© by Vincent GuglielmoNach zehn Jahren ohne neues Album und mit nur wenigen Shows sind sie mal eben zum TikTok-Phänomen geworden und trotzdem nicht aus der Ruhe zu bringen. Auf den ersten Blick scheint es SUPERHEAVEN-Sänger und -Gitarrist Taylor Madison fast ein wenig zu übertreiben, wenn er betont, wie unbeeindruckt ihn der Erfolg seiner Band lässt. Er hat auch kein Problem, als tourender Musiker zu unterstreichen, wie sehr ihm das Touren eigentlich missfällt. Aber wie bei der Band aus Pennsylvania selbst ist auch im Interview nichts gekünstelt. Es liefert keine Clickbait-Headlines für Social Media, ist aber ein klarer Gewinn für die Fans.
Ein Jahrzehnt ohne neue Veröffentlichung, dennoch habt ihr gerade in den letzten Jahren viele neue Hörer hinzugewonnen. Wie hast du dieses Wachstum wahrgenommen?
Es ist einfach cool. Wir werden oft gefragt, wie wir das empfinden, auch was das ganze TikTok-Zeug angeht. Es ist eine gute Sache, aber es ist nicht so, dass wir davon abhängig wären. Wir sind keine Internet-Band. Es ist nicht das, was uns ausmacht, aber insgesamt ist es natürlich positiv. Wir fühlen uns gut damit.
Hattet ihr das Gefühl, euch aufgrund steigender Streaming-Zahlen in irgendeiner Weise anpassen zu müssen? Also zum Bespiel mehr Präsenz auf Social Media zu zeigen?
Nein, nicht wirklich. Wir versuchen, es ziemlich einfach zu halten. Wir sind alle Männer in den Dreißigern, also wollen wir uns da nicht verbiegen. Auch wenn wir durch das, was passiert, ein jüngeres Publikum erreichen, haben wir keine neue Zielgruppe für uns definiert. Wir machen einfach, was sich für uns natürlich anfühlt, und gehen damit weiter. Ohnehin sind wir auch nicht die Typen, die ständig online sind.
Was hat sich durch die jüngeren Hörer verändert?
Man sieht definitiv mehr junge Leute bei den Shows und das gefällt mir, weil Musik jüngeren Menschen in der Regel am meisten bedeutet. Auf der anderen Seite ist das Internet heute ein anderer Ort als zu unserem letzten Album. Es ist ein viel kritischerer Ort geworden. Aber so ist das nun mal.
In den Infos zum neuen Album „Superheaven“ finden sich viele Streamingzahlen. Daran wird Erfolg heute oft gemessen. Beschäftigst du dich sehr damit?
Buchstäblich nie. Andere in der Band achten auf so was, aber ich kümmere mich nicht darum. Natürlich bringt Streaming mir Geld und mein Leben wird dadurch ein wenig leichter, aber ich schenke dem Thema nicht viel Aufmerksamkeit.
In den letzten zehn Jahren habt ihr euch auch live rar gemacht, hat sich dadurch die Atmosphäre bei den Auftritten verändert?
Die waren dadurch wahrscheinlich besser. Wir haben früher sehr viel getourt und die Shows waren nicht immer die besten. Dadurch dass das Ganze exklusiver geworden ist, hat es eher Event-Charakter als etwas, das man sich demnächst einfach wieder anschauen kann.
Warum habt ihr euch 2015 nach „Ours Is Chrome“ zurückgezogen?
Wir waren einfach müde. Wir haben hart gearbeitet, aber es fühlte sich an, als würden wir auf der Stelle treten. Ich selbst mag das Touren nicht besonders. Ich bin auch jetzt gerade unterwegs, aber ich liebe es nicht. Irgendwann haben wir uns einfach gesagt: Lasst uns damit aufhören. Es gab keinen bestimmten Grund, sondern einfach das Gefühl, dass es nicht mehr passt.
Und was war dann der Anlass zurückzukommen?
Es ist jetzt um einiges einfacher, angesichts der Tatsache, dass wir in der Zwischenzeit ein bisschen mehr Anerkennung bekommen haben – finanziell, logistisch. Außerdem können wir besser mit unseren eigenen Erwartungen umgehen und wissen genauer, was wir wollen. Die persönlichen Beziehungen zwischen uns vieren haben sich ebenso verbessert, wir sind alle viel reifer geworden. Heute versuchen wir, unsere Erwartungen eher niedrig zu halten: Wir spielen ein paar Shows und machen eine Platte, und wenn die Leute sie mögen – cool. Und wenn nicht, dann touren wir eben nicht mehr.
Du hast gesagt, dass du Touren nicht so sehr magst. Was ist es dann, was dir am Musikerdasein gefällt?
Das Schreiben und Aufnehmen von Musik. Das ist so der Teil, der es für mich ausmacht. Ich bin kein leidenschaftlicher Reisender und vermeide Unannehmlichkeiten um jeden Preis. Und Touren – vor allem international – können eine Menge Unannehmlichkeiten mit sich bringen, einfach weil du außerhalb deiner Komfortzone bist. Selbst innerhalb des eigenen Landes zu touren, kann schwierig sein. Man ist einfach so weit weg von allem und hat keine richtige Basis. Mit all dem komme ich nicht besonders gut klar. Für mich ist Touren einfach etwas, das ich tun muss. Versteh mich nicht falsch, ich habe dabei schon Spaß, aber es ist eben nicht mein Lieblingspart.
Wie ist „Superheaven“ entstanden?
Unser Bassist Joe nimmt ständig kleine Demos auf. Er singt nicht, es sind alles nur instrumentale Tracks mit Gitarre, Bass und Schlagzeug – manchmal ist ein kleiner Synthesizer dabei. Er hatte endlos viele Ideen, aus denen wir auswählen und aufbauen konnten. Und dann hatte der Rest der Band auch noch ein eigene Songideen. Also haben wir einfach angefangen, hier und da an diesen Stücken zu arbeiten. Auch bei den Proben hatten wir das konkrete Ziel, ein paar Songs zu schreiben. Es lief einfach gut. Schwierig war allerdings, dass Joe Kinder hat und wir alle auch noch in anderen Bands sind, die touren. Zeit zu finden war wahrscheinlich die größte Herausforderung bei der ganzen Sache.
Beim ersten Hören hatte ich den Eindruck, dass euer Sound ein bisschen härter geworden ist.
Wir wollten es so halten, dass das Ergebnis nach uns klingt, aber trotzdem etwas anders ist, damit wir uns nicht einfach wiederholen. Wir alle lieben heavy Gitarren und Bands wie FAILURE. Also war das Ziel im Grunde einfach: heavy Musik mit Melodie. Es gab keine spezielle Vorgabe, wir haben einfach gemeinsam mit den Ideen gearbeitet, die wir hatten – und das ist das Ergebnis.
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