SLIME

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Angst und Hass fressen Seele auf

Ein neues SLIME-Album ist raus. Je nach Zählung ist es das Dreizehnte. Worauf sich auch der kryptische Titel „3!+7hoch1“ bezieht. Und es ist das zweite mit Tex Brasket als Sänger. Von einer Band, die sprachgewaltig und wandlungsfähig seit 45 Jahren Teil der deutschen Punk-Szene ist, von polarisierend (damals) bis einfühlsam (heute) eine thematisch große Bandbreite beackert. Politisch immer deutlich Stellung beziehend, aber nicht dogmatisch und sich auch mal gegen aktuelle Strömungen positionierend. Wir haben für die Ox-Titelstory alle Beteiligten befragt: Sänger Tex, Drummer Alex, Gitarrist Christian sowie Elf (gt) und Nici (bs), die hier den Anfang machen.

Wie geht es euch?

Elf: Etwas verkatert. Wir haben gestern nachmittags auf einem Festival im Emsland gespielt, waren früh zu Hause und haben dann noch bei Nici in der Kneipe mit Bekannten was getrunken.

Mit welcher Begeisterung, mit wie viel Spaß fährt man nach all den Jahren noch an einem Samstag auf ein Festival?
Elf: Das macht immer noch voll Bock, ist doch klar. Deswegen macht man das. Am wenigsten Spaß macht Proben.
Nici: Und stundenlang auf der Autobahn unterwegs sein.
Elf: Und das Rumgefahre und Rumgehänge. Wie Keith Richards mal gesagt hat: Als Musiker sitzt du 90% der Zeit irgendwo rum und wartest.
Nici: Wenn das alles keinen Spaß mehr machen würde, würde man das auch nicht mehr machen. Ohne Spaß ist alles nix, gerade bei dieser Sache.

Klären wir doch zu Beginn mal, wie man das neue Album nennt. Aussprechen kann man den Titel „3!+7hoch1“ doch gar nicht, so wie er da steht.
Elf: Ja, lies den halt einfach so vor. Obwohl, ich krieg das auch gar nicht auf Anhieb hin. Drei Ausrufezeichen mal sieben hoch eins, oder?
Nici: Das ist eine Matheformel und daraus ergibt sich 13. Das ist so der Witz. Wir wollten mal ein bisschen schlau erscheinen.

Da hätte ich einfach mal das Ding bei einer KI reinkopieren müssen und die hätte mir das Ergebnis 13 angezeigt.
Elf: Ich kannte das auch nicht, das kommt aus der Physik. Die genaue Bezeichnung haben uns Leute, die sich damit auskennen, in die Kommentare geschrieben.

Ich bin in Mathe beim Abi gerade mal eben so durchgekommen. Wie wart ihr in der Schule in Mathe?
Elf: Ich war auch schlecht in Mathe. Die Idee kam von Alex, keine Ahnung, woher er diesen Einfall hatte.
Nici: Wahrscheinlich von seinen Kindern. Die können sicher auch besser Mathe als er.
Elf: Man hätte auch eine andere Zahl nehmen können, weil die Frage ist ja: Ist es überhaupt das 13. Album? Das haben wir erst dann nachgezählt. Und dann kamen wir auf die 13 mit den beiden Live-Platten und der Scheibe „Die Letzten“, was ja auch so eine halbe Live-Platte mit ein paar neu aufgenommenen alten Songs und Coverversionen ist.

Für die vielen Jahre, selbst wenn man die Pause mit einrechnet, sind es gar nicht so viele Platten, die SLIME gemacht haben. Es gibt ja Lieblingsbands, die gefühlt jedes Jahr eine Platte rausgehauen haben.
Elf: Du machst mit der Zeit immer weniger Platten und dafür aber bessere. Du lässt dir mehr Zeit zum Songwriting und für die Produktion, der Sound wird geiler. Wir haben in den ersten dreieinhalb Jahren mit SLIME drei Alben gemacht. Wenn man mit so was anfängt, tut man das auch noch unbedarft und mit Scheißegal-Attitüde, sagt sich, wir müssen nicht perfekt sein. So denken wahrscheinlich heute die wenigsten Leute, und wer eine Metalband gründet, der übt erst mal fünf Jahre, dann erst wird eine Platte gemacht. Das haben wir damals gar nicht gemacht, das war uns scheißegal. Und deswegen hat man auch so schnell Platten gemacht, man hatte ja auch gleich so einiges an Ideen für Songs, die man live gespielt hat. Wir hatten schon beim ersten SLIME-Album ein paar Songs mehr, als auf der Platte sind. Die sind dann auf „Yankees raus“, deswegen ging das so schnell. Das war ja bei den ganzen Bands damals so, bei den englischen Punkbands oder den RAMONES auch, die haben anfangs alle eineinhalb Jahre eine Platte rausgebracht.

