© by Pablo JuckerDie Band aus Winterthur in der Schweiz hat mit „Achilles Heel“ ein neues Album raus, in fünf Tagen spielte sie die neun Songs ein. Längst hat sie einen eigenen Trademark-Sound entwickelt – ein mitreißender, enorm dichter, alles umschließender Klangstrom, man landet da bei ROCKET FROM THE CRYPT, WIPERS oder FUCKED UP. Simon Hirzel (voc, bs) beantwortete meine Fragen, die anderen sind Simon Fehr (gt) und Dominik Jucker (dr).
Macht uns mal den Elevator Pitch in Sachen Band-history.
Wir machen seit 2015 zu dritt Lärm mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, erst unter einem Hallenbad und nun im Bunker des zweithöchsten Hauses in Winterthur. Die aktuelle Besetzung mit Dominik am Schlagzeug besteht seit 2021. Geprobt wird regelmäßig, im Anschluss gibt’s manchmal Schwedentorte und regen Austausch über neue Musik, Bücher oder Filme, die uns beschäftigen.
Winterthur, was geht da so in Sachen Musik und Szene?
Wir haben in Winterthur tolle Clubs wie das Gaswerk oder das Kraftfeld. Da tummeln sich Bands wie SOLDAT HANS, HATHORS, ANGER MGMT., CARVE UP!, THE ROYAL HANGMEN, MEGATON SWORD, BUTCHERS OF LASSIE und viele mehr. Man kennt und schätzt sich, das ist schön!
„Vielleicht lasse ich mir ja mal von Texter Simon Hirzel den Kontext erläutern, was es mit den Song- und Albumtiteln auf sich hat.“ Das schrieb ich zum letzten Album „Technokrat“. Also, was hat es damit auf sich?
Für die Albumtitel beraten wir uns jeweils relativ lange. Ziel ist, ein Schlagwort zu finden, das die Songs und unsere aktuelle Gemütslage widerspiegelt. Und weil diese oft gedämpft ist, kommen dann zum Beispiel Technokraten zum Vorschein. Die haben einen rein wissenschaftlichen Blick auf die Welt und vernachlässigen soziale Faktoren.
Und was steckt hinter dem 2021er Titel „Apparatschik“? „Zu beiden Begriffen könnte man ganze Politik- und Philosophieseminare bespielen“, schrieb ich damals weiter ...
Da liegst du bestimmt richtig. Wir spielen gern mit solchen Begriffen, sie drücken unserer Meinung nach gut das Unbehagen aus, das wir immer wieder beim Blick auf Strukturen und Systeme empfinden. Das Artwork der beiden Alben ist ein Fluchtreflex, das sagt ja auch was.
Warum das Debüt von 2019 offensichtlich nach „Gourrama“ betitelt wurde, dem 1940 erschienenen Roman des Schweizer Autors Friedrich Glauser, wollte ich auch wissen ...
Wir tauschen seit Bandbeginn immer wieder Bücher miteinander aus und unterhalten uns über die Lektüre. „Gourrama“ und Glauser generell haben uns derart gepackt, dass wir dem Buch ein Album widmen wollten. Für mich war auch Glausers Briefsammlung „Jeder sucht sein Paradies“ eine Offenbarung.
Und ich zitiere mich again: „Sowieso mag ich Bands, die Geschichten erzählen, hier etwa in ‚Hiroo‘ die eines japanischen Soldaten, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch bis 1974 auf der philippinischen Insel Lubang versteckte und das Ende des Kriegs nicht mitbekommen hatte.“ Wie kommst du auf so was?
Dieser Song ist ebenfalls einem Buch geschuldet. Werner Herzog hat die Geschichte in „Das Dämmern der Welt“ aufgearbeitet und mich damit inspiriert. Filme sind neben Büchern und Alltagsbeobachtungen textlich unsere grössten Einflüsse. Wir sind alle drei relativ introvertiert und verlieren uns gern in solchen Geschichten.
„Achilles Heel“ heißt euer 2025er-Album, und ich kommentierte: „Gab es in der Vergangenheit immer eine große konzeptionelle Story hinter den Alben, verraten sie diesmal nichts in der Art.“ Also, was ist mit Achilles und seiner Ferse?
Die Achillessehne ist sozusagen das Sinnbild für die neuralgischen Punkte, die das Leben mit sich bringt. Sie ist sehr fragil und muss doch vieles zusammenhalten. Ich sehe den Titel darum schon in dieselbe Kerbe wie die letzten einschlagen, obwohl es vielleicht weniger schlagwortartig ist. Die meisten Texte dafür sind 2023 in den USA entstanden. Es geht um defensive Architektur und Reizüberflutung, aber auch um Auseinandersetzungen mit dem Alltagsleben. Das Achillessehnen-Thema zieht sich durch alle Stücke, je nachdem ein wenig versteckter als so schon.
Bis zum neuen Album kamen eure Platten auf AuGeil Records, nun heißt es: „Das umtriebige DIY-Kollektiv AuGeil wurde eingesargt.“ Was ist passiert, wer oder was ist Monobuster?
Darüber könnten wir wohl selbst ein Buch schreiben, für uns war AuGeil ein Glücksfall. Anfangs waren wir ziemliche Outsider mit unserer Musik, plötzlich waren da aber Gleichgesinnte wie OBACHT OBACHT, CARVE UP!, HAILE SELACID oder ZUCKERBECKER. Mit der Zeit wurde das Interesse am rauchenden Totenkopf größer und das eigentliche Ziel, unkompliziert Musik rauszubringen, immer mehr von Büroarbeit abgelöst. Außerdem verstreuten wir uns auch auf die halbe Schweiz. Es gibt im Netz einen guten Artikel von Jeremias Heppeler, der die Geschichte von AuGeil als Oral History nachzeichnet. Mit Monobuster haben wir per Zufall im abgelegenen Muotathal ein weiteres kleines Biotop entdeckt, das Bands aus der Innerschweiz wie DEAR MISSES, MOTORIZER oder BUBKA veröffentlicht. Die haben auch diesen DIY-Ethos, das entspricht uns.
Musikalisches Namedropping sah bei euch so aus: ROCKET FROM THE CRYPT, WIPERS, FUCKED UP, MOTORPSYCHO, DINOSAUR JR., KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD ... Zufrieden? Passend? Was fehlt?
Vieles davon wird hier regelmäßig gehört! Während des Songwritings zu „Achilles Heel“ liefen auch viele deutsche Bands wie MESSER, OMA HANS, KOMMANDO SONNE-NMILCH oder ODD COUPLE.
Ihr habt einen ausgesprochen bissigen Sound. Wie und mit wem bekommt ihr den hin?
Fürs neue Album haben wir uns mit Yvo Petrzilek zusammengetan, der einen tollen Geschmack hat und sonst Bands wie VERWALTZEN oder MEGATON SWORD aufnimmt. Die Songs werden zusammen ohne Metronom aufgenommen und dann noch Gesang und Gitarren geoverdubt. Nach fünf Tagen ist der Spuk vorbei.
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