TURBONEGRO

Foto© by Joachim Hiller

Tribute-Band in eigener Sache

Im August spielten TURBONEGRO beim Punk Rock Holiday-Festival, Ende des Jahres sind sie mal wieder auf Tour – was mittlerweile eine Seltenheit ist. Also schnappte ich mir Happy Tom vor dem Auftritt in Tolmin und ließ mir ein Update geben, wobei uns das Gespräch bald schon wegführte von der Musik hin zur Politik. Was nahelag, ist Thomas Seltzer doch heute in Norwegen mehr als profilierter TV-Journalist und Autor bekannt denn als der Typ in Jeansjacke von dieser Rockband.

Ihr spielt wieder Shows, hat das eine bestimmte Bedeutung?

Nein, wir wollten einfach mal wieder spielen, wir sind zwei Jahre lang nicht aufgetreten, Es ist einfach schön, Konzerte spielen, wenn wir können. Wir haben leider kaum noch Zeit dafür. Deshalb habe ich unsere Verabredung auch fast verschlafen, ich habe versucht, mal wieder etwas Schlaf zu bekommen. Wenn man von zu Hause weg ist, ist das die einzige Zeit, in der man etwas Schlaf bekommt.

TURBONEGRO waren früher permanent auf Tour. Jetzt seid ihr ... eine „Freizeitband“?
Sozusagen, ja. Es gibt offenbar immer noch Leute, die uns live sehen wollen, und wir wollen auch immer noch spielen, aber wir können nicht mehr so auf Tour gehen wie früher, als man einen Monat lang weg war.

Vermisst du diese Zeit?
Ja, ich mochte es wirklich, auf Tour zu sein. Ich mochte es, im Tourbus zu schlafen.

Ist das ironisch gemeint?
Nein, ich schlafe wirklich gut im Bus. Leute, mit denen ich zur Schule gegangen bin oder mit denen ich arbeite, sagen: „Ich und meine Freunde sind am Wochenende nach England gefahren, um den FC Liverpool spielen zu sehen.“ Und ich sage dann: „Wir haben in Lissabon gespielt.“ Und wir werden dafür sogar noch bezahlt, hehe.

Kostenloses Bier und Punk Rock Holiday. In Slowenien den Fluss hinuntertreiben auf einem aufblasbaren Plastiktier.
Und nicht zu vergessen: Steve Cavallaro auf der Bühne sehen!

Was für ein Leben! Als ihr euer legendäres „Apocalypse Dudes“-Album von 1998 in Oslo aufgenommen habt, hatte ich die Gelegenheit, ein paar Tage mit dabei sein zu dürfen. Wenn du daran zurückdenkst, was ist dir aus jener Zeit besonders in Erinnerung geblieben?
Kokain. Kokain, das war damals noch was Besonderes. Wir waren alle jünger und haben krasser Party gemacht. Im Grunde sind wir immer noch dieselben Menschen, aber die Zeit ist so schnell vergangen, vor allem von Anfang der 2000er bis heute. Oder von 2005, 2010 bis heute, das ging wirklich schnell. Es ist verrückt, ich weiß nicht, ob du das auch so empfindest, aber mit der Zeit passiert etwas, wenn man älter wird.

Kannst du dich generell gut an die Zeit damals erinnern?
Ja, ich habe einige episodische Erinnerungen.

Ich finde es immer erstaunlich, wie detailliert manche Musiker:innen in ihren Autobiografien Episoden aus ihrem Leben beschreiben können. Ich glaube, die Welt wartet immer noch auf das große TURBONEGRO-Buch.
Es gibt doch schon ein Turbo-Buch, das vor 18 Jahren oder so herauskam. Aber ich schreibe gerade an einem, es wird ein Buch mit Rock’n’Roll-Anekdoten. Es ist keine lineare Geschichte, es sind Anekdoten, die wir erlebt haben. Dazu gibt’s ein paar Gedanken über Rock’n’Roll und ich ziehe über Adorno und GG Allin her. Das wird ziemlich gut und jetzt zu Weihnachten auf Norwegisch erscheinen. Vor zwei Jahren habe ich ein Buch über mein Leben und über Amerika herausgebracht, das „Amerikansk karmageddon“ heißt. Es war ein paar Wochen lang das meistverkaufte Buch in Norwegen. Die Leute in Norwegen kaufen tatsächlich viele Bücher.

Bei allem Respekt ... was ist mit einer englischen Version? Dann reden wir über eine relevante Auflage.
Ich weiß, es wird hoffentlich bald übersetzt. Ich habe keine Zeit dafür, das selbst zu machen.

