SHORELINE

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Gefühlsbetont

Während SHORELINE mit ihrem dynamischen Emo von Münster aus die internationalen Bühnen erobern, stellt sich Sänger und Gitarrist Hansol Seung vor allem die Frage, wieso sich alles nicht mehr so gut anfühlt wie früher. Gegen Ende der Tour mit ARM’S LENGTH treffen wir ihn zum Gespräch über sein wohl persönlichstes Werk „Is This The Low Point Or The Moment After?“. Wir erörtern, wie es ist, sich selbst zu reflektieren und das erste Mal ein Konzeptalbum zu schreiben. Außerdem klären wir, wieso Hansol die meisten Demos in einem Smart aufgenommen hat und welche Tätowierer er empfehlen kann.

Auf euren letzten Alben habt ihr viele politische Fragen angesprochen. Diesmal geht es in erster Linie um ganz persönliche Dinge. Wieso?

Wir sind immer noch eine sehr politische Band, auch über die Musik hinaus: Wir achten darauf, wie wir unser Merchandise produzieren, mit welchen Agenturen wir zusammenarbeiten und so weiter. Es gibt viele Stellen, wo man sich als Band entscheiden muss, was man möchte – und vor allem, was nicht. Was die Inhalte betrifft: Ich will nicht sagen, dass wir politische Themen auserzählt haben, aber ich hatte den Wunsch, auch über andere Sachen zu sprechen. Die einzige Regel, die ich beim Songwriting habe, lautet: Es muss echt und ernst gemeint sein. Es gibt so vieles, das mir die Band ermöglicht, aber mindestens genauso viel, das sie mir in meinem Leben erschwert – auf Tour zu sein, ist ein Beispiel. Wenn wir nicht mit so viel Authentizität und Herzblut dahinterstünden, dann würde ich das nicht in Kauf nehmen.

Ihr seid an das neue Album also mit einem klaren Zielbild herangegangen?
Ja, diesmal haben wir es das erste Mal so gemacht. Bisher schrieben wir 30 Demos, suchten uns die besten 15 davon aus, verwarfen nochmal drei und das waren dann die 12 Songs fürs Album. Erst hinterher haben wir uns überlegt, in welcher Reihenfolge und unter welchem Dach sie stehen sollen. Diesmal gab es vorher ein Konzept. Auch der Albumtitel stand schon während der allerersten Demo-Sessions. „Is This The Low Point Or The Moment After?“ erzählt, wie eine Person eine schwierige Phase ihres Lebens durchläuft und danach wieder heilt. Die Grundidee ist entstanden, als ich darüber reflektiert habe: Wenn ich feststelle, dass es mir emotional nicht gut geht, an welchem Punkt bin ich dann? Ist das der Tiefpunkt? Kommt der erst noch oder bin ich über das Schlimmste schon hinweg? Als ich die Idee den anderen vorstellte, habe ich das Bild einer Schlucht auf einen Zettel gezeichnet. Zwar ist das Album durchgehend melancholisch, aber es gibt eine Entwicklung: Es fängt in einer neutralen Zone an, wird dann inhaltlich sowie musikalisch immer schwerer, bis man an einen Wendepunkt gelangt, nach dem es hoffnungsvoller wird. Wir haben explizit Songs für diese verschiedenen Wegmarken geschrieben. Diese Vorgehensweise war anspruchsvoller als sonst, vielleicht, weil er so anders war.

An welchem Punkt wurde es knifflig?
Die Mitte und der letzte Teil des Albums, also die schweren Parts und das hoffnungsvolle Ende, standen recht schnell. Aber vor allem über den Anfang habe ich lange nachgedacht. Der Opener „Worry count“ war der letzte Song, den ich geschrieben habe. Der Einstieg muss halt sitzen: Wie soll das Album anfangen? Mit Gesang? Mit einem Gitarrenriff? Wir hingen aber nicht ewig an einem Track fest, sondern hatten fünf Optionen, zwischen denen wir hin und her überlegt haben.

Und wieso erfüllt „Worry count“ diese Rolle so gut?
Nach einem kurzen atmosphärischen Intro folgen die Zeilen „You said it will only take a little more time for me to heal“. Das soll den Moment widerspiegeln, in dem man sich bewusst wird, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass man verletzt ist. Der Song handelt davon, dass man zu einer nahestehenden Person nicht mehr viel Kontakt hat und nun die Gründe dafür sucht – zu Beginn vor allem bei sich selbst. Der Prozess erstreckt sich über das Album, bis man am Ende akzeptiert, dass die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht. Gerade als junger Mensch denkt man ja, dass manches unumstößlich ist. Ich dachte lange, dass selbst wenn man mal weniger Kontakt hat, es immer irgendwann die Möglichkeit gibt, wieder zu miteinander sprechen. Aber mittlerweile glaube ich, dass es manchmal eben keine zweite Chance gibt.

Reflektierst du dich viel selbst?
Ich versuche schon, darüber nachzudenken, was ich tue und ob es in Ordnung ist, wie ich etwas tue. Ich neige wohl auch dazu, Dinge überzuinterpretieren. Ich ertappe mich häufiger dabei, dass ich darüber nachdenke, ob es vielleicht blöd war, wie ich etwas gesagt habe, ob es falsch rüberkam. Manchmal spreche ich das an und dann kommt in 99 % der Fälle raus, dass das Gegenüber überhaupt nicht versteht, wovon ich rede, weil es natürlich gar kein Problem gab. Zum Beispiel vorhin, als ich dir geschrieben habe, dass wir uns verspäten, habe ich kurz überlegt, ob ich das anders hätte regeln müssen. Wenn man Dinge so direkt anspricht, kommt manchmal aber auch raus, dass man anders hätte handeln sollen. Und dann lernt man daraus.