Oder HÜSKER DÜ, die haben in drei Jahren fünf Alben gemacht. Die waren auch mal auf Aggressive Rockproduktionen, wie ihr. Und wie dann auch KREATOR, wenn auch etwas nach euch, da hieß das Label dann Noise International. Punk war Mitte der 1980er nicht mehr so angesagt, Thrash Metal das neue Ding. Elf, wie erinnerst du diese Zeit? War der Punk irgendwie vorbei oder wie war das für euch so?
Elf: Also bei Deutschpunk hatten wir selbst irgendwie das Gefühl, das ist ein bisschen durch. Ich habe nach SLIME mit Eddie und Stefan Larsson noch TARGETS gemacht, eine Platte und zwei Singles beziehungsweise EPs. Zwei Jahre oder so haben wir das noch gemacht, aber da auch gemerkt, das ist irgendwie nicht mehr dasselbe. Wir waren mit PETER AND THE TEST TUBE BABIES auf Tour, die hatten einigermaßen Publikum, das war ganz witzig mit denen. Das war die neue Welle aus England mit diesen Bands, auch THE EXPLOITED und GBH und so. In Deutschland hat das gedauert, bis das ankam, da war zwei, drei Jahre lang eher wenig los. Da hat sich eine neue Szene etabliert, da haben die Leute erst mal angefangen, Bands zu gründen, eher in die Hardcore-Richtung. Bis die so 1987/88 ein bisschen bekannter geworden sind, war da echt ein Loch. Man hat sich ja selbst zwischendurch auch mal anders orientiert und versucht, Musik mit anderen Leuten zu machen. Das waren echt abgefahrene Sachen, etwa mit Uwe Bastiansen, mit dem ich eine Zeit lang bei ABWÄRTS gespielt habe. Da haben wir ganz schräges Zeug gemacht, mehr so Gothic-Mucke, BAUHAUS, KILLING JOKE und solche Sachen fanden wir geil. Und dann kam Uwe um die Ecke mit zwei so Vögeln, die wollten auch so was in die Richtung machen. Das waren En Esch und Sascha von KMFDM, „Kein Mehrheit für die Mitleid“. Ich und Uwe haben in der allerersten Version dieser Band mitgespielt, das weiß keiner so wirklich, glaube ich. Da gab es auch noch keine Platten, die sind dann, als das alles nichts gebracht hat in Deutschland, in die USA gegangen und dort erst erfolgreich geworden.

Nici, wie hast du damals SLIME wahrgenommen?
Nici: Ehrlich gesagt habe ich damals überhaupt keinen Deutschpunk gehört. Ich habe das völlig gehasst. SLIME habe ich das erste Mal gehört Ende der 1990er, Anfang der 2000er. Das war die einzige deutschsprachige Band, bei der ich dachte, das kann man sich anhören. Der ganze andere Kram, dieser Uffta-Scheiß mit dummen Texten, hat mir überhaupt nicht gefallen. Also dass ich hier gelandet bin, ist eigentlich ein Wunder, wenn man davon ausgeht, was ich so an Musik gehört habe. Bei mir war da ganz viel englischer und amerikanischer Punkrock, deutschen Punkrock fand ich total beschissen. Wenn ich so was mal gehört habe, dachte ich: Oh Gott, was ist das für ein Scheiß?
Elf: Aber dann bist du doch erst mal bei DIE MIMMI’S gelandet.
Nici: Ja, aber das war nur, weil Fabsi mich damals angerufen und bekniet hat. Ich hatte damals mit Lars Löding und Ole Paskarbeit von den DIMPLE MINDS eine Band namens GREASEBALL – Lars hat da englisch gesungen. Und so ist Fabsi auf mich aufmerksam geworden, für so ein Revival-Ding, drei, vier Auftritte und dann ist das Ding passé. Und dann habe ich mir halt die paar Songs draufgeschafft, habe mit denen geprobt, damals war noch Lars Köster dabei. Wir hatten ein paar Auftritte und dann hat sich das ergeben, dass viele Leute angefragt haben, ob wir nicht noch mehr spielen wollen. Und so bin ich da irgendwie reingerutscht, ungewollt. Das war der totale Zufall, auch mit SLIME. Wir haben uns kennengelernt auf der MIMMI’S- und RUBBERSLIME-Tour. Ein paar Jahre später kam dann die Idee von Elf, eine SLIME-Reunion zu machen, ich glaube, das war 2009. Da hat er natürlich die ganzen alten Jungs gefragt, Christian, Stefan und Eddie.
Elf: Ja, aber Eddie konnte und wollte nicht mehr so richtig. Der ist ja auch Unternehmer geworden, so wie Stefan. Die sind beide selbständig, die hatten gar keine Zeit für so was. Die haben gesagt, ja, mach das mal, das ist schon okay für uns. Und dann dachte ich mir, okay, jetzt frage ich Nici und Alex.
Nici: Alex hat damals auch bei den MIMMI’S gespielt.
Elf: Genau, Alex konnte sowieso besser spielen als alle anderen Drummer in Deutschland, und Nici war eine geile Bassistin. Und eine Frau in die Band zu nehmen, das fanden wir alle eine geile Idee, obwohl das damals noch gar kein Thema war.
Nici: Vorher war das den Leuten scheißegal, ob da eine Frau in der Band spielt oder nicht. Das kam ja wirklich erst vor fünf Jahren oder so auf. Also waren wir schon so weit voraus, als die ganzen anderen noch gar nicht drüber nachgedacht haben, haha.

