© by Vincent GuglielmoViele Fans dürften die Hoffnung bereits aufgegeben haben, dass es noch mal ein neues Album von SUPERHEAVEN gibt. Die Band, die zuerst unter dem Namen DAYLIGHT auftrat, machte in den 2010ern mit ihrer nostalgisch klingenden Mischung aus Grunge und Shoegaze auf sich aufmerksam. Zehn Jahre nach „Ours Is Chrome“ veröffentlicht die Band nun ihr selbstbetiteltes drittes Album. Wir sprachen mit Frontmann Taylor Madison über Erwartungsdruck, die lange Auszeit und den plötzlichen Internet-Hype rund um ihren Song „Youngest daughter“.
Nach längerer Pause präsentiert ihr jetzt euer drittes Album. Gab es einen gewissen Druck, musikalisch noch mal nachzulegen?
Ich persönlich spüre ehrlich gesagt nicht viel Druck. Ich bin sehr stolz auf die Platte und fühle mich gut damit. Jetzt bringen wir das Album einfach raus. Wir haben ja sowieso keine wirkliche Kontrolle darüber, wie es am Ende ankommt.
Zu eurem Comeback hast du bereits gesagt: „Wir lieben das mehr denn je.“ Ist eine solche Pause vielleicht auch wichtig, um anschließend wieder mit neuer Energie loslegen zu können?
Die längere Auszeit war auf jeden Fall vorteilhaft. Der Einzige aus der Band, mit dem ich währenddessen viel zu tun hatte, war Jacob. Joseph lebt weiter weg und Zack spielt auch noch in anderen Bands und ist viel auf Tour. Deshalb war es auf jeden Fall aufregend, plötzlich wieder so viel mit den dreien abzuhängen – ein bisschen so wie früher. Trotzdem fühlt es sich heute anders an, da wir jetzt alle erwachsen sind.
Du selbst warst ja nicht inaktiv, sondern hast mit deiner Band WEBBED WING weiter Musik gemacht. Beide Projekte unterscheiden sich stilistisch klar voneinander. Inwieweit ist es dir schwergefallen, wieder in den Modus für SUPERHEAVEN zu kommen?
Gar nicht. Aber du hast recht: Das Songwriting und der generelle Ansatz beider Bands unterscheiden sich deutlich. Mir hat es geholfen, dass wir bei SUPERHEAVEN so gut miteinander klarkommen und oft einer Meinung sind, was wir als Band machen wollen.
Euer neues Album hat ein bisschen was von einer Zeitreise, weil ihr viel von dem, was eure ersten Platten ausgemacht hat, auch in den aktuellen Release habt einfließen lassen. War es eine bewusste Entscheidung, eurem Sound weitestgehend treu zu bleiben?
Nicht wirklich. Das passierte eher von selbst. Wir haben allgemein nicht viel darüber gesprochen, was wir für ein Album machen wollen, sondern einfach drauflos geschrieben.
Etwas, das für mich bei SUPERHEAVEN immer mitschwingt, ist Nostalgie. Es ist ja oft so, dass Fans sich besonders zu den Songs hingezogen fühlen, mit denen sie aufgewachsen sind oder prägende Lebensabschnitte verbinden. Ist das ein Thema, mit dem ihr euch als Band beschäftigt, wenn ihr zum Beispiel eure Setlist erstellt?
Natürlich achten wir darauf, die Songs zu berücksichtigen, die die Leute hören wollen. Gleichzeitig gibt es nichts Schlimmeres, als Nummern zu spielen, die uns selbst keinen Spaß machen. Und wir als Band freuen uns natürlich, endlich wieder neue Sachen spielen zu können, nachdem wir so lange Zeit immer mit den gleichen Songs unterwegs waren.
Im „The First Ever“-Podcast von Jeremy Bolm habt ihr ebenfalls über Nostalgie gesprochen und du hast erzählt, dass du dich bis heute viel mit Dingen aus deiner Kindheit beschäftigst. Du sammelst zum Beispiel Actionfiguren. Was für eine Rolle spielt Nostalgie in deinem Leben?
Das ist ein schwieriges Thema, weil Nostalgie aktuell in der Musik oder auch in Filmen eine so große Rolle einnimmt. Für mich ist das eine Gratwanderung. Ich finde es gefährlich, nur in Nostalgie zu schwelgen. Gleichzeitig gibt es für die meisten von uns etwas Nostalgisches, zu dem sie gerne zurückkommen: Eine Band, die einen an die eigene Highschool-Zeit erinnert oder die man früher mit den Eltern gehört hat. Als Band versuchen wir aber nicht bewusst etwas zu machen, das unsere Fans an früher erinnert. Ich würde auch nicht sagen, dass ich selbst ein nostalgischer Typ bin. All die Sachen aus meiner Kindheit sind für mich so wichtig, weil ich sie bis heute gerne mag, und ich finde es immer noch cool, viele kleine Actionfiguren bei mir im Regal stehen zu haben.
