir RED MESS sein konnten.

Wie seid ihr in Deutschland zurechtgekommen? Das muss ein ziemlicher Kulturschock gewesen sein, oder?
Es war nicht so schwer, weil wir alle zusammen ausgewandert sind. Wir waren damals zu fünft und sind erst mal in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Gerade mit der Sprache war es nicht leicht, aber wir haben uns gegenseitig unterstützt. Natürlich gibt es riesige Unterschiede, was die Mentalität betrifft. In Londrina geht man in eine Bar und hat nach fünf Minuten Freunde, in Berlin ist das nicht so einfach. Daran mussten wir uns erst gewöhnen. Aber die Leute von unserem Label Noisolution haben uns von Anfang unterstützt und uns geholfen, Kontakte zu knüpfen. Die kannten wir schon von Brasilien aus über Mails. Inzwischen kommen wir viel besser zurecht und lernen jeden Tag dazu.

Wie habt ihr euch als Band weiterentwickelt, seit ihr in Berlin seid?
In Londrina waren wir eine der wenigen Bands, die was auf die Beine gestellt haben. Wir hatten sogar unser eigenes DIY-Festival. Hier sind wir erst mal in die Hausbesetzerszene eingetaucht und haben viel gelernt, wie man Dinge noch effektiver selbst machen kann. Berlin hat uns noch mal mehr für neue Ideen geöffnet, finde ich. Wir haben auch gelernt, die Musik von anderen Bands und deren Anstrengungen viel mehr zu schätzen.

In welchem Kiez seid ihr untergekommen?
Unsere erste Wohnung war eine WG in Wedding. Dort waren wir etwa eineinhalb Jahre. Dann hatten wir allmählich ein bisschen mehr Geld und bessere Kontakte. Außerdem wollten wir alle drei mit unseren Freundinnen zusammenleben. Ich wohne inzwischen in Pankow, da ist es viel ruhiger. In Wedding war immer Chaos mit den vielen türkischen Nachbarn. Manchmal vermisse ich das jetzt ein bisschen, haha. Thiago und Lucas haben was in Kreuzberg gefunden.

Gerade ist euer drittes Album „High-Tech Starvation“ erschienen. Wie hat sich euer Sound verändert, seit ihr in Berlin lebt? Ich höre da außerdem den Einfluss vom Sub Pop-Sound der 1990er.
Das sehe ich auch so. Als wir hier angekommen sind, haben wir angefangen, einfachere Songs zu machen. Songs, die schneller auf den Punkt kommen. Als wir jünger waren, haben wir viel mehr gejammt. Wir waren immer noch auf der Suche nach unserem Stil. Jetzt sind wir an unseren Instrumenten viel besser geworden und wissen eher, wo wir hinwollen. Diese simplen, rohen Strukturen sind typisch für den Grunge der 1990er. Ich denke, das war ein unbewusster Prozess. Das hat sich einfach so entwickelt. Wir sind auf den Straßen Brasiliens aufgewachsen, deshalb passt das gut zu uns. Ein sehr polierter Sound würde nicht zu uns passen. Wir sind ein bisschen chaotisch und laut.

Kann man auf „High-Tech Starvation“ neue Einflüsse aus Berlin hören?
Wir waren alle sofort von der Punk-Szene und den Hausbesetzern in Berlin begeistert. Das war neu für uns. Dass Menschen in besetzten Häusern leben und sich als Gemeinschaft organisieren. Ich war vorher noch nie in einem besetzten Haus und habe zwei Euro für ein Bier bezahlt. All diese Bands, die dort spielen, verdienen wahrscheinlich nicht viel, aber sie liefern einfach ab. Einige von diesen Bands haben uns sehr inspiriert. Laute Shows in stickigen Kellern. Musiker, die Vollgas geben und machen, was sie lieben. Deshalb hört man auf dem neuen Album auch einige Songs, die punkiger sind.

Oliver Wong, der Gitarrist von GODS OF BLITZ, hat das Album aufgenommen. Gemischt hat euer Gitarrist Thiago. Wie groß wird bei euch DIY geschrieben?
Das spielt eine große Rolle. Schon in Brasilien mussten wir immer alles selbst machen. Wir wollten unsere eigenen Songs aufnehmen, aber es gab keine Möglichkeit, ins Studio zu gehen. Also mussten wir einen eigenen Weg finden. Deshalb sind die ersten Aufnahmen im Keller von Thiagos Oma entstanden. Außerdem haben wir unsere eigenen Festivals unter dem Motto „Red Fuzztival“ veranstaltet. DIY steckt also tief in uns drin. Als wir das Album mit Oli aufgenommen haben, hatten wir nicht so viel Geld. Also haben wir mit ihm den Deal gemacht, dass wir die Songs selbst mischen. Er mochte uns und hat sich darauf eingelassen. Thiago hatte in Brasilien schon einige Studioalben gemischt. Also war es naheliegend, dass er auch unser neues Album mischt.

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