Wir sprachen 2023 über deine TV-Dokumentation „UXA – Thomas Seltzer’s America“, das war, bevor das Buch erschienen war. Und die zweite Amtszeit von Trump stand noch nicht vor der Tür. Was denkst du über die aktuelle Lage angesichts der langen Recherchen, die du als US-Staatsangehöriger mit Verwandten dort damals gemacht hast?
Ich glaube, hinter dem Rechtspopulismus stecken enorme finanzielle Interessen. In den Vereinigten Staaten war Populismus früher ein positiver Begriff. Er bedeutete einfach Demokratie. Was Steve Bannon mit MAGA erfunden hat, ist sehr, sehr heimtückisch. Und man sieht ja, wie die MAGA-Aktivisten nun den öffentlichen Sektor, alle öffentlichen Einrichtungen, das National Public Radio und alles andere zerstören. Sie zerstören alles, was sie können. Es gibt jetzt so viel Desinformation, und man muss sich nur mal das „Big Beautiful Bill“ anschauen, das Gesetz, das vor ein paar Wochen verabschiedet wurde. Jemand hat eine Umfrage gemacht und herausgefunden, dass nur 8% der Wähler wissen, wie viel dadurch bei Medicaid und der Sozialversicherung gekürzt wird. Die Leute wissen es nicht, und das ist eine Folge von Bannons Strategie, alles mit Scheiße zu überschwemmen. Und wenn man sich das aus einer wirtschaftlich-marxistische Perspektive ansieht – was, wie ich finde, hier Sinn ergibt –, dann erkennt man, dass die Weltwirtschaft seit etwa 60 bis 70 Jahren, seit den 1950er Jahren mit Höhen und Tiefen immer gewachsen ist, im Durchschnitt um etwa 3% pro Jahr. Und dann hat das Wachstum im letzten Jahrzehnten angefangen, sich zu verlangsamen, weil es einfach keine neuen Impulse gibt, keinen neuen Wettlauf zum Mond, keinen Kalten Krieg, keine großen Anreize, die Räder am Laufen zu halten, und so läuft das Wachstum langsam aus.

Und der Internet-Hype, der KI-Hype?
Die Dotcom-Blase damals war ein Versuch, etwas zu schaffen, um einen Hype zu erzeugen, und jetzt sieht man das wieder mit der KI. Was man jetzt beobachtet, ist, dass das Kapital sich immer mehr für Bereiche wie Renten und Pensionen und öffentliche Gesundheitsversorgung interessiert. Anstatt nach einem neuen „Space Race“ oder einem neuen Wettrüsten oder irgendetwas anderem zu suchen, schauen sie, ob sie nicht etwas stehlen können. Innerhalb des Trumpismus gibt es tatsächlich konkurrierende Eliten. Auf der einen Seite ist das alte Geld, das immer schon die traditionellen Republikaner unterstützt hat und auch sehr stark Leute wie die Clintons, die sogenannten Linken. Und es gibt die Tech-Faschisten-Bros wie Peter Thiel. Was wir da sehen, ist eigentlich fast wie ein kleiner Bürgerkrieg unter den sehr reichen Leuten in Amerika. Diese neuen Welle von Tech-Leuten und vor allem Hedgefonds- und Private-Equity-Leuten, was die da tun, das ist wie das Kreisen von Geiern, die sich auf das letzte Stück Fleisch stürzen, das sie noch bekommen können, nämlich die Pensionskassen und auch die Veteranenverwaltung, die in den USA ein Staat im Staate ist. Die liberale Demokratie hat so viele Menschen enttäuscht, und wir sehen jetzt, wie sich die Dinge gemeinsam bewegen. Trump gibt all dem ein Gesicht. Was da gerade geschieht, ist der größte Betrug aller Zeiten.

Ist es eine gute Zeit, Journalist zu sein, weil es eine hohe Nachfrage nach Experten auf einem Gebiet gibt und jemand wie du in der Lage ist, solche Entwicklungen zu erklären?
Jemand hat herausgefunden, dass die Politik noch nie so sehr von Geld durchdrungen war. Ich habe Statistiken gesehen, die besagen, dass vor 40 Jahren 9 von 10 Absolventen einer Journalistenschule in den Journalismus gingen und 1 von 10 ging in die PR. Jetzt ist es umgekehrt. 9 von 10 gehen in die PR. Es geht also auf allen Ebenen nur noch um Kapital. Es saugt einfach alles auf. Gramsci, der italienische Marxist, hat mal gesagt, dass es zwischen großen historischen Sprüngen immer diese groteske Mittelphase gibt, die einfach verrückt ist und in der es so viele seltsame und absurde Entwicklungen gibt. Eine Figur wie Trump ähnelt in vielerlei Hinsicht Mussolini oder sogar Hitler, und wir leben gerade in einem seltsamen Interregnum zwischen zwei großen historischen Zeitaltern. Das Problem ist die Ökologie: Die Welt, der Planet kann sich Rückschläge nicht leisten. Sogar der Chef von Exxon in den USA hat gesagt, wenn die USA aus dem Pariser Klima-Abkommen aussteigen, wäre das Wahnsinn. Selbst die Leute von der verdammten Ölgesellschaft sagen das! Es darf kein Zurück geben, es ist ernst. Aber auch so jemand ist nur ein Rädchen im Getriebe, der geht sowieso in zwei Jahren in Rente. Das Beängstigende an dem Backlash jetzt ist eben, dass sich der Planet das nicht leisten kann. Zukünftige Generationen können sich das, was jetzt in Sachen Ökologie passiert, nicht leisten. Und dann natürlich noch der Abbau der Demokratie. Früher schon wurde die Demokratie von sehr mächtigen Interessen kontrolliert, aber jetzt sind sogar die verfassungsrechtlichen Grundlagen weg. Wenn man sich die Website des Weißen Hauses ansieht und die US-Verfassung liest, bemerkt man, dass sie angefangen haben, Dinge zu löschen. Es ist wirklich beängstigend. Und die Leute müssen sich daran erinnern, dass Trump zwar der Kandidat mit den meisten Stimmen war, aber er hat nicht mal 50% der Stimmen bekommen. Er hat 49% bekommen, was ihn wahrscheinlich wahnsinnig nervt. Die meisten Menschen in den USA haben nicht für ihn gestimmt und viele Leute mögen ihn nicht. Die einzige Möglichkeit, wie sie die Trump-Regierung am Laufen halten können, ist eine massive Unterdrückung der Wähler bei den Zwischenwahlen, die Wahlkreisreform und das Streichen von so vielen Menschen aus den Wählerlisten.

