VIZEDIKTATOR

Foto© by Alex Schank

Kreuzberger Geschichten

Benjamin Heps ist ein Straßenköter in Menschengestalt. Einer, der laut bellt und die Zähne fletscht, bevor er zuschnappt. Seine Stimme klingt, als ob er täglich eine Schachtel Nägel frühstückt, seine Songs sind wie ein Bypass zu seinem Herz. Heps ist gebürtiger Berliner. Groß geworden mit den Songs von TON STEINE SCHERBEN im Kinderzimmer, hat er die wilden Jahre nach der Wende mit jeder Pore aufgesaugt und leidet wie ein Hund unter der Gentrifizierung. All das packt er in die Songs von VIZEDIKTATOR. Nächtliche U-Bahn-Fahrten, gebrochene Herzen, Konfrontationen mit der Polizei, Demos und Festnahmen. Jetzt gibt es ein neues Album: „Was kostet die Welt“.

Woher kommt diese Verzweiflung in deinen Songs, wie zum Beispiel im Song „Herz aus Wachs“? Man könnte fast meinen, Konflikte und Probleme sind der Motor für deine Musik.

Meistens ist es so, dass ich Texte über solche verzweifelten Momente schreibe, wenn es mir gut geht. Wenn es mir schlecht geht, kann ich keine Texte schreiben. Ganz sicher verarbeite ich Dinge, die mich beschäftigt haben, in meinen Songs. Von WEEZER gibt es eine Songzeile, in der Rivers Cuomo singt: „All my favorite songs are slow and sad.“ Mir geht es da ähnlich.

Das neue Album ist noch persönlicher geworden als das Debütalbum. Du singst über deine Rolle als Vater, über das Scheitern oder Älterwerden. Warum gibst du in den Songs so viel von dir preis?
Ich habe lange überlegt und mit mir gerungen, ob ich das so machen soll. Vorher habe ich die konkreten Themen aus meinem Leben immer sehr bildhaft umschrieben und nicht so deutlich ausformuliert. Bislang wollte ich nie zu privat werden. Vielleicht hat sich das jetzt geändert, weil mein Kind inzwischen 13 Jahre alt ist. Damit bin ich auch in ein anderes Stadium als Vater eingetreten und muss es nicht mehr so extrem beschützen. Außerdem dachte ich mir, dass es eigentlich auch ein spannendes Thema ist, darüber zu reden, wie man Nachtleben und Exzess mit dem Familienleben unter einen Hut bekommt. Jetzt hat sich der Zeitpunkt für mich einfach richtig angefühlt, Songs darüber zu schreiben. Deshalb habe ich mein Herz quasi auf die Zunge gelegt und schaue einfach, was jetzt passiert. Für mich ist das also eine Art Experiment.

Zwischen den Zeilen kann man aber durchaus auch Themen wie die Gentrifizierung entdecken. Welche Rolle spielt Politik in deinen Texten?
Natürlich bewege ich mich in einem subkulturellen Umfeld, in dem Politik immer eine Rolle spielt. Ich finde, dass es auch eine politische Komponente hat, wenn man Musik in die Dörfer bringt und damit auch bestimmte Werte vertritt, wo solche Dinge vielleicht sonst kein Thema sind. Für mich war aber das große Ganze nie so wichtig, dass ich mich auf die Bühne stellen und die Faust in die Luft recken würde. Für mich spielt die private Ebene eine deutlich wichtigere Rolle. Politischer Aktivismus hat mich auf dem neuen Album eigentlich nicht interessiert und ich fühle mich gerade auch nicht als ein Künstler, der das vorantreiben will. Andere Themenkomplexe interessieren mich da mehr.

Bist du eigentlich der Diktator bei VIZEDIKTATOR? Ist es ein Soloprojekt mit Musikern oder echte Band?
Wir sind gestartet als echte Band und das hat sich in den letzten Jahren immer mehr zum Soloprojekt entwickelt. Vor allem nach der „Schere“-EP gab es einen großen Einschnitt, als sich alle Bandmitglieder außer mir entschieden haben, lieber etwas anderes zu machen. Damals war sogar schon unser zweites Album in der Mache und plötzlich war ich ganz alleine. Für die Jungs hat der Kosten-Nutzen-Faktor nicht mehr gestimmt. Also das, was man reinsteckt, und das, was man am Ende herausbekommt. Vor allem finanziell. Das war 2019. Und dann kam auch noch Corona und seitdem ist es ganz eindeutig mein Solo-Ding.

Hast du bei „Was kostet die Welt“ noch mal komplett von vorne angefangen? Oder hast du etwas vom Album-Fragment verwendet?
Es gab einige Meinungsverschiedenheiten, was mit diesen Songs passieren soll. Tatsächlich habe ich von diesem ersten zweiten Album nur einen Track weiterverwendet, wobei ich davon auch nur den Text genommen habe. Das ist das Stück „Neben dem Gleis“. Der Rest ist komplett neu entstanden. Und es gibt einen uralten Song auf dem Album, den ich zusammen mit dem Gründungsmitglied Hannes geschrieben habe. Das ist „Amok“, den Song haben wir nie eingespielt und veröffentlicht, aber ich finde ihn einfach großartig. Vor allem den Text. Und mit Hannes verstehe ich mich gut, das ist also voll okay.

