© by Noam CohenAls wir im Jahr 2019 das letzte Mal mit SWAIN gesprochen haben, sah die Welt für die Band noch ganz anders aus. Ihr Album „Negative Space“ feierte seinen Release und die Niederländer waren sowohl musikalisch als auch vom Mindset her auf anderen Wegen unterwegs. Sänger Noam Cohen blickt mit uns auf die vergangenen Jahre zurück, die innerhalb der Band und auch bei ihm eine Menge verändert haben, und spricht ausführlich über das Hauptziel des neuen Albums „Infinite Child“ – und zwar das innere Kind wiederzufinden.
Während der Vorbereitung auf unser Gespräch fiel mir auf, dass es so scheint, als ob du kein Fan davon bist, wenn ihr mit anderen Bands verglichen werdet.
Wir verändern unseren Sound als Band relativ regelmäßig. Auf unserem neuen Album „Infinite Child“ passiert eine ganze Menge und deshalb ist es schwierig, uns einem bestimmten Genre zuzuordnen. Ich habe kein Problem damit, mit irgendwem verglichen zu werden. Die Leute können machen, was sie wollen. Aber von mir werdet ihr solche Vergleiche nicht hören.
Hast du diese Referenzen denn im Kopf, wenn du an neuer Musik arbeitest?
Das klingt vielleicht überraschend, aber ich höre ehrlich gesagt nicht mehr so viel Musik wie früher. Und wenn ich etwas höre, dann hat das nichts mit dem zu tun, was ich mit SWAIN mache. Früher habe ich viel NIRVANA, RADIOHEAD oder WEEZER gehört. Mittlerweile höre ich zum Beispiel viel Jazz. Deshalb denke ich auch nicht über andere Bands nach, wenn ich an neuer Musik arbeite. Das ist eher ein organischer, intuitiver Prozess.
Wenn man die Entwicklung deines persönlichen Musikgeschmacks mit dem Sound von SWAIN abgleicht, kann man schon gewisse Parallelen erkennen. In beiden Fällen ist es insgesamt etwas ruhiger geworden. Siehst du da eine Verbindung?
Ich würde nicht sagen, dass mein Musikgeschmack die Richtung beeinflusst hat, die wir mit der Band eingeschlagen haben. Es waren eher Dinge, die uns als Individuen im alltäglichen Leben beschäftigen. Ich gehe nicht mehr auf die Bühne, um da meine ganze Wut rauszulassen. Ich bin jetzt 36 Jahre alt und wesentlich geerdeter. Obwohl, neulich habe ich die neuen Songs von TURNSTILE gehört und dachte mir: Das ist großartig und ich würde jetzt gerne einen Tisch zertrümmern! Diesen Teil von mir gibt es also auch noch und das wird wahrscheinlich auch nie verschwinden.
Verändert haben sich jedoch die Themen, mit denen ihr euch als Band beschäftigt. Für mich klingt es so, als würde es auf eurem neuen Album viel um Zeit und Vergänglichkeit gehen. Was kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn wir über Vergänglichkeit sprechen?
Ich würde dazu gerne eine passende Geschichte erzählen: Vor vier Jahren hat mich meine Mutter besucht und eine große Kiste voll mit lauter Kindheitserinnerungen mitgebracht. Das war sehr emotional. Ich habe ein Foto von mir gefunden, wie ich weinend in der Mitte von anderen Kindern stehe, und habe mich daran erinnert, dass ich als Kind ziemlich isoliert war. In der Box war auch ein Tagebuch aus der Zeit, als ich sieben Jahre alt war. In dem habe ich über meine Leidenschaften und meinen persönlichen Antrieb geschrieben. In dem Moment habe ich angefangen, Songs für „Infinite Child“ zu schreiben. Gleichzeitig habe ich mich wie viele andere Menschen in ihren Dreißigern mit dem Älterwerden beschäftigt und mich gefragt, wer ich überhaupt bin. Auch auf früheren Alben habe ich schon Themen wie Zeit und Sterblichkeit angesprochen. „Infinite Child“ bedeutet für mich, bestimmte Aspekte aus meinem bisherigen Leben hervorzuheben, die ich vermisse und gerne zurückgewinnen würde. Man verliert mit der Zeit die kindliche Naivität und die Leidenschaft für gewisse Dinge. Und das kann sich für einen Erwachsenen wie ein großer Verlust anfühlen. Ich habe über die Jahre probiert, wieder Kontakt zu meinem inneren Kind zu finden, das nicht alles überdenkt, sondern einfach macht, was es möchte.
Wenn ich über Vergänglichkeit nachdenke, macht mich das ziemlich traurig, weil ich das Gefühl habe, dass früher vieles einfacher war. Wie war bei euch die Stimmung, als ihr als Band zusammen im Studio wart?