Thomas, du hast Kinder. TURBONEGRO waren für mich immer eine Band, die durch ihre Texte auffiel, sie waren oft zynisch, negativ und düster. Die Person, die jetzt mit mir spricht, ist der Journalist und nicht der Musiker, der Künstler. Aber dennoch ist da ein ziemlicher Widerspruch zu der Person von vor 25 Jahren.
Weißt du, damals haben wir uns vor allem über vieles lustig gemacht. Wir kamen selbst aus der Linken und fanden es wirklich witzig, die Linke zu verarschen. Das lag auch daran, dass die Linke den Anschluss verloren hatte und in vielerlei Hinsicht moralistisch geworden war und sagte: Damit darfst du keinen Spaß haben, dieses darfst du nicht sagen, jenes Wort ist nicht okay. Es war einfach der perfekte Sturm, aber ich glaube, die Zeit hat uns nun irgendwie eingeholt. Wir hatten Spaß und waren zynisch und nihilistisch wie Kinder. Und dann kam die Realität um die Ecke und meinte: Hold my beer. Es ist einfach bizarr und grotesk, wie die Dinge jetzt sind. Wir müssen aber trotzdem darüber lachen. Vieles, was derzeit passiert, ist fast wie aus einem Stück von Dario Fo, das ist ein anarchistischer italienischer Dramatiker. Wenn man sich Trump und die Leute um ihn herum ansieht, wirkt alles so, als hätte sich das eine anarchistische italienische Theatertruppe ausgedacht. Ich finde, die Realität hat irgendwie wieder alles in den Schatten gestellt. Aber es macht trotzdem Spaß, über Erektionen zu singen. Und ich weiß, dass diese ganze Wokeness mit guten Absichten entstanden ist und das in vielerlei Hinsicht immer noch ist. Aber es gibt einen schwarzen Historiker namens Adolph Reed an der University of Pennsylvania, und der sagt, dass „woke“ der Versuch des Kapitals ist, etwas zu schaffen, das wie eine linke Bewegung aussieht. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern es zeigt, dass sie diese soziale Energie nutzen und in eine Richtung lenken können, die für sie nicht bedrohlich ist. Wenn man eine Napalmfabrik hat und eine Lesbe und jemanden mit dunkler Hautfarbe in der Führungsriege dieser Fabrik, dann kann man einfach weiter Napalm herstellen, weil dann alles in Ordnung ist, alle sind glücklich. Aber wie wäre es, damit aufzuhören, Napalm herzustellen ...?

Wenn ich mir die Playlist für heute Abend genauer ansehe, finden sich da irgendwelche neuen Songs?
Ja, schau, die sind alle vom neuen Album ...

Du meinst „RockNRoll Machine“ von 2018?!
Ja. Come on, wir werden keine neue Platte machen. Eine Platte aufnehmen, das dauert einfach zu lange. Wir sind zu etwas geworden, das Euroboy mal als „heritage act“ bezeichnet hat.

Eine Tribute-Band in eigener Sache?
Wie die meisten Bands, mit denen wir jetzt auf Festivals auftreten. Wenn ich da eine Band sehe, die ich mag, will ich doch nicht ihr neues Album hören. Ich will nicht, dass sie sich in eine neue Richtung entwickelt. Ich will nicht, dass sie sich verändert. Ich will, dass sie so bleibt, wie sie ist. Spielt die alten Sachen. Also ja, es gibt ein paar Klassiker, und wir werden alle älter. Kein neues Album. Vielleicht bringen wir ein Coveralbum raus, damit der Kreis sich schließt.

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