Wenn man das mal rekapituliert, stellt man fest, dass die erste SLIME-Phase nur fünf Jahre umfasste, von 1979 bis 1984. Und die zweite Phase ging von 1990 bis 1994. Die dritte, aktuelle Phase aber dauert nun schon seit 2009 an, das sind 16 Jahre, mehr als die beiden „legendären“ Phasen davor zusammen. Ein seltsames Missverhältnis in der Wahrnehmung, oder?
Elf: Ja, stimmt. Und mit der neuen Besetzung haben wir jetzt schon fünf Studiolben gemacht.
Nici: Ich wundere mich manchmal, wie spießig manche Leute bei Bands reagieren, wenn sich was verändert. Nämlich so wie meine Eltern: „Früher war alles besser.“ Also ich finde diese rückwärtsgewandte Haltung schlimm, immer an dem Alten festzuhalten, nur das Alte war geil und alles Neue ist scheiße – das ist für mich das totale Spießertum. Die Großeltern haben beim Rock’n’Roll gesagt „Was ist denn mit denen los?“, meine Eltern haben gesagt, früher war alles besser, und jetzt fangen die Leute schon wieder mit diesem Scheiß an. Ich finde das total behämmert und völlig beschränkt. Ehrlich gesagt, ich ignoriere das auch. Mir ist das total egal, was die Leute labern – lass sie labern! Wenn es dir nicht gefällt, dann hör es dir nicht an. Ganz einfach. Oder halt die Fresse.
Elf: Ich finde es auch durchaus immer spannend, wenn es bei anderen Bands solche Entwicklungen gibt, etwa jetzt die SEX PISTOLS mit Frank Carter. Da habe ich sofort versucht, mir irgendwas anzuschauen bei YouTube, als ich davon gehört hatte. Ich finde das gut, was die machen, und John Lydon war schon in den 1990ern grenzwertig. Wie er da gesungen hat, das war schwer zu ertragen. Das klang nicht mehr so, wie das klingen soll, der hat in diesem PiL-Singsang rumgejohlt. Und der Typ jetzt, der singt das originaler als John Lydon das zuletzt gesungen hat.

Was uns wieder zu SLIME bringt, den Abgang von Diggen und den Einstieg von Tex ...
Elf: Also wenn wir den nicht gefunden hätten, wäre eine total coole Sängerin auch so ein Ding gewesen. Aber ich weiß nicht, wie das angekommen wäre hier in Deutschland bei den alten Fans.
Nici: Die Leute finden ja immer irgendeinen Kram, warum sie rumflennen können. Wie die alten Waschweiber, mich nervt das.
Elf: Es kommt letztendlich nur darauf an, wie geil das ist.
Nici: Entweder ist die Mucke gut oder nicht.
Elf: Und dann die Leute wieder: „Ich vermisse den alten Sänger.“ Ja, du kannst dir doch die Platten anhören, wo der singt, oder? Wo ist das Problem? Live ist es nun mal so, wie es jetzt ist. Da spielt auch der alte Drummer nicht mehr mit und der alte Bassist auch nicht. So fucking what? Dinge ändern sich. Take it or leave it. Und das funktioniert ja auch, das ist ja das Gute. Wenn du so einen guten Sänger hast wie Tex, der geile Texte schreibt, die ganz woanders hingehen, ist mir das echt mehr wert. Und Stefan, unser alter Trommler, der findet das auch gut, auch die Texte. Das ist gut, wenn der maßgebliche Texter von früher so was sagt.
Nici: Das ist eine Meinung, die mich interessiert.

