© by Nick WaplingtonDie Welt geht den Bach runter und SLEAFORD MODS sind mittendrin. Mit ihrem achten Album „The Demise Of Planet X“ liefern die beiden Lads – Rapper Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn – aus der maroden Industriestadt Nottingham den Soundtrack zur Apokalypse. Neben der allgegenwärtigen Bedrohung durch Klimawandel, Despoten in Ost und West, Turbokapitalisten oder Neonazis im Aufwind hatte Jason Williamson aber auch mit persönlichen Dämonen zu kämpfen. Das alles hat dazu geführt, dass die beiden Aggro-Brits wieder Blut und Galle spucken und dazu ultralässigen Elektropunk liefern. Warum die Beschissenheit der Dinge ein Motor für die Musik bleibt, erklärt uns Jason Williamson.
The Demise Of Planet X“ – das klingt sehr dunkel und apokalyptisch. Warum betrachtest du die aktuelle Situation als das Ende der Welt?
Wir erleben das Ende der Welt heute tagtäglich in verschiedenen Verkleidungen. Es gibt zwar keinen festen Zeitplan, aber viele Leute sagen, dass sich das Klima in 20 oder 30 Jahren noch einmal dramatisch verändern wird. Wir werden ständig mit neuen Botschaften bombardiert, von irgendwelchen Bedrohungen durch Kriege oder Krisen. Es fühlt sich fast so an, als würde die Welt jeden Tag ihre letzten Stunden erleben.
Du hast für deinen düsteren Vorahnungen auch Inspiration aus einem Club in den Midlands geschöpft. Was ist dort passiert?
Das hat mich tatsächlich zu diesem Album inspiriert. Es war ein schräger Club in Grantham, wo ich herkomme. Ich bin da früher regelmäßig hingegangen. Damals musste ich zurück nach Hause ziehen, weil ich Probleme mit Alkohol und Drogen hatte. Also bin ich wieder in meinem Elternhaus untergekommen und dann bin ich immer wieder dorthin gegangen. Ich habe dort weiter gesoffen und Drogen genommen und dieser Club war immer mein Ziel. Ich konnte nicht fassen, dass dieser Ort der Endpunkt in meinem Leben war, obwohl ich so hart versucht hatte, etwas aus mir zu machen. Allerdings wurde nichts aus mir. Also wurde ich Stammgast dieses Nachtclubs, der voll von Leuten war, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Ich erinnere mich, wie ich in diesen Club kam und es war, als wäre die Welt untergegangen. Man hatte das Armageddon hinter sich und so sah also die Welt danach aus. So fühlt sich im Moment alles an, was ich um mich herum sehe. Wir reiten auf einem toten Pferd, mit Massenkonsum und der Jagd nach Geld, während andere Teile der Welt völlig vor die Hunde gehen, was der Westen einfach ignoriert. Schon 2009 habe ich für das Album „The Originator“ den Song „Chop chop chop“ geschrieben, der mit der Zeile „The demise of planet X“ startet und die Situation in diesem Club beschreibt. Die jetzige Situation erinnert mich wieder sehr an das Mindset dieser Tage. Das Gefühl, völlig machtlos zu sein. Am Ende meiner Möglichkeiten. Voller Selbstzweifel und Angst. Mit dem Eindruck, aus der Zeit zu fallen in einer Welt, die sich rasant verändert.
Es hört sich so an, als ob deine persönlichen Probleme und deine Gefühlswelt auch eine große Rolle in der Entstehung des Albums gespielt haben.
In der letzten Zeit habe ich mich sehr verändert. Ich habe viel bewusster gelebt und bin inzwischen nüchtern. Mir ist jetzt klar, warum ich in der Vergangenheit bestimmte Dinge gemacht habe. Ich habe verstanden, woher meine ganze Wut kommt. Das hat mein ganzes Selbstvertrauen beeinflusst und alles, was ich mache. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ehrlich mit mir war. Ich habe viel geweint in dieser Zeit, aber es hat alles verändert. Ich habe mein Verhalten in der Vergangenheit reflektiert und auch meine mentale Gesundheit. Aber auch das Verhältnis zu meiner Frau und meinen Kindern. Mir ist klar geworden, dass auch ich nicht alles weiß, und habe mich gefragt: Bin ich überhaupt noch politisch informiert? Weiß ich genug über Politik? Diese Dinge sind alle ins Rutschen geraten und gleichzeitig gab es so viel, über das ich reden musste. Internationale Politik, die inzwischen zur Realität vor unserer Haustür geworden ist. Da gab es immer noch so viel, worüber ich sprechen wollte. Aber es musste einfach korrekt rüberkommen.
