SICK OF SOCIETY

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Das A im Kreis

Die 1989 gegründeten SICK OF SOCIETY aus der Ulmer Gegend sind mir vor ein paar Jahren im Ox durch ihren Tourbericht aus Indonesien aufgefallen. Der las sich sehr spannend und offenbarte eine DIY-Philosophie, die sicher nicht alltäglich ist. Politischer Anspruch, gepaart mit dem Drang, möglichst viel live zu spielen und alle paar Jahre einen Tonträger mit bissigem Punkrock auf die Menschheit loszulassen. Kürzlich ist das neue Album „AQ-Punk-Tur“ mit 14 deutschsprachigen Punkrock-Knallern erschienen. Die beiden Gitarristen und Sänger Falko und Chris beantworten meine Fragen dazu. Zu SICK OF SOCIETY gehören noch Oliver (dr) und Steini (bs, voc).

Im ersten Song des neuen Albums geht es um Gentrifizierung. Gab es dafür einen bestimmten Auslöser?

Chris: Der Song ist so ein bisschen aus den Eindrücken der letzten Jahre entstanden, denn immer wieder werden dir als Band irgendwelche Läden unter dem Arsch weg geschlossen. Das ist einfach ärgerlich, denn letzten Endes sind es genau solche Läden, die für junge Bands die erste Anlaufstelle für Auftritte sind. Da werden dem Nachwuchs unnötig Knüppel zwischen die Füße geschmissen. Ein Hauptauslöser zu dem Song war aber tatsächlich die Geschichte um die Berliner Jugendzentren Potse und Drugstore, die keinem, der in einer Band spielt, entgangen sein dürfte. Dennoch steht der Song für alle von der Schließung bedrohten Institutionen. Aktuell scheint es ja beispielsweise um das JUZ Burglengenfeld schlecht bestellt. Hier geht es jetzt „nur um die Kunst“. Richtig bitter wird es dann, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp wird, weil zum Beispiel mit dem Wert der Immobilien spekuliert wird. Es kann nicht angehen, dass ein halbes durchschnittliches Monatsgehalt für ein Zimmer mit Bett und Küchenmesser draufgeht.

Ich finde, dass „AQ-Punk-Tur“ durch die zahlreichen Gäste sehr abwechslungsreich geworden ist. Das habt ihr auch früher schon gerne mal gemacht. Wer ist diesmal dabei?
Chris: Da muss ich etwas weiter ausholen, denn die Connections, die wir da hatten, könnten nicht unterschiedlicher sein. Da wäre zum einen Joschi von UNDERTOW. Unser Drummer Oli kennt ihn schon länger, da er in jungen Jahren viel mit diversen Metalbands durch die Lande gezogen ist. Er ist quasi ein alter Kumpel der Band. Glücklicherweise konnten wir auch Bergl und Niki von MINIPAX für einen Song gewinnen. Den mehrstimmigen Gesang von den Jungs fand ich schon immer klasse. Da wir uns in den letzten Jahren immer wieder über den Weg gelaufen sind und auf denselben Events gespielt haben, hatten wir ohnehin regen Kontakt zueinander. Mit Marco von 100 KILO HERZ bin ich schon eine ganze Weile auf Facebook befreundet. Ursprünglich hatte ich ihn mal bezüglich Locations in und um Leipzig ausgequetscht. Den habe ich jetzt wieder ganz frech angeschrieben, ob wir uns mal Rodi und die Bläserfraktion für einen Song ausleihen dürften. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit hört man im Song „Herzlich Willkommen“. Last but not least konnten wir den Augsburger Rapper Pneumothorax für uns gewinnen. Da wir uns beide viel im Dunstkreis der Ballonfabrik Augsburg bewegen, kam der Kontakt so zustande. Er hatte sofort Bock und meinte: „Ich habe früher auch Punk gehört. Jetzt schließt sich der Kreis ... und ich zeichne ein A hinein!“ Haha! Abschließend bleibt zu sagen, dass wir mit unseren Gästen mega happy sind und wir uns auf diesem Wege noch mal für die coole Zusammenarbeit bedanken wollen.

Was war dieses Mal noch anders bei der Albumproduktion?
Falko: Der größte Unterschied ist, dass Chris und ich dieses Mal alle Songs geschrieben haben. Unser letztes Album „Perlen vor die Säue“ war die erste Platte nach dem Ausstieg unseres früheren Sängers Fizzi. Damals hatten Steini und ich jeweils einen Song beigesteuert. Der Rest war altes Material, das wir noch nicht aufgenommen hatten. Bei der neuen Platte waren Chris und ich uns schnell einig, dass wir vom Sound her etwas moderner werden wollten. Das betrifft nicht zuletzt auch die Texte, die deutlich politischer sind und eine breitere Themenpalette abdecken. Aber auch musikalisch haben wir das eine oder andere gewagt, ohne aber den Grundsound von SICK OF SOCIETY zu sehr zu verändern. Da wir die Songs ohnehin im Proberaum gemeinsam ausarbeiten, kommt der von ganz alleine wieder durch. Ein neues Element auf der CD sind beispielsweise die Synthie-Parts. Beim Aufnehmen hatten wir witzigerweise unabhängig voneinander damit angefangen, bei dem einen oder anderen Song auch mal einen Synthie einzuschmuggeln. Von der Idee waren Steini und Oli anfangs zwar nicht sofort begeistert, das Ergebnis hat aber allen gut gefallen und tut dem Sound der Platte sehr gut, wie wir finden.