Teilweise wart ihr ja sogar ein Quintett. Aktuell seid ihr ein Trio. Ist das beste Besetzung für VIZEDIKTATOR?
Angefangen haben wir als Trio und lange Zeit auch so gespielt. So ist auch die erste EP „Rausch“ entstanden, die wir mit Moses Schneider aufgenommen haben. Zwischenzeitlich haben wir auch zu viert oder zu fünft gespielt. Das liegt daran, dass manche Songs mit einer Gitarre nur schwer umzusetzen sind, deshalb haben wir jetzt auch öfter einen zusätzlichen Live-Gitarristen dabei. Manchmal ist man als Trio ein bisschen limitiert, zum Beispiel bei Soli. Wir sind also eigentlich ein Trio, aber auf der Bühne meistens ein Quartett.

Welche Rolle spielt Berlin in deinen Songs?
Berlin spielt eine große Rolle. Ich bin ja in Berlin geboren und habe schon immer dort gelebt. Bis auf zwei Jahre, in denen ich mal in Freiburg war. Ich genieße es auch immer wieder, mal nicht in der Stadt zu sein, aber ich weiß auch ganz genau, was ich an Berlin habe. Ich habe eine turbulente Jugend hier erlebt und mag auch den Dreck und die rauhe Gangart der Stadt. Für mich war Berlin viele Jahre wie ein Spielplatz mit viel Raum für Musik, für Hausbesetzungen oder Subkultur. Es war möglich, sehr viele unkommerzielle Dinge auf die Beine zu stellen. Das wird jetzt zwar immer weniger, aber Berlin hat immer noch diesen speziellen Vibe. Ich arbeite ja immer noch in einem Techno-Club und genieße diese Atmosphäre. Aber ich merke auch, wie die Stadt mich nervt. Das ist also keine einfache Liebe.

Wie siehst du als gebürtiger Berliner die Entwicklung der Stadt? Das thematisierst du ja auch im Song „2001“.
Die verfügbaren Räume werden immer knapper, sogar für uns als Ur-Berliner, die viele alte Freunde und Familie dort haben. Natürlich werden auch wir aus unseren Kiezen gedrängt und alles verändert sich. Ich wohne in Kreuzberg, direkt neben dem Görlitzer Park, dort haben wir ein krasses Drogenproblem, gepaart mit einem dicken Batzen Geld, der da durch die Mieten und die Geschäfte reinfließt. Langsam zeichnet sich dort ein total absurdes Bild ab. Ich merke auch, wie die ganzen kleinen Punkrock-Läden nach und nach verschwinden. Zuletzt das Cortina Bob. Damit wird allmählich auch der Vibe, der Berlin so attraktiv gemacht hat, Stück für Stück weggentrifiziert. Wenn du nach Friedrichshain gehst, ist es in manchen Straßen schon fast wie am Ballermann. Das macht irgendwann auch keinen Spaß mehr.

Ich finde es sehr schön, dass deine Songs nach dem „alten“ Berlin klingen. Fast schon wie TON STEINE SCHERBEN. Hast du einen Bezug zu Rio Reiser?
Ich bin in der Bülowstraße groß geworden und habe schon als kleines Kind immer die Szene dort beobachten können. Ich bin 1985 geboren und hatte tatsächlich noch Freunde, die in den besetzten Häusern gewohnt haben. Das hat mich schon geprägt. Dort bin ich schon früh mit Punkrock in Berührung gekommen und TON STEINE SCHERBEN sind in Berlin ja immer noch eine Hausnummer. Lustigerweise arbeite ich auch noch im Mensch Meier in der Storkower Straße, der ist ja nach einem Scherben-Song benannt. Und Rio Reiser ist für mich immer noch einer der tollsten Dichter und Denker Deutschlands.

Seht ihr euch als Teil der Punk-Szene? Ihr selbst bezeichnet eure Musik ja als Straßenpop.
Ich selbst betrachte mich schon als Teil der Punk-Szene. Dort fühle ich mich wohl, habe viele Freunde und besuche oft Konzerte, zum Beispiel im SO36. Die Attitüde von VIZEDIKTATOR ist also auf jeden Fall Punkrock, die Musik ist in meinen Augen aber kein Punk.

Hast du auch Kontakt zu anderen Berliner Bands wie KOTZREIZ oder TERRORGRUPPE?
Na klar, die Jungs von RADIO HAVANNA kenne ich sehr gut und für TERRORGRUPPE war ich mal Backliner. Zip Schlitzer, der kürzlich verstorben ist, war ein guter Freund von mir. TERRORGRUPPE im SO36, das war auch mein erstes großes Konzert. Damals war ich 13 Jahre alt. Da bin damals alleine mit einem Kumpel hingegangen, das war sehr aufregend.