Inwiefern?
Wir bewegen uns in einer musikalischen Landschaft, in der die meisten Bands um uns herum scheiße sind. Sie haben nichts zu sagen und wenn sie etwas sagen, dann hört sich das sehr klischeehaft an und es nervt einfach. Ich bin einfach älter als die meisten meiner musikalischen Zeitgenossen. Die sind 20 oder 30 Jahre jünger als ich. Ich habe ein Leben hinter mir und will nicht so klingen wie die. Wir sind uns bewusst, dass wir SLEAFORD MODS sind, deshalb musste das Album einfach besser sein. Wir wollten einen Schritt nach vorne machen und nicht alte Alben aufwärmen. All diese Dinge in meinem Kopf waren Hindernisse auf meinem Weg. Ich hatte Angst und war mir nicht sicher, ob ich das schaffe. Aber wir haben es hinbekommen.
Du hast dich einer Therapie unterzogen und hast an deiner psychischen Gesundheit gearbeitet. Auf der anderen Seite war diese Wut immer der Motor für die Musik und die Texte von SLEAFORD MODS. Ist diese Wut jetzt verraucht?
Das glaube ich nicht. Diese Wut wird immer da sein, die kommt einfach aus mir heraus. Um mich herum gibt es einfach so viele Wichser und Leute, mit deren Meinung ich nicht übereinstimme. So viele Bands, die ich nicht leiden kann, das halte ich im Kopf nicht aus. Gleichzeitig komme ich mit mir selbst nicht klar. Diese ständigen Veränderungen und wie die Einstellungen anderer Leute in mein Bewusstsein einsickern, obwohl ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken. Es gibt immer eine Reaktion auf all diese Einstellungen und Meinungen. Dazu kommt noch diese konstante Gefolgschaft für Populisten und autokratische Regierungen und wie die Menschen auf all das reagieren. Das beschäftigt mich tagtäglich sehr. „The Demise Of Planet X“ ist also eher ein Kommentar zu meinen Mitmenschen als zu den politischen Führern, die all diese Probleme verursachen.
Lass uns über den Sound des Albums reden. Es klingt nicht so minimalistisch wie seine Vorgänger. Warum ist das so?
Keine Ahnung, das liegt wahrscheinlich an Andrew, weil er unsere Alben normalerweise in Eigenregie aufnimmt und produziert. Diesmal wurde er im Studio von Tontechnikern unterstützt, was ihm erlaubte, seine kreativen Energien besser zu bündeln. Ich hatte ihm vorgeschlagen, dass wir uns jemanden suchen, der ihn bei dem ganzen Technikkram unterstützt. Also haben wir jemanden engagiert, den wir dafür bezahlt haben. So konnte sich Andrew voll und ganz auf die Musik konzentrieren. Es war natürlich wichtig, dass er das nicht komplett anderen überlässt, weil sein Mix essentiell für unseren Sound ist. Aber dadurch, dass er einen Teil der Last im Studio abgegeben hat, war er freier, um mit mir an den Songs zu arbeiten. Denn nach den ersten Sessions im Januar 2025 hatte ich den Eindruck, dass wir nicht genug Musik hatten, die gut genug war. Wir hatten 16 Demos produziert und nur fünf davon haben es letztendlich aufs Album geschafft. Deshalb war ich überzeugt davon, dass da noch mehr kommen muss. Also habe ich ihm vorgeschlagen, dass wir es diesmal einfach gemeinsam produzieren. Und diese Zusammenarbeit hat das Vorgehen geöffnet und unserem Sound mehr Farbe verpasst. Das kam vielleicht auch dadurch, dass ich in dieser Phase extrem von David Bowies Alben „Station To Station“ und „Low“ inspiriert war. Ich weiß, dass diese beiden Platten Blaupausen für diese ganze Post-Punk-Kultur sind, aber darauf gebe ich einen Scheiß. Mich fasziniert eher die Ausdehnung im Sound und die verschiedenen Genres, die dort enthalten sind. Das hatte massiven Einfluss auf unser Album.
