VOIVOD

Foto© by Catherine Deslauriers

STILL RRRÖÖÖAAARRR!

Jubiläen müssen gefeiert werden, wie sie fallen. Das haben sich auch die Kanadier VOIVOD gedacht und bringen anlässlich ihres vierzigjährigen Bestehens mit „Morgöth Tales“ eine Zusammenstellung aus Neuaufnahmen auf den Markt. Wir sprechen mit einem vortrefflich aufgelegten Michel „Away“ Langevin über die Umstände.

Wie geht es euch als Band nach vierzig Jahren?

Ich finde es wunderbar, dass so viele junge Leute mit VOIVOD-Shirts auf unseren Shows herumlaufen. Manche sind wirklich noch Kinder und waren 1983 noch nicht auf der Welt, als wir angefangen haben, Musik zu machen. Unser Lauf aktuell ist gut. Wir werden von Jahr zu Jahr bekannter. Die Clubs sind wirklich voll. Es gab auch mal eine Zeit, in der die Leute wesentlich zurückhaltender waren. Wir versuchen daher, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem neuen Album unsere Setlist auch ein wenig zu überholen.

Ist es euch wichtig, zurückzuschauen und die Vergangenheit ein bisschen zu feiern?
Absolut! Ich bin mit jedem Album, mit jedem Line-up immer noch glücklich. Es war eine spannende Sache, für die kommende Veröffentlichung einige alte Lieder neu aufzunehmen. Vor allem „Codemned to the gallows“, das damals nur auf „Metal Massacre V“ bei Metal Blade herausgekommen war. Außerdem haben wir so auch Songs gelernt, die wir normalerweise nicht live spielen. Ich wurde langsam etwas müde, ständig „Tribal convictions“ oder „The unknown knows“ zu spielen. Das sind zwar tolle Lieder, die die Leute auch hören wollen, aber ich habe sie bestimmt schon fünftausendmal gespielt, haha. So wird das Ganze spannender für uns und das Publikum. Wenn das Album im Juli draußen ist, werden wir noch ein paar obskure Nummern in unsere Setlist aufnehmen.

Denkst du, den jüngeren und neueren Fans wird es dann vielleicht etwas zu obskur?
Mir ist zwar schon aufgefallen, dass die Jüngeren mehr bei den neueren Liedern mitsingen, aber sie haben VENOM-, TESTAMENT- oder BATHORY-Shirts an. Diese ältere Musik scheint also immer noch populär zu sein. Wir stehen bei größeren Festivals oft mit Bands wie KREATOR, MEGADETH oder SEPULTURA auf der Bühne. Oft fragen wir uns, warum wir alle immer noch relevant sind. Ich denke, dass es vielleicht daran liegt, dass wir alle immer noch über die Zerstörung unseres Planeten sprechen. Das ist immer noch ein sehr aktuelles Thema.

Nun hast du schon erwähnt, dass du doch sehr stolz auf das bisher Geleistete bist. Aber was war der Tiefpunkt in eurer Karriere bisher? Kannst du auch einen Höhepunkt nennen?
Es gab viele Höhen und Tiefen. Die letzten vierzig Jahre haben sich für mich wie eine Achterbahnfahrt angefühlt. Ich würde sagen, als wir 1990 mit RUSH getourt sind, war ein Höhepunkt. In diesem Jahr waren wir dann auch noch mit SOUNDGARDEN und FAITH NO MORE unterwegs. Als Jason Newsted zur Band gestoßen war, hat er auch bei Ozzy gespielt. Daher waren wir auch viel mit Ozzy unterwegs. Jason musste zwei Shows am Tag spielen. Aber auch die Gegenwart ist toll. Wir haben für unsere letzten beiden Alben zwei Juno-Awards gewonnen. Das ist unglaublich. Es gab natürlich Ereignisse, die mich ziemlich heruntergezogen haben. Der schreckliche Unfall, den wir 1998 in Deutschland hatten zum Beispiel. Der hat damals den gesamten Schwung, den wir als Trio hatten, herausgenommen. Eric Forrest lag für ein Jahr im Krankenhaus. Das war wirklich niederschmetternd. Wir alle hatten PTSD. Auch als 2005 Piggy plötzlich gestorben ist. Das hat Jason, Snake und mich am Boden zerstört. Diese Episoden mussten wir überstehen. Wie Wölfe mussten wir immer erst einmal in unsere Höhle zurückkehren und die Wunden lecken. Haha.

Was hat dich in diesen Momenten zum Weitermachen motiviert?
Ich habe das Glück, zwei Karrieren parallel zu haben. Wenn ich nicht mit VOIVOD aktiv bin, gestalte ich Artworks für andere Bands. In bestimmten Zeiten habe ich das dann wesentlich regelmäßiger gemacht. Das hat mich beschäftigt gehalten. Während der Pandemie habe ich zum Beispiel eine Website aufgesetzt, auf der meine Kunst gekauft werden kann. Ich verschicke sie rund um die Welt. Es hat mir gezeigt, dass ich mit meiner Kunst tatsächlich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Da habe ich wirklich Glück. Aber nach einer Weile hat es immer gekribbelt und ich wollte wieder auf Tour gehen. Ich habe dann Piggy oder Snake angerufen und wir haben uns wieder zusammengesetzt. Was mich immer wieder zur Musik zurückzieht, sind die Reisen rund um den Globus. Die Musik von VOIVOD vor alten und neuen Freunden aufzuführen. Ich bin süchtig danach. Ich wurde vor ein paar Tagen sechzig und TESTAMENT haben mir in Lyon einen Kuchen auf die Bühne gebracht. Das sind Momente, die ich toll finde! Ich finde es unglaublich, dass ich mit sechzig immer noch so abgehen kann, mich körperlich so gut fühle. 1998, als wir eine Pause gemacht haben, habe ich einmal WHITESNAKE mit Tommy Aldridge am Schlagzeug gesehen. Er hat neunzig Minuten durchgezogen und ich habe mir damals gedacht, dass ich in seinem Alter auch so drauf sein möchte. Daraufhin habe ich aufgehört, Party zu machen, mich wesentlich gesünder ernährt und begonnen, Sport zu treiben. Das macht es mir möglich, noch einige Jahre auf Tour zu gehen und bis zum Ende meiner Tage Musik aufzunehmen.

Auf „Morgöth Tales“ habt ihr die moderne Phase der Band ab 2003 ausgespart. Warum?
Zuerst hatten wir die Idee, von jedem Album ein Lied aufzunehmen, haben es dann aber etwas zurückgestutzt. Wir wollten so viele Songs aufnehmen, wie auf eine Vinyl-LP passen, also etwa fünfzig Minuten. Außerdem wollten wir alle Line-ups abdecken. Um die volle Spanne von vierzig Jahren zu repräsentieren, haben wir auch einen neuen Song mit draufgepackt. Den haben wir letztes Jahr angefangen zu schreiben, als wir mit OPETH unterwegs gewesen sind. Er ist tatsächlich im Tourbus entstanden. Auf der CD-Version gibt es mit dem PUBLIC IMAGE LTD-Cover dann noch einen kleinen Bonus.