Ich war zu der Zeit in keiner guten Verfassung. Ich steckte in einer schwierigen Ehe und 2024 gab es die Scheidung. Gleichzeitig war ich aber extrem motiviert und wollte wieder meine frühere Begeisterung für bestimmte Dinge zurückzugewinnen. Alles in allem kann ich aber sagen, dass der Schreibprozess für „Infinite Child“ vielleicht sogar der bisher einfachste und organischste war. Wenn man einen Text schreibt, ist man ganz bewusst mit der Frage konfrontiert, wer man eigentlich ist und was man ausdrücken möchte. Dieser Prozess hat mir sehr dabei geholfen, mich selbst besser zu verstehen.
In deinem letzten Interview im Ox hast du noch gesagt, dass dir das Musikmachen nicht direkt dabei hilft, mit deinen Problemen umzugehen. Hat sich das mit der Zeit geändert?
Absolut! Ich bin seit vier Jahren in psychotherapeutischer Behandlung und das hat mein Leben entscheidend verändert. Während des Schreibprozesses ging es darum, ganz viele einzelne Erinnerungen und Emotionen zusammenzuführen. Die Kiste mit den Sachen aus meiner Kindheit hat mir dabei geholfen. Am Anfang eines Textes steht meist eine vage Idee und wenn man dann loslegt, wird alles plötzlich viel klarer.
Das neue Album wurde wieder von J. Robbins produziert, mit dem ihr schon länger zusammenarbeitet. Was für einen Einfluss hatte er auf „Infinite Child“?
Am Schreibprozess war er im Vergleich zu sonst nicht so sehr beteiligt. Dafür ist eine seiner großen Stärken, den Vibe im Studio zu steuern. Er leitet die Sessions und ist gleichzeitig so etwas wie ein Bandtherapeut. Er weiß außerdem genau, welche Richtungen wir einschlagen können, die für uns als Band auch Sinn machen. Wenn ich am Piano sitze und nicht weiterkomme, setzt er sich dazu und bringt sich mit Vorschlägen ein. Das macht den ganzen Prozess für uns viel einfacher und spaßiger. Wir sehen J. Robbins als eine Erweiterung der Band.
Das Thema Zeit spielt auch in der Musikindustrie eine große Rolle. Für jede Single und jedes Video gibt es oft einen genauen Releaseplan für Social Media und es herrscht eine Menge Druck. Ist das für euch als Band ein Problem?
Auf jeden Fall. Als die Pandemie so richtig losging, wurde das Thema Social Media plötzlich extrem wichtig. Unser Label riet uns, auf unseren Plattformen aktiver zu sein, und wollte wissen, ob wir nicht Livestreams machen könnten. Das ist aber alles überhaupt nicht unser Ding. Uns sind als Band zwei Sachen wichtig: Musik machen und Shows spielen. Wir haben während der Pandemie unsere Streamingzahlen einbrechen sehen und das war okay für mich. Manchmal sehe ich im Internet junge Bands, die auf mich eher wie Meme-Accounts wirken. Kurz bevor sie einen neuen Song veröffentlichen, posten sie gefühlt 30 Tage lang permanent den gleichen Content. Das ist nicht die Art und Weise, wie ich mich ausdrücken möchte. Natürlich promoten wir unsere Musik, aber ich möchte mich nicht verstellen müssen, um erfolgreich zu sein.
Viele Artists sagen, dass sie Musik machen, damit sie nach ihrem Tod nicht in Vergessenheit geraten. Ist das für euch als Band auch von Bedeutung?
Innerhalb der Band sprechen wir nicht darüber. Ich selbst hatte lange den Wunsch, etwas auf dieser Welt zu hinterlassen und ich habe mich gefragt, woher das wohl kommt. Ich glaube, dass das viel mit Unsicherheit zu tun hat. Viele denken, dass sie nicht das Recht haben, auf dieser Welt zu sein, und sich irgendwie beweisen müssen. Davon möchte ich mich freimachen und dafür ist das neue Album ein gutes Beispiel. Wir wollen mit „Infinite Child“ der Welt kein Vermächtnis hinterlassen, sondern konnten den kreativen Prozess voll und ganz genießen und haben etwas produziert, auf das wir stolz sein können.
Zum Schluss würde ich gerne über einen Song sprechen, der für mich auf dem Album heraussticht – und zwar das Outro „Comedown“. Die Nummer klingt für mich total danach, inneren Frieden zu finden.
Dieser Song ist bereits sieben oder acht Jahre alt. Er war ursprünglich für eine Solo-EP von mir gedacht, die aber nie erschienen ist. Wir haben ihn bereits vor langer Zeit mal bei einer Akustikshow in Berlin gespielt und das hat sich wirklich gut angefühlt. Also haben wir uns dazu entschieden, den Titel jetzt fertigzustellen und für SWAIN zu nutzen. Und es stimmt: Der Track ist ein friedlicher Abschluss für das Albums. Du setzt dich zwar mit deinem inneren Kind auseinander und versuchst, deine eigene Authentizität zurückgewinnen, aber das tust du im Hier und Jetzt und lässt die Vergangenheit ruhen.
© by Fuze - Ausgabe #113 August/September 2025 und Mia Lada-Klein
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Moritz Friedenberg
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #145 August/September 2019 und Robert Rittermann
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #128 Oktober/November 2016 und Robert Rittermann