Ihr hattet jede Menge Gäste im Studio, von BIG SPECIAL, den Rapper Snowy, die neuseeländische Songwriterin Aldous Harding oder die Schauspielerin Gwendoline Christie. Deren unterschiedliche Stimmen wirken fast wie zusätzliche Instrumente.
Für mich geht es immer um den Flow in den Songs. Das ist die DNA von SLEAFORD MODS. Wenn ein Teil fehlt, dann passt der Flow nicht. Alle diese Songs haben wir geschrieben, bevor unsere Gäste ins Studio gekommen sind. Erst habe ich versucht, alles selbst zu singen, aber das hat teilweise nicht funktioniert. Zum Beispiel bei „Elitest G.O.A.T“ war das so. Oder bei den Refrains von „The good life“ und „No touch“. Also haben wir diese Sängerinnen und Sänger angesprochen, weil ich mir sicher war, dass die das können. Von da aus hat sich alles perfekt entwickelt. Wir hatten also die fertigen Songs und haben uns dann die Stimmen gesucht, die dazu passen. Ich wusste, dass sie die perfekte Wahl waren. Es ging nur darum, ob sie es zeitlich ins Studio schaffen und ob sie bereit sind, Songs zu singen, die schon vorgegeben sind.
Die erste Single heißt „Megaton“. Ein Song über die Probleme von und mit Social Media. Australien hat kürzlich unter 16-Jährige davon komplett ausgeschlossen. Wie siehst du das Dilemma mit Insta oder Snapchat?
Das Problem mit all diesen sozialen Medien ist, dass sie existieren. Das ist wirklich beschissen. Einfach furchtbar. Gleichzeitig brauchen wir sie bis zu einem gewissen Grad. Viele Menschen nutzen sie für ihre Arbeit. Ich zum Beispiel auch. Man kann nur schwer ohne diese Dinge auskommen. Aber es ist eindeutig zu einem Problem geworden. Ich glaube, es wird etwas sein, das wir letztendlich überwinden werden. Auf irgendeine Art und Weise. Wir werden sie vermutlich nie ganz loswerden, aber wir werden sie früher oder später anders nutzen. Zumindest würde mir der Gedanke gefallen.
Das könnte ziemlich schnell mit dem Siegeszug von Künstlicher Intelligenz passieren. Es wird immer schwerer, echte von falschen Posts zu unterscheiden. Wahrheit und Fake.
Das sehe ich auch so. Das könnte der Anfang vom Ende der sozialen Medien in der jetzigen Form sein. Es hat sich gezeigt, dass diese Netzwerke auf verschiedene Art sehr verletzend für Menschen sein können und jeglichen Respekt vermissen lassen. Es muss sich also etwas ändern.
Ihr habt zu „Megaton“ auch einen Videoclip an der Speaker’s Corner im Hyde Park in London produziert. Da kann jeder ohne Anmeldung zu einem beliebigen Thema reden. Das ist wie eine analoge Vorform von sozialen Medien. War das die Idee?
Genau das war unser Plan. Dort streiten permanent alle möglichen Leute miteinander. Unser Regisseur Nick Waplington hatte die brillante Idee, den Clip zu diesem Song dort zu drehen. Und dieser Plan ist auch voll aufgegangen. Ich selbst war vorher noch nie da. Als wir dort drehten, war gar nicht mal so viel los dort. Ich glaube, früher war dieser Ort populärer. Aber ohne Zweifel ist das immer noch eine ziemlich verrückte Einrichtung. Wenn sich die Leute über die Herkunft von Jesus Christus in die Haare kriegen oder über naturwissenschaftliche Erkenntnisse streiten, ist das total abgedreht.
Ihr habt euch auch entschieden, alle Einnahmen aus dem Verkauf der Single der Organisation „War Child“ zu spenden. Warum?
