UNSANE

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Nazis töten?

Als ich zu UNSANE in den Backstageraum komme, herrscht dort ein Höllenlärm, die Leute von SURGERY sitzen auch herum, man säuft, kifft, glotzt MTV und führt sich so auf, wie man erwartet, dass sich Musiker aufführen. Noch bevor ich mich an den Tisch setzen kann, gröhlt Bassist Peter Shore zu mir: „No stupid fuckin' questions, please!" Das kann ja heiter werden... Gitarrist und Sänger Chris ergänzt dann noch, dass sie sich am Tag vorher „eine verdammte Stunde saublöde Fragen von so nem Journalistenarschloch" über sich ergehen lassen mussten.

Können wir dann vielleicht mal mit dem Interview anfangen?
Peter:
Ja, aber frag uns bitte nicht nach unseren Einflüssen, frag uns nicht nach der New Yorker Szene, frag uns nicht nach unserem toten Schlagzeuger und frag uns nicht, was wir mit unserer Musik zu sagen versuchen. O.k.?

Eure erste Veröffentlichung war 1989 - ein Song auf der Treehouse-Compilation, zusammen mit den COWS, BASTARDS und den PAGANS. Fing damit auch die UNSANE- Geschichte an?
Peter:
Chris und ich haben uns auf dem College getroffen, machten zusammen Musik und trafen dann irgendwann Charlie, unseren damaligen Drummer. Charlie starb im Juni (laut Bandinfo „in a drug-related homicide") und für ihn stieg Vincent ein, der früher mal bei den SWANS und FOETUS gespielt hat. So richtig als Band sind wir seit Ende 1989 zusammen. Davor waren ein Jahr lang mehr oder weniger lose am rumjammen. Aber eigentlich mache ich schon seit 1983 mit Chris zusammen Musik.

Wie alt seid ihr denn?
Chris:
27. Yeah, ich war damals 18 Jahre alt.

Und eure erste Vinylveröffentlichung war dann dieser Song auf der Treehouse-Compilation?
Chris:
Ja, und kurz darauf erschien dann unsere Treehouse-Single mit dem Zodiac-Cover.

Das fiel mir sofort auf. Was hat es denn mit diesem Cover auf sich?
Chris:
Als ich in der Highschool war, 7th oder 8th Grade, drohte dieser Zodiac-Killer, eine Bombe in einem Schulbus meines Schulbezirks zu legen. Meine Eltern warnten mich und schärften mir ein, nicht mit fremden Männern mitzugehen. Dieser Killer brachte dann schließlich vor dem Haus eines meiner Freunde einen Taxifahrer um, schnitt ein Stück Stoff aus dessen Hemd und schickte es der Polizei als Beweis für seine Täterschaft. Diese ganze Angelegenheit faszinierte mich irgendwie und so nahm ich einen seiner verschlüsselten Bekennerbriefe für das Cover unserer ersten Single. Kurz darauf erhielten wir dann einen Brief, der genau in diesem Stil geschrieben war und in dem es hieß: „I'm gonna hunt you down like dogs and kill you." Glücklicherweise waren es nur ein paar Punkrocker, die sich einen Spaß mit uns erlaubt hatten... (Nette Geschichte, aber beim Nachlesen in meinem Serienmörder-Lexikon musste ich allerdings zuhause feststellen, dass mich Chris entweder angelogen hatte oder mein Lexikon nicht die ganze Zodiac- Geschichte erzählt: Der Zodiac-Killer brachte Ende der Sechziger - Chris waf damals eben mal 4 Jahre alt-, in und um San Francisco -UNSANE kommen aus New York-, eine bisher ungeklärte Anzahl Menschen um und schrieb verschlüsselte Bekennerbriefe, eben die „Zodiac Letters". Den letzten Brief schrieb er 1974. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört, aber manche vermuten, dass er danach in New York aktiv wurde, Joachim)

Wer ist denn für die derben Blut & Splatter-Fotos auf den Singles bzw. der Single-Compilation verantwortlich?
Peter:
Wir. Chris und ich machen gelegentlich für New Yorker Undergroundfilmer wie Richard Kern oder Lydia Lunch Gore-Effekte. (Im Hintergrund entsteht ein Riesentumult, weil sich die die SURGERY-Leute um einen Kanten Hasch streiten...) Diese Gore-Sache machten wir schon, bevor wir diese Band hier starteten. Wir waren schon immer riesige Gore-Movie-Fans.

Lebt ihr davon?
Peter:
Nein, wir sind Studenten.