Da fällt mir die Textzeile von DIE ÄRZTE ein: „Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu.“ Und die Leute, die zu Hunderten zu euren Konzerten kommen, die tun das ja nicht, weil sie jemand zwingt, sondern weil sie Bock drauf haben.
Nici: Genau. Und was auffällt: Unser Publikum hat sich seit Tex maßgeblich verjüngt, bei Diggen war es älter.

Woran liegt das?
Nici: Das liegt an der letzten Platte , da bin ich mir ziemlich sicher. Da sind Texte drauf, von denen sich auch Youngster richtig angesprochen fühlen. Die Texte sind immer noch irgendwie politisch und gesellschaftskritisch, und Tex rappt teilweise fast schon. Das hat ja schon ein bisschen was von HipHop-Style. Diese Art und Weise ist für junge Leute irgendwie zugänglicher als die vorher.

Elf: Es hat eine gewisse Modernität im Vergleich zu Diggen. Der war ein Oldschool-Shouter und zwischendurch der Politkasper mit den Ansagen. Das fanden viele Leute gut, aber manchmal war es echt drüber. Das ist jetzt ein bisschen weniger und das ist schon gut so. Wir haben uns musikalisch ein bisschen entwickelt, das ist vielleicht sogar mehr Rock als Punk, obwohl wir immer noch nicht perfekt spielen. Wir sind schon fast mehr eine Rockband.

Schon bei den ersten drei Platten ist mir – im Nachgang – aufgefallen, dass es einst einerseits diese Punkbands gab, die einfach relativ schäbig runtergerotzt haben, was auch geil war, aber SLIME hatten damals schon so einen gewissen rock’n’rolligen Groove.
Elf: Ich habe eine Menge der Songs geschrieben, und damals waren wir alle Fans von THE CLASH, THE RUTS, STIFF LITTLE FINGERS und THE SPECIALS, von diesen Reggae-Einflüssen. Das war unsere Mucke. Aber eben auch Rock, wir sind aufgewachsen mit Glamrock, mit SLADE, SWEET, T. REX, ALICE COOPER. Davon waren wir Fans, bevor es Punk gab. Und haben dann Sachen entdeckt wie MC5 und STOOGES, was auch sehr rockig ist, mit Gitarrensoli und so. Daher rührt das ganze Konglomerat, aus dem unsere Musik entstanden ist. Bei anderen Bands war es vielleicht ein bisschen anders. Wobei, DAILY TERROR haben auch zwei, drei Nummern mit Reggae-Versuchen auf den ersten zwei Platten. Das war schon ein großer Einfluss, auch für deutsche Bands. Gut, bei TOXOPLASMA und CANAL TERROR eher nicht, die waren mehr Hardcore, da ging es eher schneller und brutaler zur Sache.