Der Opener des neuen Albums, „Human for toys“, ist mir sofort im Kopf geblieben. Die Nummer wirkt auf mich ziemlich gesellschaftskritisch. Habt ihr euch während der Arbeit an „Superheaven“ viel mit Politik beschäftigt?
Nicht viel, um ehrlich zu sein. Es stimmt schon, dass der Song einen politischen Unterton hat, aber ich würde mich selbst nicht als politischen Typen bezeichnen. Trotzdem habe ich einen ziemlich negativen Blick auf unsere Welt, weil diese aktuell von Menschen dominiert wird, die deutlich zu viel Macht auf sich konzentrieren, und das ist frustrierend. Der Song soll sagen „Wir sind verloren, Mann!“ und gleichzeitig die Frage aufwerfen, wie es jetzt weitergeht. Der Text handelt auch von Geld und davon, wie es uns antreibt. Ich selbst bin niemand, der großen Wert auf Geld legt. Ich kaufe mir lieber ein cooles Paar Schuhe und noch mehr Actionfiguren als zu sparen.
Auf dem neuen Album schwingt meiner Meinung nach auch wieder eine Menge Traurigkeit und Unsicherheit mit. Was für persönliche Themen haben dein Songwriting beeinflusst?
Ein Thema ist auf jeden Fall die Tatsache, dass ich es schwierig finde, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Allgemein bin ich kein geselliger Charakter. Das kann problematisch sein, wenn man jung ist, aber als Erwachsener ist es noch schwieriger. Da gilt man schnell als merkwürdig, wenn man keine normale Unterhaltung führen kann. Das macht einen leicht zum Außenseiter. Selbst wenn ein guter Freund mich umarmt oder mir sagt, wie viel ich ihm bedeute, bin ich ihm zwar dankbar, aber fühle mich dabei trotzdem unwohl. Ich glaube jedoch, dass die Menschen in meinem engeren Umfeld das verstehen und mir nicht böse sind. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass es nicht so wäre und dass ich selbst öfter sagen könnte, was ich denke und fühle.
Einer eurer Klassiker, der Song „Youngest daughter“, hat durch Social Media einen neuen Hype verursacht. Wie hast du das Ganze wahrgenommen?
Unser Bassist Joseph hat Kinder und dadurch auch mehr mit Trends auf TikTok zu tun. Der Rest von uns hat keine Ahnung davon. Irgendwann hat Joseph uns geschrieben und meinte, dass „Youngest daughter“ viel in den sozialen Medien genutzt wird. Ich fand das zuerst etwas merkwürdig. Der Song behandelt ein ernstes Thema und wird plötzlich für Memes und lustige Videos genutzt. Wir sehen uns auch überhaupt nicht als Internet-Band. Auf der anderen Seite hat es dazu geführt, dass sich mehr Leute mit uns beschäftigen. Auch viele Jugendliche sind so auf uns aufmerksam geworden, was cool ist, weil ich glaube, dass Musik für Leute in dem Alter oft unglaublich wichtig ist. Außerdem ist es schön zu sehen, dass sich so viele junge Menschen wieder für Rockmusik interessieren. Es fühlt sich für mich aber auch ein bisschen komisch an, weil ich selbst schon auf die 40 zugehe. Unterm Strich bin ich aber überzeugt davon, dass wir als Band gut genug sind, um auch noch nach dem Hype um „Youngest daughter“ weiterhin erfolgreich zu sein.
Nach der langen Pause habt ihr bereits wieder einige Konzerte gespielt. Du hast aber auch mal gesagt, dass Touren für dich extrem anstrengend und ungemütlich sind. Dürfen wir trotzdem auf eine Europatour von SUPERHEAVEN hoffen?
Touren gehört bei einer Band einfach dazu und das muss ich akzeptieren. Ich bin auch dankbar für die Chance, all diese unterschiedlichen Orte auf der Welt sehen zu können. Ich reagiere einfach sehr sensibel auf meine Umgebung und habe gerne meine Frau, meine Katzen und meine Lieblingsrestaurants in der Nähe. Ich habe außerdem immer so eine seltsame Angst, dass mein Haus abbrennen oder irgendetwas anderes Schlimmes passieren könnte, während ich unterwegs bin. Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen, wenn ich nicht zu Hause bin. Trotzdem ist natürlich klar, dass wir mit dem neuen Album auch nach Europa kommen werden.
Wenn du drei beliebige Dinge mit auf Tour nehmen könntest, welche wären das?
Auf jeden Fall Marihuana. Je nachdem, wo wir gerade sind, kann sich das oft etwas schwierig gestalten. Vergangenes Jahr waren wir zum Beispiel in Japan auf Tour und es ist nicht so einfach, dort etwas zu rauchen. Außerdem würde ich gern mein eigenes Bett und eine unbegrenzte Menge Kleidung mitnehmen. Am liebsten hätte ich immer mindestens zehn verschiedene Paar Schuhe im Gepäck, wenn ich auf Reisen gehe.
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