Art-School am Ende, „Art-Fags", hahaha... (Womit ich wieder einen Tumult ausgelöst habe: Im Hintergrund bricht wildes Gelächter aus, irgendwer schreit: „Fuck Art-Fags"! Die Studenten der New Yorker Kunstschule genießen nicht gerade den besten Ruf, wie mir scheint. Peter und Chris streiten sich im Folgenden erstmal ausgiebig darum, wer die besseren Gore-Effekte hinbekommen hat, wessen Glibber-Gehirn besser aussieht und wer von beiden besser mit einer Rasierklinge umgehen kann.)
Chris: Peter, bei diesem letzten Film hast du diesen Effekt mit dem blutigen Hirn völlig vermasselt: Du lagst auf dem Boden, ich hatte eben das „Hirn" auf deinem Nacken platziert, als du plötzlich aufgesprungen bist! (Und so weiter...)

Eure Texte hätten mich interessiert, aber leider sind die nicht abgedruckt: Songtitel wie „Urge to kill", „Concrete Bed" oder „Blood boy" klingen durchaus interessant.
Chris:
Unsere Texte sind nichts Besonderes. Ich schreibe über die verrückte Scheiße, die dir eben passiert, wenn du in New York lebst. Die Texte haben nicht unbedingt was mit dieser Gore-Thematik zu tun. Es sind einfach persönliche Texte, worüber sollte ich auch sonst schreiben? Auf diese typische Rockstarscheiße mit Texten über Mädchen und Drogen habe ich keinen Bock.
Peter: Hey, but girls'n'drugs are part of the experience!
Chris: Yeah, fuck that! Es sind einfach Texte über den „urban decay", sonst gibt's dazu nichts zu sagen.

Eure Musik also sozusagen als „Soundtrack to the urban decay"?
Peter:
Hey, come on, stell vernünftige Fragen! Wen interessiert denn so eine Scheiße? Stell Fragen, die tatsächlich Bedeutung haben für das Leben der Leute, die ihnen bei alltäglichen Problemen eine Hilfe sein können.

Das Problem ist...
Peter:
...dass du auch nur ein weiterer bloody fucking Journalist bist...

...dass man immer wieder fälschlicherweise davon ausgeht, dass einer, der mit nem Mikrofon auf der Bühne steht, auch was zu sagen hat.
Peter:
Zum einen, ja. Zum andern haben diese dämlichen Schreiberlinge nichts besseres zu tun, als sich zu überlegen, was jemand anderes gedacht haben könnte, als er dies oder jenes tat. Im Melody Maker zum Beispiel war eine sehr positive Besprechung unserer Platte, aber als ich das gelesen hatte, fragte ich mich, was für ein dämlicher lebloser Klotz so einen Mist geschrieben haben könnte.

Das Problem der Interpretation...
Chris:
Exactly. Diese Leute glauben, mein Leben besser zu kennen als ich, obwohl sie mich nichtmal kennen.
Peter: Das Problem hier in Europa ist, dass einen die Leute viel ernster nehmen, als es einem selbst recht sein kann. Wir nehmen unsere Musik ernst, ich nehme es sehr ernst, wo auf meiner Gitarre ich meine Finger hinlege, aber was die P.C.ness, die „politische Korrektheit" anbelangt, meine persönliche Meinung, so muss ich sagen, dass ich nicht in der Band bin, um hier zu allem und jedem meine persönliche Meinung zu äußern. Denn was meine persönliche Meinung betrifft, so ist die genauso wichtig oder unwichtig wie die jedes anderen Menschen auch. Warum solltest du dich um unsere Meinung kümmern, nur weil wir ein Mikrophon vor dem Mund haben? Was soll denn unsere Meinung wichtiger machen als deine? Wir sind nicht wichtiger als jeder x-beliebige Typ auf der Straße.

Das ist auch mein Problem, das ich mit all diesen Rock- und Popstars habe, die derzeit überall im Lande auf Festivals ihre Meinung zu Nazis und Faschisten kundtun. Peter: Wenn so ein Naziskinhead auf mich zukäme, dann würde ich ihn killen. Wir machen nicht Musik, um politisch aktiv zu sein, but if you wanna fuck with us, we'll fuck with you.
Chris: Dass wir uns nicht als politische Band ansehen, heißt ja nicht, dass wir keine Meinung zum Beispiel zu diesem Thema haben. Auch ich hasse Nazis.
Peter: Was mir hier im Land im Umgang mit diesen Nazis auffiel, ist, dass die Leute hier, mit denen wir zu tun hatten, diese Angelegenheit zu sehr auf die leichte Schulter nehmen. Es gibt hier eine große linke, radikale Szene, aber die sollte doch mittlerweile gelernt haben, dass Diskussionen bei diesen Nazitypen überhaupt nichts nützen. Fuckin kill them all!!! Get a gun, kill a nazi!
Chris: Die ganze Medienberichterstattung hilft diesen Typen doch nur.