Die Arbeit am neuen Album habt ihr 2024 begonnen. Wie geht ihr heutzutage an ein Album ran? Macht man sich heute mehr Gedanken als früher?
Elf: Seit 2010, als wir neu angefangen haben, mache ich das so, dass ich das zu Hause vorproduziere. Ich nehme also musikalische Ideen auf dem Computer auf. Die Möglichkeiten dafür werden immer besser, und wenn du dich einigermaßen auskennst mit den Schlagzeug- oder Gitarren-Soundprogrammen, kannst du einen amtlichen Sound basteln als Demo. Danach hätten wir uns früher alle zehn Finger abgeleckt und hätten gesagt, was für eine geile Produktion ist das denn? Das klingt alles schon vorher besser als die ersten drei SLIME-Platten im Endeffekt. So produziere ich vor und sammle Ideen, man hat ja durchaus Zeit, wenn man nicht ansonsten noch arbeitet, was ich nicht mache. Arbeit ist scheiße, immer noch.
Nici: Dann schickt Elf das rum.
Elf: Diese Vorschläge sind schon so konstruiert, wie ein Song halt so konstruiert ist: Der fängt mit dem Intro an, dann kommt ein Strophenteil, vielleicht eine Bridge und ein Refrain und dann noch mal. Wie das eben so geht bei dieser Musik, wir machen ja keinen Progrock, also ist es relativ simpel, rock’n’rollig und punkig. Und dann schicke ich das an Tex, denn wir haben ja jetzt einen Sänger, der Texte schreibt. Das hatten wir vorher nicht. Tex hat sich dann Lieder ausgesucht. Ich hatte mehr, als wir jetzt insgesamt aufgenommen haben. Vier, fünf Stücke sind noch übrig, die nehmen wir vielleicht fürs nächste Mal, zu denen hatte er jetzt keine Idee. Teilweise hat er die Texte sogar im Studio zu Ende geschrieben. Wir waren diesmal jeweils maximal drei Tage im Studio und dann war Pause, eine Woche oder zwei. Da wurden immer ganz konkret zwei oder drei Nummern fertig gemacht. Während wir das gemacht haben, also Recording von Schlagzeug, Gitarren und Bass, hat Tex noch an den Texten gefeilt und wir haben unsere Ideen eingebracht.
Nici: Auch konkrete Ideen zu Inhalten. Wir saßen da zusammen, hatten ein Stück, das fanden wir gut, aber da war noch kein Text da. Und dann gab es ein Brainstorming innerhalb der Band. Man hört die Musik und dann diskutiert man, was stelle ich mir für einen Text zu diesem Sound vor? Und so wurden Ideen gemeinsam erarbeitet. Und Tex hat Songzeilen, die zum Beispiel ich in den Raum geworfen habe, aufgefangen und hat damit was aufgebaut. Es war ein konstruktives Arbeiten von uns allen. Und zwei Songs, „Evolution“ und „Saufen“, die sind direkt im Studio entstanden, Text und Melodie.
Elf: Ein paar Ideen waren da, aber die haben wir noch umgestrickt, und das auch mit der wertvollen Hilfe von Jörg Umbreit, der das Ganze produziert hat. Das war diesmal ein ganz anderes Arbeiten. Sonst war das immer so bandintern, Christian Mevs hatte ja ein Studio in Berlin, das er aber mittlerweile aufgegeben hat. Also haben wir immer bei ihm aufgenommen, und da waren die Sachen alle vorher schon fast fertig. Die Texte sind von anderen Leuten geschrieben worden. Mein alter Kumpel Andi Hüging hatte was geschrieben, oder Nici und ich – also auf der „Hier und Jetzt“, und Max Leßmann hat den Text geschrieben zu „Sie wollen wieder schießen dürfen“. Denen habe ich damals Demos geschickt, das sind professionelle Songwriter, die haben eben was Passendes geschrieben. Geil, wunderbar, nehmen wir, danke. Und Diggen hat das nur noch singen müssen. Das war ein anderes Arbeiten als jetzt, aber so ist es geiler. Kreativität im Fluss, mit Änderungsmöglichkeit direkt vor Ort. Man nimmt das heute ja alles auf Klick auf, es wird ganz exakt getrommelt und du kannst das dann perfekt schneiden. Du kannst einfach sagen, der Part, der ist zu lang, schnibbeln wir ein Stück raus oder wir hängen noch was dran. Das ging früher nicht, weil da haben wir ohne Klick eingetrommelt, quasi live, und dann war es so, wie es gespielt wurde, da konntest du nichts mehr dran ändern, höchstens noch eine zusätzliche Gitarre drauf spielen. Das war alles viel aufwändiger.