Wie habt ihr die letzten zwei Jahre erlebt, als Band und auch persönlich?
Falko: Ich denke, für uns alle war die Zeit in erster Linie privat eine große Herausforderung. Als Band hat uns natürlich getroffen, dass alle Shows abgesagt wurden und wir zudem lange Zeit nicht proben konnten. Da noch nicht alle Songs für das Album fertig waren, mussten wir zudem den einen oder anderen Track online fertigstellen und direkt aufnehmen. Das war nicht einfach und für uns eine komplett neue Erfahrung. Zumal wir manche Songs dann erst nach den Aufnahmen das erste Mal gemeinsam im Proberaum gespielt haben.

Mich hat ja doch überrascht, dass sich bei der Frage, wie man mit der Pandemie umgeht, die Gesellschaft derart spaltet. Ihr habt im Booklet eurer CD eine schöne Stellungnahme in Richtung Verschwörungsanhänger, Corona-Verharmloser und ähnliche Zeitgenossen abgedruckt.
Falko: Dieses Thema hat uns die ganze Zeit über sehr beschäftigt. Gerade aus einer Szene kommend, die sich die Kritik am System auf die Fahnen geschrieben hat, kam man sich plötzlich vor wie im falschen Film. Da gehen Leute auf die Straße und rufen „Freiheit“, wenn es darum geht, eine globale Pandemie einzudämmen. Kritik am System ist für uns nach wie vor eine der zentralen Ideen von Punkrock. Wobei wir uns in den meisten Songs dabei übrigens auf das neoliberale Wirtschaftssystem beziehen und nicht auf unser politisches System. Wer ernsthaft glaubt, dass wir in einer „Corona-Diktatur“ leben, der hat wirklich nichts verstanden. Gerade deshalb schien es uns so wichtig, diesen Unterschied im Booklet noch mal klarzumachen. Ich glaube leider nicht daran, dass die Gräben sich wieder schließen werden. Die Tendenz geht ja auch in vielen anderen Ländern eher in die entgegengesetzte Richtung. Und auch wenn Corona wieder verschwindet, werden die gesellschaftlichen Herausforderungen ja nicht weniger. Wie will man so komplexe Probleme wie etwa die Klimakrise in den Griff bekommen, deren Folgen und Wirkungszusammenhänge doch wesentlich abstrakter sind als bei einer Pandemie? Der Zusammenhang Virus, Maske und Impfung ist ja noch vergleichsweise einfach zu verstehen. Wenn aber selbst daran gezweifelt wird, dann brauchen wir beim Thema Umweltschutz, der unser Leben in manchen Bereichen vielleicht noch deutlich stärker einschränken wird, gar nicht erst anfangen.
Chris: Ich würde hier tatsächlich sogar noch einen Schritt weiter gehen: Ich glaube, diese Gräben waren schon immer da, sie waren nur nicht so offensichtlich. In Krisenzeiten treten die unterschiedlichen Einstellungen einfach mehr in den Vordergrund. Ich möchte jetzt nicht alle über einen Kamm scheren, aber zum Großteil sind es doch die gleichen Leute, die damals bei PEGIDA mitmarschiert sind und die sich heute durch eine Impfung und eine Stoffmaske ihrer Freiheiten beraubt fühlen.

Mein Eindruck vor Corona war, dass die Möglichkeiten für kleinere Punkrock-Bands, live zu spielen, in den letzten fünf Jahren deutlich abgenommen haben. Wie sind da eure Erfahrungen?
Falko: Ich glaube, das trifft generell auf fast alle Arten von alternativer Gitarrenmusik zu. Punkrock ist da vermutlich sogar noch relativ dankbar, da es eine etablierte Szene gibt und sich nach wie vor viele Leute ehrenamtlich in Clubs und kleinen Läden engagieren. Aber klar, verglichen mit den Neunziger Jahren hat das schon deutlich abgenommen. Wir freuen uns trotzdem immer, wenn mal ein paar Leute mehr da sind. Mittlerweile weiß man das einfach mehr zu schätzen. Bei diesem Überangebot an Konzerten und Veranstaltungen freuen wir uns wirklich über jeden, der sich trotz allem für ein Punkrock-Konzert entscheidet.