Dummerweise ist es hier in Deutschland sehr schwierig, an eine Waffe ranzukommen.
Peter:
Dann nimm ein Messer oder eine Axt. Kill these bastards!
Chris: Hey, ich bin seit meinem vierten Lebensjahr Mitglied in der N.R.A., der National Rifle Association. Meine Großeltern haben mich damals dort angemeldet. Es war also nicht meine eigene Entscheidung, aber ich finde es eine gute Sache, dass die Entscheidung über den Gebrauch einer Waffe vom rationalen Denken des Individuums abhängt. Es ist nicht die Waffe, die tötet, sondern die Person, die die Waffe benützt. (Hier redet der gute Chris dann doch ziemlichen Bullshit. Erst vorhin las ich in einem Artikel über Kriegsverbrechen in Bosnien, dass selbst in Friedenszeiten in einer Gesellschaft 7-9% Psychopathen leben. Viel Spaß! Joachim)

Das funktioniert so lange, wie die Person, der die Waffe gehört, geistig gesund ist. But when a person is UNSANE...
Chris:
Ich habe eine Waffe zu Hause, Peter hat eine Waffe zu Hause.
Peter: Das Problem liegt wirklich weniger in der Art der Waffe begründet, sondern in der Person, die sie benützt. Hier in Deutschland ist es zum Beispiel kein Problem, an ein Schnappmesser ranzukommen, die aber in den USA streng verboten sind. Ich fahre Taxi und hatte da einen Kollegen aus der Türkei. Der erzählte mir, dass Schusswaffen dort streng verboten sind. Trotzdem ist die Mordrate dort genauso hoch wie in den USA. Dort wird eben mit Messern gekillt. It's not the tool, it's the people's mind.
Chris: Jeder muss das Recht haben sich zu schützen, wenn es nötig ist. Wenn eine Gang in dein Haus eindringt, um alles mitzunehmen, was du besitzt, dann solltest du ein Gewehr besitzen dürfen, um dich zu verteidigen.
Peter: Ich könnte dir jetzt mit dieser Bierflasche den Schädel einschlagen. Aber soll man deshalb Bierflaschen verbieten?

Beenden wir dieses Thema. Früher war euer Name UNSANE N.Y.C., aber mittlerweile heißt ihr nur noch UNSANE. Warum?
Peter:
Es gab da auf Long Island noch eine Band, die sich UNSANE nannte. Damit man uns nicht verwechselt, haben wir uns anfangs UNSANE N.Y.C. genannt. Übrigens waren diese anderen UNSANE ziemlich Scheiße.

Was macht ihr denn, wenn ihr gerade nicht Musik macht? Geht ihr angeln oder was?
Chris:
Ich liebe das Fliegenfischen. Mein Bruder ist ein Ranger (sowas wie ein Förster) in Wyoming und ich liebe es, ihn zu besuchen und zu fischen.

Seid ihr denn „groß" in den USA? Viele US-Bands, die hier in ausverkauften Clubs spielen, kennt in ihrer Heimat kaum jemand.
Peter:
Hier kommen zwar ein bisschen mehr Leute zu unseren Shows als drüben bei uns, aber in Texas oder Kalifornien haben wir auch keine Probleme, genug Leute zu ziehen.

Was für Leute kommen denn in der Regel zu euren Shows? Heute Abend, hier im Dortmunder FZW, war es ja weniger ein Hardcore-Publikum als vielmehr ein Studentenpublikum. Das lag vielleicht auch an SURGERY, wegen denen wohl die meisten Leute gekommen sind.
Chris:
Das kann man nicht so pauschal sagen, das ist sehr gemischt. Die Hardcore-Kids mögen uns aber nicht. Wir sind denen zu langsam, wir sehen nicht aus wie ne Hardcore-Band.

Mit den ganzen Seattle-Bands habt ihr ja musikalisch nichts zu tun, gegen euch erscheinen die alle wie feige Weicheier. Eure Musik lässt sich momentan wohl nicht in gigantischen Stückzahlen verkaufen, oder?
Chris:
Das kümmert uns auch nicht. Wir machen, worauf wir Bock haben. Unser Label, Matador, das sind Freunde von uns. Die mögen uns und deshalb veröffentlichen sie unsere Platten.
Peter: Wir machen nicht Musik, um Platten zu verkaufen. Wenn wir tatsächlich welche verkaufen, dann ist das ein angenehmer Nebeneffekt.
Chris: Wenn sich unsere Platten verkaufen und wir Geld dafür bekommen, dann können wir uns davon neues Equipment kaufen. Das ist unsere Sichtweise. Die Verkaufszahlen interessieren uns nicht - im Gegensatz zu den Jungs da drüben (ver-stohlener Blick auf SURGERY).

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