Welche sind für euch auf dem neuen Album die zwei, drei Stücke, wo ihr sagen würdet, das sind für euch die Höhepunkte?
Nici: „Evolution“ ist ein Favorit von mir, und „Schatten“ ist mega. Und „Rotterdam“ auch. Wenn ich jetzt auf die Titelliste schaue, sind da für mich nur mega Lieblingssongs dabei, aber herausstechend sind auf jeden Fall „Evolution“, „Saufen“ und „Schatten“. Aber „Ich lösch mich“ finde ich auch super, das ist eine schöne Internetkritik.
Elf: Ich finde, wir haben da echt eine geile Platte hingekriegt, die sich unterscheidet von der ersten mit Tex. Da war ganz viel von seinen persönlichen Lebenserfahrungen drauf, dieses Obdachlosigkeitsding mit Songs wie „Taschenlampe“ und so. Es hat total authentisch gepasst und Tex’ Geschichte war ja der Grund, wieso wir ihn überhaupt kennengelernt haben. Er ist bei Chris im Studio gelandet, weil er bei einem Radio-Wettbewerb zum besten Straßenmusiker aus Berlin Studiozeit gewonnen hat – und so ist er bei Mevs gelandet. Mevs hatte ihn vorgeschlagen als Support für die legendäre SO36-Show, die am 13. März 2020 stattfinden sollte – und dann kam der Corona-Lockdown. Das Konzert haben sie am selben Tag abgesagt, Alex war schon auf halbem Weg nach Berlin, wir noch in Bremen.
Nici: Wir wollten da auch noch meinen 50. Geburtstag feiern.
Elf: Als das losging mit Diggen, rein und raus und jetzt doch nicht mehr und so, da kam dann die Idee, was ist eigentlich mit diesem Tex? Total geil, der Typ, lass uns den doch mal fragen, vielleicht hat er ja Bock drauf. Das war alles so eine Verkettung von Zufällen, das hatte was von einem Butterfly-Effekt.
Nici: Und ohne Corona wäre das auch nichts geworden, nur so hatte man diese Zeitspanne, konnte entspannt an die Sache rangehen und schauen, was geht. Man hatte die Ruhe, weil es war ja nichts. Also eigentlich darf man das fast nicht sagen, aber Corona war für uns fast schon ein bisschen ein Segen.
Elf: Diese Pause, die war schon echt gut. Es könnte sein, dass wir uns ohne die Corona-Pause tatsächlich darauf eingelassen hätten, was Diggen gerne gehabt hätte, so eine Abschiedstour. Die hätte dann auch in dem Jahr stattfinden müssen, Ende 2020. Und das ging ja nicht. Aber keiner wusste, wie lange der Quatsch dauert, und ich sagte mir, ich warte nicht zwei Jahre und mache dann noch eine Abschiedstour mit Diggen. Da hatte ich spontan keinen Bock mehr drauf ...

... und der Rest ist Geschichte. Wir hatten uns vor ein paar Wochen in Münster bei CIRCLE JERKS und DESCENDENTS getroffen und über Politik diskutiert. Es gibt diesen Begriff „Zeitenwende“ in Bezug den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, und wenn man sich mal anschaut, wie lange SLIME schon existieren, dann sind das schon sehr unterschiedliche geschichtliche Phasen. SLIME I, das war noch die alte, westdeutsche Bundesrepublik. SLIME II fand mit dem epochalen Album „Schweineherbst“ in der Zeit nach der Wiedervereinigung in einem ganz anderen Deutschland statt. Dann gab es SLIME III nach der Bandreunion, und jetzt sind wir bei SLIME IV mit Tex, nach Corona und Ukrainekrieg und 7. Oktober 2023. Der Bandname ist heute derselbe, von SLIME I sind aber nur Christian Mevs und du, Elf, geblieben, alles andere drumherum ist anders.
Elf: Die Welt dreht sich weiter, irgendeine Scheiße passiert. Damals gab es auch irgendwelche Kriege und Stellvertreterkriege, irgendwelchen Irrsinn auf der Welt, über den man dann Songs geschrieben hat. Nimm zum Beispiel ein Stück wie „Alptraum“, das ist immer noch so aktuell wie vor 40 Jahren.
Nici: Was sich geändert hat und was ich jedem ans Herz legen kann: Angst und Hass fressen deine Seele auf. Lass es einfach. Ich glaube, das ist heute die Haltung von SLIME: Gegen diese Angstmacherei anzutreten, gegen diesen Hass, den die Leute verspüren, vor allem dieses Treten nach unten, was die Leute ja ganz gerne machen. Man muss sich ja nur anschauen, was gerade in den USA abgeht. Ich kann nur jedem abraten, sich diesen Gefühlen, dieser Propaganda, diesen Hetzmeistern, die überall auf der Welt rumlaufen, auszuliefern. Hört auf, Angst zu haben vor irgendwelchen Sachen. „Et kütt wie et kütt“, wie der Kölner so schön sagt. Und hört auf rumzuhassen, sondern fasst euch erst mal an eure eigene Nase. Es war schon immer die Essenz von SLIME, den Finger in die Wunde zu legen. Und ich glaube, die Wunde, die die Welt im Moment hat, ist dieser unbändige Hass und diese unbändige Angst, die auch im Internet solche Wellen schlagen. Das finde ich prinzipiell unerträglich. Ich weiß nicht, ob das schon immer so war, habe aber das Gefühl, dass wir in Zeiten leben, wo das extrem ist. Wo so viele Leute unbegründet Angst haben und auch unbegründet hassen.
Elf: Das hat bestimmt was mit dem Internet zu tun, mit den sogenannten sozialen Netzwerken. Dazu haben wir zwei Songs auf der neuen Platte. „Ich lösch mich“ ist der eine, „Was glaubst du“ der andere: der einsame Vogel, der in Facebook irgendwelche Hass-Scheiße reintippt. Facebook, Instagram, alles dieselbe Kacke, das kannst du ja wirklich nicht mehr lesen.

