© by Veikko BruennerAuf RONG KONG KOMA ist Verlass. Mit „Smile“ liefern die Wahl-Berliner ihr drittes Album in fünf Jahren. Alle randvoll mit Herzblut, Verzweiflung und Distortion. Der Kopf hinter diesen kaputten Hymnen ist Sebastian Kiefer – Multi-Instrumentalist, Komponist, Texter, Sänger und Kinderbuchautor. Der hatte im Oktober 2017 den Impuls für die Band gegeben, gemeinsam mit alten Freunden aus den Bands DIVING FOR SUNKEN TREASURE, TU AMIGO SOY und HUCK BLUES aus der Kreuzberger und Neuköllner Punk-Szene. „Smile“ bringt noch mehr als „Lebe Dein Traum“ (2020) und „Weide der Delphine“ (2022) den Sound und die Texte von RONG KONG KOMA auf den Punkt. Und Sebastian erzählt uns die Geschichte dazu.
Euer letztes Album „Weide der Delfine“ ist vor drei Jahren erschienen. Was ist seitdem passiert?
Wir haben mit Dose einen neuen Gitarristen dazubekommen. Der ist nach den Aufnahmen zu „Weide der Delfine“ mitten in der Pandemie zu uns gestoßen. Außerdem ist unser alter Drummer Mike ausgestiegen. Der hat vor einem halben Jahr gesagt, dass ihm das alles zu viel wird. Haus, Familie und Band. Der ist jetzt als Backliner in einer Firma fest angestellt und hat keine Zeit mehr. Jetzt haben wir mit Dave einen neuen Schlagzeuger, der letztes Jahr schon oft mit uns unterwegs war. Ihn kennt man auch von NITRO INJEKZIA. Unser Line-up hat sich also verändert und wir sind jetzt bei der Booking-Agentur Patchanka. Vorher habe ich mich zu großen Teilen selbst darum gekümmert. Es war einfach insgesamt viel in den vergangenen Jahren. Wir arbeiten alle hart und haben verschiedene Jobs. Unser Bassist Nils hat eine Filmfirma in Schweden und pendelt zwischen Stockholm und Berlin. Ich betreibe ein Tonstudio und mache viel Mastering. Außerdem wurde vor zwei Jahren auf einer Tour unser Bus ausgeräumt, alle unsere Instrumente wurden geklaut. Auch meine Lebensgitarre. Das hat den Startschuss fürs neue Album gegeben, weil ich mich darauf konzentrieren musste herauszufinden, wie ich Songs schreibe ohne dieses Instrument. Deshalb habe ich angefangen, die neuen Songs auf dem Schlagzeug zu schreiben. Ich finde, das hört man auch deutlich. Es ist deutlich härter geworden als seine beiden Vorgänger. Die neuen Sachen klingen für mich jetzt auch mehr nach unseren Konzerten. Die waren schon immer deutlich härter als die Studioproduktionen. Diese Kompromisslosigkeit war mir wichtig.
Getauft habt ihr euer neues Album „Smile“. Das kann man in diesen Tagen nur sarkastisch verstehen. Ist das der rote Faden, der sich durch die Songs zieht?
Auf jeden Fall. Das Album ist sehr politisch geworden. Aber immer mit einer ordentlichem Prise Sarkasmus. Schon mit der ersten Single „Links versifft“ wollten wir eine Ansage machen. Der Song zielt voll auf die Fresse. Gegen den Rechtsruck und die Lethargie der Mitte. Diese ganze Scheiße, die gerade um uns herum passiert. Und beim ersten Satz „Los Nils, du musst den Faschos in die Eier hauen“ musste ich sofort an TRIO denken und es war einfach der richtige Ton für die Botschaft, die wir transportieren wollten. Wir haben uns diesmal bemüht, unsere Inhalte klarer zu formulieren und nicht ganz so kryptisch zu sein. Wir wollten unbedingt von diesem weinerlichen Post-Punk weg und sichergehen, dass wir stabile Texte haben, hinter denen wir auch voll stehen können.
Habt ihr „Smile“ wieder komplett selbst aufgenommen?
Das ist alles komplett DIY. Schreiben, aufnehmen, mischen und mastern. Alles aus einer Hand. Ich habe ein kleines Mastering-Studio, in dem ein Schlagzeug in der Ecke steht. Zum Glück macht unser neuer Drummer gerade eine Ausbildung als Tonmeister, deshalb konnte er sich ein paar wahnsinnig gute Mikrofone ausleihen. Das hat einen großen Unterschied gemacht. Das war wirklich lustig. Der kam in mein abgerocktes Studio in einem ehemaligen Stasi-Gebäude mit einem Rucksack mit Mikrofonen für 100.000 Euro darin, haha. Ich habe gedacht, ich spinne. Mein Studio ist großartig ausgestattet, aber solche Mikrofone habe ich nicht. Ich habe im Mix dann gemerkt, dass die Signale viel direkter waren. Das hat alles super zusammengepasst.
Hattet ihr wie schon beim letzten Album wieder Gäste im Studio mit dabei?
