RUMJACKS

Foto© by Marco Carlos Cordaro

Die Zukunft des Celtic Punk

Es ist viel passiert seit 2018. Seit THE RUMJACKS, diese Celtic-Punk-Band mit australischen, amerikanischen und europäischen Wurzeln, ihr bislang letztes Album „Saints Preserve Us“ veröffentlichten. Ihr damaliger Sänger Frankie McLaughlin musste wegen Alkoholismus und einer Haftstrafe gehen. Dafür kam die Pandemie – und der neue Frontmann Mike Rivkees, der sofort ins Songwriting für das neue Album „Hestia“ eingebunden wurde. Im Interview schildert er seine Situation als neues Bandmitglied, erzählt von der Punk-Szene in Boston und erklärt, warum das neue Album nach einer griechischen Gottheit benannt ist.

Mike, wo erwische ich dich gerade?

In Boston.

Oh, die Celtic-Punk-Hauptstadt der Welt ... neben Dublin.
Absolut! Das stimmt!

Aus Boston kommen auch die MIGHTY MIGHTY BOSSTONES, mit denen ich gerade ebenfalls für das Ox gesprochen habe. Hast du in irgendeiner Weise einen Draht zu ihnen?
Tolle Band! Sänger Dicky ging, soweit ich weiß, sogar mit meiner Mutter zur Schule. Sie waren Nachbarn. Und einige der Bandmitglieder leben meines Wissens nicht weit von mir entfernt.

Hätte ich das mal früher gewusst. Dann hätten wir eine Zoom-Konferenz zu dritt einrichten können.
Haha, das wäre nicht schlecht. Wobei ich nicht denke, dass Dicky mich kennt. Ich habe ihn zwar ein paarmal bei Konzerten in Boston getroffen – die Szene hier ist ja recht vielfältig und man kennt sich untereinander – und wir wollten mit meiner zweiten Band MICKEY RICKSHAW immer schon mal mit den MIGHTY MIGHTY BOSSTONES gemeinsam auftreten. Aber erstens hat das leider noch nicht geklappt. Und zweitens trifft er wahrscheinlich so viele Leute, dass ich da nicht unbedingt ins Gewicht falle.

Nun, vielleicht haut das ja mit THE RUMJACKS einmal hin. Denn bei denen bist du neu eingestiegen als Ersatz für Sänger Frankie McLaughlin, der – so wurde es kommuniziert – wegen Alkoholismus und Gewaltdelikten ins Gefängnis musste und aus der Band flog. Das ist immer etwas Besonderes und dürfte in deinem Fall noch besonderer sein. Denn im ersten Jahr mit der Band kommt auch noch eine Pandemie dazwischen. Alles binnen kurzer Zeit. Dabei ist das normalerweise Stoff für eine Dekade.
Da hast du recht. Da kommt einiges zusammen. Aber ich bin letztlich einfach glücklich, dabei zu sein. Das ist das Wichtigste. Die Band wollte nach der Trennung von Frankie auf jeden Fall weitermachen und rief mich an, um mich zu engagieren. Was für mich der Schock meines Lebens war! Im positiven Sinne. Ich sagte daher auch sofort zu. Und recht schnell war auch klar, dass wir – Pandemie hin oder her – einfach ein wirklich gutes Album aufnehmen müssen. Wenn schon keine Konzerte möglich sind, dann werden wir immerhin auf diese Weise Musik machen.

Hattest du seit deinem Einstieg schon Kontakt zu Frankie?
Nein, bislang nicht. Ich würde ihn aber irgendwann gerne treffen. Ihm sagen, dass ich mit dem größtmöglichen Respekt an die Sache herangehe. Auch weil er vor einiger Zeit nach einem MICKEY RICKSHAW-Konzert einmal auf Social Media gepostet hatte: „Ich habe die Zukunft des Celtic Punk gesehen. Sie ist in guten Händen.“

Normalerweise fragt man bei einem Wechsel am Mikrofon eher die Band, wie das so ist für sie mit neuem Frontmann oder neuer Frontfrau. Ich stelle die Frage jetzt aber dir: Wie erlebst du das Ganze?
Das ist schwer zu sagen. Ich möchte auch nicht zu sehr ins Persönliche gehen und irgendwie kommentieren, was in der Vergangenheit innerhalb der Band so vorgefallen ist. Nur so viel: Als wir mit der Arbeit am neuen Album begannen, sagten die anderen Bandmitglieder irgendwann zu mir: „Wir hatten noch nie wirklich Spaß beim Aufnehmen eines Albums. Bis jetzt, mit dir.“ Alle waren happy. Und das war ein schönes Gefühl. Aber es ist eben gleichzeitig auch eine seltsame Situation für mich. Denn das legt ja auch nahe, dass da wirklich einiges vorgefallen sein muss. Es fühlt sich an wie nach einer komplizierten Scheidung – und ich bin der neue Ehemann der Geschiedenen.

Oder der Retter von THE RUMJACKS.
Nein, das auf gar keinen Fall!