Es gab Zeiten, real oder vielleicht auch nur gefühlt, wo Weltbilder einfacher waren. Auch SLIME haben einst mit bestimmten Texten Themen sehr verkürzt auf einen Refrain, siehe „Deutschland muss sterben“ oder „Polizei SA SS“. Da war nicht viel Raum für Diskurs und von vielen Leuten wird die Band in einer fast schon verkitschten Form bis heute auf so was reduziert.
Elf: Ja, das sind die Leute, die sagen: „Ich fand nur die ersten drei SLIME-Platten gut.“ Genau deswegen, wegen dieser relativ stumpfen Songs, die wir damals als Jugendliche, geschrieben haben. Ich würde nie wieder so einen Nazi-Vergleich machen wie im Text von „Polizei SA SS“. Mit RUBBERSLIME hatten wir das ja noch mal 2002 oder so als „USA SA SS“ auf irgendeinem bescheuerten Sampler. Das war Schwachsinn, ganz klar. Man ändert dann auch wirklich mal seine Haltung. Wir waren als Punks damals, also Ende 1970er, Anfang der 1980er, allesamt in dieser Szene, linksradikal und RAF-Sympathisanten. Völlig bescheuert. Niemand hat sich darüber Gedanken gemacht, wofür die eigentlich stehen, was das für Wichser sind, diese Leute. Die Hippies, die wir auch in der Community drin hatten, sind mit Pali-Lappen rumgelaufen, das war eine ganz komische Szene. Keiner hat sich darüber Gedanken gemacht, dass das ein übelst antisemitischer Bullshit ist, der da läuft. Das kam erst später irgendwann, ich glaube, sogar nachdem die RAF sich aufgelöst hat. Da gab es diese Flugzeugentführung, wo es hieß, Pässe raus, und dann haben sie die aussortiert, die Juden nach vorne, die sollten als Erste erschossen werden, wenn die Forderungen nicht erfüllt werden.

Du meinst die Flugzeugentführung von Entebbe im Jahr 1976, bei der deutsche Mitglieder der Revolutionären Zellen zusammen mit Palästinensern ein Flugzeug von Air France entführten.
Elf: Ja, und es war Hans-Joachim Klein von den RZ, der später sinngemäß sagte: Moment mal, ich als Deutscher, Linker und Antifaschist beteilige mich hier an Selektionen von Juden. Das ist genau die gleiche Scheiße, die unsere Großväter gemacht haben. Da bin ich raus, da habe ich keinen Bock mehr drauf. Das fand ich beeindruckend. Da hat man sich dann schon mal Gedanken gemacht, und der hatte natürlich völlig recht. Diese ganze komische linke Antiimp-Szene damals ... Ich wusste gar nicht, dass es heute immer noch einige von diesen Schwachmaten gibt.
Nici: Ehrlich gesagt muss ich aber sagen, dass ich verstehe, dass man, wenn man jung ist, auch irgendwelchen Idealen nachhängt. Es gibt doch diesen Spruch: Wer mit 18 kein Kommunist ist, hat kein Herz, und wer mit 30 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand. Ich finde, das erklärt so einiges. Ich finde es normal und gut, dass junge Leute Ideale haben und an eine bessere, gerechte Welt glauben. Aber ich glaube, wenn man älter wird, merkt man, dass das alles nicht so schwarzweiß ist. Dieses Schwarzweißdenken hört dann auf. Und man hat auch viel mehr Informationen. Nachdem ich das Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Stefan Aust gelesen hatte, habe ich vieles komplett anders gesehen. Lest das Buch und dann seht ihr, was für ein Penner dieser Baader war.