Wir haben lange überlegt, wen wir einladen könnten. Aber es hat sich letztendlich nichts ergeben. Wir hatten ein paar Leute im Sinn, die wir anfragen wollten, aber uns hat schlicht die Zeit gefehlt. Wir sind froh, dass wir mit den Aufnahmen überhaupt fertig geworden sind.
Wie schwer ist es, angesichts von Gentrifizierung und Mietpreisexplosion als Künstler in Berlin zu überleben?
Es ist extrem voll geworden in Berlin. Ich wohne in Neukölln, das ist der am dichtesten besiedelte Stadtteil von Berlin. Die Mieten kann man nicht mehr bezahlen. Man muss Leute kennen, die Wohnungen besitzen und unter der Hand vermieten. Meine Partnerin und ich haben fünfeinhalb Jahre lang eine Wohnung gesucht. Die erste Wohnung, die wir gefunden haben, war so ein Erdgeschoss-Loch ohne Türen und mit einer ausgeschlagenen Wand zwischen Küche und Bad. Es gab keine Toilettenspülung – und das war schon teuer. Jetzt hatten wir Glück und haben eine coole Wohnung bekommen, eben weil ich die Vermieterin kenne. Ich habe früher schon mal mit Ben, dem Schlagzeuger von ACHT EIMER HÜHNERHERZEN, in diesem Haus gewohnt. Berlin ist überfordernd, finde ich. Laut und viel zu voll. Man hat viele Möglichkeiten, coole Konzerte und coole Ausstellungen, aber ich nehme davon immer weniger mit. Ich wohne seit 20 Jahren in Neukölln und eigentlich tingle ich nur noch zwischen meiner Wohnung und dem Studio hin und her. Ich arbeite unheimlich viel und meine Freunde haben fast alle Kinder bekommen. Da sieht man sich nicht mehr so oft. Ich bin schon lange latent gestresst in dieser Stadt. Deshalb rede ich mit meiner Partnerin darüber, ob wir nicht zum Ausgleich ein oder zwei Monate im Jahr ins Ausland gehen. Einfach, um den Kopf freizukriegen.
Wie ist das für dich als Künstler? Wie krass ist das Clubsterben? Wie schwer ist es, einen Proberaum zu finden?
Das ist richtig beschissen. Es wird ein Haus nach dem anderen saniert und teuer vermietet. Das heißt, es fallen viele Räumlichkeiten weg, in denen man Musik machen könnte. Ein Laden nach dem anderen macht dicht. Früher war Neukölln ein Mekka für Künstler und Künstlerinnen aus der ganzen Welt. Dann sind eben Schnösel mit ihren Familien gekommen, in diesen vibrierenden Stadtteil gezogen und haben sofort die Bullen gerufen. So mussten jede Menge Läden dicht machen. So ist das hier straßenweise passiert. Zum Beispiel in der Weserstraße, die früher total wild war. Da gibt es jetzt nur noch Schickimicki-Cocktail-Bars und Restaurants. Die coolen, kleinen Läden sind alle weg. Früher konnte man hier an jeder Ecke geile Konzerte erleben, das gibt es zumindest in meiner Bubble nicht mehr. Mit Proberäumen und Studios ist es ähnlich. Man muss immer weiter an den Stadtrand ausweichen, damit man überhaupt was bekommt.
Das Album wurde Mitte September veröffentlicht. Wie habt ihr das gefeiert?
Wir hatten Ende September ein schönes, kleines Release-Konzert im Franken, gegenüber vom SO36. Alice, die Besitzerin vom Franken, ist eine gute Freundin von mir und wir haben vor 20 Jahren den Pakt geschlossen, dass ich jeden Release mit allen Bands, egal wie groß die sind, dort feiern werde. Das sind immer sehr schöne Konzerte, da passen gerade mal 100 Leute rein. Wir haben keinen Eintritt verlangt und allen unseren Freunden und Freundinnen Bescheid gesagt. Im Herbst spielen wir etwa 15 Konzerte, darunter wird auch eine größere Show im Vorprogramm von anderen Bands in Berlin sein. Das darf ich aber noch nicht ankündigen. Aktuell läuft das Booking für Frühjahr und Sommer. Im Mai werden wir wahrscheinlich eine größere Tour spielen, das steht aber alles noch nicht fest.
Was läuft denn neben RONG KONG KOMA? Seid ihr noch in anderen Bands oder Projekten aktiv?
Wir haben alle noch Nebenprojekte oder kleinere Bands. Ich spiele zum Beispiel in einem Trio, das heißt PALME. Zusammen mit meiner Partnerin und unserer besten Freundin. Da spiele ich Schlagzeug. Unser Bassist Nils ist in einem Projekt zugange, das LOBSTER LOFT heißt. Die geben nur ab und zu kleinere Konzerte, aber das finde ich fantastisch. Dave ist bei NITRO INJEKZIA aktiv. Die spielen aber nicht mehr so viele Shows wie früher. Und unser zweiter Gitarrist Dose singt in einer Band namens PIZZA DEATH. Das sind alles Jungs aus der Skater-Szene, die dann bei Skate-Contests spielen, wo alle Leute völlig ausrasten. Die finde ich auch sehr witzig.
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