© by Simon VeithFür SWAIN ist das keine abstrakte Frage, sondern das Thema ihres neuen Albums „Infinite Child“. Die niederländische Band öffnet mit ihren Songs ein Kapitel der Selbstentdeckung, das tief in Kindheitserinnerungen und inneren Kämpfen gräbt. Im Interview mit Sänger Noam J. Cohen wird schnell klar: Authentizität ist für SWAIN mehr als ein Begriff. Sie bedeutet eine Reise zurück zu sich selbst, jenseits von Erwartungen und digitalen Zwängen.
Euer neues Album heißt „Infinite Child“. Du hast im Vorfeld gesagt, dass es darauf um die Suche nach Echtheit geht. Was genau meinst du damit?
Das Album ist wie ein neues Kapitel, es ist wie eine musikalisch gewagte Biografie. Es zeigt, wo ich künstlerisch und persönlich gerade stehe. Es fühlt sich so an, als ob alles, was ich vorher gemacht habe, hierhin geführt hat.
Mutiger Schritt.
Vielleicht. Aber es ist einfach ein Teil meiner Biografie. Ich habe in letzter Zeit sehr intensiv über meine Kindheit nachgedacht, über die Dinge, die mich geprägt haben. Und darüber, welche dieser Anteile noch heute in mir lebendig sind. Das Album ist ein Versuch, das zu verstehen.
Was war das für ein Kind, das du da wiederentdeckt hast?
Wissbegierig. Neugierig. Leidenschaftlich. Zielstrebig. Ein bisschen überdreht vielleicht. Ich war sehr offen, sehr interessiert an Menschen. Und ich denke, irgendwann verliert man diesen Teil, weil man anfängt, sich für sich selbst zu schämen oder Dinge zurückzuhalten. Dieses Album ist eine Reise zurück zu dieser ursprünglichen Version meiner selbst.
Also eine Art Rückkehr zur Selbstakzeptanz?
Genau. Es geht darum, sich wieder zu erlauben, einfach zu sein. Ohne zu viele Gedanken darüber, wie das ankommt oder ob es „authentisch“ genug ist. Manchmal macht gerade dieses Streben nach Authentizität alles kaputt.
Auch die Songtitel wirken wie Fragmente einer größeren Erzählung. Gibt es einen konzeptionellen Überbau?
Definitiv. Auch wenn es nicht allen sofort auffällt. Ich sehe die Songs als Teil einer größeren Bewegung, einer inneren, emotionalen Reise. Es geht um Zeit, um Identität, um das Suchen nach Echtheit.
Das sind sehr universelle Themen: Identität, Veränderung, Loslassen. Warum beschäftigen sie dich gerade jetzt so sehr?
Vielleicht, weil ich mich an einem Punkt im Leben befinde, an dem ich nicht mehr so viel kontrollieren oder rechtfertigen will. Als wir „The Long Dark Blue“ gemacht haben, war da viel Druck. Danach kam „Negative Space“. Es war sehr melodisch, sehr geplant. „Infinite Child“ dagegen war: Mir egal. Es war das erste Mal, dass ich sagen konnte: Ich mache das jetzt nur für mich.
Und wie fühlt sich das an? Diese völlige Autonomie im kreativen Prozess?
Befreiend. Ich habe einfach die Außenwelt ausgeblendet. Kein Blick auf Social Media, kein Kalkül. Das Album ist für mich auch ein Statement gegen diese Aufmerksamkeitsökonomie. Es hat viel mit Selbstfürsorge zu tun, mit dem Wunsch, sich selbst treu zu bleiben.
Würdest du sagen, dass Social Media für dich als Musiker ein notwendiges Übel ist?
So kann man es ausdrücken, ja. Ich sehe, dass manche Bands das richtig gut machen. Die wissen, wie man die Plattformen nutzt. Aber das ist nicht unser Weg. Uns geht es nicht um einminütige Clips, sondern um Kunst, die sich entwickelt und Raum zum Wirken braucht.
Hat sich deiner Meinung nach die Musikindustrie in den letzten Jahren stark verändert? Siehst du dich selbst überhaupt noch als Teil dieser Industrie?
Ich denke, wir gehören nur teilweise dazu. Was wir gut können, ist Musik zu machen und live zu spielen. Das ist unser Kern. Aber all das Drumherum, also die Aufgaben, die man als Teil dieser Industrie übernehmen muss, da fühlen wir uns oft fehl am Platz. Wenn wir eine Band der 1970er oder 1990er gewesen wären, hätten wir uns wahrscheinlich viel natürlicher eingefügt. Heute ist vieles zu stark auf digitale Präsenz und Algorithmen ausgerichtet.
Was stört dich genau an der heutigen Struktur der Branche?
Es geht weniger um die Musikindustrie selbst als vielmehr um die Art, wie Musik heute konsumiert wird, nämlich algorithmisch. Wir als Band sind nicht darauf ausgelegt, ständig Inhalte zu posten oder Likes zu sammeln. Wenn ich sehe, wie junge Bands ständig auf Instagram präsent sein müssen, denke ich oft: Das ist nichts für uns. Es fühlt sich an, als müsste ich meinen Dopaminspiegel mit einem Reiz nach dem anderen füttern. Aber ich will von Musik tief berührt werden, nicht nur für einen Moment gekitzelt.
Was bedeutet Musik für dich? Über den Ausdruck hinaus?
Musik ist keine Unterhaltung für mich. Sie ist ein Werkzeug zur Selbstheilung. Ein Raum der Erkenntnis. Manchmal lernt man erst durch den Prozess des Schreibens eines Songs, was eigentlich in einem vorgeht.
Wie reagiert eure Fangemeinde auf eure künstlerische Entwicklung?
Wir haben unsere Ausrichtung mit jeder Platte weiterentwickelt. Das war ein natürlicher Prozess. Als wir zum Beispiel mit „Howl“ ein ziemlich rohes Hardcore-Album gemacht haben, hat das einige Fans vielleicht überrascht. Aber ich denke, viele Leute, die uns schon lange folgen, schätzen genau das: unsere Wandlungsfähigkeit.
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