Können wir uns darauf einigen, dass SLIME nach 45 Jahren einfach auch ein bisschen erwachsen sein dürfen und man damit klarkommen kann?
Elf: Ja, das wäre nett, wenn du das schreiben würdest.
Nici: Wir sind keine Teenies mehr. Wir haben uns schlau gelesen.
Elf: Wir waren damals schon nicht so krass involviert in irgendwelchen Gruppierungen. Diggen ist aus irgendwelchen K-Gruppen raus und in den Punkrock rein. Man hat ganz allgemein irgendwelche Antifa-Zusammenhänge gehabt.
Nici: Wer ein Herz hat und eine Seele, der ist gegen Faschismus und Menschenverachtung jeglicher Art, überall auf der Welt.
Elf: Was du, Nici, eben gesagt hast, mit Kommunismus und so: Ich habe da nie dran geglaubt. Die ersten Fahrten nach Berlin von Hamburg aus durch die DDR, an diesen Grenzkontroll-Arschlöchern vorbei, da haben wir schon gedacht, wir sind nicht umsonst Anarchos. Weil diese beschissenen Wichser da, die sich Kommunisten nennen, das sind die größten Arschlöcher überhaupt, die haben ja nur rumgenervt oder einen kontrolliert und durchsucht. Da habe ich schon gewusst, wo ich stehe. Und Karl Walterbach von unserem Label Aggressive Rockproduktionen, der hatte Kontakte nach Ost-Berlin, da ahnte man, was die Punk-Szene dort ertragen musste, wie geheim die alles machen mussten, weil sie sonst in den Knast kommen. Uns war damals schon klar, dass es in Westdeutschland nicht so schlimm ist. Man musste als Punkband wie SLIME sogar mit solchen Texten wie unseren eigentlich keine Angst haben, deswegen in den Knast zu kommen. In der DDR wärst du mit Texten wie von SLIME, die eigentlich links sein sollten, in den Knast gegangen. Auf dieses Links hatten die da keinen Bock.
Nici: Letztendlich war das ein faschistisches Regime in der DDR.
Elf: Es kommt drauf an, wie du handelst, und nicht, was du sagst. Auch als Staat. Es gibt diese 14 Punkte von Umberto Eco, die Faschismus beschreiben. Und wenn zwei Drittel von denen zutreffen, dann ist man eigentlich schon da. Wenn du die Opposition in den Knast steckst und solche Sachen. Das ist alles das, was die Russen machen, was die Sowjetunion gemacht hat, die ganzen Warschauer-Pakt-Staaten haben das gemacht. Ja, das Wirtschaftssystem war irgendwie sozialistisch, aber unerfolgreich.
Nici: Wenn der Funktionär in seiner Villa sitzt, dann hat das mit Kommunismus eben nichts mehr zu tun.
Elf: Das heutige China ist ja noch schlimmer. Die haben eine kommunistische Partei, aber eigentlich ist es der reinste Kapitalismus, den man sich vorstellen kann. Gnadenlos. Die haben ja noch nicht mal eine Sozialversicherung oder so was. Ihr nennt euch noch Kommunisten? Was seid ihr denn für Gangster? Das ist das Allerletzte.
Nici: Oder schau dir die USA an, da regieren Korruption und Verlogenheit. Und die nennen sich Christen. Ich glaube nicht, dass Donald Trump auch nur einen Furz auf die Bibel gibt und auf das Christentum.
Elf: Letztlich sind alle Religionen gequirlte Scheiße. Das haben wir schon damals in unserem schönen Lied „Religion“ gesungen. Ja, eben.

Es wurde also alles bereits gesagt. Lest euch die SLIME-Texte durch, da steht alles.
Nici: Genau, da steht alles drin. Und lest euch auch unsere neuen Texte durch, da steht dann noch mehr drin.

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Diskografie
„Slime I“ (LP, Eigenproduktion 1981, Aggressive Rockproduktionen 1982) • „Yankees raus“ (LP, Aggressive Rockproduktionen, 1982) • „Alle gegen Alle“ (LP, Aggressive Rockproduktionen, 1983) • „Viva la Muerte“ (LP/CD, Aggressive Rockproduktionen, 1992) • „Schweineherbst“ (LP/CD, Indigo, 1994) • „Sich fügen heißt lügen“ (LP/CD, People Like You, 2012) • „Hier und jetzt“ (LP/CD, People Like You, 2017) • „Wem gehört die Angst“ (LP/CD, Arising Empire, 2020) • „Zwei“ ( Doppel-LP/CD, Hulk Räckorz, 2022) • „3!+71“ (LP, Hulk Räckorz, 2025)

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