Anderthalb Jahre sind seit dem letzten Album der norwegischen Denim-Teufel vergangen, mehr als zwei Jahre liegen die Aufnahmen zu „Ass Cobra“ zurück: Höchste Zeit für den schwulen nordischen Sixpack, sich nach glorreichen Abräumertouren durch D-Land und der Eroberung von Viva-Airplay im Studio ans Kredenzen eines gebührenden Nachfolgers zu machen. Der Erwartungsdruck ist hoch, sind doch Deathpunk-Hits wie „I Got Erection“, „Denim Demon“ oder „Hobbit Motherfuckers“ nur schwer zu toppen. Doch nachdem ich einen Teil der neuen Songs im Osloer Endless Sound Productions-Studio zu hören bekam, war mir klar: Mit dem neuen Album, das im Januar erscheinen wird, haben sich TURBONEGRO auf ganzer Linie selbst übertroffen.
Oslo im Oktober – was soll man da erwarten? Minusgrade, den ersten Schnee, leergefegte Straßen? Nichts dergleichen, das gleiche Schmuddelwetter wie in Deutschland empfängt mich mit einigen Plusgraden, als ich aus dem Flughafengebäude trete, aufwendige Polarkleidung kann ich mir also schenken. Rune Rebellion, der langhaarige TURBONEGRO-Gitarrist, erwartet mich vor der Tür in einem alten blauen Volvo – gekleidet in einen hellbeigen Wollpulli und farblich dazu passenden Hosen. Von dunkelblauer Baumwolle keine Spur – so leid es mir tut, eine Welt zum Einsturz zu bringen: Wenn sie nicht auf einer Bühne stehen, sind die sechs Turboneger eigentlich ganz normale Menschen, wie sich in den nächsten Tagen herausstellt. Auf geht’s Richtung Endless-Studio, wo das Album gerade Form annimmt.
Das Endless Sound Productions-Studio befindet sich in der Nähe der Osloer Innenstadt, in einem Stadtteil, der von eher „alternativen“ Menschen und einem recht hohen Ausländeranteil geprägt ist. Im dritten Stock eines unauffälligen Geschäftshauses gelegen, wirkt das Studio auf den ersten Blick recht improvisiert und unaufgeräumt, hat aber beim genaueren Hinsehen doch alles an Technik zu bieten, was heute so „state of the art“ ist. Aufgebaut wurde Endless, so die von allen Beteiligten gewählte Kurzform, in den letzten Jahren von diversen Osloer Szeneveteranen, die zum Teil im Umfeld des legendären Blitz-Squats ihre ersten Erfahrungen mit dem Abmischen und Aufnehmen von Bands machten. Da wundert es nicht weiter, dass Hardcore-Bands wie SO MUCH HATE, LIFE ... BUT HOW TO LIVE IT?, STENGTE DORER oder KAFKA PROSESS zu den ersten Kunden gehörten. Dass sich TURBONEGRO für Endless als Aufnahmeort entschieden und nicht für irgendein Studio mit großem Namen in Mitteleuropa oder den USA, liegt zum einen daran, dass ihr Livemixer Pal Klaastad Endless-Teilhaber ist, zum anderen, dass fast alle der Turboneger in Laufentfernung zum Studio wohnen und so nach der Arbeit – fast alle haben ganz normale Jobs – an den neuen Denim Boy-Hymnen feilen konnten.
Kaum bin ich angekommen, drängeln Knut „Euroboy“, Rune Rebellion, Chris Summers und Pal auch schon, ich müsse jetzt unbedingt sofort die ersten fertigen Songs anhören. Also flugs ein Bierchen geöffnet, die Sixpack-Flasche zu unglaublichen drei Mark(!), in den Mixersessel gelümmelt und – boooooooommmmm! Holy fuckin’ shit! Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt erst die Rohversionen von „Get it on“, „Suffragette city“ und „Monkey on your back“ zu hören bekomme, blasen mich die Songs absolut weg. Soviel ist jetzt schon klar: Die neuen TURBONEGRO-Songs sind das beste, was die Boys bislang aufgenommen haben. Aus purer Begeisterung, alle im Studio haben dieses Glitzern in den Augen, hören wir die Aufnahmen noch dreimal durch, um uns dann per U-Bahn-Schwarzfahren ins „Last Train“, dem Musiker-Szenetreff von Oslo zu begeben. Beim einen oder anderen Bierchen, der halbe Liter zu ortsüblichen zehn Märkern, stoßen dann noch die anderen Turboneger zu uns, wobei Hank Von Helvete, Pal Pot und Happy Tom ohne ihr Stage-Outfit gar nicht so leicht wiederzuerkennen sind.