Es ist uns wirklich wichtig, einen Beitrag zu leisten für die Kriegsopfer im Nahen Osten oder wo auch immer. Ich denke, Geld an Hilfsorganisationen zu spenden, ist eine gute Möglichkeit. Es hilft einfach, wenn man den richtigen Verein unterstützt. War Child hat sich darauf spezialisiert, Kinder und Jugendliche zu unterstützen, die in einem Kriegsgebiet leben müssen. Sie versuchen, sie zu stabilisieren und zurück in die Gesellschaft zu bringen. Das ist in unseren Augen eine sehr wichtige Initiative, die wir supporten wollen. Das machen wir jetzt schon seit einigen Jahren.
Durch Großbritannien schwappt gerade eine massive Welle von Nationalismus und Rassismus. Es gab in den letzten Monaten riesige Proteste gegen Einwanderung. Warum haben diese Demos so großen Zulauf?
Weil diese Typen einfach lügen wie gedruckt, um ihre Ziele durchzusetzen. Sie profitieren von einer Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist, und versuchen, so viel Profit für sich selbst aus der Schieflage zu ziehen, wie es nur geht. Und sie machen das sehr erfolgreich, indem sie die üblichen Vorurteile gegenüber Immigranten oder die queere Community befeuern. Das ist einfach total scheiße.
Warum laufen die Briten ultrarechten Aktivisten wie Tommy Robinson hinterher? Das ist ein früherer Fußball-Hooligan aus Luton Town. Ein brutaler Schlägertyp.
Das sind vor allem desillusionierte Leute aus der Arbeiterschicht oder Menschen mit nationalistischen Ansichten. Das sind vor allem Männer, die nicht wirklich viel darüber nachdenken, was sie tun. In Zeiten großer Instabilität überhäufen sich die Leute gerne gegenseitig mit Vorwürfen und machen andere für ihre Misere verantwortlich. Die Reichen wollen sichergehen, dass die Quelle ihres Wohlstands nicht von den Massen ausfindig gemacht wird. Der soll nur ein paar wenigen Leuten vorbehalten bleiben, die sich ihr Vermögen auf Kosten aller anderen unter den Nagel gerissen haben.
Wie kommen wir aus dieser Spirale wieder heraus? Hast du eine Idee?
Ich habe keine Ahnung. Ich bin kein Politiker. Ich weiß absolut nicht, wie wir dieses Problem lösen können. Aber wir könnten damit anfangen, dass wir diesen Idioten nicht mehr länger zuhören. Man kann nicht andere dafür verantwortlich machen, dass man sich entfremdet fühlt von der Politik der großen Parteien. Wenn du nichts hast und irgendwelche Populisten erklären dir, dass es an den Ausländern oder sonst wem liegt, dann gehst du ihnen einfach schnell auf den Leim.
Wie sieht du den wachsenden Erfolg von Nigel Farage und seiner Partei UK Reform? Was passiert, wenn er Premierminister werden sollte?
Das wird die totale Shitshow voller Schuldzuweisungen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Partei überhaupt in der Lage ist, eine Regierung zu bilden. Aber wenn sie es schaffen, aus welchen Gründen auch immer, dann halten die sich nur für eine Amtszeit, wenn überhaupt. Diese Leute wollen nur an die Macht und ihren Einfluss so lange wie möglich behalten. Die machen keine Politik, sondern nur Geschäfte. Mit ihren merkwürdigen Ideen, wie man Nationalstaaten zu alter Größe zurückführen kann. Aber in Wirklichkeit geht ihnen immer nur um persönliche Ziele und ihre Gier nach Macht und Geld. Fick all diese Typen. Ich hasse Politiker.
Was ist rund um den Release von „The Demise Of Planet X“ geplant?
Ab Februar werden wir mit dem neuen Album auf Tour gehen. Zuerst im Vereinigten Königreich und Irland. Ab März dann auch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Bei euch sind Shows in Berlin und Hamburg geplant. Ab April geht es dann rüber nach Australien und Neuseeland. Termine für die Vereinigten Staaten sind auch in Vorbereitung. Im Sommer stehen wieder Festivals auf unserem Programm. Für die zweite Jahreshälfte planen wir weitere Konzerte in Europa und in Südamerika. Es wird also ein sehr arbeitsreiches Jahr werden. Aber ich beschwere mich nicht. Ich liebe es, das ist mein Job.
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