Hast du während des Albumprozesses herausgefunden, was dir hilft, über einen Tiefpunkt hinwegzukommen?
Ich habe vor allem viel über meine Gefühle gesprochen – mit den anderen in der Band und vor allem mit Julius, unserem Gitarristen. Im Song „Paradox man“ spreche ich das erste Mal explizit über meine mentale Gesundheit. Auch wenn wir vorher schon ziemliche Emo-Musik geschrieben haben, ging es nie konkret darum. Ein ganz großes Thema auf der Platte ist, wie man Sachen empfindet. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nicht mehr so viel fühle, egal ob im Bandkontext oder außerhalb. Wenn wir früher zum Beispiel ein cooles Konzert gespielt haben oder als wir das erste Mal in England auf Tour waren, hat das bei mir einen enormen Boost an Endorphinen ausgelöst und etwas, das ich vielleicht Stolz nennen würde. Das erlebe ich so nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich eiskalt auf der Bühne stehe und mir alles egal ist, aber es muss schon etwas anderes passieren, damit ich noch mal dieses Gefühl von früher habe. Das geht mir bei vielen Dingen im Leben so. Aber wenn es mir schlecht geht, dann fühle ich mich nach wie vor richtig schlecht. Julius geht es auch so. Und das finde ich schade.

Wenn man Dinge häufiger erlebt, nimmt man sie nicht mehr als so besonders wahr ...
Ja, das glaube ich auch. Und ich merke, dass Social Media einen Einfluss haben. Wenn ich viel am Handy bin, stumpfe ich mehr ab. Etwas nicht mehr zu fühlen, obwohl man es fühlen möchte, beschäftigt mich wirklich sehr. Und im Rahmen dieser Platte ist es das erste Mal, dass ich das so formulieren konnte. Bislang habe ich mich immer nur gefragt, wieso alles nicht mehr so cool ist wie früher? Jetzt habe ich herausgefunden, wie ich das Problem benennen kann.

Du hast bereits den Wendepunkt auf der Platte angesprochen: Magst du verraten, wo der ist?
Hm, ich glaube nicht, weil ich schon ein paar unterschiedliche Interpretationen gehört habe. Diese verschiedenen Perspektiven finde ich interessant und möchte sie bewahren.

Hast du für dich einen herausfinden können?
Ja, bei „Paradox man“: Die Worte „I’m not depressed I just have been overlooked“ leiten einen intensiven Part ein, dem ein eher uplifting Motiv folgt. Valider Take!

Wie fühlst du dich dabei, diese nun doch sehr persönlichen Songs den Leuten live zu präsentieren?
Dass sich die Energie im Raum verändert, wenn das Publikum meine Songs versteht oder fühlt, habe ich schon gemerkt, als ich in der Vergangenheit antiasiatischen Rassismus thematisiert habe. Aber um bei „Paradox man“ zu bleiben: Als ich den Song geschrieben habe, war das etwas sehr Privates. Mir war da nicht so bewusst, dass ihn auch Arbeitskollegen oder entfernte Bekannte hören werden. Das ist mir schon etwas unangenehm. Aber ja, ich spiele nunmal in einer Band. Mir war also schon klar, was das bedeutet, aber jetzt, da es Realität wird, muss ich mich damit auseinandersetzen.

Glaubst du nicht, dass gerade Mental Health noch eine Hürde ist und dich zumindest die Arbeitskollegen nicht so direkt darauf ansprechen werden?
Das möchte man meinen, aber mich haben damals auch ganz viele Leute bei der Arbeit auf unseren Song „Seoul“ angesprochen, in dem es um mein Erwachsenwerden als nicht-weiße Person in Deutschland geht. Es ist aber schon okay für mich, denn meistens steckt dahinter echtes Interesse.

Wir müssen noch über „Forgive“ sprechen, euer Feature mit KNUCKLE PUCK. Wie kam es dazu?
Wir haben sie kennen gelernt, als wir der Opener auf ihrer Tour waren. Sie waren so lieb zu uns, wir haben uns sehr respektiert gefühlt. Als wir die Idee zu „Forgive“ hatten, habe ich ihnen einfach eine Nachricht geschrieben. Ganz lustig ist, wie ich das Demo aufgenommen habe: Ich bin kürzlich umgezogen. In meiner alten Wohnung konnte ich laut Gitarre spielen und singen, in der neuen geht das nicht mehr. Ich habe an einem meiner ersten Tage dort Akustikgitarre gespielt und wurde sofort darauf angesprochen. Nicht unbedingt negativ, aber es war gleich Gesprächsthema auf dem Flur und zwar auf einem Level, bei dem ich wusste: Hier kann ich auf gar keinen Fall Gesang aufnehmen. Deshalb habe ich mich in meinen Smart gesetzt, bin auf ein Feld gefahren und habe dort das Demo aufgenommen. So sind einige der neuen Songs entstanden.

Anderes Thema: Ihr habt viele richtig gute American Traditional Tattoos. Welche Artists kannst du empfehlen?
Ich habe viel von Kim Anh aus Eindhoven und Florian Santus aus Paris. Julius hat noch einiges von Rodolfo Gimenes, der ist inzwischen leider in São Paulo. Und jetzt auf der Tour haben sich Julius und und unser Bassist Christoph in Leeds von Jimmy Wizard, dem Sänger von HIGHER POWER, tätowieren lassen.

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