© by Scott ChalmersKitty und Jon sind Kontrollfreaks, und das spiegelt sich auch in ihrer Band wider. Was daran gut und schlecht ist, haben die beiden Londoner im Interview erklärt.
Seit „Bloodsuckers“ sind drei Jahre vergangen, und die Welt hat sich verändert – gilt das auch für eure Herangehensweise an SAINT AGNES in irgendeiner Form?
Kitty: Ich glaube, die größte Veränderung war eher innerlich als äußerlich. Die Welt verändert sich ständig, aber für mich ging es eher darum, wie ich damit umgehen kann. „Bloodsuckers“ stammt aus einer Zeit, in der ich völlig von Trauer überwältigt war, und ich glaube, ich hatte damals überhaupt keinen Abstand dazu. Dieses Mal hatte ich das Gefühl, wieder nach außen blicken zu können, auch wenn ich immer noch über sehr persönliche Dinge schrieb. Es steckt mehr Bewegung darin, mehr Licht und Hoffnung schleichen sich ein.
Jon: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, jeglichen Druck und alle Erwartungen beiseite zu lassen. Bei „Bloodsuckers“ haben wir etwas sehr Unmittelbares und Schmerzhaftes dokumentiert, und das hat den Entstehungsprozess geprägt. Dieses Mal wollten wir uns wieder
in das Musikmachen verlieben, also haben wir alles offen gehalten. Diese neue Denkweise hat kreativ alles verändert.
Ihr bezeichnet euch selbst als „Kontrollfreaks“, wenn es um eure Kunst geht – was sind die Vor- und Nachteile davon? Und wie fühlt es sich an, Musik zu veröffentlichen – was ja im Grunde bedeutet, dass ihr die Kontrolle darüber abgebt?
Jon: Der Vorteil ist, dass alles, was man sieht und hört, wirklich wir selbst sind. Es gibt keine Trennung zwischen der Idee und der Umsetzung. Der Nachteil ist, dass es anstrengend sein kann und man sich vielleicht in Details verliert, die gar nicht so wichtig sind, wie man in dem Moment denkt. Bei diesem Album wollten wir etwas Kontrolle abgeben und mit einem Produzenten zusammenarbeiten. Das hatte einige Vorteile, aber letztendlich entsprach sein Engagement nicht unserem eigenen, und wir mussten das Album zurücknehmen und neu beginnen – allerdings mit einem klareren Fokus. Diese kurze Zeit der Distanz ermöglichte es uns, eine neue Perspektive zu gewinnen, die wichtig war.
Als wir das letzte Mal gesprochen haben, ging es um „Bloodsuckers“ und darum, dass Vampire das Hauptmotiv des Albums waren. Was hat auf „Your God Fearing Days Are About To Begin“ den Platz der Vampire eingenommen?
Kitty: Vampire fühlten sich damals wie die perfekte Metapher an, etwas Parasitäres, etwas, das sich ernährt, etwas, dem man nicht entkommen kann. Ich glaube nicht, dass sie auf diesem Album in derselben Weise vorkommen. Aber ich habe immer noch ein Bild im Kopf, das habe ich jedesmal, wenn ich schreibe, von dieser Bande von Vampiren, die die ganze Nacht tanzen, und ich bin mit ihnen dort. Es sieht cool aus, es wirkt verlockend, aber mir wird langsam klar, dass sie dort gefangen sind, dass sie nicht wegkönnen, und ich trete nach draußen und sehe die ersten Sonnenstrahlen am Horizont, die für etwas Hoffnungsvolles stehen. Diese Bildsprache war eine Konstante in meinen Gedanken und von zentraler Bedeutung für die Ausrichtung der Plattenproduktion. Die Bildsprache, die wir bei dieser Platte verwendet haben, hat mehr mit Macht und Glauben zu tun. Götter, Bestien, Geister ... sie alle stehen für verschiedene Kräfte, die über uns oder in uns wirken. Es geht weniger um etwas Äußeres, das dich jagt, sondern vielmehr um die Systeme und Emotionen, die dein Leben prägen.
Der Bandname, der Albumtitel und das Cover – was fasziniert euch an religiöser Ikonografie und wie spiegelt sich das in eurer Kunst?
Kitty: Es ist die visuelle Sprache, die dahintersteckt. Selbst ohne Glauben ist sie unglaublich kraftvoll – die Symbole, die Rituale, das Gefühl von Hierarchie. Wenn man außerhalb dieses Kontextes aufwächst, sieht man, wie viel Bedeutung die Menschen diesen Symbolen beimessen und wie leicht diese geformt oder umgelenkt werden kann. Die sogenannte „Botschaft Gottes“ wird von Menschen vermittelt, die alle ihre eigenen Absichten verfolgen, und es ist beängstigend, wie manipulierbar diese Botschaft sein kann und wie leicht es ist, diese Macht zu missbrauchen. In meinen Texten ist „Gott“ nicht immer wörtlich zu nehmen. Es kann für alles stehen, was Macht über dich ausübt, alles, dem du gehorchen musst.
Jon: Religion, Kapitalismus, soziale Strukturen – sie alle erzeugen ähnliche Dynamiken. Es gibt immer etwas an der Spitze, das Glauben oder Unterwerfung verlangt. Das Artwork und der Titel sind nur verschiedene Wege, diese Idee visuell und klanglich auszudrücken. Wir verwischen gerne diese Grenzen, so dass nie ganz klar ist, was organisch ist und was eine Maschine. Musikalisch hat uns der Kontrast zwischen kantigem, rauhem menschlichem Spiel und computergenerierter Perfektion begeistert.
Songtitel wie „The Ghost“, „The Father, the Son and the Holy Beast“ und „The Beast“ deuten auf ein Konzept hinter dem Album hin – würdet ihr uns das erklären?
Kitty: Wir hatten nie vor, ein Konzeptalbum zu schreiben, aber uns fielen nach und nach Verbindungen zwischen den Songs auf. Es fühlte sich an wie verschiedene Zustände oder Präsenzen: Der Geist als etwas Isoliertes, das Biest als etwas Überwältigendes und Verschlingendes, und dann diese eher symbolischen Figuren wie „der Vater, der Sohn und das heilige Biest“, die Machtstrukturen repräsentieren. Sie alle existieren in derselben Welt, sind aber keine feststehenden Figuren in einer Erzählung. Es sind eher Fragmente eines größeren Gefühls.
Jon: Es gibt definitiv einen Bogen in der Art und Weise, wie sich das Anhören des Albums anfühlt, aber es wurde nicht auf traditionelle, erzählerische Weise konstruiert. Es hat sich mit der Zeit offenbart. Als wir diese Fäden erkannt hatten, haben wir uns darauf eingelassen, aber wir wollten es nicht zu eng definieren. Indem wir frei blieben, hat unser Unterbewusstsein den Fluss gelenkt.
Kitty: Es ist wichtig, dass die Menschen darin ihre eigene Bedeutung finden können. Die Songs entspringen für uns einem sehr realen Ort, aber sobald sie veröffentlicht sind, sollten sie frei sein, zu dem zu werden, was jemand anderes gerade braucht.
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