Warum nicht? Eigentlich geht man ja davon aus, dass eine Band Spaß am Aufnehmen hat. Andernfalls läuft etwas gewaltig schief. Und das tat es bei THE RUMJACKS offensichtlich. Bis du kamst.
Trotzdem, ich möchte und kann da nur von mir sprechen. Ich bin jemand, dem es immer schon extrem wichtig war, mit den anderen in einer Band auf einer Wellenlänge zu liegen. Die Gemeinschaft steht bei mir im Vordergrund. Das gilt übrigens für die gesamte Szene. Darauf lege ich großen Wert. Dieser Szenegedanke bedeutet mir sehr viel, gerade in Boston.

Warum gerade dort?
Weil die Szene zwar sehr groß ist, aber man eben auch hier und da auf der Hut sein muss. Es gibt einerseits die großen Bands wie die DROPKICK MURPHYS oder die MIGHTY MIGHTY BOSSTONES. Und andererseits viele Underground-Bands. Und vor allem die sind sich untereinander nicht immer grün. Die eine kritisiert die andere dafür, mit wem sie gemeinsam auftritt. MICKEY RICKSHAW etwa werden von einem Teil der Bostoner Punks gehasst – weil diese Leute uns eher den Murphys zurechnen und sie der Meinung sind, dass die Murphys Idioten sind. Also müssen auch wir Idioten sein. Das ist ganz schön tricky. Und das führt eben dazu, dass ich sehr auf Zusammenhalt achte.

Welche Beziehung hattest du zuvor zu THE RUMJACKS?
Wir sind als MICKEY RICKSHAW schon mit ihnen durch Deutschland getourt. Und dabei stellte sich bereits heraus, dass das passt zwischen uns. Denn Menschen aus Australien wie THE RUMJACKS und Menschen aus Boston wie ich feiern doch sehr ähnlich, haha. Die Folge: Wir wurden Freunde. Und ich sang schon auf ihrem vorherigen Album „Saints Preserve Us“ bei einem Song mit.

Wie wirst du in Zukunft zwischen deinen beiden Bands jonglieren?
Ganz einfach: THE RUMJACKS können nicht 365 Tage im Jahr touren. Also werden wir in deren Off-Season mit MICKEY RICKSHAW spielen.

Du warst also plötzlich dabei – und musstest erst mal Texte pauken?
Jein. Einige ältere Songs kannte ich ohnehin. Und bei den übrigen Stücken hatte ich aufgrund der Tatsache, dass wir ja derzeit keine Konzerte geben können, ausreichend Zeit, um sie mir genau anzuhören. Aber es ging mir dabei gar nicht einmal um die Texte. Die musste ich wegen der entfallenen Auftritte bislang ja nicht übermäßig lernen. Beziehungsweise ich musste nicht zusehen, dass alles sofort perfekt sitzt. Es ging eher darum, den Sound von THE RUMJACKS zu verinnerlichen und mich intensiv auf die Songs des neuen Albums zu konzentrieren. Das sollte schließlich maximal nach der Band klingen – gerade mit mir und für mich als neues Mitglied. Das hatte Priorität.

Wie habt ihr in Zeiten der Pandemie dieses neue Album hingekriegt?
Ich habe die ersten Songs im März des vergangenen Jahres geschrieben – und dann das ganze Frühjahr hindurch weitergemacht, da ich ja nichts anderes tun konnte. Und dann haben wir uns in Italien getroffen und alles aufgenommen. Von August bis Oktober. In Mailand. Das war zu einer Zeit, in der die Pandemie-Situation dort etwas besser war.

Du sprichst bezüglich des Songwritings von „ich“. Also bist du nicht nur neuer Sänger, sondern auch gleich derjenige, der neue Stücke schreibt.
Ja. Und das war für mich die größte Herausforderung, denn Frankies Sachen waren immer extrem gut. Ich sagte mir daher von Anfang an: Ich will mich nicht mit ihm vergleichen. Ich versuche einfach, mein Ding durchzuziehen. Meine Stärken zu nutzen.

Welche sind das?
Ich denke, es ist die Fähigkeit, schnell zu schreiben. Ich brauche nicht lange für ein Stück und kann daher in relativ kurzer Zeit relativ viel zustandebringen. Es beginnt damit, dass ich irgendwann eine Idee auf meinem Handy aufnehme – eine Melodie, ein Textfragment. Und dann setze ich mich zu Hause hin und mache gleich einen kompletten Song fertig, ohne lange herumzuexperimentieren.

Euer neues Album heißt „Hestia“, wie die griechische Göttin des Herdfeuers. Was hat es damit auf sich?
Ich kam auf den Namen durch den Text des späteren Titelsongs. Darin geht es um ein Mädchen, das in einer Hütte im Wald lebt und jahrelang von einem Wolf bedroht wird – bis sie sich erfolgreich wehrt. Sie verteidigt sich und ihr Heim. Und ich fand diese Geschichte reizvoll, weil sie viel Spielraum für Interpretationen zulässt. Ich weiß zum Beispiel, dass der Song derzeit in Polen im Radio sehr erfolgreich läuft – weil er den Aktivistinnen der dortigen Frauenbewegung viel bedeutet. Das finde ich wunderbar! Das ist das, was ich im besten Fall mit meinem Songwriting erreichen will.