Am nächsten Vormittag treffe ich mich mit Euroboy und Sound-Pal im Studio, wo es gilt, die als letztes noch fehlenden Leadguitar-Tracks aufzunehmen. Sechs Wochen zuvor, also Anfang September, hatten die Aufnahmen begonnen, wobei erst Tom und Chris die Bass- bzw. Schlagzeugspuren eingespielt hatten und dann Runes Rhythmus-Gitarre, Hanks Gesang und Pals Tambourin- bzw. Klaviereinsätze dazukamen. Dabei gaben die fünf so dermaßen Gas, dass mehrfach die Mischpult-Stromversorgung in Flammen aufging, die Studiotechniker alle Hände voll zu tun hatten und leider leider eine unglückliche Verzögerung entstand – allenthalben stehen auch jetzt noch aufgeschraubte, angeschmorte Gerätschaften herum, auf die Schnelle wurde ein Ersatzmischpult organisiert. An ein Einhalten des Releasetermins Ende November ist also nicht mehr zu denken, und dazu kommt, dass sich ein paar Tage später Gitarrengott Euroboy und Rune in seiner Eigenschaft als deren Manager zwecks Tour gen USA verabschiedeten. Was hierzulande nämlich noch als Geheimtip gehandelt wird, ist in Norwegen und den USA schon schwer angesagt: Euroboys namensgebende Zweit- oder wegen mir auch Erstband EUROBOYS alias KARE & THE CAVEMAN (so der Name auf dem norwegischen Markt). Bei denen findet sich übrigens auch der (Ex-)Drummer von GLUECIFER wieder, und wer im Vier-Millionen-Einwohner-Land Norwegen mit surfiger Schulmädchenmusik 15.000 Platten verkauft und eine eigene Fernsehshow hat, darf wohl zu recht als Star bezeichnet werden.
Aber wo war ich stehen geblieben? Richtig, bei den noch fehlenden Gitarrentracks. Unglaublich, mit welcher Hingabe und technischen Perfektion Euroboy ohne großes Nachdenken drei, vier Overdub-Spuren eben so runterspielt, aus dem Nichts grandiose Feedback-Intros zaubert und dabei Seventies-Soli hinlegt, auf die manch alter Rocker mächtig stolz wäre. In Akkord-Arbeit waren Pal und Euroboy dann also dabei, den bereits mächtig arschtretenden Turbo-Rohlingen mittels der Leadguitar-Spuren den entscheidenden Schliff zu verpassen, schafften es aber über das Wochenende doch nicht, mehr als fünf Songs fertigzustellen. So wird die letztendliche Fertigstellung des Albums wohl noch bis Ende November auf sich warten lassen. Doch oh (euro-)boy, was in ungemixter Rohversion schon so dermaßen fett reinknallte, dass die im Studio abhängenden Turboneger von sich selbst völlig überrascht und begeistert waren, dürfte mit noch etwas Schliff kaum noch zu toppen sein: Straighter als zu „Ass Cobra“-Zeiten sind die ’97er-Turboneger, noch härter, zupackender und bissiger.
Erscheinen wird das neue Meisterwerk der nordischen Schwulpunks – sie selbst beharren bekanntlich auf dem Terminus „Deathpunk“ – wie oben erwähnt also erst im Januar, wieder auf dem AmRep-Sublabel Boomba Records und mit dem Tod und Zerstörung verheißenden Titel „Apocalypse Dudes“. Elf neue Songs gibt es voraussichtlich zu hören, dazu Neueinspielungen der beiden Songs der „Prince Of The Rodeo“-7“. Wer allerdings die live auch schon dargebotene und superb eingespielte Bowie-Coverversion „Suffragette city“ in die Finger bekommen will, muss flink sein, denn der Track wird exklusiv als limitierte 7“ auf dem dänischen Hit-Label Bad Afro Records erscheinen. Alles weitere demnächst im ausführlichen TRBNGR-Interview, hier im Heft.
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